Dobiegniew (Polen)   —  Dies & Das – Teil 2 khd
Stand:  13.1.2012   (69. Ed.)  –  File: WBG/Ex/Dobiegniew_Dies&Das_02.html



Dobiegniew Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  D o b i e g n i e w
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 
Auf diesen „Dies & Das“-Seiten sind neben Informationen zur polnischen Kleinstadt Dobiegniew im Lebuser Land auch interessante Artikel zu den deutsch-polnischen Beziehungen dokumentiert. Die Dokumentationen stammen aus verschiedenen Quellen, die jeweils angegeben sind.

I n d e x :


Polen — Die Westverschiebung Polens 1945


Polen -- Westverschiebung von 1945
^   Die Westverschiebung Polens von 1945. Vorbereitet wurde die „4. Teilung Polens“ durch den Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939, in dessen Geheimteil (erst 1989 von der UdSSR veröffentlicht) der Zugriff der Sowjetunion auf Ostpolen vereinbart wurde, was dann ab dem 17. September 1939 durch den Einmarsch der Roten Armee erfolgte.

Im Potsdamer Abkommen von August 1945 wurde von den Alliierten die Westverschiebung Polens endgültig festgelegt. Polen verlor das ethnisch gemischte, mehrheitlich von Ukrainern und Weißrussen bevölkerte Drittel seines bisherigen Staatsgebietes an die Sowjetunion. Es handelte sich dabei in etwa um das Gebiet, das Polen 1919–1921 von Rußland und der Ukraine erobert hatte. Die dort ansässige polnische Bevölkerung von rund 2,5 Mio. Menschen wurde zwangsvertrieben – vor allem ins neue Westpolen, das nun bis zur Oder und Lausitzer Neiße reicht, und damit auch nach Dobiegniew (Woldenberg).
[Polen-Karte mit Provinzen von 2000]   (Basiert auf Grafik: 2.8.2005 – Wikipedia)


Dobiegniew — Jüdisches Leben


      Ein Gästebuch-Eintrag und eine Foto führten im Februar 2009 auf die Spur neuen jüdischen Lebens in Dobiegniew, dem früheren Woldenberg in der Neumark. Eine alte Woldenberger Eisenbahnwerkstatt an der früheren Eisenbahnstraße (heute: ul. Tuwima) ist zu einer Synagoge umgebaut worden.

Dobiegniew -- Neue jüdische Synagoge
^   Dobiegniew – Es war die Frage aufgetaucht, ob dieses Gebäude aus Woldenberger Zeiten an der Eisenbahnstraße früher einmal eine Synagoge war. Denn in dem runden Fenster ist ein David-Stern zu sehen. — Inzwischen gibt es eine Antwort: Diese alte Eisenbahnwerkstatt wurde erst nach 1945 in eine Synagoge umgewandelt. Merkwürdig daran ist, daß offensichtlich bei der Andacht der Eisenbahnlärm nicht stört.   (Foto: ??? – nn)

      Ein
anderer Gästebuch-Leser hat inzwischen daraufhingewiesen, daß es bei Wikipedia (Wikimedia) von dieser Synagoge eine Reihe weiterer Fotos gibt. Unklar ist derzeit, warum sich die jüdische Gemeinde zu Dobiegniew gerade diesen lauten Ort dicht neben der Bahnlinie als Standort für ihr Gotteshaus ausgesucht hat. Vielleicht war ja das alte Eisenbahngebäude günstig zu haben.

      In Polen lebten vor dem 2. Weltkrieg noch 4,5 Mio. Juden. Die meisten überlebten den Holocaust der Nazis nicht. Erst Ende der 1990er-Jahre begann sich in Polen vielerorts wieder jüdischen Leben zu regen, obwohl es kaum noch Juden gab. Aber viele Polen besannen sich ihrer jüdischen Wurzeln. In manchen Städten gründeten sich seit Anfang des 21. Jahrhunderts progressive jüdische Gemeinden. [Geschichte der Juden in Polen]

  Jüdische Bürger in Woldenberg
und Dobiegniew

Quelle: Deutsches Städtebuch von 1939
um 1350 0 1
1801 47  
1855 119 2
1895 131  
1905 93  
1925 60  
1933  
1938 19  
1945 0 3
 
1945 0  
1960  
1980  
2000 4
  1) Vermutet wird, daß alle Juden vertrieben oder getötet wurden.
  2) In dieser Zeit entsteht die 1. Synagoge (Einweihung 1858).
  3) Die Nazis haben alles jüdische Leben vernichtet (Holocaust).
  4) Aus Dobiegniew liegen leider noch keine aktuellen Zahlen vor.

