In der Neumark, zwischen der langsam fließenden Drage und der Netze, umgeben von schilfigen Seen,
an der Bahnlinie Stettin Posen, liegt Woldenberg.
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Woldenbergs Theater- und Konzert-Haus mit einem wunderschönen Garten um 1925. Hier an der
Moltkestraße 8 agierten Ursulas Großeltern Anna und Otto Ziebarth.
(Repro: 2005 khd)
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Heute heißt er Dobiegniew, und diesen Namen trägt die Ansammlung von Häusern und
Gärten auch zu Recht. Woldenberg Dobiegniew ist ein Nichts von einem Städtchen.
Häuschen um eine Backsteinkirche mit vierkantigem Turm, der keinen Helm hat, weil das Geld der
Gemeinde für einen solchen nicht gereicht hatte, ein paar Straßen, kopfsteingepflastert,
rötliche Sandwege, der Ort ist ganz unbedeutend, aber er ist der schönste Platz meiner
Kinderwelt.
Nun kenne ich allerdings keinen Ort, der nicht schön wäre, es ist mir noch kein solcher
vorgekommen. Zwar, manchmal schon wollte ich mich von irgendwo gelangweilt abwenden, auch angewidert
sogar, aber einer Stätte, die von Menschen bewohnt ist oder bewohnt war, haftet immer, und sei es
noch so versteckt, etwas Anziehendes an.
Spuren von Heimischsein oder gigantischen Träumen, Gewerbefleiß oder Lust am Handel
prägen Städte; besondere Schulen, Industrieanlagen legen Zeugnis ab von Bemühungen, jeder
Flecken trägt die Handschrift von Menschen, und auch wenn diese einmal trostlos schien oder
mißlungen und ich glaubte, nicht erkunden zu müssen, irgendeine Einzelheit fesselte mich dann
doch, so daß ich mich teilnehmend umzublicken begann und allemal belohnt wurde, mit etwas, das ich
so nie zuvor gesehen hatte.
Die schönste aller heimeligen Städte
Jede Stadt habe ich gern, jedes Kaff, jedes Dorf hat seinen Reiz, seine Besonderheit für mich, ich
will von Amsterdam und Antwerpen nicht reden und Rom aus dem Spiel lassen, brauche Florenz und Dublin
nicht zu erwähnen, auch die ganz gewöhnlichen Orte ziehen mich, eine immer glückhaft
Reisende, an und halten vor meinem suchen Blick nichts zurück, ich komme ins Gespräch mit jeder
Stadt, dafür bin ich begabt, noch niemals war ich an einem Ort, der nicht einen Funken Liebe aus mir
zu schlagen gewußt hätte und sei es die Liebe des Mitleids.
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Ziebarths Biergarten um 1930. Der Eingang von der Seite an der Parkstraße (später:
Scharnhorststraße). Im Sommer fand hier auch Tanz im Freien statt. Davon blieb nur die zementene
Tanzplatte übrig, wie Dr. Schenk 1968 von seiner Reise nach Dobiegniewberichtete.
(Repro: 2011 khd)
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Die geliebteste aller menschlichen Siedlungen noch in meinen Träumen tauchen
Häuserfronten, Brücken, Tore, Türme auf, ich kann mich nach Autun schlafen, kann
aufwachsen und eben noch war mir Palermo übers Bett gebaut , die schönste aller dieser
heimeligen, kühnen, graudumpfen, strahlenden, blühenden, absterbenden Städte ist
Woldenberg.
An breite Straßen [in Berlin] gewöhnt, an hohe Häuser, an Bäume, die in Reih und
Glied stehen, an Spielplätze mit begrenzter Anzahl von Büschen und Blumen, an Wälder mit
Spazierwegen und Papierkörben, an eine Natur, die dem Stadtwesen zugeordnet ist, fühlte ich
mich in Woldenberg der Wildnis ausgesetzt.
