Vorwort und Anklage
Ich bin Renate Brandes. Mein Mann war Rechtsanwalt in einem kleinen pommerschen Städtchen, und wenn ich schreibe, er war es, so wißt ihr, daß
sein Leben ausgelöscht wurde wie das so vieler tausender anderer in jener harten Zeit,
ausgelöscht wie das Städtchen, in dem wir so viele glückliche Jahre verlebten.
Von vier blühenden Kindern blieben mir nur zwei als mein ganzer gegenwärtiger Reichtum,
einen Sohn, den herzensguten, fraß der Moloch Krieg, Mutter und Tochter kamen um in den Flammen
jener grausigen Nacht. Oft denke ich, was ist härter: Das Schicksal, das uns so schrecklich
schlägt, oder des Menschen Herz, das diese Schläge erträgt, immer
geht das Leben weiter, und das Herz schlägt seinen gewohnten Schlag, Gott aber schweigt,
schweigt, wie er seit Jahrtausenden schweigt zu allem Elend dieser Welt.
Denn ich bin eine Mutter! Und so klage ich an! Ich klage gegen den Sturm, der des Schicksals Räder
zum Drehen bringt, ich klage an die Hand, die den Hebel löst, ich klage an die Steine,
die das weiche Korn zermahlen, ich klage an, so lange mein Leben noch währt, wenn ich auch
weiß, daß ich gegen den Wind rede!
Wir Frauen sind die Erhalter des Lebens, mögen die Zerstörer die Last ihres Gewissens
tragen bis in ihre Sterbestunde, und wir sehen keinen Unterschied darin, ob einer mit einem Faustkeil
seinem Gegenüber den Schädel spaltet oder mit Granaten den Leib zerreißt. Er tötet.
Und so gilt mein erster und letzter Schrei dem Wahnsinn des Krieges, den niemand will und gewollt hat und
dessen Gesetzen alle gehorchen.
28. Januar 1945
Heute ist der 28. Januar 1945. Die Luft, das Haus zittern von Kanonendonner, der nun schon seit Tagen aus
der Ferne herüberdröhnt. Die Straßen sind vollgestopft von Trecks, die alle nach Westen
nach Westen ziehen, und über allem rieselt der Schnee unaufhörlich, ohne Ende.
Um Mitternacht nun läuteten wie verabredet die Glocken von
unserem Kirchturm, zum Zeichen, daß die Stadt geräumt werden solle, und so lagen wir,
mein Mann und ich und die beiden Töchter, nach einer durchwachten, durchredeten,
durchängstigten Nacht noch im Bett, als die beiden Freunde unseres Hauses die Treppe heraufkamen, um
uns zu sagen, daß sie beide bleiben müssten, denn sie gehörten dem Volkssturm an. Sie
raten dringend, die Stadt zu verlassen, doch mein Mann will bleiben.
Er macht sich gewiß falsche Vorstellungen von der Zukunft, von einem modernen Kriege wie diesem,
hängt am Haus und Hof und am Besitz, führt als Grund immer wieder die bettlägrige
Schwiegermutter, meine Mutter, an, die vor einigen Tagen ein Bein brach und getragen werden mußte.
Wo sollen wir mit ihr hin? Hat er recht, hat er unrecht, ich möchte ihm
glauben, aber mein Herz zittert aus Angst vor der Zukunft.
Zudem herrscht ein beißender Frost, und der Schnee, der fällt und fällt.
Mein Mann hat die Absicht, wenn der Feind kommt, in ein Dorf auszuweichen, wie er es nennt, und hofft,
daß so die Furie des Krieges an uns vorbei gehen würde. Und so haben wir den ganzen Abend
vorher gepackt, das Notwendigste nur, aber was ist das Notwendigste? Immer ist und wird es ein ganzer
Haufen, den wir kaum von der Stelle bringen können, denn wir haben nur einen Handschlitten und ein
kleines Wägelchen, und in den Schlitten muß doch noch unsere arme Mutter.
Ich habe mir ein kleines Schulheft von unserer Ältesten, der Traute, gegriffen, sitze hier zwischen
Kisten und Kasten, und schreibe meinen Kummer vom Herzen. Wir müssen auf die Straße, so
wie so. Immerfort rollt und grollt mir die donnernde Begleitmusik des Krieges in den Ohren, mal
näher, mal ferner und der Schnee, der Schnee, der fällt.
Am Nachmittag
Am Nachmittag: Der Volkssturm hat sich aufgelöst, da er keine Waffen, keinerlei Uniform, nicht
einmal Armbinden besaß. So sind unsere Freunde mit dem letzten Zuge, der gegen Mittag fuhr,
aus der Stadt. Wir sind nun allein einsam und, wenigstens ich, dem Weinen nahe. Es dunkelt schon, und
alle Straßen liegen still und verlassen. Und es schneit und es schneit.
Hier und da leuchtet hinter einem Fenster ein schwaches Licht, da sitzt ein altes Weiblein, das sein
warmes Stübchen nicht verlassen will, vielleicht ein alter Mann, dessen Gedanken nur noch in der
Vergangenheit spinnen. Es sind aber auch noch Jüngere da, die machen es sich lustig und sind
vergnügt bei Wein und scharfen Getränken und meinen, der Feind ist bestimmt nicht so schlimm,
wie man ihn mache. Auch dort gibt es Menschen. Wir wollen es glauben, so sehr glauben!
Mein Mann drängt zur Eile, die Kanonen rollen und donnern schon ganz nahe, wir wollen fort von der
großen Heerstraße, fort in ein weltverlassenes Dorf, und
so haben wir unser Wägelchen mit Betten vollgepackt, oben auf den Eßkorb, im Handschlitten
sitzt unsere alte Oma, in vielen Decken gewickelt, und diesen Schlitten schiebt Frau Hiller, unser
Bombenflüchtling aus Berlin, der bei uns bleiben, und nicht verlassen will. Das ist ein kleiner
Trost in all dem Elend.
Das Wertvollste ist im Keller vergraben. Noch ein Blick in das vertraute Rund der Stuben, in die
Küche, hin zum Keller, mir krampft sich das Herz zusammen. Rosemarie, unser Jüngstes
weint, und hängt mir am Mantel. Trautchen die ältere, ist fröhlich und guter Dinge. Was
kann ihr geschehen, da Vater und Mutter bei ihr sind. Meine Heimat meine Welt!
Am Abend und nachts
So ziehen wir hin, in Nacht und Schnee und Kälte, meine Mutter hält ihre Augen
geschlossen, als lebe sie nicht mehr in dieser Welt, jammert und stöhnt leise vor sich hin. Nachts:
Wir sind in einem kleinen Dörfchen untergekommen, bei einem uns bekannten Bauern, doch sind wir
nicht allein. Mit uns haben sich noch zwei Familien einquartiert, und nun sitzen wir dicht bei dicht, auf
Bank, Stuhl, Bett und auf dem Boden, auf dem Tisch blakt trübe eine kleine Kerze, Kinder
plärren.
Über allem liegt Angst und Trübsal und Verzweiflung, und ich habe mich zu meinem Heftchen
gerettet und schreibe... Meinen Mann ärgert das. Was schreibst Du denn dauernd? schilt
er. Ach laß, sage ich, ich muß mir die Angst von der Seele schreiben. Er
brummt: Das braucht nachher nur jemand finden, und du hast den Deubel am Hals. Was ich
schreibe, beruhige ich ihn, kann jeder lesen, wenigstens bis jetzt. Aber ich merke,
daß auch er nervös ist.
Der Feind muß ja dicht vorm Dorfe stehen, es knallt und blitzt
und donnert an allen Enden, die Erde zittert und dröhnt, die Kinder weinen und schreien, die
Männer sitzen dumpf, eine Frau betet laut. Mir ist die Kehle wie zugeschnürt. Ein deutscher
Soldat stürzt herein. Sieht sich wild um und schreit: Der Feind steht schon im Dorf,
ich türme!!, knallt die Tür wieder zu, weg ist er. Mein Mann schiebt Trautchen unter die
Bank, hastig, nervös, ich weiß was er denkt.
Rosemarie sitzt eng an mich gepreßt, hält ihr Püppchen im Arm und sieht mit großen
schreckensstarren Augen auf die Tür, hinter der soeben der Soldat verschwunden. Jetzt steh’
uns der Himmel bei, an dieser dünnen Minute hängt unser aller Schicksal. Plötzlich ist es
draußen ganz still, man müßte unsere schlagenden Herzen hören, so tief ist diese
urplötzliche Stille. Die Angst zwingt mir den Bleistift aus der Hand...
