Woldenberg (Neumark)   —  Um 1850 khd
Stand:  11.6.2009   (33. Ed.)  –  File: WBG/Ex/Woldenberg_um_1850.html



Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
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Auf dieser Seite werden die Auszüge aus den alten Friedeberger Heimat- Kalendern fortgesetzt, die Anfang 2007 mit dem Report zur Woldenberger Stadtmauer und einer Wanderung durch das Dragetal begonnen worden sind.

Seit 1915 erschien für den Landkreis Friedeberg ein „Heimat- Kalender“. In diesem wurden neben amtlichen Nachrichten und dem Kalendarium, hundertjährigen (Wetter-) Kalender, Bauernregeln sowie Messen- und Markt- Kalender auch zahlreiche Aufsätze zu verschiedenen kreisbezogenen Themen mit Fotos und Zeichnungen publiziert. Herausgegeben wurde dieser Heimat-Kalender vom „Kreis-Ausschuß des Kreises“.

Im Heimat- Kalender von 1931 ist auf den Seiten 31–33 ein Report vom Stadtchronisten Adolf Grünwald über das öffentlichen Treiben am Hohen Tor um 1850 erschienen. Bei dem folgenden ‚Reprint‘ wurden einige Anmerkungen [Ed: ...] und Links sowie eine ausführliche Bildlegende redaktionell zugefügt. Auch werden hier alle Namen fett gedruckt. [Translation-Service]


Um 1850 — Woldenberger Geschichten


Am Hohen Tor (Gemälde von ???)
^   Das Bild ist uns schon auf der Woldenberger Leitseite begegnet. Es ist eine Reproduktion eines Gemäldes von um 1850 zum öffentlichen Treiben am Hohen Tor im 19. Jahrhundert. Die Richtstraße führt links durch die Altstadt Woldenbergs zum Marktplatz. Die Kirchstraße (rechts) führt ebenfalls zum Marktplatz, an dessen rechter Seite die Ev. Marienkirche steht, deren Turm der Maler Sy nicht vergessen hat. Denn der Turm war 1710 abgebrannt, und es stand damals nur noch der untere Teil.

Das Bild ist dem „Heimat-Kalender für den Kreis Friedeberg 1931“ (* ) entnommen und digital aufgearbeitet und vom vielen Himmel etwas weggenommen worden. Die in dem Kalender auf den Seiten 31–33 publizierte Beschreibung und die Entstehungsgeschichte dieses Bildes in Schiefer-Lithographie wird im folgenden nachgedruckt. Der Maler hat in dem Bild zudem reichlich Stadt- Honoratioren versteckt, wie wir sehen werden. Fotos: [Am Hohen Tor um 1899] [Am Hohen Tor um 1930]   (Repro: 2000 – khd)



Woldenberg im Jahre 1850


VON

ADOLF GRÜNWALD

MIT 1 ABBILDUNG.


      Vor achtzig und etlichen Jahren, etwa um 1845, schritt eines Sonntags gegen die Mittagsstunde durch die obere Richtstraße ein fremder Herr. Ein paar Bürger, die vor ihren Türen standen, unterhielten sich über den Unbekannten. Der eine hielt ihn für einen Verwandten des Bürgermeisters Milferstaedt, der andere meinte, es sei ein Bekannter des Rittmeisters Baron von Korff, der ein Schwiegersohn des berühmten Komponisten Meyerbeer ist; ein dritter wollte behaupten, es sei ein Gast der Familie Grams in der Posthalterei. Etwas Gewisses wußte man aber nicht . . .

      Es war der Maler Sy. Vor der Wache am Hohen Tor verlangsamte er seine Schritte, den Blick über den freien Platz und über die Dächer der Stadt gerichtet, deren Straßen sich mit ziemlichem Gefälle zum Fließ senken, alles von hellem Sonnenschein überflutet. Das fesselt seinen Blicke und er bleibt stehen. Rasch zieht er eine Mappe mit Zeichenpapier hervor, [...unleserlich...] Tasche einen Stift, und schon fängt er an zu zeichnen, festzuhalten, was sich dem Auge darbietet.

      Zunächst die Baulichkeiten ringsum. In der Mitte, als Abschluß des Vordergrundes, das stattliche Geschäftshaus mit flachem Dach und der Haustür zwischen den beiden Fensterpaaren. Ein paar Schulkindern ist der Zeichner aufgefallen. Sie drängeln sich heran, und als sie sehen, daß auf dem Papier das gegenüberliegende Haus ersteht, fangen sie an zu erzählen: „Da oben im ersten Stock wohnt der Herr Baron von Korff. Das ist ein lustiger Herr. Im Sommer richtet er sich auf dem flachen Dache einen Garten ein. Auch Zelte baut er sich da auf. Von dort oben kann man die ganze Stadt und alles umher übersehen. Und Abends, da feiert der Herr Baron oft frohe Feste in seinem Dachgarten, die Gäste gehen erst nach Hause, wenn es schon wieder hell wird.“

      Links von der Tür liegt der Laden des Uhrmachers Hübotter. Der Inhaber lehnt sich zum Fenster heraus und verhandelt mit seinem Mitbürger Silberstein, der seine schadhafte Uhr ausbessern lassen will, vorher aber über Kosten und Erfolgssicherheit seines Vorhabens genau unterrichtet sein möchte.