Jüdisches Leben in Woldenberg

      Über den Zustand des alten Woldenberger Jüdischen Friedhofs, der im Osten vor dem Niedertor an der Chaussee nach Hochzeit lag (Nr. 28 im
Woldenberger Stadtplan), hat bisher keiner berichtet. Auf der Homepage von „Jewish-Travel“ ist darüber nur zu lesen: „One Jewish cemetery with fragments of surviving matzevot remains, along with one former synagogue building.“ [Zum Jüd. Friedhof]

      Hm, eine Synagoge auf dem Friedhof? Das kann nicht stimmen. Nach allem, was bislang bekannt ist, stand die Synagoge der Woldenberger Jüdischen Gemeinde in der Junkerstraße Ecke Brunnenstraße (wohl Junkerstraße Nr. 9). Und schaut man ganz genau hin, dann ist das Synagogen-Gebäude mit den Ecktürmchen auch auf dieser Luftaufnahme zu erkennen (auf das Foto klicken!).

Dobiegniew -- Merkwürdiges am Marktplatz      
^   Was ist das? Es hängt heute in Dobiegniew an einem Haus am Marktplatz. Ist es ein jüdisches Mahnmal? Wer weiß mehr?  (Foto: 21.6.2005 – bredwolf-Wol29)
      Die Synagoge zu Woldenberg soll 1858 geweiht worden sein. Sie wurde im November 1938 von den Nazis abgebrannt und existiert heute auch als Ruine nicht mehr, wie das
Foto Nr. 12 im Dobiegniew- Panorama zeigt. Aber es könnte sein, daß nach 1945 zwei der Synagogen-Ecktürmchen am früheren Haus Dallmann zusammen mit einer Tür (?) als Mahnmal befestigt wurden [Ed: Kann dazu irgendjemand etwas Genaueres sagen?].

      Ende der 1920er-Jahre lebten in Woldenberg noch etwa 60 jüdische Familien, die dann in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) alle verschwanden. Es ist nicht überliefert, welche Familien in den 1930-Jahren noch rechtzeitig auswandern konnten, und wieviel in den Konzentrationslagern von den Nazi-Schergen ermordet wurden.

      Immerhin sind aus Woldenberg einige der Familiennamen jüdischer Mitbürger überliefert: Abraham (Kurzwaren), Chodziesner (Kurzwaren), Cohn (Kaufmann), Itzigsohn (Tuchwaren), Joseph (Schuhgeschäft), Kiwi (Eisenwaren), Krohne (xxx), Lewin (Prediger und Kantor), Pionkowski (Kantor der jüdischen Gemeinde), Rosenberg (Konfektion), Rubenson (Getreidehandel), Steinberg (xxx), Veit (Tabakwaren), Weinberg (Rechtsanwalt), xxx.

Vielleicht ist ja von deren Lebensgeschichte irgendwo im Internet noch etwas anzutreffen, was dann mit Links an den Namen erreichbar gemacht werden soll.

      Erst durch die Erinnerungen an Woldenberg, aufgeschrieben um 1991 von Hans-Joachim Rosenberg, haben wir 2009 erstmals etwas authentisch über jüdisches Leben in den 1920er- Jahren in Woldenberg und dessen Untergang in der Nazi-Zeit (1930er-Jahre) erfahren. Es kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, daß dieses Manuskript aus dem fernen Tasmanien doch noch das Licht der Öffentlichkeit im Internet erreichte.

Verwirrung durch Wikipedia-Seite

      25.4.2010 (khd). Inzwischen gibt es zur Synagoge in Dobiegniew im polnischen Wikipedia (freie Internet-Enzyklopädie) die besondere Seite „
Synagoga w Dobiegniewie“. Die dort angegebene Beschreibung stiftet aber Verwirrung: In der Beschreibung heißt es (wenn Google das richtig aus dem Polnischen übersetzt hat), daß die Synagoge schon vor 1945 dort an der Bahnlinie (in der ul. Tuwima bzw. frühere Eisenbahnstraße) war und dort von den Nazis zerstört wurde.