Und alles war so anders
Ja, es standen Häuser dort, aber wie klein sie waren und wie wenige es gab! Über die
Straßen konnte man einfach so hinwegschlendern und sie waren immer gleich zu Ende, wenn sie doch
gerade erst angefangen hatten. Von allen Seiten schob sich Land in die Stadt, Wiesenstreifen
drängten hinein, das Brotkorn wuchs dem Bäcker fast in die Tür, es wucherte von Blumen in
allen Gärten, ganze Häuser wurden von Bäumen überwölbt und es dunkelte schon von
Wald am Ende manchen Weges, auf dem Enten watschelten und Hühner vor sich hinpickten ich
hätte das alles nicht als sonderbar benennen können, aber ich empfand, daß hier nichts
galt von dem, was ich in Berlin als meine Umwelt begriffen und gelehrig angenommen hatte.
In Woldenberg aber hatte man in eine Natur gebaut, die grenzenlos war und deren Unendlichkeit vor den zu
einem Städtchen zusammengerotteten Gebäudchen spürbar anwesend blieb. Felder und Wiesen
berandeten immer sichtbar den Ort, Rehe traten abends aus einem Wald,
in den ich mich noch nicht wagte, zu dem ich nur hinsah mit märchenverschleierten Augen.
Es war schon abenteuerlich genug, am Straßenrand zu sitzen und eine Ziege sich nähern zu
sehen, Gras rupfend ging sie seitwärts auf mich zu, hob den hörnigen Kopf, äugte nach mir,
weglaufbereit zog ich die Beine an, aber das Tier rupfte weiter seine Halme. Unter dem hängenden
haarigen Bauch schwankte das Euter mit Zitzen daran. Ich betrachtete das fremde Wesen, mit dem ich nicht
sprechen konnte, das sich aber auch auf der Straße bewegte, und nach und nach entwickelte sich eine
Art Geselligkeit zwischen uns. Ich zog Grünzeug aus und hielt es der Ziege vors Maul. Sie fraß
es und sah mich an aus gelben Augen, in denen eine rechteckige Pupille saß.
Allmählich wagte ich, einem Schaf den Arm um den Hals zu legen, ließ Kühe an mich
herankommen am Rande dieses Landstädtchens, sie näherten sich mit großer Dreistigkeit,
ich lernte mit ihren Bewegungen zu rechnen, mich mit Enten und Hühnern zu verschwistern, und
trachtete, mit Gantern auf auskömmlichen Fuß zu leben.
Staunend nahm ich in mich auf, daß es mehr Bäume als Menschen gibt, daß die Erde eine
Welt des Landes und der Pflanzen ist, nicht eine Welt der Autostraßen und vielstöckigen
Häuser.
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Der Holzsteg über die Eisenbahnstrecke um 1940.
Diese zum Schlanower Weg (nach links) führende Fußgängerbrücke war unweit des
Ziebarthschen Anwesens (nach rechts) an der Moltkestraße.
(Repro: 2004 khd)
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Wieder und wieder nach Woldenberg kommend, ordnete ich mich in diesem märkischen
Ackerbürger- städtchen auf der Grenze zwischen Natur und Zivilisatorik neu ein, brachte mich in
Einklang mit den Tieren, die an mir schnupperten, fand mich im Moos zurecht, traf kein Rumpelstilzchen im
Wald, wußte auf Gras zu schilpen, aus Rohr eine Flöte zu machen und stutzte, wenn ich wieder
in die Großstadt kam, ließ mich von der großen Stadt, die mich lärmig anhupte aus
Tausenden von Autos, aber wieder in Besitz nehmen, schmiß mich auch lustvoll in die
Vergnügungen, die sie Kindern bietet und wartete insgeheim darauf, daß man wieder nach
Woldenberg mit mir fuhr, wo es zu allem Herrlichen noch eine meiner drei wunderbaren Großtanten
gab.