Um 1 Uhr nachts
Ein Uhr nachts: Nein, es ist uns nichts geschehen, soeben war der erste Russe hier, ein
baumlanger, schlitzäugiger Mongole, ein Offizier wohl. Er riß die Tür auf, sah
mißtrauisch in alle Winkel und ging wieder. Ach, hoffentlich sind sie alle so, schon regt sich auch
die Hoffnung wieder. Einige Frauen kramen gleich wieder in ihren Eßkörbchen, eine ist in die
Küche gegangen, um einen Kessel Wasser aufs Feuer zu stellen. Für Freund und Feind,
wie sie sagte, ach, was braucht das Lebensflämmchen so wenig, um wieder zu flackern und zu
brennen.
Danach kamen noch mehrer Soldaten, schwer bewaffnet, aber sie grinsten gutmütig und zogen
bald wieder ab, nahmen auch nichts von dem, was wir ihnen boten. Nur einer sah meines Mannes goldene Uhr,
riß sie an sich, und im Nu waren sie verschwunden. Mein lieber Mann saß einen Augenblick
schreckerstarrt, aber ich tröstete ihn gleich, laß fahren dahin, wenn uns nicht mehr
geschieht!
Eben knallt es draußen wieder die Bäuerin stürzt schreiend herein und ruft uns
entsetzt zu: Eben haben sie den Bauern Hempe erschossen?!! Warum!??? Ja, warum?!
Auf seinem Hof lag eine deutsche Uniform, von der er gewiß nichts wußte, gewiß
hat sie der deutsche Soldat von vorhin mit dem Zivilanzug aus des Bauern Schrank vertauscht. So ist des
einen Tod des anderen Leben. Und nun zittern uns allen wieder die Knie vor Schrecken.
Ich sehe durchs Fenster. Draußen auf den verschneiten Straßen rollen Panzer über Panzer
vorbei, es nimmt gar kein Ende. Und wir Törichten dachten, dem Feinde hier auszuweichen; nun
sehen wir’s, der Feind ist überall. Seit eben jemand von draußen ins Fenster geschossen
es ist Gott sei Dank nichts geschehen drückt sich jedermann in die Winkel. Der
Schuß ging in die Decke. Reinhardt, mein Mann, ist trotz der Aufregung eingenickt vor
Erschöpfung. Mich flieht der Schlaf.
30. Januar 1945
30. Januar 1945. Zwei Tage leben wir nun schon in dieser drangvollen Enge. Das tägliche Leben spielt
sich auf 16 Quadratmeter Raum ab und das mit drei Familien, mit Kindern und hilfsbedürftigen,
alten Leuten. Wenn uns nicht immer noch die Angst das Herz zusammenschnürt, wäre dies
Durcheinander von Kindergeschrei, scheltenden, betenden, keifenden, schmatzenden Frauen und Männern
kaum auszuhalten. Das Fenster zu öffnen wagen wir nicht, aus Angst, es werde hereingeschossen, so
ist die Luft hier drinnen kaum zu ertragen.
Frau Hiller hat sich in die Küche geflüchtet, um beim Suppenkochen zu helfen, ich selbst bleibe
bei meinem Mann und den Kindern und bei der Mutter, die ihre Wartung brauchen. Nach den Kampftruppen
quirlt draußen der Nachschub vorbei, alle Augenblicke steckt ein Soldat, den man nicht mehr Soldat
nennen mag, seinen Kopf zur Türe herein, schreit Uri Uri und durchsucht
unsere Taschen, allerdings erfolglos, denn was wir bei uns hatten, ist uns längst genommen
worden.
Trautchen hat ein altes Tuch um ihren Kopf und den Oberkörper geschlungen, hat sich das Gesicht mit
Ofenruß beschmiert und hockt zwischen oder hinter uns als uraltes Weiblein, und Gott sei Dank hat
sie noch niemand entdeckt. Aber mein Herz zittert, wenn ich an die Zukunft denke, und darf es doch nicht
zeigen, denn mein Mann ist schon ganz fahrig vor Aufregung und Sorgen. Wenn es mal gar zu arg wird mit
einem unserer Belästiger schreit eine Frau an der Tür, wir haben das so ausgemacht, laut und
gellend: Kommandant Kommandant! Und bisher haben sich die Russen immer sehr schnell
darauf zurückgezogen.
Ab und zu knallt es draußen, dann schreien die Kinder, jammern die Frauen, da braucht man keine
starke Natur, um Lärm und Gestank ohne Murren zu ertragen. Nun aber scheint der Hauptteil der
feindlichen Armee vorüber zu sein. Hier und da rollt noch dröhnend ein Panzer vorbei, meist
aber sind es die Panjewagen, besetzt mit älteren, bärtigen Männern, die an unseren
Fenstern vorüberzuckeln. Diese Männer sind gutmütig und wohl auch freigiebig, man sagt,
daß sie Brot und Schmalz oder was sie gerade haben, gerne hergeben.Und gleich ergibt sich die
Hoffnung wieder, daß der Sturm nun doch gnädig über uns dahingegangen, daß wir
unbeschädigt aus diesem entsetzlichen Wirrwarr davongekommen.
Reinhard, mein Mann namentlich, ist kaum mehr zu halten, er will nach Hause, will wissen, wie es daheim
aussieht, da nützt all’ mein Reden nichts, ich merke ihm seine Unruhe an und sage
schließlich nichts mehr; nur einen Tag habe ich ihm abgerungen, und er mußte sich denn doch
rügen, da die Straße noch voller Fuhrwerke ist. Aber übermorgen wollen wir denn in den
Nachmittagsstunden aufbrechen, um heimzuwandern. Gebe der Himmel, daß unser Haus noch
steht!
1. Februar 1945
Am ersten Februar 45, abends: Gott im Himmel!! Ich habe Augen und kann nicht weinen, ich habe ein Herz,
aber es schlägt wie ein Stein in der Brust, ich kann nur noch schreiben schreiben,
daß mir der Jammer nicht die Seele sprengt. Neben mir hat Frau Hiller den Kopf auf den Tisch gelegt
und schläft den Schlaf der Erschöpfung, auch Rosemarie schläft den Schlaf ihrer Jugend,
und daß wir drei nur noch, Gott im Himmel, soll ich den Namen des Schöpfers anrufen,
der dieses Elend mit ansah und nur nicht einmal Tränen gibt, um meinen Schmerz zu
lindern?!
So sind wir alle losgezogen, wie mein Mann es wollte. Frau Hiller schob unsere Mutter im Schlitten, wir
andern zogen das Wägelchen, doch weit kamen wir nicht. Von weitem sahen wir schon, oben von der
Gramsfelder Höhe, schwarzer Rauch, dunkler Qualm in den Himmel steigen, sahen es. Das ganze
Städtchen brannte! Fassungslos standen wir am Wege, sahen zerstört, was uns lieb und Heimat
gewesen, über uns und um uns legte der Himmel sein weißes Tuch. Da hat es ja keinen
Sinn, weiterzugehen, rang es sich von meines Mannes Lippen, wir müssen sehen, wie wir
hier am Wege Unterkunft finden.
Am Wege stand nun eines Neusiedlers Haus, in das wollen wir, aber es ist vollgestopft von
Flüchtlingen, und es war manch Bekannter unter ihnen. Aber jetzt zeterten sie alle und riefen, hier
sei es voll, wir sollten sehen ob wir wo anders noch Platz fänden, und schließlich
mußten wir uns dreinfinden und zogen ab. Der Wind war nun zum Sturm geworden, der heulte über
die Höhe und der Schnee schlug uns ins Gesicht.
Schräg gegenüber lag ein verlassenes Gehöft, dahin wollten wir, aber dazu mußten wir
die Straße überqueren, Frau Hiller wagte es als erste mit ihrem Schlitten
hinüberzulaufen. Indem aber kam auch schon ein Panzer angerattert, hielt, ein Soldat sprang
heraus, stieß den Schlitten mit einem Fußtritt in den Straßengraben und
stürzte sich auf Frau Hiller. Und gewiß hätte er ihr Gewalt angetan, wenn nicht in diesem
Augenblick ein zweiter Panzer angerollt gekommen wäre, da ließ der Kerl von seinem Opfer, und
für einen Augenblick war die Straße frei. So kamen wir alle glücklich hinüber, auch
unserer lieben Oma war nichts geschehen, aber ich weiß nicht, ob sie überhaupt etwas gemerkt
hat, denn ihr Augen waren wie immer geschlossen, und nur ab und zu murmelte sie etwas
Unverständliches.
In der Wohnstube der Siedlung fanden wir alle vorerst eine Unterkunft, auch Schutz vor dem scharfen
Oststurm, wenn es auch bitterkalt war, so waren wir doch froh, wenigstens ein Dach über den Kopf zu
haben. Lange aber hielt es mein Mann drinnen nicht aus, er wollte hinaus, mußte sehen, ob
der Brand sich weiter ausdehne. Frau Hiller begleitete ihn. Gehe nicht, schrie ich,
draußen lauert das Unglück ! Ich kann nicht weiter
schreiben......
xx. Februar 1945 (4.?)
