Woldenberg (Neumark)   —  Dies & Das – Teil 2 khd
Stand:  9.11.2011   (56. Ed.)  –  File: WBG/Ex/Woldenberg_Dies&Das_02.html



Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 
Auf den „Dies & Das“-Seiten sind kleine Geschichten und Fakten aus der Geschichte der Kleinstadt Woldenberg sowie der Neumark dokumentiert. Sie stammen aus verschiedenen Quellen, die jeweils angegeben sind. [Translation-Service]

I n d e x :


Brandenburg — Das Lied der Brandenburger (und Neumärker)


      Das Brandenburger  Lied
      M ärkische Heide, märkischer Sand,
Sind des Märkers Freude, sind sein Heimatland.
Steige hoch, Du roter Adler,
Hoch über Sumpf und Sand,
Hoch über dunkle Kiefernwälder,
Heil dir, mein Brandenburger Land!

U ralte Eichen, Dunkler Buchenhain,
Grünende Birken stehen am Wiesenrain.
Steige hoch, Du roter Adler,
Hoch über Sumpf und Sand,
Hoch über dunkle Kiefernwälder,
Heil dir, mein Brandenburger Land!

B lauende Seen, Wiesen und Moor,
Liebliche Täler, Schwankendes Rohr.
Steige hoch, Du roter Adler,
Hoch über Sumpf und Sand,
Hoch über dunkle Kiefernwälder,
Heil dir, mein Brandenburger Land!

K norrige Kiefern leuchten im Abendrot,
Sah’n wohl frohe Zeiten, sah’n auch märk’schen Not.
Steige hoch, Du roter Adler,
Hoch über Sumpf und Sand,
Hoch über dunkle Kiefernwälder,
Heil dir, mein Brandenburger Land!

B ürger und Bauern vom märk’schen Geschlecht,
Hielten stets in Treu zur märk’scher Heimat fest!
Steige hoch, Du roter Adler,
Hoch über Sumpf und Sand,
Hoch über dunkle Kiefernwälder,
Heil dir, mein Brandenburger Land!

H ie Brandenburg allwege – sei unser Losungswort!
Dem Vaterland die Treue in alle Zeiten fort.
Steige hoch, Du roter Adler,
Hoch über Sumpf und Sand,
Hoch über dunkle Kiefernwälder,
Heil dir, mein Brandenburger Land!

     
     
Text und Melodie:  Gustav Büchsenschütz — 1923
     
      Und hier kommt die Musik dazu:



Und falls das nicht funktioniert, ist auf
Ihrem PC QuickTime nicht installiert.

     


      Gustav Büchsenschütz wurde 1902 in Berlin als Sohn eines Gendarmen geboren. Als Mitglied der Wandervogelbewegung schrieb er nach einer Wanderung in der Neu Vehlefanzer Jugendherberge 1923 übernachtet das beliebte Lied, das quasi zur Nationalhymne der Brandenburger geworden ist. Gustav Büchsenschütz starb im Februar 1996 im Alter von 94 Jahren. Ein Gedenkstein an der Dorfstraße in Vehlefanz erinnert heute an den Komponisten.


Woldenberg — Woldenberger Geschichte(n) (1)


Woldenbergs Bahnhofsviertel

Oberstadt-Erinnerungen aus der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts

Aus: Festschrift zur 50-Jahr-Feier des Männer-Turnvereins Woldenberg, Juli 1931, Seite 10 + 11 *. Der folgende Text ist in dieser Festschrift als Einleitung des Artikels „50 Jahre Männerturnverein Woldenberg“ erschienen. Autor ist offensichtlich BRUNO PROCHNOW. In [...] wurden hier zum besseren Verständnis Editor-Hinweise zugefügt.

      Noch bot die Oberstadt ein anderes Bild wie heute [1931]. Vom Storchnest bis zur Friedeberger Chaussee, die erst bei Aulich aufhörte, lagen Gärten, Anlagen und Landrücken der Stadt und des Rittergutes. Noch gab es keine Milferstaedt-, Bismarck-, Park- und Moltkestraße.

   
  G ä s t e b u c h - I n d e x
Für Woldenberg mit Umgebung,
die Neumark und auch Pommern.
 