      Das ist mit Sicherheit eine falsche Information, denn die alte Woldenberger Synagoge von 1858 befand sich in der Junkerstraße Nr. 9, der heutigen „Jednosci Robotniczej“. Hier an der Ecke Brunnenstraße wurde sie auch am 9. November 1938 von den Nazis in Brand gesetzt und damit zerstört. Die neue Synagoge von Dobiegniew an der Bahn muß erst (lange) nach 1945 dort in dem umgebauten Eisenbahngebäude aus Woldenberger Zeiten eingerichtet worden sein. Vielleicht weiß ja eine Leserin oder Leser mehr dazu, z. B. wann und warum das passierte. [Fotos der neuen Synagoge bei Wikimedia]

(more to-be done).


Polen — Deutschland überfällt Polen 1939


Ausstellung zum 70. Jahrestag des
Überfalls auf Polen in Berlin

Deutsche und polnische Historiker erarbeiteten gemeinsam Konzept.

Aus: Ad-hoc-News, 27. Mai 2009, 15.33 Uhr MESZ (Politik). [Original] [Translation-Service]


   
  P o l e n
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BERLIN. Zum 70. Jahrestag des Überfalls auf Polen zeigt das Deutsche Historische Museum (DHM) ab Donnerstag [28.5.2009] eine Ausstellung zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen. „Deutsche und Polen – 1.9.39 – Abgründe und Hoffnungen“ zeigt 750 Exponate aus deutschen und polnischen Museen sowie privaten und internationalen Sammlungen, darunter viele Dokumente und Fotos, aber auch private Erinnerungsstücke. Die Ausstellung behandle ein „in großen Teilen furchtbares Thema“, sagte der Generaldirektor des Museums, Hans Ottomeyer, am Mittwoch [26.5.2009] in Berlin. „Wir wollen den dramatischen Verlauf der gemeinsamen Geschichte darlegen.“

      Die bis 6. September 2009 laufende Schau ist in 3 Kapitel gegliedert:
      Im Mittelpunkt stehen der Krieg und die Besatzungszeit. Thematisiert werden aber auch die Teilungen Polens im ausgehenden 18. Jahrhundert, die brutale deutsche Besatzungsherrschaft, die Vertreibung der polnischen Bevölkerung, die Beziehungen der Bundesrepublik und der DDR zu Polen, die neue Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt sowie noch immer bestehende Vorurteile zwischen Deutschen und Polen.

      Projektleiter Burkhard Asmuss sagte, man habe bewusst nicht mit dem Jahr 1939 begonnen, um auch die Vorgeschichte zu erzählen. Die Nachgeschichte werde präsentiert, um zu zeigen, wie schwierig die Annäherung zwischen Deutschland und Polen gewesen sei.

      Ottomeyer sagte, die Museen in Europa seien in den vergangenen Jahren zu „Orten der Versöhnung“ und „Orten der Verständigung“ geworden. Deutsche und polnische Historiker hätten das Konzept für die Ausstellung gemeinsam erstellt.

      Der Warschauer Historiker Tomasz Szarota, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Ausstellung, sagte, als die Anfrage aus Deutschland gekommen sei, habe er erst Vorbehalte gehabt. Die polnische Politik sei jedoch für eine Unterstützung der Ausstellung gewesen. Jetzt sei auch er „sehr stolz, dass wir unseren deutschen Kollegen dabei helfen konnten“. Asmuss sagte, es habe bei der Konzeption keine Kontroversen gegeben. In ihren Diskussionen hätten die Wissenschaftler „nach der Wahrheit gesucht“.

      Die Ausstellung sollen am Mittwochabend [27.5.2009] Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und der polnische Minister für Kultur und Nationales Erbe, Bogdan Zdrojewski, eröffnen. Zuvor wollen die beide eine gemeinsame Erklärung zum „Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität“ unterzeichnen. Das gemeinsame Projekt wurde 2005 mit Ungarn und der Slowakei ins Leben gerufen, um die Aufarbeitung der von Kriegen und totalitären Systemen gekennzeichneten Geschichte Europas im 20. Jahrhundert zu fördern.

      Die deutsch-polnischen Beziehungen hatten zuletzt unter dem Streit um das geplante Zentrum gegen Vertreibungen gelitten. Proteste aus Polen gab es gegen eine Kandidatur der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, für den Stiftungsrat.


