Woldenberg (Neumark)   —  Die Stadtmauer khd
Stand:  14.9.2012   (46. Ed.)  –  File: WBG/St/Woldenberg_Stadtmauer.html



Friedeberger Heimat-Kalender 1926      
^   Schon etwas zerfleddert ist er – der Heimat-Ka- lender von 1926 (Titelblatt). (Verkl. Repro: 2007 – khd)
Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 
Seit 1915 erschien für den Landkreis Friedeberg ein „Heimat-Kalender“. In diesem wurden neben amtlichen Nachrichten und dem Kalendarium, hundertjährigen (Wetter-) Kalender, Bauernregeln sowie Messen- und Markt-Kalender auch zahlreiche Aufsätze zu verschiedenen kreisbezogenen Themen mit Fotos und Zeichnungen publiziert. Herausgegeben wurde dieser Heimat-Kalender vom „Kreis-Ausschuß des Kreises“. Schriftleiter war jahrelang G. Mirow aus Müncheberg.

   
  Stadtplan von Woldenberg
im 2. Fenster öffnen.
 
Auf dieser Seite wird die von Adolf Grünwald aus Woldenberg um 1925 verfaßte Geschichte zur Woldenberger Stadtmauer im Internet dokumentiert. Sie ist im Heimat- Kalender von 1926 auf den Seiten 57–61 zusammen mit 7 illustrierenden Federzeichnungen von Hermann Osterhagen abgedruckt. Bei dem ‚Reprint‘ wurden hier einige Anmerkungen [Ed: ...] redaktionell zugefügt. Die Woldenberger Stadtmauer ist nicht etwa durch die Ereignisse am Ende des 2. Weltkriegs zerstört worden. Sie war schon lange vorher verschwunden. [Translation-Service]

I n d e x : 

1926 — Wo ist die Woldenberger Stadtmauer geblieben?


Woldenberg -- Storchnestturm
^   1.  Storchnestturm mit dem ehemals Riedelschen Hause.   [Foto des Storchnests]   (Repro: 2007 – khd)

Wo ist die Woldenberger Stadtmauer geblieben?


VON

A. GRÜNWALD, WOLDENBERG

MIT 7 FEDERZEICHNUNGEN VON HERMANN OSTERHAGEN


   
  Stadtplan von 1721
im 2. Fenster öffnen.
 
      Eine Reihe neumärkischer Städte, z. B. Königsberg, Schönfließ, Friedeberg usw. hat die mittelalterlichen Befestigungen, Mauern, Türme und Tore bis auf diesen Tag erhalten, ehrwürdige Denkmäler vergangener Jahrhunderte. Wenn du aber auf der großen Heerstraße, die Berlin über Küstrin und Landsberg mit Ostpreußen verbindet, durch
      Woldenberg -- Brechlinsches Haus
^   2.  Brechlinsches Haus mit Schieß- scharte am Mühlentor.   (Repro: 2007 – khd)
Woldenberg reist, siehst du hier keine Spur mehr von einer Befestigung. Du fragst nach den Mauern, du findest sie nicht mehr. Aber mancherlei Namen weisen darauf hin, daß es einst anders war. Die Richtstraße unterbrechend gibt es wieder den Platz „Am hohen Tor“, lange Jahre „Pariser Platz“ geheißen. Oestlich der Fließbrücke wohnt man „Vor dem Niedertor“. Die Richtstraße wird geschnitten von der Ostmauerstraße, am See läuft die Nordmauerstraße, und an der Südseite der Stadt findest du die stille, hochgelegene Wallstraße.

      Woldenberg war, wie diese alten Namen bezeugen, vorzeiten rings von Mauern und Wall umgeben. Aber es ist herzlich wenig davon übrig geblieben. Auf einem Rundgang wollen wir die Reste besichtigen. Wenn du vom Bahnhofe kommend am ehemaligen Paddenpfuhl vorbei die verlängerte Bahnhofstraße [Ed: diese hieß zuletzt – nach einem Woldenberger Bürgermeister – Milferstaedt Straße] durchschreitest, kommst du zum Storchnestturm. Es ist der Rest eines alten Stadtmauer- turmes mit einer verlassenen Storchenwohnung. Noch vor 15 Jahren [Ed: um 1910] war sie bewohnt und den Woldenberger Frühaufsteher begrüßten von hier aus die Störche mit ihrem fröhlichen Geklapper. Aber der rauchgeschwärzte Turm, nach der Stadtseite offen, ohne Bedachung, von einer schiefen Planke umgeben und durch einen eingebauten Stall verunziert, bot viele Jahre ein unerfreuliches Bild. Erst in den Jahren 1922 und 1923 hat der Verschönerungsverein das alte Bauwerk freigelegt und seiner Umgebung ein würdiges Aussehen gegeben.