      Grundlose Wege unter hohen Kastanien und Linden führten vom Rittergut bis an die Chaussee. Der breite Weg lief von den Anlagen zum Trockenplatz [Ed: an der Eisenbahnstrecke], ebenfalls ungepflastert mit hohen Linden an den Seiten. Oft blieben hier im Morast die großen Zirkuswagen stecken und mühsam mit Winden und Brettunterlagen schaffte man sie vorwärts auf den Trockenplatz [Ed: wo sehr häufig Zirkusse gastierten].

      Zwei Reihen hohe Tannen von der Ecke dieses Weges bis zum Bahnmeistergrundstück waren für die Zirkusvorstellungen von den Jungens stets beschlagnahmt. Zelte hatten diese Unternehmungen damals sehr selten. Auch der gefürchtete Anlagenwärter, genannt Murr, konnte diese Logenplätze nicht erreichen.

      Längs des Bahnmeisterei-Grundstücks vom Trockenplatz bis zur [Friedeberger] Chaussee lag der riesige Zimmerplatz von Franz Kook, der oft für Drahtseilbahnen von den Schaubudenbesitzern mitbenutzt wurde. Seine tiefe Grube, wo damals die Baumstämme mit langen Trecksägen geschnitten wurden, war ein beliebter Unterschlupf der Schuljugend zum Räuber- und Gendarmenspiel.

      Von Rubensohn bis zum Bahnübergang standen nur die Häuser von Bratzke, Ackerbürger Schulz, die Bahnmeisterei, das Gartenlokal von Ziebart und die 4 Scheunen, die einem geplanten Neubau der Stadt in jüngster Zeit Platz machen mußten.

      Die tiefen Gräben, welche diese grundlosen Wege zur Aufnahme der Abwässer umsäumten, boten im Winter eine willkommene Gelegenheit zum „Schliddern“. Vor allem aber war der große „Pfuhl“, den heute die Milferstaedtstraße durchkreuzt, im Winter als Eisbahn sehr geschätzt. Hier wimmelte es von Piekschlitten und Schlittschuhläufern. Die Straße von Fleischer Werk (neben Rudlaff [am Kastanienplatz]) bis zur Kirschenpresse war, wie der Wutziger Weg ebenfalls ungepflastert. Sie bot das gleiche Bild wie die Wege vom Rittergut über die jetzige Parkstraße [Ed: hieß später Scharnhorst- Straße].

      Außer dem alten Lokal von Aulich am Postberg, von jeher ein beliebter Sammelort der Turner, stand hier nur das große Familienhaus vom kleinen Rittergut und die Scheunenreihen auf beiden Seiten. Riesige Pappeln davor, bis zur Ecke der Kirschenpresse und Aulich, machten oft den Jungens einen Strich durch die Rechnung, wenn sie ihre Drachen vom Galgenberg aus aufsteigen ließen.

      Im Viertel der Bahnhof-, Eisenbahnstraße und Friedeberger Chaussee, die beiderseits auch mit hohen Pappeln umsäumt war, standen noch wenig Gebäude. Hauptmann Modrach bewohnte die heutige Ecke von Grewatsch, daneben der Zimmermeister Franz Kook, dann wieder Gärten und Landrücken bis zur Ecke Bahnhofstraße, wo Hegemeister Schuchardt (heute Kreislandwirtschafts Gesellschaft) sein Häuschen erbaut hatte. Im Hintergelände stand nur das große Gebäude von Maurermeister Bartel (später Nürnberg, Creditbank und heute Kruschel), ein freier Durchblick über die Bahnhofsanlagen bis zum Gehege.

      Die Ecke von Rudlaff war unbebaut, 3 kleine Parzellen von Wachtmeister Krause (später Regenberg und heute Oberwachtmeister Müller) der Stadt und Gramsfelde boten einen Durchblick bis zur Mönchsheide [Ed: Forst nordwestlich von Woldenberg]. Der große „Meilenstein“ der Chaussee Berlin — Königsberg stand auf diesem Platze noch aus guter alter Zeit, wo Woldenberg ein Postamt erster Klasse mit 16 Sekretären hatte. Heute findet man an dieser Stelle eine weiße Tafel mit Nummern an der Hausfront von Rudlaff.

