Der Herbst war wieder ins Land gezogen. Seit zwei Jahren war die Neumark ein selbständiger Staat im
deutschen Vaterlande. In Küstrin regierte [1537] Markgraf Hans
[
Hans von Cüstrin], der zweite Sohn des Kurfürsten Joachim
I. Schon regte sich im Lande die lutherische Lehre, und das Volk hoffte, daß der Tag nicht mehr
fern sei, wo es sich offen zu dem Werke des Deutschen, Martin Luther, bekennen konnte.
In seiner Arbeitsstube saß der Marienwalder Abt Otto. Sinnend schaute er durch das Fenster auf das
weite Land. Ueberall leuchtete der Herbst in seinen wunderbaren Farben. War der Herbst für das
Marienwalder Kloster auch gekommen? Schon munkelte man heimlich, daß der Landesherr alle
Klöster einziehen und die Aemter verwandeln wollte.
Plötzlich klopfte es an seiner Tür, und hereintrat der Ratsherr Falbe aus Woldenberg. Beide
schienen sich zu kennen, denn der Abt eilte dem Besucher sofort entgegen und lud ihn ein, in dem hohen,
eichenen Lehnstuhl Platz zu nehmen. Doch wer genauer in das Gesicht des Abtes Otto sah, der konnte leicht
bemerken, daß ein Schatten des Unwillens über sein Gesicht huschte.
Nun, mein lieber guter Ratsherr Falbe, begann Abt Otto die Unterhaltung, was hat Euch
zu mir geführt? Wollt Ihr mich wieder wie alle Jahre zu einer fröhlichen Treibjagd
einladen? Ja, Euer Hochwürden, entgegnete stockend der Ratsherr, das will
ich wohl tun, aber heute komme ich aus einem anderen Anlaß. Wieder huschte über das
Gesicht des Abtes jener Schatten des Unwillens, aber der Ratsherr mag es nicht bemerkt haben, denn er
sprach weiter: Euer Hochehrwürden! Ihr wißt, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo
Ihr und Eure Klosterbrüder nicht mehr in diesen Mauern wandeln werdet. Darum komme ich nochmals, um
im Namen der Stadt Woldenberg mit Euch über die Große Heide bei Hochzeit zu
verhandeln.
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Zur Orientierung, wo das alles bei Woldenberg im 16. Jahrhundert passierte.
Marienbwalde liegt weiter nordwestlich von Woldenberg, dicht an der Bahnstrecke nach Stettin.
(Repro: 2011 khd) |
Ihr wißt, Hochehrwürden, daß unser Rat im Jahre 1355 die sog. Stadtheide bei
Hochzeit für 170 Mark Binkenaugen von Betkin-Osten erworben hat. Hier unterbrach ihn der Abt
und sprach: Meint Ihr die Heide, die nördlich der Straße Wolgast Hochzeit liegt
und im Norden an die Feldmarken von Wolgast, Lämmersdorf und Regenthin stößt? Die Heide
wo seit einigen Monaten die markgräflichen Holzförster und Heidereiter Dienst tun?
Jawohl, Hochehrwürden, entgegnete rasch der Ratsherr, eben diese Heide ist es.
Aber durch einen Brand vor 100 Jahren kam unsere Stadt in große Verlegenheit, denn ihr fehlten 50
Thaler an einer von dem Kurfürsten geforderten Summe. Und aus dieser Verlegenheit half uns der
damalige Abt Nicolaus.
Von unseren Vätern wissen wir genau, daß wir hierfür an das Kloster Marienwalde die
Große Heide bei Hochzeit verpfändet haben. Das Kloster hat uns dafür leihweise die
Mönkeheide, die nordwestlich unserer Stadt liegt gegeben da wir sonst kein Holz und keine
Hütung gehabt hatten. Daher bitte ich Euch, Ihr wollet unserem Landesherrn beeiden, daß die
große Heide Eigentum unserer Stadt sei. Ihr sollt dann sofort die Mönkeheide
zurückerhalten.
Abt Otto, der schon eine Zeitlang unruhig auf seinem Stuhl hin und her rückte, entgegnete kurz:
Mein lieber Falbe, Ihr wißt genau, daß dieses Schriftstück beim Hussiteneinfall
[1433], als unser Kloster Marienwalde niederbrannte, mit vernichtet wurde. Ich weiß nichts davon,
und der damalige Jakob Mildemiß, der das Kloster wieder aufbauen ließ, hat hierüber
nichts in seinen Aufzeichnungen hinterlassen.