      An den Turm lehnt sich das ehemals Riedelsche Haus [Bild 1]. Es ist ein roter Ziegelbau, also der Bauart des Turmes angepaßt, wenn sich auch die modernen Ziegelsteine den alten Backsteinen des 13. oder 14. Jahrhunderts gegenüber recht zwergenhaft ausnehmen. Im Hofe des ehemals Riedelschen Hauses sieht man noch ein etwa 6 Meter langes Stück der Stadtmauer. Es hat aber nicht mehr die ursprüngliche Höhe und ist vielfach ausgebessert.


Woldenberg -- Simonsches Haus
^   3.  Rückseite des Simonschen Hauses, Ostmauer.   (Repro: 2007 – khd)

      Wanderst du vom Storchnest die Schulstraße hinab ostwärts, so kommst du vor der hölzernen Mühlenbrücke an die Stelle, wo einst das Mühlentor stand. Hier findest du an der Ostmauer noch alte Reste der Befestigung. Die Außenwand des Brechlinschen Hauses wird an der Fließseite von der Stadtmauer gebildet. Das kleine Fenster war eine Schießluke, deren Form wohlerhalten ist [Bild 2]. Nun wenden wir uns nach rechts zum alten idyllischen Schießplatz [Ed: Platz des örtlichen Schützenvereins]. Der Fußweg führt zwischen Gärten dahin. Links liegt der städtische Fließgarten; noch vor 12 Jahren stand hier das Tetzlaffsche Gartenrestaurant. Rechts aber siehst du durch die Gärten die Rückwand der Häuser an der Ostmauer. Auch hier ist die Stadtmauer bei Errichtung der Wohnstätten benutzt worden und daher erhalten geblieben. Die ganze Außenwand des Simonschen Hauses zeigt noch die großen Ziegelsteine der Kolonisationszeit in ursprünglicher Lagerung [Bild 3]. Auch beim Wagnerschen Hause sieht man auf der linken Seite [Bild 4] ein Stück Stadtmauer; rechts ist sie durch neuzeitliches Fachwerk ersetzt.

Woldenberg -- Wegnersches Haus
^   4.  Rückseite des Wegnerschen Hauses, Ostmauer.   (Repro: 2007 – khd)

      Wir wenden uns zur Nordmauerstraße. Sie zeigt aber keinerlei Reste alten Gemäuers. Die Wasserpforte [Bild 5], die den Zugang zum See durch die Stadtmauer ermöglichte, was bei Feuersnot sehr wichtig war, ist zwar erhalten. Auch die großen unbehauenen Steinstufen stammen wahrscheinlich aus längstvergangener, alter Zeit. Aber nicht ein einziger alter Mauerstein zeugt von dem Schutzbedürfnis Woldenbergs auch nach der Wasserseite. Auch der westliche, steil ansteigende Teil dieser Straße verrät nichts davon, wo hier die Stadtmauer gestanden hat, obgleich das Straßenbild einen recht unberührten Eindruck macht [Bild 6].

Woldenberg -- Wasserpforte      
^   5.  Wasserpforte von der Seeseite.   [Foto der Wasserpforte]   (Repro: 2007 – khd)
      Die ältesten Einwohner Woldenbergs haben allerdings erheblich mehr von Woldenbergs Befestigungen gesehen als wir. Wo sich jetzt der Brennereischornstein des Ritterguts erhebt, stand damals ein hoher Turm. Er war noch mit dem Storchnestturm durch eine Mauer verbunden. An ihr führte ein Fußsteg entlang, auf dem man in den Hof des Ritterguts gelangte. Der Turm hatte aber ein Einsehen und stürzte in einer Nacht zusammen. Auch die Mauer verschwand, so daß ein neuer Zugang zur Stadt frei wurde.

      Beim Neubau des Meyerschen Geschäftshauses „Am hohen Tor“ stieß man auf ein etwa 4 Meter breites zugemauertes Tor, dessen Torhaken noch fest im Mauerwerk steckten. Daß dies Tor zugemauert worden sei, nach dem es der falsche Waldemar zu seinem Einzug benutzt hatte, ist Sage. Jedenfalls war es für den Neubau hinderlich, und die Spitzhacke sorgte für das weitere.