Polen — Zur Völkerwanderung gezwungen


Die Zwangsumsiedlung der Polen

Die Haltung der Sowjets war klar: Hier ist ab jetzt russisches, sowjetisches Territorium – litauisch-sowjetisch. Das war so ein Spiel von ihrer Seite, denn formal war das ja Litauen. Und deshalb säuberten sie die Gegend von den Polen. Die hatten wohl vor irgendeinem Widerstand Angst! Die wollten also einfach ein ethnisch „sauberes“ Gebiet!

Aus: DeutschlandRadio Kultur, Berlin, 8. Dezember 2004, 8.20 Uhr MEZ (Flucht + Vertreibung Teil 10) von ROBERT BAAG. [Original] [Translation-Service]


      Daniela Stankiewicz, 1928 im litauischen Wilna geboren, hat keinerlei Zweifel. Als sie und ihre Familie am 10. Dezember 1945 die Heimat Richtung Westen verlassen muss, geschieht das nur vordergründig freiwillig.

      Die ganze Zeit machten die russischen Truppen Straßen-Razzien, nahmen willkürlich Leute fest, fingen an, sie abzutransportieren – richtiger Terror begann. Sie drohten: „Wenn ihr Wilna nicht verlasst, schicken wir euch schnurstracks in die Lager nach Russland!“

      Auch in Zdolbunów, einem kleinen Ort in der West-Ukraine, mit einem von jeher hohen polnischen Bevölkerungsanteil ist die Stimmung im Sommer 1944 eher gedrückt, als die Rote Armee die deutsche Wehrmacht vor sich hertrieb. Denn, so die damals knapp 12jährige Maria Jablonowska:

      Für uns waren doch beide, die einen wie die anderen – Feinde: Die so genannten „Befreier“ – und die Deutschen. – 1939 waren die Russen doch schon einmal bei uns einmarschiert. Und danach waren wir für fast 2 Jahre unter sowjetischer Besatzung. Menschen wurden in großer Zahl nach Sibirien deportiert, sehr viele Polen waren darunter. Wir wussten nicht, was uns unter dieser anderen Okkupation erwarten würde.

      Die schlimmen Vorahnungen sind begründet. Der polnische Siedler Jan Rutkowski aus dem Ort Sarny im westukrainischen Wolhynien, damals 17 Jahre alt: Immer, wenn man zu einem Funktionär musste, hatte man eine Menge Angst. Denn man wusste nie, wie das ausgehen würde.

      Man musste Dokumente ausfüllen, was man mitnehmen wollte, was man zurückließ. In unserem Fall: Unser Haus war von Ukrainern nieder gebrannt worden, aber unsere 20 Hektar Grundbesitz hat man uns ebenso dokumentiert wie 200 Ostbäume – diese Bescheinigung hab ich heute noch. Mitgenommen haben wir ein Bett, eine Couch, einen Schrank, ein paar Stühle – und das war’s.

      Die ukrainischen Ortsansässigen haben sich selbst dann noch feindselig uns gegenüber – ihren polnischen Nachbarn – verhalten, als wir schon buchstäblich auf gepackten Koffern saßen. Während unser Transportzug auf dem Bahnhof von Luck schon zusammengestellt wurde, haben sie uns große Teile unseres Umzugsgutes gestohlen.

      Zbigniew Anculewicz aus Luck – ebenfalls Ostpolen. Die Abreise aus der Heimat Mitte April 1945 hat er nie vergessen, den physischen und psychischen Terror, der seine Familie schließlich zum Abschied gezwungen hat: Für die allermeisten eine Fahrt ins Ungewisse, ein Albtraum, ob sie aus der heutigen Ukraine, dem heutigen Weißrussland oder aus dem litauischen Wilna stammten, wie die damals 16jährige Daniela Stankiewicz:

      Das war.... Eigentlich will ich mich gar nicht daran erinnern. – Deutsch-Eylau – dort war der Grenzübergang nach Ostpreußen. Dort ging’s dann so richtig los. Dort wurden wir alle von den Russen buchstäblich gefilzt. Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten liefen herum, immer drei von ihnen stellten sich vor der Schiebetür eines Waggons auf. „Rauskommen!“ – Alle mussten raus. Immer wieder. Selbst unsere alte Großmutter, die sich nur noch mit Mühe bewegen konnte. Niemand durfte im Waggon zurückbleiben. – Und ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass sie dann auch viele Menschen mitgenommen haben, mit all ihrem Gepäck. Angeblich war mit ihren Papieren irgendwas nicht in Ordnung.