Gleich drei Annen
Jede von ihnen hieß Anna, und um sie zu unterscheiden hieß die eine Annastadt, die zweite
Annaberg, die dritte Annadraußen, weil sie vierhundert Meter weiter vom Kirchturm entfernt wohnte
als die beiden anderen Annen. Alle drei trugen stets schwarze Kleider, miteinander verschwägert,
hießen sie alle drei Anna Ziebarth, und ich pendelte
glücklich zwischen ihren Häusern mit den anheimelnden Stuben darin, ließ mich
verwöhnen von den Annen, die über meine Kinderferien wachten und die voneinander so verschieden
waren.
Annastadt war klug und scharfzüngig. Wie ein Messerwerfer ging sie mit Sätzen um, schleuderte
schneidende Klingenwörter in jedermanns Richtung, verletzte aber niemanden.(Das soll ihr erst einmal
jemand nachmachen!) Ich ließ alles stehen und liegen, wenn sie begann, etwas zu sagen, und sah ihr
auf den Mund, aus dem die gewetzten Messer flogen, daß es förmlich pfiff in der Luft und alles
erstarrte.
Annaberg, ihr rotes Ziegelhaus stand auf einer Sandhalde, die ein paar Meter hoch anstieg, Tante Annaberg
also, stets sich rührend und niemals Aufhebens von ihrem Fleiß machend, wußte mich zu
beschäftigen, daß ich mich, mit der Milchkanne in der Hand davontrabend, nützlich
fühlen konnte. Sie sagte auch Sachen wie: Wenn das Kind Zeit hat und Bohnen schneidet,
können wir bald zu Mittag essen! oder: Heute morgen ist mir eingefallen, daß ich
dir zeigen könnte, wie man einen Knopf annäht und ich stürzte mich in diese
Abenteuer mit dem Eifer eines Schatzsuchers, der sich ans Graben macht, wo er einen Topf voller Gold
vermutet, und im Gegensatz zu diesem gelangte ich auch an den Schatz, der eben in von mir geschnippelten
Bohnen und einem am rechten Platz fest angenähten Knopf bestand aber niemand hat den Pour le
mérite der Pädagogen an Tante Annabergs schwarze Bluse genäht, dabei war sie so viel
kinderklüger als manche der gelernten Lehrerinnen, die Kindern den Spaß am Fleiß
verderben.
Annadraußen, jeder ihrer langsamen, sachten und so bewunderungswürdig genauen Bewegungen sah
ich gebannt zu. Sie war blind. Aber sie fühlte, was sie nicht sah, und sie hörte den
Vorgängen um sie herum alles ab, was andere mit Blicken kaum sich derart klar zu machen verstanden.
Immer wußte ich mich erkannt von ihren großen grauen Augen, wenn sie mir ihren Kopf
zuwendete, weil sie vernommen hatte, aus welcher Richtung ich sprach. Ihren Antworten hörte ich an,
daß sie mich sah wie niemand sonst, ja, einen sehenderen Menschen hätte ich mir nicht
vorstellen können.
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Dobiegniew 2005 Der alte Woldenberger Bahnhof. Die Polen haben in liebevoll
restauriert. Und so sieht er wieder wie vor 100 Jahren aus. Aber wo steht die alte Holzbank?
(Foto: 21.6.2005 bredwolf-Wol58)
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Nicht die kleinste Lüge hätte ich vor Annadraußen gewagt, die mir wie eine große
Hellseherin vorkam, schon wenn ich in die Türe trat, wußte sie Bescheid über mich.
Du hast ja Hunger, rief sie, tastend auf Abhilfe bedacht. Woran hat sie das gemerkt, fragte
ich mich, schließlich überzeugt, sie können in meinen Magen sehen mit ihren
Schleiereulenaugen. Wer kommt denn da mit einer kaputten Sandale, lächelte sie mir einmal
entgegen, griff nach Nadel und Zwirn und stach sich nicht in den Finger, als sie das Riemchen wieder
befestigte, das sie vermutlich am unregelmäßigen Klappklapp der Sohlen als abgerissen erkannt
hatte. Weil ich nachahmte, wie langsam und fest sie nach den Gegenständen griff, die sie
benötigte, wurde ich geschickt und fegte nur noch selten Geschirr vom Tisch, wenn ich aus den Ferien
nachhause kam.