      Als 1892 das Haus der Witwe Güse an der Nordmauerstraße gebaut werden sollte, war gleichfalls ein Stück Stadtmauer im Wege. Es wurde niedergerissen, und die Ziegelsteine versenkte man in die Grundmauer des Neubaus.

      Woldenberg -- Westende der Nordmauer
^   6.  Rückseite der Grundstücke aus der Neuen Straße am Westende der Nord- mauer.   (Repro: 2007 – khd)
      Ende der [18]50er Jahre stand neben dem Simonschen Garten noch die Stadtmauer in einer Länge von etwa 6 Meter. Sie war aber baufällig und drohte umzustürzen. Die um das Wohl der Bürger besorgte Obrigkeit hatte noch keinerlei Sinn für die geschichtliche Bedeutung das alten Gemäuers. So wußte man bald Rat, damit niemand von der stürzenden Mauer verletzt werden konnte; man riß sie ab und verwendete die Steine zum Aufschütten des Klosterfelder Dammes, auf dem jetzt die Kunststraße nach Gramsfelde führt [Ed: solch ‚intelligentes‘ Handeln der Obrigkeit, das auf wenig ausgeprägtem Geschichtsbewußtsein der handelnden Figuren beruht, gibt es noch heute – zum Beispiel der nahezu vollständige Abriß der Berliner Mauer].

      Dieser Fall zeigt uns, woran es wohl liegt, daß die Woldenberger Stadtmauer unsere Zeit nicht erlebt hat; sie hatte ein so schwaches Fundament, daß sie ihre Standfestigkeit verlor, als erst einmal Bresche gelegt wurde. Nur das Niedertor hat feste Grundmauern gehabt, wahrscheinlich wegen des ungünstigen Baugrundes und weil es sich hier, an der gefährdeten Ostseite, um größere Mauermassen handelte, die zu tragen waren. Als man an der Nordseite der Richtstraße den unterirdischen Wassereinlauf in das Fließ herstellte, stieß man auf die alten, festen Grundmauern des ehemaligen Niedertors. Als dagegen 1922 am Storchnestturm gearbeitet wurde, stellte sich wieder heraus, daß hier von einem Fundament kaum geredet werden kann.

      Ein weiterer Grund für das Verschwinden der Befestigungen liegt in der geschichtlichen Entwicklung. Im Inneren des Landes wehrten die Fürsten — erst die Askanier, dann die Hohenzollern — den Fehden. Das polnische Reich, von dem früher Gefahr drohte, verfiel. So verloren die Mauern und Tore ihre Bedeutung als Schutz und Schirm der Bürgerschaft. Daher wurde zu ihrer Erhaltung nichts mehr getan. Die wiederholten Feuersbrünste, die Woldenberg heimsuchten, werden auch zur Zerstörung der Turmuhr beigetragen haben. Seit Einführung der Akzise, jener Verbrauchssteuer, die die Landbewohner an den Toren zahlen mußten, dürfte die Mauer noch einmal notdürftig hergestellt worden sein, aber ihr Verfall ist auf die Dauer nicht verhindert worden.

      Und so ist sie verschwunden. Die Steine sind in die Fundamente versenkt oder zum Aufbau von Ställen usw, benutzt. Bei dem Schwarzkopfschen Hause an der Ostmauerstraße [Bild 7], dessen halbe Rückwand noch ein Stadtmauerteil ist, hat man den Stall rechts aus den großen Backsteinen ausgeführt, die durch Abbruch der Stadtmauer gewonnen sind. So ist es gekommen, daß die alten wackeren Mauersteine, einst zur Abwehr von Kriegsgeschoß und feindlichem Feuerbrand bestimmt, heute friedlichen Vierfüßlern ein schützendes Obdach gewähren. —

Woldenberg -- Schwartzkopfsches Haus
^   7.  Rückseite des Schwartzkopfschen Hauses, Ostmauer.   (Repro: 2007 – khd)

   
  G ä s t e b u c h - E i n t r a g
Für Woldenberg mit Umgebung,
die Neumark und auch Pommern.
 
