Woldenberg im Jahre 1850
VON
ADOLF GRÜNWALD
MIT 1 ABBILDUNG.
Vor achtzig und etlichen Jahren, etwa um 1845, schritt eines Sonntags gegen die Mittagsstunde durch die
obere Richtstraße ein fremder Herr. Ein paar Bürger, die vor ihren Türen standen,
unterhielten sich über den Unbekannten. Der eine hielt ihn für einen Verwandten des
Bürgermeisters
Milferstaedt, der andere meinte, es sei ein Bekannter des Rittmeisters
Baron von Korff, der ein Schwiegersohn des berühmten Komponisten Meyerbeer ist; ein dritter
wollte behaupten, es sei ein Gast der Familie
Grams in der Posthalterei. Etwas Gewisses
wußte man aber nicht . . .
Es war der Maler Sy. Vor der Wache am Hohen Tor verlangsamte er seine Schritte, den Blick
über den freien Platz und über die Dächer der Stadt gerichtet, deren Straßen sich
mit ziemlichem Gefälle zum Fließ senken, alles von hellem Sonnenschein überflutet. Das
fesselt seinen Blicke und er bleibt stehen. Rasch zieht er eine Mappe mit Zeichenpapier hervor,
[...unleserlich...] Tasche einen Stift, und schon fängt er an zu zeichnen, festzuhalten, was sich
dem Auge darbietet.
Zunächst die Baulichkeiten ringsum. In der Mitte, als Abschluß des Vordergrundes, das
stattliche Geschäftshaus mit flachem Dach und der Haustür zwischen den beiden Fensterpaaren.
Ein paar Schulkindern ist der Zeichner aufgefallen. Sie drängeln sich heran, und als sie sehen,
daß auf dem Papier das gegenüberliegende Haus ersteht, fangen sie an zu erzählen:
Da oben im ersten Stock wohnt der Herr Baron von Korff. Das ist ein lustiger Herr. Im
Sommer richtet er sich auf dem flachen Dache einen Garten ein. Auch Zelte baut er sich da auf. Von dort
oben kann man die ganze Stadt und alles umher übersehen. Und Abends, da feiert der Herr Baron oft
frohe Feste in seinem Dachgarten, die Gäste gehen erst nach Hause, wenn es schon wieder hell
wird.
Links von der Tür liegt der Laden des Uhrmachers Hübotter. Der Inhaber lehnt sich zum
Fenster heraus und verhandelt mit seinem Mitbürger Silberstein, der seine schadhafte Uhr
ausbessern lassen will, vorher aber über Kosten und Erfolgssicherheit seines Vorhabens genau
unterrichtet sein möchte.
Rechts vom Hauseingang hat der Konditor Weiser der Sonne wegen die Markise herabgelassen. Das
andere Fenster der Konditorei ist durch die stattlich-behäbige Pumpe verdeckt, die die Bewohner in
weitem Umkreis mit Wasser versorgt.
An der Pumpe stehen Holzgefäße. Das sind unsere Feuerbottiche,
erzählen die Jungen ungefragt weiter. Wenn irgendwo Feuer ausbricht, werden sie sofort zur
Brandstelle gebracht. Deshalb stehen sie ja auf Kufen. Links geht der Blick die Richtstraße
entlang, über die ein Seil gespannt ist, das eine große Laterne trägt. Die Straße,
auf der einige Frachtwagen nach Osten streben, ist auf der linken Seite mit Bäumen bepflanzt und
setzt sich in der mit hohen Pappeln bestandenen Hochzeiter Chaussee fort [Ed: die aber auf dem Bild nicht
zu sehen ist aber hier].
Rechts öffnet sich die Kirchstraße. In dem ersten Hause, dessen sonnenbeschienener Giebel ins
Auge fällt, befindet sich das Kolonialwarengeschäft von Barfuß. Ueber den
Dächern der Kirchstraße sieht man den kahlen Westgiebel der Kirche. Früher hatte hier
der stattliche Turm emporgeragt. Im Jahre 1710 hat ihn bei dem letzten großen Brande das Feuer
verzehrt. Nur der untere Teil war stehen geblieben, er ist aber durch die Häuser verdeckt und so
den Blicken des Malers entzogen.
In den Häusern zu beiden Seiten des Platzes muß es sich recht hübsch wohnen; denn sie
stehen auf Anhöhen, so daß man von den Fenstern des Erdgeschosses gut beobachten kann, wer die
Stadt betritt oder verläßt. Das Eckhaus gegenüber von Barfuß hat einen kleinen
Vorgarten, der mit seinen bunten Blumen den farbenfreudigen Maler erfreut. Den Jungen wird das
Zuschauen beim Zeichnen schließlich doch zu langweilig, sie laufen davon und kommen nur noch von
Zeit zu Zeit, um den Fortschritt der Arbeit festzustellen; doch der Platz, den der Zeichner gewählt,
liegt nicht umsonst am Eingang zur Stadt, hier gibts immer Leben.