Ein Wiedersehen mit Woldenberg
Meine heiligen alten Annen, in ihren schwarzen, raschelnden Kleidern, gehen sie noch manchmal traumein,
traumaus durch meinen Schlaf. Aber um Woldenberg wiederzusehen wollte ich auf die Geschenke der
Träume nicht angewiesen sein, und so löste ich denn eines Augusttages, sechsunddreißig Jahre nachdem ich Woldenberg im letzten Kriegsjanuar noch einmal
besucht und die Großtanten nicht hatte überreden können, mit mir zu kommen, eine
Fahrkarte nach Dobiegniew, preßte sie erregt in der Hand als ich im Zug saß, drehte sie, wie
man einen Zauberring drehen soll, der einen an den erwünschtesten Ort bringen kann.
Der Zauber ging langsam vor sich in der alten Bahn, die
allerwärts hielt. Eine vorwiegend ländliche Bevölkerung fuhr hier auf Verwandtenbesuche.
Auf jedem Bahnsteig küßte man einander heftig. Ich verstand die Sprache nicht, die man um mich
herum redete, aber das sanftwellige, kornreiche Land sah aus, wie es vor meinen Kinderaugen ausgesehen
hatte, die Häuser standen damals noch, ich erkannte die Bahnhöfchen wieder, die ich schon als
Kind hatte passieren müssen, wenn ich nach Woldenberg fuhr.
Der alte Friedhof tauchte auf, die Schwarzerds, die Nußholz’ sind dort begraben und von denen
stamme ich ab und dann fuhr, wirklich und wahrhaftig der Zug unter der
alten Holzbrücke weg, schuffelte sich unter ihren Balken voran, auf denen wir als
Kinder gestanden hatten, eine Mutprobe war es gewesen, auszuharren, wenn ein Zug unter dem Brückchen
hindurchfuhr, das mächtig erzitterte, als würde es zusammenkrachen und brettweis mit einem auf
die schwarze Fauchschlange stürzen, die zu besonderen Uhrzeiten einen auch noch in Rauch hüllen
konnte.
Wer da standhielt und nicht wegrannte, galt als Held unter uns. Es gab diesen Holzsteg noch, mit dem
einmal quasi vorläufig die Eisenbahnlinie überbrückt worden war, es gab ihn wahrhaftig
noch, und das war mehr als ich mich getraut hatte zu erwarten, es gab das würfelige
Bahnhofshaus noch, an dem nun DOBIEGNIEW steht, aber die
Holzbank davor ist noch aus meiner Kindheit, von Wartenden mit Buchstaben der Liebe verkerbt.
Auf dem einzigen Bahnsteig stand ich nun, den Koffer in der Hand, war nicht mehr klein, war nicht mehr
jung, war gar nichts mehr von dem, was ich damals war, bin alles, was ich damals gewesen bin, denn mich
macht immer noch froh, was mich damals freute, es ist kein Verlust zu verzeichnen.
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Wo war in Woldenberg der Katzensteg? Es war ein Trampelpfad durchs Gehölz, etwas unterhalb
des Eisenbahndamms, der hinter den Friedhöfen (rechts) begann und sich bis ins Fließtal
hinzog. Die gelbe Linie zeigt, wo das ungefähr war.
(Repro: 2011 khd)
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Die Steinstufen der Bahnhofstreppe, die Gartenzäune und die Wasserpumpen wiedererkennend, ging ich
zurück voran, mein Erbe anzutreten, das in der Erinnerung an all die Freundlichkeiten besteht, die
ich hierorts einmal erfahren, als ich mich gegen Unfreundlichkeit auch kaum noch zu wehren gewußt
hätte.