      Das Begleitpersonal war sowjetisch, die Wachmannschaft waren NKWD-Soldaten vom sowjetischen Geheimdienst. Eine vollkommene Rechtlosigkeit herrschte damals. Das brutale Recht des Siegers kriegten auch wir zu spüren. Ich habe selbst mitbekommen, dass nachts, der Zug hielt irgendwo, wo, weiß ich nicht mehr, zwei junge Polinnen aus dem Zug gezerrt und vergewaltigt worden sind.

      Um Essen und Trinken habe sich jeder selbst kümmern müssen, weiß Maria Jablonowska noch. Den Menschen sei von den Behörden vor Fahrtantritt lediglich mitgeteilt worden, dass man ein paar Tage unterwegs sein werde.

      Aber selbst, als die Transportzüge schon polnisches Zentralgebiet erreichen, ist die Mühsal der Zwangsausgesiedelten aus dem Osten des einstigen Vorkriegspolen noch lange nicht zu Ende. Das Land ist verwüstet, mit der Ankunft der Neuankömmlinge organisatorisch überfordert. Und auch in den Flüchtlings- und Übersiedlerzügen regiert das Chaos. Der damals 9-jährige Slawomir Kalembka – heute Historiker an der Universität Thorn – erinnert sich an viele Details der Fahrt, etwa an die hygienischen Verhältnisse:

      Hygiene???!!! – Wenn es nicht mehr anders ging, hat man eben aus den offenen Waggontüren gepinkelt. Kinder, Männer... Frauen setzten sich bei einem kurzen Halt gerade mal neben die Waggon-Räder... Am Ende hat das niemanden mehr gekümmert.

      „Wen hat man damals eigentlich vertrieben?“, fragt Kalembka sarkastisch nach. Die Antwort gibt er gleich selbst: „Es waren die Frauen, die Alten, die Kinder und die Krüppel. Denn die Männer waren entweder umgekommen, kämpften in der Armee oder waren sonst wer-weiß-wo!“ – „Und das“, schließt Kalembka, „war bei den Deutschen genauso wie bei den Polen!“


Polen — Das polnische Wunder


Die Polen, die Deutschen und die Europawahlen

Der Zufall will es, dass die Europawahlen [7.6.2009] und der 20. Jahrestag der ersten freien Wahlen in Polen am 4. Juni 1989 praktisch zusammenfallen. Große Feierlichkeiten in Warschau und Krakau, aber auch 4 schöne Ausstellungen in Berlin erinnern an die Rolle dieses Nachbarn im „Herzen Europas“.

Aus: DeutschlandRadio Kultur, Berlin, 5. Juni 2009, 7.19 Uhr MESZ (Politisches Feuilleton) von GUNTER HOFMANN. Gunter Hofmann, Journalist und Autor, Jahrgang 1942, Dr. phil., seit 1977 bei der Wochenzeitung „Die Zeit“, seit 1994 Büroleiter in Bonn, seit dem Regierungsumzug in Berlin, einer der angesehensten Beobachter des deutschen Politikbetriebs, jüngste Buchveröffentlichung: „Abschiede, Anfänge. Die Bundesrepublik. Eine Anatomie“. [Original] [Translation-Service] Audio



   
  P o l e n
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BERLIN. Diesem „Zufall“, meine ich, lohnt es sich für einen Moment nachzulauschen. Schon klar: Auf manchen europäischen nationalen Bühnen erlebt man zurzeit klägliche Schauspiele, beispielsweise bei den „Alten“ in London und Rom oder bei den „Neuen“ in Ungarn, Tschechien und im Baltikum, von Rumänien oder Bulgarien gar nicht zu reden. Aber auch Paris und Berlin füllen im Moment der großen Krise das politische Vakuum nicht wirklich und agieren leider extrem standortnationalistisch.