Zwei Tage danach, in einem Keller in der Ostmauerstraße
(Woldenberg). Ich sitze in einem feuchten Kellerloch, auf einer Matratze, die wir aus dem Schmutz der
Straße aufgelesen. Aber ich sitze nicht allein, neben mir sitzt eine, die aussieht wie ich, aber
ihr Herz ist von Stein und in ihren Adern fließt kein Blut. Sie schreibt sie schreibt
sie schreibt.
Mein Mann ging hinaus, und da er schlecht sieht, blickte er angestrengt hinüber zu dem schwelenden
Qualm, der den ganzen Horizont überlagerte, und sah nicht, daß auf der Straße
wieder ein Panzer daherkam. Der Panzer hielt und mehrere Soldaten sprangen heraus und stürzten auf
unser Gehöft zu. Zwei Soldaten kamen in unsere Stube, sahen mich und die alte Mutter, zogen ihre
Pistolen und zwangen mich ans Fenster zu treten. Da mußte ich mit ansehen, wie die beiden anderen
meinen Mann zwangen, den Pelz abzulegen, wie sie ihn zwangen, Rock und Hose auszuziehen, wie sie ihm die
Brille vom Gesicht schlugen, und wie ich mich umwandte und schrie, habt doch
Barmherzigkeit, hörte ich nur noch, wie ein Feuerstoß seinem Leben ein Ende
setzte.
Ich fiel um, denn mein Herz versagte, schwarze Nacht umfing mich. Als ich wieder zu mir kam, war
ich mit meiner Mutter, die immer leise vor sich hinmurmelte, allein. Trautchen aber kam in diesem
Augenblick mit meiner Freundin, das war ein Fräulein Kaiser, die sich irgendwie dazugefunden, die
schrien: Die Scheune brennt! Unsere Scheune brennt! In ihren Augen stand der Irrsinn und die
Angst, und da sie riefen, liefen beide hinaus und hielten sich an den Händen fest. Und ich
raffte mich auf und sah, wie dicke Rauchwolken aus dem Scheunentor quollen.
Eine riesige Stichflamme schoß hinaus, und mitten im Rauch und Feuer liefen die beiden Mädchen
an ihrem toten Vater vorbei, und wenn ich es recht verstanden habe, schrie Trautchen noch zurück:
Wenn Vater nicht mehr lebt, will ich auch nicht mehr leben! Und ich mußte mit
ansehen, wie unser Trautchen mit ihrer Freundin in den Tod ging. Die Hiller aber lief um die brennende
Scheune herum und wollte mit einem Eimer Wasser löschen, wo es doch nichts zu löschen gab; wo
aber war Rosemarie? Ich wußte es nicht, konnte auch keinen Gedanken fassen, nur eines dachte
ich klar und zwingend: Das ist das Ende nun gehen wir letzten auch in den Tod.
Ich blickte in den feuerhellen Abend hinaus, es knisterte und prasselte an allen Enden, und nun auch
über uns, über unserer Stube mit Rauch und ich mußte stark husten. Plötzlich zerrte
mich jemand am Mantel. Es war Rosemarie. Laß mich, sagte ich, es geht gleich zu
Ende, es tut auch gewiß nicht weh. Aber das Kind zerrte und zog und rief: Ich will doch
nicht sterben, Mutti! Ich nicht! Komm raus hier! Und ihr dünnes Stimmchen zitterte vor
Aufregung und Angst.
Nun sitze ich hier in diesem Kellerloch, das Heft von Trautchen auf den Knien (ach Trautchen, mein
Trautchen) und es ist meine Schrift darin, meine Schrift, die ich nicht geschrieben. Neben mir
aber stehen ein paar Schuhe. Um Gotteswillen, wie kommen die Schuhe hierher!? Sie gehörten
doch meiner Mutter! Meiner Mutter Ach meiner Mutter!! Ich will schlafen, denn der
Schlaf liegt dem Tode am nächsten. Neben mir, den Kopf auf mein Knie gepreßt, liegt Rosemarie,
und auch Frau Hiller hat sich in eine Ecke gedrückt und schläft den Schlaf der
Erschöpfung.
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Blick von Woldenbergs Kirchturm auf das zerstörte Zentrum 1945. Dieses Foto entstand aber
später, denn die Straßen sind schon vom gröbsten Schutt und Gerümpel befreit.
[Vergrößerung]
(Repro: 2011 khd)
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Eine Stunde später. Ich kann doch nicht schlafen, wie soll ich schlafen, da alles Erlebte so grausam
klar vor meiner Seele steht! Was kann weiter geschehen, ich weiß es nicht. Wir drei fanden uns in
einem verlassenen Haus wieder, das wohl in der Nähe lag, denn ich entsinne mich noch, daß das
brennende Gehöft unsere Stube erhellte. Frag’ nicht, was ich gelitten , ich konnte nicht
mehr leiden, ich hatte kein Gefühl, kein Herz mehr, das diesem Wahnsinn schlug, ich war wie
aus Stein. Wir schliefen, denn das Leben forderte sein Recht. Und der Tag Frau Hiller kochte
für uns alle Kartoffeln, die sie in der Miete fand, dann schliefen wir wieder.
xx. Februar 1945 (6.?)
Und nachdem es wieder Tag und wieder Nacht und wieder Tag geworden, machten wir uns auf in unsere noch
rauchende und schwelende Stadt. Ich trug ein Päckchen unter dem Arm, von dem ich das Gefühl
hatte, ich dürfe mich nicht von ihm trennen, obwohl ich nicht wußte, was drinnen war,
nun weiß ich es, es sind die Schuhe meiner Mutter.
Die Straße war zerfahren und voller Schmutz, denn das Wetter hatte umgeschlagen. Und als wir an den
Postberg kamen, der in die Stadt hineinführte, blieb uns das Herz stehen. Rauchende Trümmer,
geschwärzte Essen, Verwüstung und Zerstörung überall. Auf den Straßen ein
heilloses Durcheinander. Wäschestücke, zerschlagene Möbel, Hausrat aller Art, und mitten
auf dem Damm, ein dunkler Fleck, der einmal ein Mensch gewesen, wohl
eine Frau, denn Panzer hatten zerwalzt, was einmal Form und Leben gehabt, es war nicht mehr zu
erkennen.
Oben am Postberg die gleiche Zerstörung, wir mußten uns einen Weg bahnen, um die Stadt
zu erreichen. Und mit Mühe nur fanden wir zu unserem Haus, zu unserem lieben Haus. Ach, ausgebrannt
auch hier die Wände, schwarz die Fenster, und nun liefen mir noch die Tränen, und auch
Rosemarie schluchzte zum Steineerweichen. Wir gingen in den Garten, in dem wir so oft zur frohen
Sommerzeit gesessen, verbrannt, abgehackt, zersplittert die Bäume, zerschlagen die
Bienenkästen, die Bienen haufenweise erfroren im Schnee, ein Bild des Jammers.
Nur der Keller war noch einigermaßen erhalten, wenn auch alles von unterst nach oberst verkehrt,
aber was wir in einer Ecke vergraben, schien unberührt. Hilflos und bis in den Tod traurig
standen wir drei wieder auf der Straße. Indem kam ein russischer Soldat auf uns zu und bedeute uns
barsch ihm zu folgen. Wir gingen willig mit ihm, denn wohin sollten wir sonst? Er führte uns
durch die Stadt, und überall sahen wir die gleiche Zerstörung, Rauch und Trümmer
überall und ein schreckliches Durcheinander.
Die ganze Innenstadt ein einziger Brandherd, schwelend qualmend, der Verwüstung grausames Bild.
Hinter der Kirche, die noch gut erhalten, in einer Nebenstraße, lag eine Leiche, ein Mann. Man
konnte aber nicht mehr erkennen, wer es gewesen, denn sein Kopf war in die glühende Asche gefallen
und ganz schwarz und klein. Wir wurden zur Brauerei gebracht, die am anderen Ende der Stadt liegt, auch
sie war ausgebrannt, doch wie bei uns war der Keller noch leidlich erhalten. Hier, bedeutete uns der
Soldat, könnten wir über Nacht bleiben.