Und nun die Menschen, die sich hier vor dem oberen Tore begegnen.
Links vor dem Hause des Spediteurs Meinecke, einer vielbesuchten Gaststätte für die
Fuhrleute, steht ein schwerer Frachtwagen, wie sie auf der Straße Berlin Königsberg
allgemein verkehren und wie man sie daher alle Tage durch Woldenberg poltern hört. Da die
Güterbeförderung möglichst beschleunigt werden muß, sieht der Maler den Spediteur
trotz des Ruhetages bei der Arbeit. Er vergleicht die Frachtbriefe mit den Frachtstücken, die
angekommen sind oder weiterbefördert werden sollen. Morgen früh geht es bei Sonnenaufgang mit
Peitschenknall weiter über Friedeberg nach Landsberg.
Von der Richtstraße her kommen die beiden Dragoneroffiziere Herr von Oppen und Leutnant
Erich. Sie grüßen respektvoll das Fräulein Agnes Regenberg, deren Bruder
ein angesehener Bürger, Inhaber der ersten Kolonialwarenhandlung in der Richtstraße ist. Auf
der anderen Seite des Platzes, ganz rechts, schreitet Herr Bürgermeister Milferstaedt am Arm
seiner Gattin daher. Er ist mit Rock und weißer Weste gekleidet und trägt zum Zylinderhut
einen Spazierstock. Würdevoll begrüßt er den Künstler und betrachtet prüfend
die Zeichnung. Ja, ja, unsere Kirche immer noch ohne Turm. Es ist eigentlich eine Schande für
unsere Stadt, doch die schlechte Finanzlage . . . . ! Aber wir hoffen auf die
Freigebigkeit unseres allergnädigsten Herrn Königs.
Jetzt kommt ein schmucker Jagdwagen in scharfem Trab herangerollt und hält hinter dem
Bürgermeister. Der Inhaber der Posthalterei Herr Grams lenkt ihn eigenhändig. Er ist
eine der ersten Persönlichkeiten der Stadt; denn Woldenberg hat ein Postamt 1. Klasse, an dem etwa
60 Postbeamte tätig sind. Herr Grams hat am Sonntagvormittag eine Spazierfahrt unternommen und
dabei einen Bekannten besucht, der hat ihm 2 Hasen abgelassen. Mit Vergnügen hält er den einen
an den Läufen hoch, um ihn einem vorübergehenden Freunde zu verehren. Alles das hält der
Künstler mit seinem flinken Zeichenstift fest, dann schließ er die Mappe, um der freundlichen
Einladung des Herrn Posthalters Grams zum sonntäglichen Mittagsmahl zu folgen. Hier in einem
fröhlichen Kreis wurde der Wunsch laut, das Bild möglichst für alle Bürger der Stadt
zu besitzen. In den nächsten Tagen suchte deshalb der Künstler noch mehrmals diesen Platz auf,
um weitere und genauere Einzelheiten seiner ersten Skizze einzufügen.
Nach Berlin zurückgekehrt [Ed: vermutlich schon per Eisenbahn, denn die war in dieser Zeit gerade
fertig geworden], übergab er das fertige Bild seinem Freunde, dem Lithographen Nordmann, der
die Zeichnung sorgfältig auf lithographischen Schiefer übertrug. Hiervon druckte dann der
Verlag W. Winkelmann u. Söhne zahlreiche Abzüge. Die Originalzeichnung ist heute
verschollen und von dem Steindruck sind in Woldenberg nur noch 4 Stück vorhanden. Das eine besitzt
Herr Kaufmann Bruno Prochnow, der es dem Herausgeber dieses Kalenders zur Herstellung eines
Klischees in dankenswertem Entgegenkommen überlassen hat. Die übrigen gehören Frau
Rittergutsbesitzer Grams in Gramsfelde, Herrn Zigarrenfabrikanten Veit und Herrn
Hotelbesitzer Joh. Ernst Prochnow.
Die Bilder gelten heute [1930] als Sehenswürdigkeit und werden als anschauliche Zeugnisse von dem
Leben Woldenbergs um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hochgeschätzt.
[Ed: Und ob ein Steindruck des Bildes die Wirren des 2. Weltkrieg überlebte, ist nicht bekannt. In
Woldenberg ist es eher unwahrscheinlich, aber vielleicht lagerte ja ein Exemplar in
Berlin . . . Immerhin steht das Motiv nunmehr allen im Internet zur Verfügung,
und die digitalisierte Geschichte zum Bild kann nicht mehr vergessen werden sie wäre sonst
wohl im alten Koffer verstaubt].