Das Reden der alten Annen wurde deutlich in mir, und so verläßlich war da, was ich als erste
Landschaft geliebt habe, und nicht die schönste kann so schön für mich sein wie diese
felderreiche Gegend mit den großen Waldstücken und den vielen Seen darin, stillen, schilfigen
Seen voller Karpfen. An den Straßenrändern die mächtigen alten Linden und Akazien (dieser
Duft auf den Landstraßen, wenn sie blühen).
Freundliche Menschen in Dobiegniew
Dann kam ich wohin ich wollte, und siehe da: Dunkelgrün wölben sich noch immer die riesigen
Kronen der Kastanien über dem Garten meines
Urgroßvaters. Wie damals in Woldenberg, so ist heute Dobiegniew von einem freundlichen
Menschenschlag bewohnt. Man nahm sich meiner alsbald mit Herzlichkeit an. Aus den Gebieten, die Polen an
Rußland abgeben mußte, sind die jetzigen Bewohner der Neumark angesiedelt worden.
Langsam nur haben sie sich vertraut gemacht mit ihrer neuen Umgebung, sie kennen die Leiden der
Zwangswanderung und sind froh, untergekommen zu sein, wo einmal meine Verwandten wohnten. Man gönnt
es ihnen, zufrieden, daß das Land nicht verwüstet wurde, sondern bestellt wird, und daß
wieder Kinder auf den Treppen jubeln, die Kinder verstand ich sofort, und nicht nur Woldenbergs wegen,
sondern auch um der Menschen willen, die heute dort wohnen, werde ich wieder nach Dobiegniew
fahren.
Sie haben mich in eine eigentümlich, verantwortungsvolle Rolle gedrängt: Gekommen war ich um
Kastanienbäume wiederzusehen, und mich darunter in kleinen
Schuhen, hoffnungsvoll in die grünen Wipfel hochstarrend in der Erwartung, daß von den
grünen Stachelfrüchten bald recht viele fallen sollten und mir ihren braunen Kern
hergeben, aus dem soviel Kinderreichtum sich machen läßt. Aber die Einwohner wollten
anderes von mir.
Dobiegniews Kinder wollen alles wissen
An meiner Seite gehend, verlangten sie zu erfahren, wie es hier früher gewesen sei, ein paar junge
Leute lernen Deutsch in der Schule, sie konnten also reden mit mir, und forderten, daß ich ihnen
das Land vererbe, in das man sie getrieben hat und das sie nun mit mehr als nur Händen und
Füßen besitzen möchten, sie wollten erfahren, was sich früher hier abgespielt hat,
welche Sagen sich um die Seen gebildet hatten, was hier und wer einmal dort, wollten sie wissen.
Und während ich in Dobiegniew bündelweis meine Kindheit wieder an mich nahm und einerseits als
Nachfahrin versuchte, das Land mit den Augen meiner Vorfahren zu sehen, die hier gelebt haben und mich
als Besuchskind den Lilien auf dem Feld zugesellten, war ich andererseits zugleich ein Urahne des Landes,
dessen neue Kinder erheischend um mich standen, hergeben sollte ich, was an Geschichten ich kannte aus
der Zeit vor ihrer Zeit.
Wir gingen umher, ich zeigte, wo früher die Synagoge sich
befand, und mit einemmal stand auch meine Mutter wieder vor der roten Klinkermauer mit dem
Rabbiner in endlose Gespräche vertieft, ging sie nicht weiter, wie ich es doch gewollt hätte,
als ich noch klein und ungeduldig war, an ihrem Rock zerrte und zum erstenmal erlebte, daß man zwei
Menschen nicht auseinandertreiben kann, obwohl sie mit nichts als luftigen Worten aneinanderhalten
die alten Geschichten aus Woldenberg habe ich den Leuten aus Dobiegniew erzählt, die von Geistern
und Bränden, von Lehrern und Pfarrern.