Wir waren viel zu müde und erschöpft, um Böses zu ahnen, sonst hätten wir uns doch
fragen müssen, warum er so hartnäckig grinste. Der Keller bestand aus zwei Räumen, deren
erster ein zerschlagenes Fenster hatte und in dem es etwas zog. Der zweite Raum aber war dunkel und vom
Brand und der darauf liegenden Asche schön warm. Dahinein verkrochen wir uns alle drei, und wenn wir
auch auf der blanken Erde liegen mußten, denn er war sonst ganz leer, so schmiegten wir uns doch
eng aneinander und fielen allsogleich in tiefen Schlaf. Wir wußten, daß vor dem Hause ein
Posten stand, und meinten, er werde uns schon bewachen. Ach, kindliche Einfalt! Kaum schliefen wir,
zerrte uns schon wieder eine rauhe Stimme wach. Wir sollten herauskommen, soviel verstanden
wir.
Frau Hiller, die am weitesten außen lag, erhob sich schlaftrunken um zu sehen, was es gäbe.
Wir blieben zurück und wagten vor Angst nicht zu flüstern. Zwei lange Stunden warteten wir so
auf die Ärmste, und als sie dann endlich kam, weinte sie sehr, und sie nahm meine Hand und
führte sie an ihren Kopf, und ich fühlte, daß ihre Wangen und ihr Kopf
blutüberkrustet waren. Sie brauchte nichts weiter sagen, wir wußten auch so, was sie gelitten,
und uns war klar, daß wir hier, so übermüdet wir auch waren, nicht bleiben
konnten.
So krochen wir leise, leise, immer in der Angst, der Posten werde uns hören, durch das zerschlagene
Fenster. Vor dem Fenster lag viel Unrat und Schutt, dahindurch schlichen wir uns, bis wir glücklich
an die Promenade kamen. Hier zwischen See und Stadt, tasteten wir uns an den Gärten entlang, und
hier waren kleine Mauerhäuschen, alle gut erhalten. Aber sie alle waren vom Keller bis zu den
winzigen Hausböden voll besetzt, überall hatten sich die Menschen hineingepreßt, und wir
sahen dann ja auch selber, daß nirgends Platz für uns war, so sehr wir auch um Unterkunft
baten. Jeder hatte ja sein Teil Angst und Entsetzen hinter sich, so daß des anderen Not nicht mehr
zum Herzen sprach.
Endlich, als wir schon halb verzweifelt waren und Rosemarie immer nur haltlos vor sich hinwimmerte vor
Kälte und Übermüdung, fanden wir einen leeren Keller, oh Glück, und vor
dem Keller lag gar noch eine zerrissene Matratze. Was tat’s wir zerrten sie über die
Steinstufen, und froh, ein Dach über dem Kopf zu haben, drängten wir uns dicht aneinander.
Rosemarie lag noch nicht, da schlief sie schon, und auch Frau Hiller konnte kaum noch sprechen vor
Erschöpfung. Nur ich sitze noch, fühle Rosemaries jungen, warmen Körper an meiner Seite,
und führe den Bleistift im Lichte des Mondes, der durch die Kellerluke scheint. Aber auch ich
fühle, wie meine Kraft langsam lahmt, und ich kann auch nicht mehr...
Am anderen Morgen
Am anderen Morgen: Als wir heute morgen erwachten, steifgefroren und mit eiskalten Gliedern, fanden wir
in einer Kellerecke ein Häuflein Kartoffeln, und wir waren unsagbar glücklich
darüber.
Einen Tag später: Wir haben gedacht, daß der Keller uns schütze. Und er schützt uns
auch vor Kälte und Schnee. Aber seine Tür ist nicht zu verschließen, und sobald es Abend
wird, kamen alle drei, vier Stunden, polternde Schritte über die Schwelle. Dann steht die Gier an
der Tür, in den Augen von widerlichen, grinsenden Kerlen, und wir beide sind natürlich machtlos
und müssen erdulden, was hunderttausende Frauen in diesen Tagen erdulden. Dann steht Rosemarie am
kleinen Fenster und hält sich die Ohren zu und weint, und wenn ich dann flehe: Schickt doch
wenigstens das Kind hinaus, dann lacht der Kerl (und gurgelt nie nana!).
Und da das nun zwei Tage so geht, pausenlos, ohne Aufhören, beschlossen wir, Frau Hiller und ich, in
den Tod zu gehen. Letzter Anlaß war eigentlich Rosemarie, die heute morgen mit
tränenerstickter Stimme leise zu mir sagt: Mutti, nun müssen wir wohl auch
sterben.
Im See sind Löcher ins Eis gehackt, da holen die Frauen sich, wenn es dunkelt, und immer in der
Angst, die rauhe Stimme eines Postens zu hören, Wasser zum Waschen und zum Kochen. Dahinein
wollen wir springen. Es geht schnell mein Kind, und sind wir erst unterm Wasser, ist alle Not zu
Ende. Nein, es geht doch nicht. Die Löcher sind zu eng, daß wir uns nacheinander
hindurchzwängen können, und dann kommt Rosemarie uns bestimmt nicht nach, und kann ich
das Kind allein zurücklassen?
So wollen wir uns in eine Strohmiete draußen auf dem Felde legen und sie anzünden.
Streichhölzer haben wir gefunden. Als Letztes aber haben wir eine Schnur um den Riegel der
Kellertür gebunden, von innen, so daß ohne Gewalt so leicht keiner mehr eindringen
kann.
xx. Februar 1945 (5.?)
Am 5. Februar 1945: Mit Bangen sehen wir den Abend kommen, und immer, wenn draußen Schritte
vorbeistampften, schlug uns das Herz bis zum Halse. Und plötzlich rüttelte jemand an die
Tür. Ja, rüttelt nur, die Tür ist zu! Mach du auf, du!, schimpfte eine Stimme,
es mußte ein Russe sein, Rosemarie weinte laut und bitterlich. Wir machen nicht
auf, sagte Frau Hiller, zu allem entschlossen. Ich nichts wollen, hier Bolnoi!,
erwiderte draußen. Was Bolnoi bedeutete, wußten wir ja schon, aber sollten wir ihm
glauben?
Frau Hiller ging schließlich an den Riegel und löste die Schnur, die Tür klappte auf,
was wir nun sahen, war kaum mehr menschlich. Im Rahmen stand ein russischer Soldat, neben ihm
etwas, ein Ungetüm, das auf allen Vieren hereinstrebte, keuchend, wimmernd, klagend und in
Lumpen gehüllt Dahinter eine alte Frau, die schob und stützte und dabei leise vor sich
hinjammerte. Der Russe sagte: Die hier bleiben, kalt draußen und ging.
Wir ließen sie herein, was einmal Mensch gewesen, wir erkannten sie nun auch, es war eine
Arbeiterin aus der Vorstadt mit ihrer Mutter. Beide Beine waren ihr erfroren, und so hatte sie [?] dem
Walde bis hierher geschoben, war gekrochen und liegengeblieben, und immer weiter gekrochen. Mutter und
Tochter legten sich auf unsere Matratze, wir kauerten uns in einem Winkel zusammen. [?] eine Weile aus
den Wolken kam, sahen wir, daß die Beine der Ärmsten bis über die Knie [?].
Es war eine schreckliche Nacht, angefüllt mit Stöhnen, Schmerzengeschrei, Jammern, ewigen
Bitte: Schlagt mich tot, ich ertrag’s nicht länger! Als der Morgen kam,
machte ich mich auf, einen russischen Arzt zu suchen. Mit Furcht und Bangen, denn ich wußte ja,
daß es den Deutschen verboten war, sich auf den Straßen zu zeigen, wenigstens in bestimmten
Stunden, und so sah ich im [?] an jeder Ecke einen Soldaten auf mich zukommen; aber das Geschrei
im Keller machte uns doch alle wahnsinnig.
Erst oben an der Kreuzung: Kuda?! Wohin?! Ich sagte: Krank bolnoi Arzt!
Und Goltseidank, er verstand und ließ mich gehen, mit der Hand nach oben weisend. In der
Moltkestraße, die noch vollständig erhalten, sah ich das rote Kreuz leuchten, auf einer
großen Fahne. Hier fand ich auch den russischen Arzt, und ich konnte ungehindert zu ihm. Es war ein
Mongole, der leidlich gut deutsch sprach, und er empfing mich zuerst recht freundlich. Als er aber
hörte, daß es sich bei der Kranken um eine Deutsche handelte, versteinerte sich sein Gesicht
und wandte sich brüsk ab. Ich ließ aber nicht nach mit Bitten, und schließlich, wohl, um
mich loszuwerden, ließ er einen Feldscher mit mir gehen. Das war ein mürrischer Geselle, der
den ganzen Weg nicht sprach, und also wohl ein Deutschfeind war.