      Auch an anderen Gebäuden der Stadt gucken hier und da, wo Putz abfällt, die massigen Ziegelsteine der alten Zeit hervor, und wer in der Dämmerung an solchen Stellen vorübergeht, hört wohl ein leises Raunen des Unmuts und der Unzufriedenheit. Die alten Knaben scheinen noch nicht gelernt zu haben, daß es in der Geschichte keine Dankbarkeit gibt und daß der eherne Schritt der Geschichte zermalmend über die Werke der Menschen hinweggeht — solange nicht geschichtlicher Sinn und Heimatliebe das Alte fürsorgend betreuen, wie es das Dichterwort fordert: „Was du ererbst von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“


Woldenberg — Historischer Stadtplan von 1721


Woldenberg-Stadtplan von 1721
^   Ein Plan von Woldenberg aus dem Jahr 1721, das urkundlich erstmals 1250 als „Dubegneve“ erwähnt wird. Erst 1368 taucht der Name „Woldenberg“ auf. Nach 1945 kehrte Polen zur ursprünglichen slawischen Namensgebung in der Form von „Dobiegniew“ (Neu-Eiche) zurück.

Die kleine Stadt ist Anfang des 18. Jahrhunderts von einer Stadtmauer mit Wallanlagen umgeben. Im Norden und Osten bieten der große Woldenberger See sowie das Wasser des nach Süden in Richtung Drage fließenden Woldenberger Fließes weiteren Schutz. An der Nordost-Ecke der Stadtmauer ist ein Wachturm vorgelagert.

Noch heute steht an der nach Westen verlängerten Schulstraße (der Milferstaedt Straße) ein beeindruckender hoher Rest der alten Stadtmauer – das Storchnest.
[Report über die Reste der Woldenberger Stadtmauer von 1926]
[Frühere Namen der Straßen]   (Repro+Korr: 2005 – khd)

Erläuterungen:

  1 = Fließbrücke Mühlengasse.
  2 = Schule.
  3 = Rathaus.
  4 = Hohes Tor.
  5 = Fließbrücke Niederes Tor.
  6 = Fließ + Woldenberger See.
  7 = Wachturm.
  8 = Ev. Kirche.
  9 = Wallstraße.
     


  A = Marktplatz.
  B = Brauhausstraße.
  C = Kurze Marktstraße.
  D = Neue Straße.
  E = Richtstraße.
  F = Alte Marktstraße.
  G = Kirchstraße.
  H = Schulstraße.
 
     


   
  Geschichte Woldenbergs
Im khd-research.net,
die freie Info-Quelle.
 


   
  Geschichte Woldenbergs
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 



Andere Woldenberg-Themen:
[Bahnhof]  [Bahnhofsviertel]  [Bernsteinpferd]  [Bier]  [Denkmal]
[Division]  [Fließ]  [Friedeberger Straße]  [Friedhof]  [Gehege]  [Kirche]
[Krankenhaus]  [Krügergrund]  [Lager]  [Marktplatz]  [Rathaus]
[Richtstraße]  [Russen-Einfall 1945]  [Schule]
[Stadtmauer]  [Storchnest]


Rubriken dieser Woldenberg/Dobiegniew-Präsentation
  • Woldenberg (Leitseite)
  • Woldenberg (Umgebung)
  • Woldenberg (Seenlandschaft)
  • Woldenberg (Das Modell)
  • Woldenberg (Plan 1721)
  • Woldenberg (Plan 1939)
  • Woldenberg (Geschichte)
  • Neumark (Lebuser Land)
  • Neumark (Alte Karte)
  • Neumark (Neue Karte)
  • Kreis Friedeberg (Karten)
  • Bayers Hof (Erinnerungen)
  • Kochrezepte (Spezialitäten)
  • Forum / Guestbook
  • Orte der Neumark
  • Arnswalde | Neuwedell
  • Driesen | Friedeberg
  • Landsberg | Stettin
  • Bilder aus der Neumark
  • Bilder aus Pommern
  • Dobiegniew-Panorama
  • Woldenberg (Fotostrecken)
  • Dobiegniew (Fotostrecken)
  • References (Links)
  • Foto-Verzeichnisse
  • Karten-Verzeichnisse
  • Artikel-Verzeichnis
  • Wo war was in Woldenberg?
  • Zur Site-map von »woldenberg-neumark.eu«

    Zur Leitseite
      Zum Report 12



    ©  2006–2014    Karl-Heinz Dittberner (khd) – Berlin  —  Homepage  —  Last Update: 11.04.2014 18.49 Uhr