Wir Woldenberger Bürger, entgegnete barsch der Ratsherr Falbe, lassen uns unser
Recht nicht nehmen. Wie kommt der Landesherr dazu, unseren Bürgern in der sog. Stadtheide die
Nutzung zu wehren. Vor einigen Tagen wurden einige Bürger von dem Heidereiter angehalten. Er
verlangte von ihnen fortan, daß sie für die Nutzung in der Heide von jedem Pferde pro Jahr 2
Scheffel Heidehafer als Miete zahlen sollen. Wenn Ihr, Herr Abt, nicht zu Eurem Worte steht, dann
verlieren wir die Heide für immer.
Nach kurzer Pause antwortete Abt Otto: Auf der Jagd, wozu sicherlich auch der Landesherr kommen
wird, werden wir die Sache weiter verhandeln. Ratsherr Falbe erhob sich langsam aus seinem
Lehnstuhl und verließ nach kurzem Gruß das Arbeitszimmer des Abtes. Er wußte, daß
er wieder mit leeren Händen vor den Woldenberger Rat treten mußte, denn was der Landesherr
einmal in seinem Besitz hatte, gab er so leicht nicht wieder heraus.
Wochen waren seit diesem Gespräch im Marienwalder Kloster vergangen. Schnee bedeckte die
heimatlichen Fluren, und die Zeit war gekommen, wo die alljährlich große Treibjagd beginnen
konnte. Ratsherr Falbe und mit ihm der Woldenberger Bürgermeister und die übrigen Ratsherren
fuhren mit ihren Schlitten nach dem Jagdschloß Schützenburg [Schüttenburg in der
Karte] am Zorbinsee [Zerbin-See]. Nachdem sich nun alle
versammelt hatten, ging es unter lautem Hörnerklang in die Driesener Forsten.
Der Landesherr und seine Begleiter hatten im Laufe des Tages neben vielen Keilern und Rehen auch einige
kapitale Hirsche erlegt. Hubertus hatte es heute ganz besonders gut mit ihm gemeint. Das konnten die
Woldenberger Ratsherren von sich nicht behaupten. Besonders der Ratsherr Falbe hatte Pech, denn nur
einige Keiler und Wölfe waren seine Beute. Hierin sah Falbe ein unglückliches Vorzeichen
für den Ausgang des Gespräches mit dem Landesherrn.
Als sie das Jagdschloß Schützenburg erreichten, begann es schon zu dunkeln.Da zu einer
richtigen Treibjagd auch ein entsprechendes Festmahl gehört, so versammelten sich anschließend
die Jagdgäste zu gemeinsamer Tafel. Und da wiederum zu einem richtigen Festmahle ein edler Tropfen
Wein gehört, so sprach man demselben eifrig zu.
Aber dem Landesherrn, der sonst gerne märkische Weine trank, behagte scheinbar dieser Trank nicht,
denn plötzlich erhob er sein Weinglas und, sich zum Abte Otto wendend, sprach er Hochwurdiger
Abt! Ich trinke auf sein Wohl dieses Gemisch. Marienwalder Wein, von den edlen Klosterbrüdern selbst
gezogen, soll es sein, aber dieser Wein lieber Abt, schmeckt herbe wie Wintersonnenschein. Seine
Fische dagegen, die er uns heute aufgetischt hat, schmecken vorzüglich. Nun, ich hoffe, daß
der Prietzensee mit seinen wunderbaren Fischen Ihm bald die längste Zeit gehört haben
wird.
Als der Markgraf die Tafelgesellschaft genauer betrachtete, bemerkte er schließlich auch am Ende
der Tafel die Woldenberger Ratsherren. Plötzlich durchzuckte sein Gehirn ein Gedanke, denn er rief
laut über den Tisch: Gegrüßt seid mir, Ihr lieben Ratsherren! Und ganz besonders
Ratsherr Falbe. Jetzt fällt mir auch ein, was auf der Jagd mir der Abt berichtete. Bringt mir die
Urkunde, daß Euch die Heide gehört, dann sollt Ihr sie haben!
Bevor Falbe noch dagegen sprechen konnte, fuhr der Markgraf in seiner Rede fort: Falbe, ich
persönlich schätze Euch und Eure Sippe hoch. Stammt Ihr doch aus einem angesehenen
Bürgergeschlecht. Hatte doch schon Euer Vorfahr Thomas Falwe vom Markgrafen Ludwig die Hälfte
von Regenthin, und später ein Edel Balwe acht Lehnhufen in Lämmersdorf zu Lehen, und habt Ihr
doch selbst noch heutzutage das Lehngut Wolgast im Besitz.