Als er aber das Elend in unserem Keller sah, schüttelte er betrübt den Kopf und deckte die
Jammernde geschwinde wieder zu. Nix, sagte er nur, und das war überhaupt das einzige
Wort, das er sagte. Heute am Nachmittag ist die Ärmste nun gestorben, still und ohne Klage mehr. Wir
zerrten die Leiche vor die Tür, und Gottseidank kam auch bald Herr Knebel, der von den Russen den
Auftrag hatte, alle Leichen zu bestatten. Herr Knebel war im ersten Weltkriege in russischer
Gefangenschaft, spricht fließend russisch und ist wohl auch Dolmetscher beim Russen. Mit seiner
Hilfe haben wir dann die Tote beerdigt, aber es war ein schweres Stück Arbeit. Nun liegt sie
gleich hinter dem Hause, in dem kleinen Gärtchen, nach dem See zu.
Einen Tag später
Einen Tag später: Heute war nun Herr Knebel wieder da und sagte, es sei wohl besser, wenn ich mit
ihm komme. Oben in der Siedlung vor der Stadt liege ein Toter, den wolle er bestatten, aber zuvor solle
ich ihn als meinen Mann erkennen, daß es nicht nur mein Mann sei, der da liege. Und ich
fühlte, daß des Ungeheuerlichen zuviel sei, was da an mich herantrat und an meinen
Kräften zerrte, aber etwas zwang mich, mit ihm zu gehen, vor mir selber aber dachte ich, einen
letzten Gruß an meine Lieben kann mir niemand verwehren. Und wir gingen denselben Weg, den wir in
stiller Verzweiflung vor wenigen Tagen erst gegangen, aber es schien mir, als sei es eine Ewigkeit
her.
Rosemarie hatte ich bei Frau Müller gelassen, das Kind sollte auch nicht wissen, wohin ich
gegangen. Ich wollte allein sein mit meinem Jammer und der letzten Pflicht, die ich auf dieser Erde noch
zu erfüllen hatte. Auf der Straße lag ein entsetzlicher Schmutz, so daß wir kaum voran
kamen, aber es hatte auch sein Gutes, daß uns niemand begegnete, nicht einmal ein Russe. Unterwegs
erzählte ich Herrn Knebel, daß wir drei fest entschlossen seien, von dieser Welt zu scheiden,
ganz gleich wie. Aber siehe, er, den ich früher kaum näher gekannt, und wenn, so doch nur als
schlauen Geschäftsführer, er hatte ein Herz voller Güte. Er tröstete mich und sagte,
daß in diesen Tagen Tausende ein gleiches Schicksal hätten und doch nicht verzagten. Es sein
ein Verbrechen, ein Kind mit in den Tod zu nehmen. Einmal werde auch wieder Frühling, wo alles Leben
neu sich regt. Und er werde sich schon um uns kümmern.
Indes waren wir an die Anhöhen zur Siedlung gekommen, und mein Herz wurde schwer und schwerer.
Schließlich verzagte ich an meiner Kraft, ich lehnte mich an einen Straßenbaum und schluchzte
so in mich hinein. Herr Knebel sagt, es sei wohl besser, wenn ich hier bliebe, er wolle vorgehen, und ich
solle hier auf ihn warten. Aber ich war so mit meinem Jammer beschäftigt, daß ich gar nicht
auf ihn hörte und nach einer ganzen Weile erst merkte ich, daß er fort war. Ich sah mich
ratlos um und sah ihn schon wieder eilig von der Höhe herabkommen. Ich wollte nur mal
sehen, sagte er, ob Sie noch hier sind. Bitte, sagte er hastig,
kommen Sie mir nicht nach, es ist besser Sie sind nicht dabei. Wieso?! Wollte ich fragen,
es ist doch mein Mann! Aber er war schon wieder eilig den Weg voran gelaufen.
Da drängte sich alles Entsetzen, alle Schwachheit in mir zurück und ging ihm tapfer nach. Und
bald stand ich vor den rauchgeschwärzten Ruinen des Gehöftes, wenn auch die Morgensonne
darüber lag, so wirkte es in dem Schmutz der Tauung und in den Resten seiner Vernichtung wie eine
leibhaftige Anklage gegen die Sinnlosigkeit meines Lebens. Und da stand Herr Knebel neben einem dunklen
etwas, das sich schwarz in die Schwärze des Bodens und der Asche schob. Warum sind sie nicht
geblieben, wo Sie waren, herrschte er mich an. Ich habe Ihnen doch gesagt, das ist nichts
für Sie! Dann hätten Sie mich erst gar nicht mitzunehmen brauchen, sagte ich
ruhig. Ich bin die erste dazu, die meinen lieben Toten eine Handvoll Erde übers Grab streuen
darf. Ja, da wußte ich noch nicht... Was wußten Sie
nicht? Daß inzwischen Schweine hier gewildert haben, sagte er brutal, aber ich
fühlte, er wollte mich nur schrecken.
Da lief ich an ihm vorbei und an dem dunklen Schatten vor ihm hinein in das Gemäuer der verbrannten
Scheune und fand auf einem herabgebrochenen Balken zwei verkohlte Leiber liegen, die sich fest
umschlungen hielten, an einem Fetzen Kleid erkannte ich mein Trautchen. Da fühlte ich, wie ein
Zittern nach meinem Herzen griff, es wurde mir schwarz vor den Augen und ich sank in die Nacht der
Ohnmacht. Als ich wieder erwachte, fand ich mich am Wegrand wieder. Herr Knebel hat inzwischen getan, was
getan werden mußte. Er war gerade dabei einen Hügel herzurichten. Und ich weiß
nun, wo der Hügel ist und wer darunter liegt. Mein Mann Reinhardt, mein Trautchen und Fräulein
Kaiser und ein toter Russe, der an der Straße gelegen. Herz, Herz, was kannst du ertragen.
Im Straßengraben, unweit wo ich gelegen, fand ich einige Papiere, die sich mein Mann als wichtig
noch eingesteckt, ich sammelte sie wie im Traum auf, und wie im Traum sprach ich noch mein Gebet
über dem frischen Hügel. Aber mein Herz schrie: Herr, Herr, Du hast’s mit
angesehen, und hast’s geduldet! Da wir heimgegangen, machte sich Herr Knebel heftige
Vorwürfe, daß er mich mitgenommen, und alle fingen an: Ich konnte ja nicht ahnen, daß...
Ich aber sagte ihm, er solle sich keine Gedanken machen, es sei alles gut so. Ich hätte es ja
gewollt.
Dann sagte er noch, icl solle mich beim polnischen Bürgermeister melden, der brauche schreibgewandte
Kräfte. Ich dankte ihm sehr, auch für alles, was er an mir getan, und von diesem Augenblick an
wußte ich, daß wir leben würden. Und nun bin ich wieder in unserem Keller, in dem es so
muffig riecht und der mir schon heimatlich vorkommt. Rosemarie und Frau Hiller empfingen mich mit
großer Freude, und so hatte ich zum ersten Male wieder so etwas wie ein wenig Freude.
Ende Februar 1945
Ende Februar: Die Tage gingen hin.
Seit wir den Riegel an der Tür verschließen können, sind wir von unliebsamen Besuch
verschont. Der Russe begehrt nur Einlaß, aber er bricht nicht ein. Wir leben von alten Kartoffeln
und manchmal auch von etwas Eingemachten, wenn wir was finden; nebenan in der Waschküche können
wir sogar etwas Feuer machen, und da es draußen taut, brauchen wir nicht mehr zu frieren.
Und heute hatten wir eine kleine Freude. Als ich im Kohlenschuppen nach etwas Feuerung suchte, hörte
ich’s piepen. Und sieh, ein Küchlein hatte sich da gerettet, zwar erbärmlich mager, aber
doch ein Küchlein. Mit einem Freudenschrei stürzte ich darüber und Frau Hiller hat es dann
zurechtgemacht, und zum Mittag hatten wir dann seit langem wieder ein paar Fettaugen in der
Suppe.
Ich gehe nun täglich zur Bürgermeisterei, die in der Moltkestraße untergebracht ist, da
wo auch der russische Arzt wohnt. Ich habe nun einen Propusk einen Ausweis und kann mich
ein wenig freier bewegen. Und da ich arbeite, bekomme ich auch eine Lebensmittelkarte, auf die es zwar
nur ein Stückchen Brot gibt und ein wenig Suppe, aber das Brot bringe ich immer nach Hause mit, und
jedesmal wird eine kleine Gabe mit Freuden empfangen.
Zwar muß ich immer an einem Posten vorbei, und immer zittern mir die Knie, wenn er mich barsch nach
meinen Papieren fragt, aber allmählich gewöhnt man sich auch daran. Neulich schlich ich mich,
obwohl es verboten ist, wieder einmal an die Ruine unseres Hauses, in den Keller. Aber ich sah gleich, da
war nichts mehr zu holen, der ganze Boden war aufgebrochen und durchwühlt, aber es schmerzte
mich nicht. Ich bin nun so weit, daß mir irdische Werte wenig bedeuten.