Den Woldenberger Fuchsbau vererbt
Den Kindern von Dobiegniew habe ich den Fuchsbau am Katzensteg
vererbt, es gibt ihn noch, versteckt, mehr noch unter Grün versteckt als damals. Beschworen wurde
ich, wiederzukommen, man gab mir einen Stein von unserem Haus mit, damit ich es nicht vergesse. Wie
sollte ich nicht wiederkommen, ich habe Freunde in Dobiegniew wie ich sie in Woldenberg hatte, als es die
alten Annen dort gab, die mir sagten, daß man Blumen nicht von ihrer Wurzel trennen soll, und
seither mag ich Schnittblumen auch in den kultiviertesten Ikebanagestecken nicht.
Pflanzen gehören in die Erde, hat Annaberg gesagt, und der Lehrsätze von den Annen sind noch
mehr, sie übertreffen diejenigen des Euklid und Pythagoras in ihrer Bedeutung für das
Lebenkönnen, und für mich waren sie gesagt als ich das Häschen in der Grube war, über
die sie sich beugten, die schwarzseidenknisternden Annen, und taten, was sie konnten, mich das
Hüpfen zu lehren zwischen den Kornfelderwäldern von Woldenberg.
Ein Erbe, nicht aufzuzehren, Zinsen und Zinseszins tragend, wie sollte ich den Kindern von Dobiegniew
nicht den Woldenberger Fuchsbau vermachen, sie haben mir einen Stein meines Urgroßvaters Haus
gegeben, die Leute von Dobiegniew.
Alles Gute für die Kinder am Ort meiner Kindheit, die Bewohner haben gewechselt, die Sprache ist
eine andere, jedoch die Freundlichkeit ist die gleiche.
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Woldenberg/Nm In Ziebarths Theatersaal ist festlich gedeckt. Der Saal an der
Moltkestraße wurde nicht nur für Theateraufführungen genutzt. Auch Bälle und
Kinovorstellungen fanden hier statt. Das Gebäude wurde 1945 zerstört.
[Foto vom Ziebarth-Gebäude]
(Repro: 2013 khd)
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Anmerkungen / Remarks of the Editor:
[Translation-Service]
1) 
Die hier dokumentierten Erinnerungen sind Teil eines Buches Ein Kinderspiegel, das die
Schriftstellerin
Ursula
Ziebarth (Wikipedia) in den 1970er-Jahren schrieb. Wiedergegeben ist hier das Kapitel
Woldenberg (Seite 3338). Das Buch ist 1979 im Verlag Piper & Co. in
München erschienen (ISBN: 3-492-02480-7) und heute vergriffen. Der Dank fürs
Aufspüren und Digitalisieren des Textes sprich das Abtippen geht an Angela
Palm.
2) 
Beim Familiennamen Ziebarth ist in Adreßbüchern auch die Schreibweise
Ziebart (ohne das Schluß-H) anzutreffen. Die Autorin Ursula Ziebarth ist die in Berlin
geborene Enkelin der Inhaber von Ziebarths Theater- und Konzerthaus, das in Woldenberg zwischen
Moltkestraße und Parkstraße (später: Scharnhorststraße) bis 1945 existierte.
3) 
Alle Fotos wurden aus dem Woldenberg-Fundus ausgewählt und hier redaktionell hinzugefügt. Sie
sind im Originaltext (Buch) nicht enthalten.
4) 
Das Woldenberger Theater- und Konzert-Haus wurde um 1867 von Ursula Ziebarths Urgroßvater
gebaut. Dieser hatte 7 Kinder: Otto, Paul, Franz, Gustav, Anna, Marta und Minna. Otto Ziebarth
übernahm später das Theaterhaus an der Moltkestraße.
5) 
Und in diesem dunklen Wald, den die Woldenberger Das Gehege nannten, gab es sogar etwas
Feines zu Essen: Kleine aromatische Walderdbeeren, die in einer Kuhle wuchsen und toll schmeckende
Waldpilze. Aber ein süßes Knusperhäuschen, das gab es nicht, obwohl der Wald für
Kinder schon ziemlich verwunschen aussah.