      Rechts vom Hauseingang hat der Konditor Weiser der Sonne wegen die Markise herabgelassen. Das andere Fenster der Konditorei ist durch die stattlich-behäbige Pumpe verdeckt, die die Bewohner in weitem Umkreis mit Wasser versorgt.

      An der Pumpe stehen Holzgefäße. — „Das sind unsere Feuerbottiche“, erzählen die Jungen ungefragt weiter. „Wenn irgendwo Feuer ausbricht, werden sie sofort zur Brandstelle gebracht. Deshalb stehen sie ja auf Kufen“. Links geht der Blick die Richtstraße entlang, über die ein Seil gespannt ist, das eine große Laterne trägt. Die Straße, auf der einige Frachtwagen nach Osten streben, ist auf der linken Seite mit Bäumen bepflanzt und setzt sich in der mit hohen Pappeln bestandenen Hochzeiter Chaussee fort [Ed: die aber auf dem Bild nicht zu sehen ist – aber hier].

      Rechts öffnet sich die Kirchstraße. In dem ersten Hause, dessen sonnenbeschienener Giebel ins Auge fällt, befindet sich das Kolonialwarengeschäft von Barfuß. Ueber den Dächern der Kirchstraße sieht man den kahlen Westgiebel der Kirche. Früher hatte hier der stattliche Turm emporgeragt. Im Jahre 1710 hat ihn bei dem letzten großen Brande das Feuer verzehrt. Nur der untere Teil war stehen geblieben, er ist aber durch die Häuser verdeckt und so den Blicken des Malers entzogen.

      In den Häusern zu beiden Seiten des Platzes muß es sich recht hübsch wohnen; denn sie stehen auf Anhöhen, so daß man von den Fenstern des Erdgeschosses gut beobachten kann, wer die Stadt betritt oder verläßt. Das Eckhaus gegenüber von Barfuß hat einen kleinen Vorgarten, der mit seinen bunten Blumen den farbenfreudigen Maler erfreut. — Den Jungen wird das Zuschauen beim Zeichnen schließlich doch zu langweilig, sie laufen davon und kommen nur noch von Zeit zu Zeit, um den Fortschritt der Arbeit festzustellen; doch der Platz, den der Zeichner gewählt, liegt nicht umsonst am Eingang zur Stadt, hier gibts immer Leben.

Und nun die Menschen, die sich hier vor dem oberen Tore begegnen.

      Links vor dem Hause des Spediteurs Meinecke, einer vielbesuchten Gaststätte für die Fuhrleute, steht ein schwerer Frachtwagen, wie sie auf der Straße Berlin — Königsberg allgemein verkehren und wie man sie daher alle Tage durch Woldenberg poltern hört. Da die Güterbeförderung möglichst beschleunigt werden muß, sieht der Maler den Spediteur trotz des Ruhetages bei der Arbeit. Er vergleicht die Frachtbriefe mit den Frachtstücken, die angekommen sind oder weiterbefördert werden sollen. Morgen früh geht es bei Sonnenaufgang mit Peitschenknall weiter über Friedeberg nach Landsberg. —

      Von der Richtstraße her kommen die beiden Dragoneroffiziere Herr von Oppen und Leutnant Erich. Sie grüßen respektvoll das Fräulein Agnes Regenberg, deren Bruder ein angesehener Bürger, Inhaber der ersten Kolonialwarenhandlung in der Richtstraße ist. Auf der anderen Seite des Platzes, ganz rechts, schreitet Herr Bürgermeister Milferstaedt am Arm seiner Gattin daher. Er ist mit Rock und weißer Weste gekleidet und trägt zum Zylinderhut einen Spazierstock. Würdevoll begrüßt er den Künstler und betrachtet prüfend die Zeichnung. „Ja, ja, unsere Kirche immer noch ohne Turm. Es ist eigentlich eine Schande für unsere Stadt, doch die schlechte Finanzlage . . . . ! Aber wir hoffen auf die Freigebigkeit unseres allergnädigsten Herrn Königs.“