      Und dennoch: Vor 20 Jahren fiel nicht nur die Mauer, nein, den ersten gewaltigen Demokratisierungsschritt machte Polen, und alles Weitere, der ungarische Sommer wie die ostdeutsche „Oktober-Revolution“, wurde davon beflügelt. Seit dem Werftarbeiterstreik in Danzig im Jahr 1980 unter Führung eines damals unbekannten jungen Mannes namens Lech Walesa – oder sollte man sagen: seit der Wahl des polnischen Kardinals Wojtyla 1978 zum Papst? – entzogen sich unsere Nachbarn im Osten der sowjetischen Dominanz.

      Ein polnischer General, Jaruzelski, verhängte im Dezember 1981 das Kriegsrecht über das eigene Volk, vor allem gegen die Macht von Walesas Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc. Es folgten 8 dramatische Jahre, die aber in einem Runden Tisch und Wahlen mündeten, ohne Blutvergießen, mit einem Präsidenten Jaruzelski, später Walesa. Das polnische „Wunder“ besteht aber nicht allein in dieser konsensuellen Transformation.

      Nein, das Wunder erklärte mir Walesas Berater, der große Europäer und spätere Außenminister Bronislaw Geremek, als ich ihn kurz vor seinem Unfalltod in Warschau besuchte, stolz folgendermaßen: Bewiesen habe die zivile Gesellschaft seines Landes, dass allein die Kraft von unten, die Worte und Argumente samt der Zivilcourage von vielen, die mächtigsten Mächte entthronen könnten.

      Geremek hat dabei keineswegs den Anteil Gorbatschows, dieses „Helden des Rückzugs“, schmälern wollen. Geremek wie viele Mitstreiter wagten selbst diesen Tabubruch, früh für ein wiedervereinigtes Deutschland zu plädieren. Nur so komme Stabilität nach Europa, und nur wenn Polen unmittelbar an den Westen heranrücke, sei die Freiheit wirklich dauerhaft gesichert. Dass aber das Sowjetreich die deutsche Einheit nicht überleben werde, dachten diese Polen konsequent gleich mit.

      Das unterschied sie von den ostdeutschen Bürgerrechtlern und Protestierenden, die im Herbst mutig auf die Straße gingen – und es unterschied sie von uns ermatteten Bundesrepublikanern, die die Mauer letztlich nicht hinwegdachten. Die deutsche Vereinigung übrigens war denn auch mit einem „demokratischen Defizit“ behaftet, weil es sich – wie von der Mehrheit erwünscht – um einen Beitritt handelte, bei dem die demokratische Opposition in Ehren unterging, anders als in Polen.

      Was ich damit sagen will, ist: Bei allem Klagen über die Verfassung Europas sollte man nicht vergessen, mit welcher Umsicht, Vehemenz und Überzeugungskraft Polens Zivilgesellschaft beitrug zur Renaissance Gesamteuropas. Es ist einfach nicht wahr, dass Europa ein Elitenprojekt ist oder sein muss: Wenn wir Europäer wollen, gehört es uns und keiner fernen „Kommission“.

      Und noch viel weniger stimmt, Europa fehle eine „Begründung“ wie einst. Dieses disparate, große Europa politisch und sozial – nicht nur per ökonomischer Deregulierung – zu vereinen, ohne es zu Tode zu harmonisieren, das ist Begründung und Ziel zugleich. Allen Warschauer Irrungen und Wirrungen in den 20 Jahren zum Trotz: Was man von „unten“ zu diesem historisch Einmaligen beitragen kann, hat Polen gelehrt.


Dobiegniew — Muzeum Woldenberczyków


In Dobiegniew wurde an der Stelle, wo beim Gehege bis 1945 das große Woldenberger Kriegsgefangenenlager war, um 1987 ein Museum zur Erinnerung an die gefangenen polnischen Offiziere eingerichtet. Von einem Besuch dieses Museums brachte ein Leser um 2006 ein Informationsblatt in deutscher Sprache mit, dessen Text im folgenden wiedergegeben wird, wobei in [...] Anmerkungen und einige Links zugefügt wurden. Bei den Eigennamen könnt es zu Übertragungsfehlern gekommen sein.



OfLag II C Woldenberg

1.+2. Während des II. Weltkrieges, vom 21. Mai 1940 bis zum 25. Januar 1945, gab es in Dobiegniew ein Kriegsgefangenenlager für polnische Offiziere: OfLag II C Woldenberg. Hier waren Soldaten, die während der Septemperkampagne 1939 [Deutschlands Überfall Polens], während der Kämpfe in Frankreich um 1940 und nach der Niederlage des Warschauer Aufstandes 1944 in Gefangenschaft geraten waren. Zusammen in etwa 6 Tausend Offiziere und ca. 700 Soldaten.