      Neben Wachtmeister Krause standen nur die Häuser von Sattler Petznick (jetzt Sell), Maurermeister Drenske (jetzt Drieseberg) und das Häuschen des Rentiers Böning (jetzt Mittelschulrektor Grünwald). Die anschließende Gasse führte über Hospitalrücken zum Wutziger Weg. Daneben, mit seinen riesigen Bergen von Brettern und Balken, lag der große Zimmerplatz von Rüdlin. In seiner Mitte stand das bescheidene Häuschen dieser hochbegabten und fleißigen Eheleute.

      Ihr ältester Sohn Otto [Rüdlin] war vor dem Weltkriege Präsident der Eisenbahndirektion von Berlin und später Reichspostminister, ihr Sohn Rudolf praktiziert als Sanitätsrat und Kreisarzt in Triebel in der Lausitz und der jüngste Sohn Georg bekleidet zur Zeit [1931] das Amt des Landgerichtspräsidenten in Stargard in Pommern.

      Als letztes Grundstück der Bahnhofstraße [nördliche Seite], von Rüdlin bis zum Galgenberge, lag das große Gartenlokal von Wilhelm Krämer [Ed: später wohl Arndt und dann Losch], dem Mitbegründer unseres Vereins. Der prachtvolle Obstgarten zog sich bis zum Wutziger Weg hin.

      In großzügiger Weise stellte Herr Krämer in den [18]90er Jahren unentgeltlich einen Streifen Land zum Aufbau des hiesigen Amtsgerichtes zur Verfügung. Die schöne lange Hecke von Haselnußsträuchern an der Grenze des Rüdlinschen Grundstücks mußte verschwinden, erhalten bis heute ist der große Maulbeerbaum, der auf dem Hofe des Amtsgerichts steht. Auf diesem Grund und Boden wurde der erste Turnplatz des Männer- Turnvereins Woldenberg angelegt.


Neumark — Seltene Pflanzen


Seltene Pflanzen der Heimat

Auszug aus: Heimatkalender für den Kreis Friedeberg/Nm. 1916, Seite 90–99 von OSKAR LEHMANN (Blumenthal).

      Der Autor schreibt zu Beginn des Aufsatzes: „Der Reichtum unserer heimatlichen Wälder an Pflanzenformen ist ungeheuer. Ich kann deshalb auch nur ein kleines Gebiet durchwandern und eine sehr beschränkte Anzahl von Pflanzen besprechen. Ich wähle aus dem Osten des Kreises [Friedeberg] die Umgebung meines langjährigen früheren Wohnortes Brand, das Gebiet der Oberförsterei Driesen.“

      Hier kann nicht der vollständige Text wiedergegeben werden [Ed: mein OCR-Programm verweigert die korrekte Interpretation dieser Fraktur-Druckschrift]. Deshalb werden in der folgenden Tabelle nur die alphabetisch sortierten Pflanzennamen festgehalten, die der Autor Anfang des 20. Jahrhunderts in dieser Gegend angetroffen hat.

Die Pflanzen-Liste von 1915
Nr. P f l a n z e n a r t Lateinische Bez. 1) Anm.
1.   Alpenhexenkraut    
2. Bärentraube    
3. Bauerntabak    
4. Berberitze    
5. Betonie    
6. Christophskraut    
7. Deutsche Schneide    
8. Elsebeerbaum    
9. Färbermeier    
10. Fahnwicke    
11. Felsnelke    
12. Frauenflachs    
13. Frühlingsküchenschelle Pulsatilla vernalis  
14. Gelber Moorsteinbrech    
15. Gipskraut    
16. Kamminze    
17. Kleines Nixkraut    
18. Küchenschelle    
19. Kuckucksblume    
20. Mariendistel    
21. Milchstern    
22. Mondraute Botrychium lunaria  
23. Niedriger Schwarzwurz    
24. Nordisches Labkraut    
25. Nordische Linnäe Linnaea borealis  
26. Purpurroter Schwarzwurz    
27. Roter Klee    
28. Salzkraut    
29. Sandbärenschote    
30. Sanikel    
31. Scharfkantiges Lauch    
32. Schaumkraut    
33. Schwalbenwurz    
34. Schwerthahnenfuß    
35. Segge    
36. Siebenstern    
37. Sonnenröschen    
38. Sonnentau Drosera  
39. Spitzklette    
40. Steinbeere    
41. Stengellose Kratzdistel    
42. Sumpfporst    
43. Sumpfwurz    
44. Türkenbundlilie    
45. Vermeinkraut    
46. Waldplatterbse    
47. Wasserschlauch Utricularia vulgaris  
48. Weinrose    
49. Wiesenküchenschelle    
50. Wiesenschaumkraut    
51. Wilde Kalla    
52. Wilde Reseda    
53. Winterlieb    
54. Wollkraut    
55. Ziest    
  1)  Der Autor hat die botanischen Bezeichnungn leider nur bei einigen Pflanzen angegeben.