Und das Wenige sind meine Handtasche und die beiden Kleider, die ich immer auf dem Leibe Trage. Lasse ich
eines daheim, ist’s auch schon so gut wie gestohlen, denn Frau Hiller und Rosemarie können
nicht immer unseren Keller bewachen, manchmal müssen sie in den Stall oder nach oben, wenn das auch
nur wenige Schritte sind, so genügt die kurze Abwesenheit doch für einen Diebstahl oder gar
Einbruch, was bei uns dasselbe ist.
In der Bürgermeisterei bin ich mit noch einer Hilfskraft dabei, die Namen der restlichen deutschen
und der zugezogenen polnischen Bevölkerung zu erfassen, meistens sind diese ja ehemalige
Volksdeutsche, die jetzt wieder ihr polnisches Herz entdeckt haben. Auch unser Bürgermeister scheint
zu dieser Gattung zu gehören. Und anscheinend hat er viel Zeit: Er sitzt den ganzen Vormittag an
seinem Platz und beobachtet uns hinter der vorgehaltenen Hand Anfangs war uns das geradezu unheimlich,
doch da er gar nichts sagt und uns gewähren läßt, achten wir nicht mehr auf ihn. Gekocht
wird in der Küche nebenan.
Ostern 1. April 1945
Ostern 1945: Nun ist das liebe Osterfest gekommen, ein strahlend schöner blauer Himmel wölbt
sich über der zertretenen, geschundenen Erde, und die Luft geht warm und mild. Früher sind wir
dann immer mit den Kindern durch die Felder gezogen, haben die ersten Leberblümchen und Veilchen mit
nach Haus genommen. Und wenn das Wetter so schön war wie diesesmal, konnten die Kinder im Freien
auch ihre Ostereier suchen.
Ach, nicht mehr daran denken! Und dennoch gehen die Gedanken immer wieder zurück in das geliebte
Einst. Seit einigen Wochen sind in unserer Gegend die gefangenen Franzosen zusammengezogen, soweit sie
sich von den Russen überrollen ließen und bei ihren Arbeitgebern ausharrten bis zuletzt, und
das waren nicht wenige. In unserem Städtchen sind es wenigstens zweitausend, es wimmelt nur so von
braunen Uniformen.
Sie sind zu uns Deutschen freundlich und hilfsbereit und was noch wichtiger ist, auch freigiebig.
Von dem Wenigen, was sie besitzen, geben sie uns oft ab, und manchmal kam Rosemarie freudestrahlend heim
mit einem Stückchen Brot oder gar etwas Schokolade. Diese Franzosen wollen nun das Osterfest auf
ihre gewohnte Weise und sehr festlich begehen. Sie haben unsere Kirche, die nur wenig beschädigt war
und bisher als Pferdestall und Depot diente, aufs schönste wieder hergerichtet, wenigstens
erzählte mir das Rosemarie, und so wollen wir drei uns auch den Gottesdienst ansehen und
anhören. Wir werden ja nicht viel verstehen, aber ich denke, auf diese Weise kommen wir doch zu ein
wenig Osterfreude.
Nachmittags: Und so haben wir drei uns immer in Angst vor einem Posten durch die
Hintergassen zur Kirche geschlichen. Wir wagten aber nicht hineinzugehen, denn sie war übervoll von
Franzosen, und so blieben wir an der Tür stehen und lauschten den Klängen der Orgel und dem
Sprechgesang des Priesters. Ach, fragt mich nicht, wie viel Erinnerungen mich bestürmten, wie meine
gequälte Seele zum Schöpfer schrie uns dreien rannen die Tränen wie die
Bächlein.
Mitte April 1945
Mitte April: Heute besuchte uns Herr Knebel und teilte uns mit, daß sich die deutsche
Bevölkerung, soweit noch vorhanden, draußen in der Neumühle sammeln und da auch ihre Unterkunft nehmen solle. Teils um sie dort
leichter zur Verfügung zu haben, teils auch deshalb, weil man den kärglichen Wohnraum in der
Stadt dringend anderweitig braucht. Morgen wollen wir dann wandern, und ich fühle, wie mein Herz an
diesem elenden Stückchen Kellerraum hängt. Frau Hiller geht es gewiß ebenso, nur
Rosemarie freut sich.
Einen Tag später: Anderntags sind wir dann mit unserer geringen Habe losgezogen; dazu gehört:
Unser kleiner Handwagen, einige Betten, die wir kürzlich in einem Haus am Bahnhof fanden und etwas
Geschirr, ganz arm sind wir also nicht. Bis zur Neumühle ist es ja nicht weit, vielleicht 3 km, aber
der Weg ist ein Feldweg und für unseren kleinen Wagen nicht sehr geeignet. Immerhin, mit Kraft, List
und Geschick kamen wir durch, nun sind wir in diesem idyllischen Stückchen Erde.
Ringsherum, auf Wiesen und Hügeln, auf Erlen und Weiden, das erste, zarte, schimmernde
Frühlingsgrün. Am Wehr rauscht der Bach [das von Woldenberg kommende Mehrenthiner Fließ]
und die Lerchen jubeln. Die Mühle selbst aber ist schon ziemlich überfüllt, denn mit uns
und vor uns sind schon viele Einwohner gekommen, und uns empfing man mit Anteilnahme und stiller Wehmut.
Und die Tränen flössen, nicht nur bei uns.
Wir bekamen Quartier in einem der vielen Speicherräume, Jutesäcke sind unsere Unterlage, und
davon gibt’s glücklicherweise genug. Ich merkte gleich, daß sich unter den Einwohnern
der Neumühle Gruppen und Grüppchen gebildet haben, deren Mitglieder sich gegenseitig mit dem
Wenigen, das sie noch besitzen, ergänzen. Es spielt dabei also nicht Haß noch Liebe, sondern
wirtschaftliche Erwägung mit. Der eine hat noch ein Tütchen Mehl, der andere einen Beutel Salz
gerettet, dieser einige Bestecke, jener ein paar Schüsseln.
Wir, Frau Hiller, Rosemarie und ich, sind uns selbst genug und bilden eine Gemeinschaft für uns, und
während ich täglich den weiten Weg zur Bürgermeisterei pilgere, führen die beiden
unseren winzigen Haushalt. Jeden Tag muß ich dabei unter der Eisenbahnunterfuhrung hindurch, jeden
Tag muß ich zweimal dem russischen Posten meinen Propusk vorweisen, und jeden Tag schlägt mir
das Herz in Angst und Schrecken, wenn er mit rauher Stimme und Mißtrauen in den glitzernden Augen
meinen Ausweis abfordert. Er kennt mich nun doch schon, er weiß, wer ich bin und wo ich arbeite,
aber nie erlischt dieses Mißtrauen, nie meine Angst.
Anfang Mai 1945
Anfang Mai 45: Da ich heute von meinem Dienst nach Hause, das heißt also, zur Neumühle, gehen
wollte, hörte ich auf einem verlassenen Gehöft eine einsame Ziege meckern, sofort
schoß es mir durchs Gehirn: Da ist Milch für die Kinder. Und gleich darauf fing ich sie ein,
ach, es war ein verhungertes armseliges Gerippe, aber das machte mir keinen Kummer. Einen Strick holte
ich mir auch aus der Wohnung, und so zog ich das Tier, das heftig widerstrebte, mit mir fort. Indem kam
eine Polin und zeterte sehr und schrie, sie könne die Ziege noch gebrauchen, aber ich dachte: Schrei
du nur, ich habe auch Kinder, und die liegen mir näher als deine! So verhärtete sich das
Gemüt.
Aber ich dachte ja nicht an meine Rosemarie, sondern auch an die anderen Kleinen, die da waren, und denen
ich gewiß von der Milch abgeben wollte. wenn. Das Euter schlackerte so leer hin und
her, denn das Tier sträubte sich sehr, mir zu folgen, es wollte immer in die andere Richtung. So war
es für mich eine reine Tortur, bei meinen schwachen Kräften, und jetzt kommt es mir wie ein
Wunder vor, daß ich das überhaupt geschafft habe. Aber als ich dann mit ihr die letzten
hundert Meter ging es schneller, denn das Tier roch den Stall als ich mit ihm in die Mühle
trabte, empfing mich lautes Freudengeschrei, und das war der Lohn für meine Mühe. Und nun haben
wir täglich etwas Milch, wenn es auch nur ein halber Liter ist.
Wir leiden sehr unter Läusen und Wanzen. Im Sonnenschein sitzen Männlein und Weiblein und
suchen ihre Kleider nach den üblichen Quälgeistern ab, aber es hilft nur wenig, denn die
Strohsäcke und Decken sind voll von ihnen. Und nie werde ich wohl das Bild der kleinen zarten,
kleinen Apothekerin los, die in einem Trog ihr einziges, zerfleddertes Hemde wusch, und ihren Rücken
der Sonne bot, daß die sie heile, denn sie leidet an einem riesigen Geschwür, und
niemand kann helfen. Wie muß die Ärmste leiden!