6) 
An Hand des
Woldenberger Adreßbuches
von 1924/25 können die Wohnorte von 2 Annen ausgemacht werden:
Annadraußen wohnte in der Driesener Chaussee Nr. 3, also etwas südlich der
Eisenbahnstrecke. Annastadt wohnte wie schon der Name besagt mitten in der
Stadt in der Richtstraße Nr. 44, unweit des Hotels Prinz von Preußen von Ernst
Prochnow. Wo aber Annaberg im roten Ziegelhaus auf ’nem Sandhügel in Woldenberg
wohnte, ist unklar. War das vielleicht in der Nähe des Galgenbergs?
7) 
Hier gibt es eine Unlogik, denn der letzte Kriegsjanuar, das war wohl das Jahr 1944.
Und 1944 plus 36 Jahre das ergibt 1980. Das Buch Ein Kinderspiegel soll aber schon 1979
erschienen sein. Vielleicht gab es ja eine 2. ergänzte Auflage?
8) 
Alles deutet daraufhin, daß Ursula Ziebarth (um 1980) von Berlin auf der alten Ostbahnstrecke
über Küstrin (Kostrzyn) und Landsberg (Gorzów Wielkopolskie) bis Kreuz (Krzyz) gefahren
sein muß, um dort in einen Zug nach Woldenberg (Dobiegniew) umzusteigen.
9) 
Die Eisenbahnzüge, die von Kreuz über Mehrenthin kamen, hatten vor Woldenberg eine Steigung zu
bewältigen, die den Dampflokomotiven reichlich Kraft abverlangte besonders wenn’s
schwerbeladene Güterzüge waren. Uns Kindern wurde damals gesagt, ganz genau hinzuhören.
Die Loks würden dabei im Rhythmus des Arbeitstakts sprechen: Kann nicht schaf
fen, kann nicht schaf fen, kann nicht schaf fen!
Und kurz vorm Woldenberger Bahnhof, wo es ebener wurde, jubelten die Dampfrösser dann:
Hab’ g’schafft, hab’ g’schafft, hab’
g’schafft!
10) 
In Dobiegniew soll heute (2011) dieser Trampelpfad, der zu Woldenberger Zeiten Katzensteg
genannt wurde, nicht mehr existieren. Vom Verschwinden schrieb schon Dr. Schenk in seinem
Reisebericht von 1968. Aber
offensichtlich hat sich der Fuchsbau, der sich etwas unterhalb des Pfades im Gehölz verbarg, erhalten.
Anfang der 1940er-Jahre war für uns Kinder das Langschleichen über den Katzensteg jedesmal
ein richtiges Abenteuer konnte man dort doch nicht nur Katzen, sondern auch Füchsen begegnen.
Belohnt wurde es am Ende des Pfades, von wo man einen
herrlichen Blick aufs Tal des Mehrenthiner Fließes und die Stadt hatte
[
Blick im Winter].
11) 
Die Woldenberger Synagoge befand sich an der früheren Junkerstraße Ecke Brunnenstraße. Auf
diesem alten Foto ist etwas von ihr
zu erkennen. Auch sie wurde von den Nazis im November 1938 niedergebrannt.
12) 
Geschichten von Woldenberger Lehrern und Pfarrern gibt es hier im Internet bislang kaum. Aber es gibt
immerhin eine
Liste der Lehrer
sowie eine
Liste der Pfarrer,
die einst in Woldenberg wirkten.
13) 
Ziebarths Veranstaltungshaus wurde 1945 zerstört, Die Ruine wurde später abgetragen. Nur die
mächtigen Kastanien-Bäume stehen dort noch heute in Dobiegniew. In Ziebarths Garten
feierten die Russen am 9. Mai 1945 ihren
Sieg über Nazi-Deutschland.