Plötzlich erhob sich der Edelmann Friedrich von der Osten-Driesen, und da er scheinbar dem Weine
sehr zugesprochen hatte, schrie er laut: Mein Landesherr! Ihr müßt wetten um die Heide.
Rühmt man doch dem Falbe nach, daß er zwei Schimmel habe, die es mit jedem anderen Pferde
aufnehmen! Und plötzlich rufen alle: Ja, Herr Markgraf, Ihr müßt wetten. Wer
zuerst auf der Jägersburg am Regenthiner See eintrifft, dem soll die große Heide immer zu
eigen sein!
Falbe dem mittlerweile auch schon heiß um den Kopf wurde, rief laut: So sei es, Herr
Markgraf! Und wenn Ihr sagt, ich sei ein Sonntagskind, so werde ich wohl für meine Stadt die Heide
wiedergewinnen. Hans von Küstrin war mit diesem Vorschlage sofort einverstanden und befahl
sofort, daß die beiden Edelleute von der Osten-Driesen und von Wedel-Neuwedell auf der
Jägersburg den Ehrentrunk zu reichen und den siegreichen Rossen Futter zu schütten.
Schnell ließ Falbe seine beiden Schimmel anspannen und fort ging es. Trotz Schnee und holpriger
Landwege sauste er mit seinem Gespann dahin. Schon hatte er das Dorf Lenzenbruch erreicht, aber von dem
markgräflichen Wagen sah und hörte er nichts. Und so freute er sich schon im stillen, daß
er dem Landesherrn ein Schnippchen geschlagen hatte.
Bald nachdem der Ratsherr Falbe das Jagdschloß Schützenburg verlassen hatte, befahl Hans von
Küstrin seinem Kutscher Bodo, den Wagen anzuspannen. Gemächlich nahm der Fürst in seinem
Jagdwagen Platz. Dann knallte der Kutscher mit der Peitsche, und fort ging es. Aber was war
plötzlich geschehen? Das ging heute so schnell, als wenn der Teufel durch die Lüfte jagte. Dem
Kutscher Bodo wurde ganz schwindelig um den Kopf. War man noch auf der Erde oder schwebte man schon in
den Lüften?
Waren dort unten nicht die knorrigen Föhren der Großen Heide? Man mußte doch
schon längst in Lenzenbruch sein! Und in seinem Verdruß schwang der Kutscher seine Peitsche,
um den Pferden eins überzuziehen. Doch plötzlich blieb die Peitsche an einem Pfahl hängen.
Was nun tun? Mußte einem noch dieses Unglück zustoßen. In demselben Augenblick klopfte
der Markgraf seinem Kutscher auf die Schulter und sprach: Mein Bodo nicht so hitzig. Macht halt,
denn dort unten liegt die Jägersburg! Die Peitsche laßt fahren dahin!
Und richtig, man hielt vor dem Tor des Jagdschlosses. Verwundert eilten die beiden Edelleute von der
Osten und von Wedel hinzu, und sie trauten ihren Augen kaum als die den Landesherrn vor sich sahen.
Während sie in das Jagdschloß eintraten, erschien auch der Ratsherr Falbe. Da der Markgraf ihn
unterwegs nicht überholt hatte, so war er der festen Ueberzeugung, daß er als Sieger aus dem
Wettstreit hervorging.
Wie erschrak aber der Ratsherr, als plötzlich Hans von Küstrin ihm an die Schulter klopfte und
lächelnd sprach: Mein lieber Falbe, den Wald habt Ihr nun doch verloren. Laßt uns den
Zank und Streit darüber vergessen! Kommt mit auf mein Zimmer, dort sollt Ihr den Aerger im Wein
ersticken. Falbe konnte nur entgegnen: Ja, mein Landesherr, eine solche Höllenfahrt kann
nur Euch glücken.
Die Regenthiner Bauern aber, die von dem mitternächtlichen Lärm aufgewacht waren, sprachen am
nächsten Tage: Habt ihr diese Nacht wieder die wilde Jagd vernommen. Seht dort oben an der
Kirchturmspitze hängt noch die Peitsche! Ein Glück, daß keiner von uns unterwegs war,
sonst hätte ihm die wilde Jagd arg mitgespielt.
[Editor: Und so blieb die
Mönch-Heide für immer bei Woldenberg und sollte der Stadt durch geschlagenes
Holz noch einmal viel Geld einbringen].