Heute sind am Wehr zwei Leichen angetrieben, ein Mann und eine Frau. Sie waren mit einer Wäscheleine
zusammengebunden, und sahen nicht mehr gut aus durch die lange Zeit, die sie im Wasser gelegen. Aber ich
habe so viele Leichen gesehen, daß es mich nicht erschaudert. Und als die Männer die beiden
herausgezogen hatten, erkannte ich in ihnen ein Lehrerehepaar. Und auch die anderen sahen es, war
ein bekannter Imker, mit dem mein Mann in guten Tagen oft lange Fachgespräche geführt. Hinten
am Abhang haben wir sie begraben. Gestorben ist nun auch der Lehrer Riedel, an einer
Lungenentzündung, die der durch den Hunger geschwächte Körper nicht mehr aushielt. Er
schlief still in einem Winkel auf seinem Strohsack ein, sein letztes Wort war: Zu Muttern!
Und da es nun Frühjahr ist, sterben die Menschen wie Fliegen, Mann, Kind, ohne
Ausnahme, und wer vorher am gesündesten aussah, fällt zuerst. Wohl jeden Tag begraben wir
einen, es erregt schon gar kein Aufsehen mehr. Die schmale Kost, Wasserkohl, oft nur gekochte
Kartoffelschalen, oft nur Brennesselsalat oder solcher aus Melde. Und wenn wir Älteren schon leiden,
so leiden wir mit den Kindern noch mit, die blaß und hohläugig durchs Lager schleichen, und
mir wird jedes Mal weh ums Herz, wenn ich Rosemarie ansehe, denn unser bißchen Ziegenmilch ist ein
Tropfen auf den heißen Stein, denn sie muß ja unter viele noch geteilt werden.
Erschütternd für uns alle war der Tod der kleinen, schwächlichen Apothekerin. Tag für
Tag hatte sie ihren Mann angebettelt, angefleht, ihr doch ein Mittel zu geben, das sie erlöst
von ihren Qualen. Und auch wir stimmten in ihr Bitten ein, und schließlich konnte er den Jammer
nicht länger mehr mit ansehen und gab ihr das, was er für den letzten Fall aufbewahrt hatte.
Wir wußten nicht, merkten es dann aber bald. Sie, die immer vor Schmerzen wimmerte und weinte, lag
plötzlich da mit selig verklärtem Gesicht und Augen, die weit in die Ferne gingen. Unendliche
Ruhe und Glückseligkeit gingen von ihr aus, und wir meinten schon, es sei dies die Krisis, und werde
noch alles gut mit ihr. Da richtete sie sich plötzlich auf, ohne jeden Schmerzenslaut, leise nur
flüsterte sie Wie ist das schön!, und sank zurück und war nicht mehr.
Auch sie fand ihr Grab am Hügel, wo so viel Rotdorn blüht. Not und Elend hat uns hier in der
abgelegenen Mühle zu einer großen Familie gemacht. Vergessen sind aller Zwist und alle
Streitigkeiten, sollten sie je geherrscht haben, und manch einer, den man vorher kaum beachtet,
wächst hier jetzt zu einer Größe, die jeder bewundert. Wieviel Wohltäter und
Christen im wahrsten Sinne des Wortes sind es, die es still und kein Aufhebens von ihrer Güte
machen!
Anfang Juni 1945
Einen Monat später: Ich schreibe dies einen Monat später, da ich von schwerer Krankheit
genesen, aus tiefster Dankbarkeit heraus, und aus innerstem Glück, diese Welt, so jammervoll sie
ist, noch zu erleben. Meine erste Gallenkolik bekam ich eines Morgens in der Bürgermeisterei.
Mühsam nur schleppte ich mich nach Hause, der weite Weg bis zur Mühle wurde mühsam. Dort
sank ich auf mein Lager, und obschon mich Frau Hiller und all die anderen mit heißen
Kartoffelbreiumschlägen und guten Zuspruch betreuten, mehrten sich die Anfälle und ich litt
schrecklich.
Schon wenn jemand am Fenster vorbeiging oder wenn Rosemarie ein wenig laut das Zimmer betrat, schrie ich
vor Schmerzen. Ich aß nicht mehr, ich trank nur wenig, und eines Tages war es denn so weit,
daß mir alles völlig gleich war, daß ich dachte, es gebe nun nichts Schöneres mehr,
daß ich sterbe, um endlich von dieser Qual erlöst zu sein.
Da erwies sich die junge Frau unseres Brunnenbauers als Hilfe in der letzten Not. Sie, die sonst
unscheinbar neben uns hergelebt hatte, in guten Zeiten wenig beachtet, sie kam eines Morgens mit unserem
Handwagen daher, belud ihn resolut mit Bett und Kissen, obenauf kam ich und zog mich mutterseelenallein,
denn niemand, auch Frau Hille nicht, traute sich mitzukommen, zog mich allein in die Stadt ins
Krankenhaus. Und wer weiß, wie Schreckliches wir erlebten, weiß auch, was das für sie
bedeutete.
Im Krankenhaus war nun ein polnischer Arzt tätig, der gut deutsch sprach und sich sehr selbstlos
meiner annahm. Medikamente hatte er zwar auch nicht oder nur wenig, aber seine Freundlichkeit half mir
allein schon über den Berg. Hier erfuhr ich nur Menschlichkeit und Güte. Als ich dann, nach
Wochen, wieder in der Mühle angewankt kam, starrten alle mich an, als sei ich ein Gespenst, und ich
muß wohl auch zum Erbarmen ausgesehen haben, abgemagert und heruntergekommen, und bei so viel Liebe
geht es zwar langsam, aber doch stetig mit mir bergauf.
Im Juni 1945
Im Juni 1945: Es ist ein heißer Sommer mit strahlend blauen Tagen ins Land gezogen. Oft sitze ich
auf dem erlenbebuschten Hügel neben der Mühle, von dem man weit ins schöne Land sehen
kann; sehe den schmalen Feldweg entlang, den wir in besseren Tagen zu Feiertagen oft gewandert, und
über mir trillern die Lerchen.
Ich weiß, seit einigen Tagen läuft unter uns Deutschen das Gerücht, daß hier unsere
Bleibe nicht mehr lange sein wird. In einigen Dörfern der Umgebung sind schon, ganz plötzlich
und ohne Ankündigung, ostpolnische Bauern angekommen, da mußte die restliche, deutsche
Bevölkerung ebenso plötzlich das Feld räumen.
Mir schnürt sich das Herz zusammen, denn es ist doch unsere Heimat, die nicht mehr unsere Heimat
ist. Ich habe vorsorglich unser Wägelchen bereitgestellt, habe es mit dem Wenigen beladen, was wir
wohl mitnehmen dürfen, mit Bett, Topf, Tasse und Löffel, und das werden sie uns wohl nicht
wegnehmen. Meine zwei Kleider trage ich immer noch am Leibe, und unter den Kleidern will ich dieses Heft
verstecken. In die Betten habe ich eingenäht, was ich damals am Straßenrand fand; Papiere
meines lieben Mannes und meines Sohnes, so ist für den Aufbruch alles vorgesorgt.
Um den 20. Juni 1945
Und nun ist es soweit: Als letzte Deutsche verlassen wir unsere
Heimat, die nicht mehr unsere Heimat ist, das gepeinigte, vertraute und verratene Land. Ich sitze auf
einem Baumstamm vor einem verlassenen Bauernhaus in dem unser Treck für eine Nacht untergekommen
ist, glutrot geht hinter dem Walde die Sonne unter, daß es aussieht, als brenne das ganze
Land.
Um ein loderndes Feuer sitzen und kochen totmüde unsere Leute, manche schlafen gleich ein, und das
ist kein Wunder, haben wir doch heute mit unseren kranken, ausgemergelten Körpern immerhin an die
zwanzig Kilometer geschafft. Frau Hiller und Rosemarie sitzen erschöpft auf unserem Wägelchen.
Die polnischen Begleitpersonen unterhalten sich laut und spielen Karten. Sie sollen uns beschützen
vor Gesindel aller Art, aber meist sind sie es, die unsere Armseligkeiten mit gierigen Augen mustern, und
wenn die Nacht kommt, ist keiner sicher vor gelegentlichen Durchsuchungen seines Gepäcks. Und man
sollte es nicht glauben, daß auch die bitterste Armut noch Liebhaber findet.
