Wenn meine Gedanken in der Heimat weilen, so sehe ich stets auch die Drage vor mir, an deren Ufer
ich geboren und aufgewachsen bin, an der ich den bei weitem größten Teil meines Lebens
verbracht habe. Ich höre sie rauschen und plätschern und über das Wehr brausen, sehe
die Fische springen und die Mücken über ihrer Flut spielen.
Sie ist der Heimatfluß vieler Pommern und Neumärker und damit ein Stück Heimat
für alle diese. Von den Seen des
pommerschen
Seenrückens kommend, fließt sie in südlicher Richtung der Netze zu. Auf ihrem
Unterlauf schiffbar, ist sie auf ihrem Mittellauf mit ihrem starken Gefälle, ihren steilen,
bewaldeten Uferhängen und damit gebirgsähnlichem Charakter wohl der schönste der
kleinen Flüsse der norddeutschen Tiefebene.
Verschiedentlich aufgestaut, dient sie zur Erzeugung von elektrischer Kraft und zum
Mühlenbetrieb. Ein großer Teil des in den anliegenden Wäldern geschlagenen
Bauholzes wurde von ihr verflößt.
Wenn die auf den
Ablagen liegenden Stämme auf dem
steilen Abhang in das aufspritzende Wasser hinabgerollt und unterhalb zu Flößen verbunden
wurden, war dieses für mich als Junge ein besonders interessantes Schauspiel.
Auch die Seitentäler der Drage mit ihren Zuflüssen und Waldseen stehen ihr an
Schönheit nur wenig nach. Da ist die Stüdnitz mit dem riesigen Bahrenortsee, an dem noch
der Seeadler seinen Horst hatte, das Körtnizfließ, das dem gleichnamigen See
entströmt und bei Fürstenau das liebliche Jamelfließ mit seinem riesigen Findling,
dem großen Stein", auch Teufelsstein genannt.
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Im Drage-Nationalpark gibt es heute
(2010) wieder Fischotter und viele Fische, auch wieder Lachse.
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Ursprünglich sehr fischreich, hatten in den letzten Jahrzehnten die Fische sehr abgenommen.
Wer sich jedoch auf das Angeln verstand, konnte immer noch Forellen, einen Hecht oder sonstige
Fische nach Hause bringen. Die Lachse und Krebse waren leider schon lange verschwunden, ebenso wie
der Fischotter, den es vor einiger Zeit hier noch gab. Der Eisvogel war selten geworden. Hatte man
Glück, so konnte man auch einmal den Fischadler oder einen Reiher fischen sehen.
Wer in den Ortschaften, die die Drage berührt, gewohnt hat oder an einem der Seen lebte, wer
als Fischer, als Flößer oder Paddler sich von ihr hat treiben lassen oder auch
mühsam stromauf gestakt hat, oder auch nur von einer Brücke in die Strömung geblickt
hat, für den wird sie unvergesslich sein. Wer als Angler, berechtigt oder unberechtigt, im
Schutze einer Erle oder eines Haselstrauches beschauliche Stunden in der Morgenfrühe oder gegen
Abend an der Drage erlebte, wird auch jetzt noch mit Sehnsucht daran zurückblicken.
Man kann im Zweifel sein, wann es an unserer Drage am schönsten war: Im zeitigen Frühjahr,
wenn die Buchen grünten, wenn der Seidelbast blühte, die Hänge sich mit dem blauen
Teppich der Leberblumen schmückten, die Birken und Lärchen zu sprossen begannen? Im
Sommer, wenn dichtes Laub Schatten und Kühlung spendete?
Im Herbst mit seiner Farbenpracht oder im Winter, wenn Eisschollen auf seiner Strömung trieben,
die Uferränder vereist waren, alles in weißer Pracht schimmerte, zahlreiche Enten, die
das offene Wasser aufgesucht hatten, den Strom bevölkerten? Wer vermag dieses zu entscheiden.
Jedes war eine Naturschönheit für sich.
Meine schönsten Stunden an der Drage waren die, wenn ich morgens früh oder in der
Abenddämmerung das Rotwild, das zur Feldäsung oder wieder nach Hause zog, beim
Durchschwimmen der Strömung beobachten konnte.