Woldenberg — Woldenberger Geschichte(n) (2)


Woldenberg -- Am Pariser Platz / Hohen Tor


Ein altes Stadtbild

Nach einer Zeichnung aus dem Jahre 1850
[Ed: Wir kennen dieses Bild schon von der
Leitseite und von der Geschichte zu diesem Bild]

Aus: Festschrift zur 50-Jahr-Feier des Männer-Turnvereins Woldenberg, Juli 1931, Seite 27 + 28. *

      „Ach du mein lieber Gott, muß ich schon wieder fort auf die Chaussee!“ So erschollen noch fröhlich die Hörner der Postillione der Eil- und Kurierpostwagen, die unsere Stadt passierten. Wir besaßen ein Postamt erster Klasse und außerdem war Woldenberg seit 1848 vorläufige Endstation der Eisenbahnstrecke Stettin — Stargard — Posen — Breslau. Der Weiterbau dieser Strecke nach Posen — Breslau wurde von Woldenberg aus, durch den Ingenieur Seeger im Auftrage einer englischen Firma, geleitet.

      Der erste Spediteur war der Kaufmann Franz Meinicke am Pariser Platz [Ed: der auch Hohes Tor genannt wurde] (siehe Bild), er beförderte bis tief nach Westpreußen hinein die Frachtgüter. Aber auch von Driesen, Friedeberg und Landsberg kamen die großen Lastwagen, um die Frachtgüter hier abzuholen, denn die Ostbahn wurde erst 10 Jahre später gebaut. Wenn der Eisenbahnknotenpunkt „Kreuz“ nicht, wie beabsichtigt, nach Woldenberg gelegt wurde, so möchte auch ich an dieser Stelle erwähnen, daß es lediglich persönliche Beziehungen des damaligen Großgrundbesitzers von der Schulenburg waren, die diesen Plan durchkreuzten. Die Stadt Woldenberg hatte kostenlos genügend Gelände zur Verfügung gestellt!

      Bis zum Jahre 1870 waren es aber auch die Dragoner, eine Schwadron, die das Stadtbild belebten, sie lagen in Bürgerquartieren, so mancher blieb nach seiner Dienstzeit weiter in Woldenberg. Der erste Rittmeister war der Baron von Korff, Schwiegersohn des bekannten Komponisten Meyerbeer. Der große Pferdestall der Dragoner, oben an der alten Reitbahn gelegen, wurde nach 1871 zum Krankenhause umgebaut. Die alte Montierungskammer diente bis zum [1.] Weltkriege Militärzwecken, später wurde sie von der Stadt angekauft.

      Der hölzerne Kirchturm wurde mehrmals durch Feuer völlig vernichtet, unser Bild zeigt noch die Kirche mit dem freien Giebel der Turmseite. Im Jahre 1853 wurde der Grundstein zu dem heutigen Turm gelegt. König Friedrich Wilhelm IV. war persönlich zur Grundsteinlegung erschienen. Die Hauptspitze des Turmes wurde durch den König von der Zeichnung gestrichen und der Stadt 6.000 Thaler aus seiner Privatschatulle übergeben. Die Gesamtkosten des neuen Turmes betrugen 20.000 Thaler.

      Das [militärische] Bezirkskommando Woldenberg wurde im Jahre 1867 eingerichtet, nach Schluß des [1.] Weltkrieges wurde es als Versorgungsamt umgewandelt und später nach Landsberg verlegt. Die alte Wassermühle mit ihren Schleusen am unteren Fließlauf mußte 1894 einer großzügig angelegten Meliorationsanlage weichen.

      Das erste Klischee dieser alten Stadtansicht wurde 1925 zum 75jährigen Bestehen der Eisenwarenhandlung am Pariser Platz angefertigt.