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So abgeräumt war’s Woldenberg Ende Juni 1945 noch nicht, als die zurückgebliebenen
Deutschen ganz schnell ‚abreisen‘ mußten. Da standen noch die vielen Ruinen im Zentrum
der Kleinstadt. Dieses Foto entstand erst um 1955. Der Trampelpfad rechts ist die frühere
Schulstraße.
(Repro: 2011 khd)
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Doch will ich von vorne berichten. Gestern morgen, das war ein blauer Sonntagmorgen [Ed: wohl der 24.
Juni 1945] und keiner von uns dachte an Arges, kamen plötzlich Wachposten auf den Hof der
Mühle. Polen, die musterten uns mit harten Augen und schrieen und drängten uns zum Aufbruch und
Eile; und da wir um etwas Aufschub baten, hohnlachten sie und sagten, die verfluchten Deutschen
müßten nun alle aus dem Lande, denn das sei polnisch von Anbeginn, und sie uns als letzten
Gruß noch einen Fußtritt auf die Reise mitgeben.
So hasteten und quirlten wir durcheinander, denn in einer Viertelstunde sollte alles bereit sein. Jeder
hatte noch eine Kleinigkeit, etwas, was ihm in der Not der Tage ums Herz gewachsen war, das wollte er
nicht zurücklassen. Unser Wägelchen aber stand ja bereit, und so brauchte ich nur das geringe
Bettzeug oben aufpacken, noch ein Blick, ein trauriger in die Runde, und unser Zug setzte sich in
Bewegung.
Und da wir vor die Stadt kamen, standen am Wäldchen schon die ostpolnischen Bauern mit ihren
Panjewagen und ihrer genauso ärmlichen Habe. Auch sie waren ja aus ihrer Heimat vertrieben, und mit
stumpfen, gleichgültigen Gesichtern sahen sie in das Land, das fortan ihre neue Heimat sein
sollte.
Der erste Tag sah uns noch leidlich frisch und hoffnungsvoll, wir gruben am Wege die Mieten aus und
kochten uns am offenen Feuer Kartoffeln. Aber schon in der Nacht starben unser alter
Fischereipächter und ein Arbeiter aus der Nordmauerstraße. Wir haben sie in den
Straßengraben gelegt und still ein Gebet gesprochen und zogen weiter. Als nächstes wird wohl
ein Kind, ein zwölfjähriges Mädchen sterben, es hat Fieber und ein abgezehrtes
Gesicht, und wir haben keine Hilfe, kein Medikament, den Polen aber ist es nur recht, wenn unser Haufen
kleiner wird. Das Kind ist gestorben, wir haben es hinter dem Walde verscharrt.
Nur kurze Ruhe finde ich, um in ein paar hastigen Zeilen niederzuschreiben, was der Tag mit sich bringt,
Qual des Wanderns in der glühenden Sonne, Durst, Hunger, Läuse, und des nachts
Kälte, die einen bis ins Mark dringt. Dann schauderndes Erwachen aus kurzem Schlaf, denn oft
nächtigen wir unter freiem Himmel, und wenn wir uns auch zusammendrängen wie eine Herde Schafe,
so ist es kein Schutz für die Kälte von unten und oben. Und jeden Tag Tote Tote! Das
erregt schon gar kein Aufsehen mehr, kurze Rast am Straßenrand, ein Gebet, und weiter drängen
unsere Wachposten.
So schleichen wir dahin, ein Zug Elender, eine Horde abgerissener, abgestumpfter Gespenster. Wald, Wiese
ziehen an uns vorbei, wir sehen nur den Staub der Straße und fühlen unsere wunden
Füße. Kartoffeln sind im großen und ganzen unsere Nahrung, die wir uns aus den Mieten
hervorkratzen, Melde und Brennnesseln. Die eingewanderten Polen geben nichts, denn sie haben selber
nichts, so sehen sie uns scheel kommen und froh gehen. Ab und zu kommen wir aber an einem Gehöft
vorbei, da wohnt noch eine deutsche Familie, manchmal nur noch eine Frau, ein Bauer. Scheu kommen sie
dann zu uns heran, scheu teilen sie ihr karges Stückchen Brot aus, und oft ist’s nicht mehr
als ein Eimer Brunnenwasser, und doch ein Labsal für uns.
Heute wanderte ich ein Stückchen Weges neben einem hochbepackten Gefährt mit, ohne in der
Mühsal des Weges darauf zu achten, wer da oben saß. Plötzlich weckte mich aus meinem
Trott eine leise, müde Altfrauenstimme, Ach Frau Brandes, hätten Sie wohl noch ein
Stückchen Brot? Es war unsere ehemalige Gutsbesitzerin aus dem Nachbardorfe Kranzin,
jetzt ein Schatten ihrer selbst, hohläugig und zum Erschrecken abgemagert. Und sie schwieg auch
gleich wie eine ertappte Sünderin still, als ihre Schwägerin, ebenso abgemagert und elend wie
sie, ihr strafend zurief: Wie soll Frau Brandes noch Brot haben, Du weißt doch, wir haben
alle nichts.
Es ist nur ein kleines Gespräch am Wege, das ich hier hersetze, aber es enthält alles, was ich
hier nicht gesagt habe, all unsere Not, all unseren Kummer. Am Abend haben wir dann die alte Dame
begraben, und es hätte mir die Seele zerrissen, wenn ich ihr etwa von meinem Brot nichts abgegeben
hätte, aber ich hatte ja nichts, seit drei Wochen nichts.
28. Juni 1945
Am 28. Juni: Und nun sind wir endlich in Küstrin angelangt. Dort stürzten sich Polen wie die
Geier auf unsere restliche Habe, rissen unsere Bündel vom Handwagen, zerstreuten das Wenige, das wir
noch gerettet, durchsuchten auch unsere Betten, da aber Rosemarie so sehr weinte, ließen sie
schließlich von uns ab, ohne unsere Papiere gefunden zu haben. Mich tastete mit schamlosen Griffen
ein Wachposten ab, aber auch er fand dieses Büchlein nicht, meinen kostbaren Besitz.
1. Juli 1945
Am 1. Juli 1945: Und nun sind wir in Deutschland! Ich atme die Luft der Freiheit, ich kralle meine
Finger in den heiligen Boden, der nun unsere Heimat ist und weinte... Wir sind ein elender Zug, der weit
auseinandergezogen dahinwankt, und siehe, da wir uns nun am Ziel unserer schrecklichen
Entbehrungen sehen, da wir in Deutschland sind, reicht bei vielen die Kraft nicht weiter.
Sie brechen zusammen und sterben. Und will’s der Himmel, werd’ auch ich hier eingehen, zu
jenen, die vor mir dahingegangen sind, denn mir ist hundeelend zu Mute. Frau Hiller ist, nach einem
herzbewegenden Abschied, einen anderen Weg gezogen, zu Verwandten, die nicht in Berlin wohnen. Ich selber
will mit Rosemarie dorthin. Ich glaube ich bin krank...
Vier Wochen später
Nach vier Wochen: Ich brach damals zusammen und wäre gewiß am Wege liegen geblieben, denn wer
sollte mir helfen, der nicht mit sich selber genug zu tun hatte. Und Rosemarie konnte nichts als um mich
zu weinen. Aber wieder zeigte es sich, daß die am hilfsbereitesten sind, die die gleiche Not
tragen.
Es war eine ältere Frau, die ich nicht einmal dem Namen nach kannte, die hängte mein
Wägelchen an das ihre und zog mich und Rosemarie und ihre kleine Habe die staubige Straße
entlang. Und wenn es gar nicht mehr gehen wollte, zog sie erst das ihre weiter, um mich nachzuholen. Hier
war jeder Dank zu gering, und ich konnte auch nicht danken, denn vor meinen Augen kreisten Straße,
Wald und Wiese und die Birken wie ein Karussell umeinander. Mag’s der Himmel lohnen. Ich konnte es
nicht.
Endlich in Berlin
Und so zogen wir in Berlin ein, abgerissen, verhungert, zerlumpt, krank, ein gespenstiges Abbild
unserer Zeit. Denn daß die Leute, an denen wir vorüberzogen, nicht einmal den Blick hoben, um
uns ein wenig Mitleid zu schenken, das war wohl das Grausigste an unserer Tragödie, denn das bewies
die Not eines ganzen Volkes.
Meine Verwandten sahen mich an, als sei ich ein Geist. Ich taumelte, ich wankte in ihre Arme, und
Rosemarie mußte man von unserem Wägelchen heben, so schwach war sie. Und dann schliefen wir.
Wir schliefen, schliefen drei Tage drei Wochen ich weiß nichts mehr.
Da ich wieder bei klarem Bewußtsein war, sah ich den blauen Himmel, hörte die Amsel am Fenster
schlagen, atmete, daß mein Herz noch schlug, und das war für mich das größte aller
Wunder.