Aus den erhalten gebliebenen Dokumenten geht hervor, dass die Anfänge der polnischen
Verwaltung in Friedeberg (Strzelce) auf die erste Hälfte März 1945 zurückzuführen
sind. Die Hauptrolle bei der Organisation der Verwaltung in den eroberten Westgebieten, darunter auch in
Friedeberg, spielte Oberstleutnant Leonard Borkowicz, Bevollmächtigter der Provisorischen Regierung
der Polnischen Republik bei der Kommandantur der 1. Weißrussischen Front mit dem Sitz in Posen
(Poznan).
Der Aufbau der neuen Gesellschaftsordnung wurde von einer Sonderanordnung
unterstützt, die vom Kommando und vom Kriegsrat der 1. Weißrussischen Front an die Chefs und
Komendanten weitergeleitet wurde. Die Anordnung besagte, dass man dort, wo noch kein
Bevollmächtigter der Regierung der Polnischen Republik mit seiner Gruppe eingetroffen ist, sofort
mit dem Aufbau der staatlichen, kommunalen und wirtschaftlichen Verwaltung beginnen soll, wobei auch
einheimische Polen mit gutem Ruf helfen können. Sollten solche fehlen, werden die Kommandanten mehr
oder weniger gezwungen sein, zu diesem Zweck die aus Deutschland zurückkommenden Polen
aufzuhalten.
Daraus geht hervor, dass die Anfänge der polnischen Verwaltung vollkommen den sowjetischen Truppen
untergeordnet waren. Im Falle von Friedeberg (Strzelce), haben die sowjetischen Behörden in erster
Linie zurückkehrende Kriegsgefangene, vor allem Offiziere der polnischen Armee aus der
Vorkriegszeit, zum Verwalten der Stadt aufgehalten (wahrscheinlich unter der Androhung einer Verschlepung
in das Landesinnere der Sowjetunion oder einer sofortigen Erschießung). So war es auch bestimmt
bei der Gründung der polnischen Milizabteilung und bei der Ernennung des Bürgermeisters. Am
11. März wurde das Bürgermeisteramt von einem ehemaligen Gefangenen des Oflags II C
Woldenberg, Hauptmann Wlodzimierz Zakrzewski, übernommen.
Ende März 1945 begann die sowjetische Kriegskommandantur die polnische Kreisverwaltung (Starostei)
zu organisieren. Die Grenzen des Kreises stimmten damals vollkommen mit den Grenzen des deutschen
Kreises Friedeberg Nm. überein. Zum ersten polnischen Landrat (Starost) hatte man einen Einwohner
von Dramburg (Drawsko Pomorskie) im Kreis Czarnkowski (Czarnikan), Herrn Antoni Matuszewski, berufen.
Alle wichtigsten Arbeitsplätze im Amt besetzte der Landrat sowohl mit Polen wie auch mit Deutschen.
Vom 15. bis zum 20. März versammelten sich auf dem Gebiet des Kreises die Truppen der 2.
Polnischen Armee. Sie zählten 90.000 Soldaten. Der Generalstab, der von General Karol
Swierczewski geführt wurde, befand sich in einem heute nicht mehr vorhandenen Schloß in
Mansfelde (Lipie Góry) bei Friedeberg (Strzelce). Solch eine große Konzentration von
Streitkräften in der Umgebung von Friedeberg wurde von der von Sowjets gefürchteten Gefahr aus
der Richtung des von Deutschen besetzten Westpommerns.
Die polnischen Soldaten blieben hier aber nicht lange. Nachdem polnische und sowjetische Truppen die
Pommernstellung durchbrochen hatten, war die Gefahr eines Gegenangriffs vorbei, und somit in den letzten
Märztagen erfolgte die Verlegung der Truppen der 2. Polnischen Armee (unter dem Kommando der 1.
Ukrainischen Front) in den Raum um Trebnitz (Trzebnica) und Breslau (Wroclaw). Man weiß nicht viel
darüber, wie damals die Beziehungen zwischen den Soldaten der verbündeten Armeen in hesetzten
deutschen Gebieten waren.
Sie waren anscheinend nicht die besten, da die sowjetische Soldateska zwei polnische
Meldegängerinnen, Irena Knysak und Maria Kaniewska, erst vergewaltigten und dann töteten (am
15.03.1945). Die beiden ermordeten Soldatinnen wurden auf dem Kommunalfriedhof in Friedeberg (Strzelce)
beerdigt. Aus politischen Gründen blieb dieses tragische Ereignis für viele Jahre ein gut
geschütztes Geheimnis. Erst nach den Systemumwandlungen in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts
begann man öffentlich über diese grausame Tat zu sprechen.
Im Frühjahr begann man in den umliegenden ländlichen Vorwerken mit den Feldarbeiten. Zu dieser
Zeit wurden sie von der sowjetischen Armee verwaltet. Es arbeiteten dort Deutsche und die aus den weiten
Gebieten Deutschlands zurückkehrenden ehemaligen polnischen Zwangsarbeiter. Das dort gehaltene Vieh
neben den noch vorhandenen deutschen Getreide- und Kartoffelvorräten die Hauptnahrungsquelle war.
Am 26. April 1945 kam nach Friedeberg (Strzelce) eine 22-köpfige Operationsgruppe aus
Schneidemühl (Pila), dem vorläufigen Sitz der polnischen Verwaltung für die Region
Westpommern, zusammen mit dem Bezirksbevollmächtigten der Regierung Jan Sniowski und seinem
Vertreter Wladyslaw Scislo, um eine polnische Staats- und Selbstverwaltung im Kreis Friedeberg
(Strzelce) einzurichten. Nach einem Gespräch mit der sowjetischen Kriegskommandantur begann die
Gruppe unverzüglich das Amt des Regierungsbevollmächtigten, sowie die Stadt- und
Gemeindeverwaltungen zu organisieren.
In das Amt des Regierungsbevollmächtigten wurden die vorläufigen Strukturen der Starostei samt
seinen polnischen Angestellten (nach Überprüfung) einbezogen. Der vorläufige Starost
Antoni Matuszewski wurde abberufen. Gemäß der Ernennung durch die Bezirksbehörden in
Schneidemühl (Pila) wurde das Amt des Regierungsbevollmächtigten von Jan Sniowski
übernommen. Die Besetzung der weiteren Stellen im Amt sah wie folgt aus: Vertreter des
Regierungsbevollmächtigten Wladyslaw Scislo, Leiter der Allgemeinen Kanzlei Marian
Marczynski, Leiter des Referats für Handel und Lebensmittelversorgung Walenty Lis, Leiter des
Militärreferats Andrzej Kaczmarczyk, Leiter des Referats für Wirtschaft und
Haushalt Czeslaw Konieczny, Leiter des Industriereferats Ingenieur Stanislaw Ratynski,
Selbstverwaltungsinspektor Ignacy Czaj.
Ende April organisierte man auch: Kreisbodenamt, Schatzamt, Schulamt, die Kreisabteilung für
Information und Propaganda sowie andere Institutionen und Ämter auf der Kreisebene. Die ersten
Monate der Organisation polnischen Lebens in der Stadt und im Kreis brachten viele Probleme. Das war
deutlich zu spüren nach der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945. (...)