3. Das Lager nahm eine Fläche von 25 Hektar ein. Man teilte es in 3 Teile:
  • der deutsche Teil des Lagers: Kommandantur, Abwehr, Kasino und 2 Wohnbaracken für deutsche Offiziere (in einer der Baracken befindet sich jetzt das Museum).
  • das Vorlager: die Krankenstube, Magazine, Arrest und ein Massenbad.
  • das Lager der Gefangenen: 25 Wohnbaracken und andere für Gesellschaftsräume, Küchen und für die Kantine bestimmt.
4. Die Ordnung im Lager war ähnlich dem internationalen Recht gegen die Kriegsgefangenen gerichtet. Das Recht der Gefangenen jedoch wurde [ihnen] oft vorbehalten und unterbrochen. Die Bedingungen der Gefangenen waren sehr schlecht. Die Baracken waren überfüllt, feucht und unbeheizt. Ständig fehlte Wasser und [es] an Arzneimitteln.

5. Außer der üblichen rechtlichen Unterbrechung kamen auch evidente Mordesfälle vor. Am 5. Februar 1943 eröffneten Wärter Feuer auf spazierende Gefangene. Zwei Offiziere wurden erschossen: Mjr. Planeta und Ltn. Jedrzejewski, und ein paar wurden verletzt. Das sollte die Revanche für die [deutsche] Niederlage von Stalingrad sein. Am 27. März 1944 wurde Fähnr. Tadeusz Starzec, angeblich wegen des Fluchtversuchs aus dem Lager, erschossen.

6. Heinrich Himmler wollte den Status der Offiziere auflösen, um sie ins Konzentrationslager einzuliefern. Am 15. August 1944 kam schon der Befehl. Aus Zeitgründen schaffte man es nicht, den Befehl auszuführen.

7. Das Offizierslager II C war tadellos in der Hinsicht auf die militärische Verschwörung organisiert. Sturmtruppen waren dafür bestimmt. Im Lager waren Handfeuerwaffen, Granaten, Scheren zum Schneiden von Stacheldraht und Funkgeräte versteckt. Man erhielt dauernden Funkkontakt mit AK-Innenposten. Man empfing Kommunikationen aus London, Moskau, Ankara und Stockholm. Die Gefangenen waren besser informiert, was an der Front geschah, als die Deutschen selber.

8. Aus dem Lager wurden viele Ausbrüche organisiert. Der tapferste Ausbruch wurde von 5 Offizieren geplant: O.Ltn. Pacak-Kuzmirski, Ltn. Zdzislaw Madej, Ltn. Kazimierz Nowoslawski, Ltn. Jerzy Kleczkowski und Ltn. Zygmunt Siekierski. 20. März 1942: Verkleidet als deutscher Wärter mit einer aus Holz geschnitzten Attrappe eines Gewehrs des Typs Mauser führte Ltn. Siekierski 4 andere Gefangene aus dem Lager. [Die ganze Geschichte]

9. Im Lager entwickelt sich die Kultur und Bildung. Es gab eine Grundschule mit Oberstufe, verschiedene Berufskurse und auch eine Universität. Es gab 3 Theater, 3 Chöre und einige Musik-Ensembles. Das Sportleben blühte.

10. Das Lager wurde am 25. Januar 1945 evakuiert. Am 30. Januar 1945 holten russische Panzer [die] Gefangenenheere in der Umgebung von Barlinek [Berlinchen] ein, und nach einem kurzen Kampf wurden 4 von 6 Bataillionen befreit. Während des Kampfes wurden viele polnische Offiziere getötet. Die Deutschen schaffen es noch 2 Bataillione in den Westen [nach Murnau ins OfLag VII A] zu evakuieren. Diese Gefangenen wurden erst im Mai 1945 von den Alliierten befreit.

11. Nach dem Krieg fielen viele ehemalige Gefangene aus dem OfLag II C wegen der stalinistischen Vergeltungsmaßnahme.

12. Vom Mai bis Oktober 1945 organisierten die Russen in Dobiegniew ein vorübergehendes Lager für deutsche Soldaten.




Dobiegniew — Dies & Das:
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