      Jetzt kommt ein schmucker Jagdwagen in scharfem Trab herangerollt und hält hinter dem Bürgermeister. Der Inhaber der Posthalterei Herr Grams lenkt ihn eigenhändig. Er ist eine der ersten Persönlichkeiten der Stadt; denn Woldenberg hat ein Postamt 1. Klasse, an dem etwa 60 Postbeamte tätig sind. Herr Grams hat am Sonntagvormittag eine Spazierfahrt unternommen und dabei einen Bekannten besucht, der hat ihm 2 Hasen abgelassen. Mit Vergnügen hält er den einen an den Läufen hoch, um ihn einem vorübergehenden Freunde zu verehren. Alles das hält der Künstler mit seinem flinken Zeichenstift fest, dann schließ er die Mappe, um der freundlichen Einladung des Herrn Posthalters Grams zum sonntäglichen Mittagsmahl zu folgen. Hier in einem fröhlichen Kreis wurde der Wunsch laut, das Bild möglichst für alle Bürger der Stadt zu besitzen. In den nächsten Tagen suchte deshalb der Künstler noch mehrmals diesen Platz auf, um weitere und genauere Einzelheiten seiner ersten Skizze einzufügen.

      Nach Berlin zurückgekehrt [Ed: vermutlich schon per Eisenbahn, denn die war in dieser Zeit gerade fertig geworden], übergab er das fertige Bild seinem Freunde, dem Lithographen Nordmann, der die Zeichnung sorgfältig auf lithographischen Schiefer übertrug. Hiervon druckte dann der Verlag W. Winkelmann u. Söhne zahlreiche Abzüge. Die Originalzeichnung ist heute verschollen und von dem Steindruck sind in Woldenberg nur noch 4 Stück vorhanden. Das eine besitzt Herr Kaufmann Bruno Prochnow, der es dem Herausgeber dieses Kalenders zur Herstellung eines Klischees in dankenswertem Entgegenkommen überlassen hat. Die übrigen gehören Frau Rittergutsbesitzer Grams in Gramsfelde, Herrn Zigarrenfabrikanten Veit und Herrn Hotelbesitzer Joh. Ernst Prochnow.

      Die Bilder gelten heute [1930] als Sehenswürdigkeit und werden als anschauliche Zeugnisse von dem Leben Woldenbergs um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hochgeschätzt.

[Ed: Und ob ein Steindruck des Bildes die Wirren des 2. Weltkrieg überlebte, ist nicht bekannt. In Woldenberg ist es eher unwahrscheinlich, aber vielleicht lagerte ja ein Exemplar in Berlin . . .  Immerhin steht das Motiv nunmehr allen im Internet zur Verfügung, und die digitalisierte Geschichte zum Bild kann nicht mehr vergessen werden – sie wäre sonst wohl im alten Koffer verstaubt].


Woldenberg/Nm. -- Am Hohen Tor um 1850 (Gemälde von Sy)
^   Der wiederangefundene Friedeberger Heimat-Kalender von 1931 machte es möglich: Das Scannen des Sy-Bildes vom Quasi- Original. Und das Ergebnis überzeugt. Sind doch hier viele erwähnte Bild-Details besser zu erkennen. Beispielsweise ist in dem Repro von einem Papierfoto (oben) die im Text erwähnte – über der Richtstraße hängende Laterne – gar nicht mehr vorhanden. Das Original hatte zudem viel mehr Himmel. Und auch die Silhouette der Marienkirche tritt nun klarer hervor.   (Repro: 3.2007 – khd)


Und 50 Jahre später . . . — um 1899


Woldenberg/Nm. -- Treiben am Hohen Tor um 1899
^   Wieder ist ein Künstler am Platz – diesmal ein Photograph. Und sofort gibt es wieder einen Auflauf angesichts der aufregenden Dinge, die sich tun. Die Woldenberger Marienkirche hat um 1899 wieder ihren Turm. Wer ihn bezahlt hat, weiß man nicht. Ob’s wirklich der König – hm, nun der Kaiser war? Die Holzzuber am Brunnen sind verschwunden. Und daß weit und breit kein Fuhrwerk zu sehen ist, läßt darauf schließen, es ist diesmal richtiger Sonntag. Es muß Vormittag im Sommer sein, denn die Sonne steht über der Kirche. Man beachte auch das erfolgte Wachstum des Baumes an der linken Seite der Richtstraße. Ach ja, für richtige Trottoirs mit Rinnsteinen war noch kein Geld im aufstrebenden Ackerbürgerstädtchen da.

   
  G ä s t e b u c h - I n d e x
Für Woldenberg mit Umgebung,
die Neumark und auch Pommern.
 
Dieses Foto (Ansichtskarte) ist schon in der Galerie enthalten. Aber für diese schöne Geschichte vom alten Woldenberg wurde davon unter Anwendung aller digitalen Fotohandwerkskunst nochmals eine Reproduktion gescannt und sorgfältig digital nachbearbeitet, so daß in dieser Vergrößerung mehr Details erkennbar sind.

Und noch 50 Jahre weiter – nach dem Irrsinn des 2. Weltkriegs – sah es dann hier nach 1945 so aus: „Alles weg!“   (Repro: 2007 – khd)





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