Woldenberg -- Blick vom Kirchturm um etwa 1875
^   Woldenberg um etwa 1875 – Blick vom Kirchturm in Richtung Westen. Dieses ist die älteste Fotografie Woldenbergs. Zu dieser Zeit war das Kaufhaus C.Bredereck an der Junkerstraße noch nicht gebaut. Auch gab es die Milferstaedtstraße noch nicht.

Die im vorangehenden Text erwähnten Orte (alte Wache am Obertor bzw. hohen Tor, Garnisonslazarett und die Ausspannung) sind im Foto mit einem roten Punkt markiert. Links ist die Schulstraße und rechts die Kirchstraße.   (Beide Repros: 2008 – khd)


      Das vorangehende Bild, die älteste Photographie Woldenbergs, eine Aufnahme oben vom Turm, stellte Herr Altermann für diese Festschrift zur Verfügung. Die alte Wache am Obertor und das Garnisonslazarett der Dragoner in der Junkerstraße sind auf diesem Bild noch zu sehen. Ebenso die alte Tabagie und Ausspannung von Schwarz in der Richtstraße [Ed-2006: hm, wenn die in der Richstraße war, dann kann sie nicht im Bild sein, denn die Straße rechts ist die Kirchstraße].


Kreis Friedeberg — Hochspannungsnetz um 1930


Kreis Friedeberg -- Hochspannungsnetz um etwa 1930
^   Kreis Friedeberg – Hochspannungsnetz um etwa 1930. Die allermeisten Dörfer und Einzelgehöfte wurden Ende der 1920er-Jahre noch nicht mit elektrischem Strom versorgt. Kraftwerke sind in dieser Planskizze nicht eingezeichnet.   (Repro: 2008 – khd)



Woldenberg — Russen besetzen 1945 die Stadt


      26.1.2010 (khd). Heute vor genau 65 Jahren läuteten in Woldenberg um 24 Uhr die Glocken der Marienkirche und trugen damit eine tieftraurige Botschaft ins Woldenberger Land. Es war das Zeichen für die Woldenberger und die in der Umgebung Lebenden, schnellstens in einer bitterkalten Nacht mit dem Notwendigsten zum Bahnhof
      Plan dazu
^   Klicke, um dazu Plan anzuzeigen.
aufzubrechen, um mit Zügen der Eisenbahn vor der immer näher kommenden Roten Armee nach Westen zu flüchten [Flucht vor den Russen]. Wir wissen heute, daß die russischen Panzer zu diesem Zeitpunkt schon dicht an die östliche Seite der Drage herangerückt waren — also nur noch rund 15 km entfernt waren.

      Noch Mitte Januar 1945 waren sich die meisten Woldenberger ganz sicher gewesen, die Russen kommen niemals in ihre schöne Kleinstadt. Sie vertrauten auf die Fähigkeiten der Deutsche Wehrmacht und die legendäre „Pommern- Stellung“ (auch „Ostwall“ genannt), die von der Ostsee bis in den Raum von Zantoch an der Warthe reichte und östlich von Woldenberg längs der Drage in jahrelanger Arbeit mit Bunkern und Gräben angelegt worden war.

      Was sie aber nicht wußten: Dieser Abwehrwall war Anfang 1945 de facto waffenlos. Die meisten Waffen hatte man 1944 an die Westfront geschafft (Ardennen- Offensive). Auch standen zur Verteidigung der Pommern- Stellung nicht mehr ausreichend kampftaugliche Truppen und Panzer zur Verfügung. Aber das sagten die Nazis natürlich der Bevölkerung nicht.

Hochzeit im Kreis Arnswalde -- Drage-Brücke      
^   Hochzeit/Nm im Kreis Arnswalde – Brücke über die Drage, über die am 28. Januar 1945 die Rote Armee mit Panzern in die Neumark einfiel.   (Repro: 2008 – khd)
      Und so war es dann auch eigentlich nicht verwunderlich, daß der Roten Armee die handstreichartige Eroberung der – strategisch so wichtigen – Drage-Brücke an der Reichsstraße 1 bei Hochzeit bereits in den Morgenstunden des 28. Januar 1945 gelang. Verwundert war damals darüber nur die Wehrmachts- Führung, die in diesem Bereich vom SS-Führer Himmler befehligt wurde.

      Im Hochzeiter Forst sammelten sich am 28. und 29. Januar immer mehr russische Panzer-Verbände. Und da die russischen Militärs in Woldenberg einen sehr starken Widerstand erwarteten, wählten sie als Hauptstoßrichtung des weiteren Vormarsches zur Oder eine über freies Feld nördlich an Woldenberg vorbeiführende Route über Klosterfelde in Richtung Marienwalde.

      Dieser Angriff startete in den frühen Abendstunden des 29. Januar 1945. Nur eine kleine Panzergruppe bewegte sich von Wolgast auf der Reichsstraße 1 direkt auf Woldenberg zu, das zu dieser Zeit längst geräumt war – auch deutsches Militär war dort längst nicht mehr.


Woldenberg wird umgangen
und trotzdem zerstört

      »Der Vormarsch der Russen von Wolgast nach Woldenberg staute sich vor dem Mehrenthiner Fließ am östlichen Stadtrand. Ungeklärt, ob die Straßenbrücke im letzten Augenblick gesprengt wurde oder einer schweren Belastung nicht standgehalten hatte, sie war in halber Fahrbahnbreite eingestürzt. „(Die schweren Panzer) bogen deshalb am Niedertor zum Mühlenweg ein und überquerten bei dem Hofe Neuendorf an der Wasserspüle das Fließ. Durch die Gärten und Häuser stießen sie zur unteren Kirchstraße vor und erreichten den Marktplatz.“ [159]

      Vermutlich als Sichtzeichen für die russische Führung wurde in der Stadtmitte Feuer entzündet. Es entstand bald ein Großbrand, der die Richtstraße versperrte und sie bald auch durch Trümmerschutt unpassierbar machen würde. Deshalb verzichteten die Russen auf schnelle Wiederherstellung der Straßenbrücke und leiteten ihre Schwerfahrzeuge über einen behelfsmäßigen Damm aus Trümmerschutt der niedergebrannten Häuser Schleusner, Sann und Rosengarten. Ihr Nachschub rollte nun vom Judenfriedhof direkt in die Neue Straße am jenseitigen Ufer.

      Ehe diese Furt voll benutzbar war, lenkten die Russen etliche Panzer nördlich um den See herum über den Postberg und durch Wutzig in den neuen Bereitstellungsraum zwischen Kölzig und Marienwalde. „Und als wir an den Postberg kamen, der in die Stadt hineinführte, blieb uns das Herz stehen. . . mitten auf dem Damm ein dunkler Fleck, der einmal ein Mensch gewesen, wohl eine Frau, denn Panzer hatten zerwalzt, was einmal Form und Leben gehabt, es war nicht mehr zu erkennen.“ [160]

      Bevor russischer Nachschub über den Behelfsdamm durch Woldenberg rollen konnte, hatten einige Sowjets die Häuser nach lohnender Beute und versteckten deutschen Soldaten durchsucht. Volltrunken wie meistens, kannten sie dabei weder Vorsicht noch Gnade, bald schon nicht mehr ihresgleichen. „In der Nacht zum 29. Januar wurde eine wilde Schießerei durch die Stadt veranstaltet.“ [161]

      Die Besetzer schossen auf alles, was ihnen in den Weg kam und sich bewegte, schließlich am Kastanienplatz auf die eigenen Leute. Sie gehörten wahrscheinlich zu einem Spähtrupp, der sich aus der Gegend von Dragebruch/Friedrichsdorf nach Woldenberg vorgewagt hatte.

      „Gegen Mittag um 11.30 Uhr beglückten mich ‚Uhre, Uhre‘ mit ihrem ersten Besuch. Gegen Abend wurde der Himmel ganz rot und am 30. 1. war über Nacht schon der größte Teil unserer schönen Stadt in einen brennenden Trümmerhaufen verwandelt.“ [162]

      Woldenberg hatte zu sterben begonnen. Einige der letzten Einwohner, die nicht fliehen wollten, mußten sich zu neuem Leid auf die Papiermühle flüchten. Von dort konnten sie die sterbende Stadt sehen. Nach mehreren Tagen und Nächten des Todeskampfes in der alles verzehrenden Feuerlohe war sie für immer in sich zusammengesunken. Rings um die hoch aufragende Kirche mit den vier Ecktürmen.«   [...und die Zerstörung Woldenbergs war 1945 perfekt]

Hinweis: Es gibt inzwischen eine Extra-Seite „Einfall der Russen 1945“ mit weiteren Informationen und Abbildungen zur Russen-Invasion.





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