Anmerkungen / Remarks of the Editor:
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Prochnow-Manuskript.
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1) 
Die hier dokumentierten Tagesberichte hat der Autor aufgrund seiner Tagesnotizen um 1948 aufgeschrieben,
wobei er die mit einem * markierten Stellen hinzugefügt hat.
Der Autor führte seit xxx als Inhaber das Woldenberger Hotel Prinz von Preußen in
der Richtstraße Nr. 47. Das Hotel galt als erstes Haus am Platze.
2) 
Der Autor (Jahrgang 1887) lebt leider nicht mehr. Und so können wir ihn nicht mehr nach weiteren
Einzelheiten befragen.
3) 
Diese Abbildungen und Links wurden für diese Veröffentlichung redaktionell ausgewählt und
hinzugefügt. Im Original sind sie nicht enthalten.
Some of those links point to Wikipedia articles in German. Those who like them in English should look
at the left side of the Wikipedia pages. There you‘ll find a link to the English version.
Korrigiert wurden hier auch eindeutige Fehler in der Schreibweise von Namen und Ortsnamen, ohne daß
das besonders markiert wurde. Beispielsweise muß es Beyersdorf statt falsch
Beiersdorf heißen. So steht es in der amtlichen Landkarte. Alle Abkürzungen wurden
aufgelöst, und die Angabe klm wurde überall durch km ersetzt.
4)
Einige Hinweise (Links), die interessieren könnten:
5) 
Herta ist die Ehefrau von Ernst Johann Prochnow. Sie fuhr mit dem großen Woldenberg-Treck, der
bereits am 29. Januar 1945 in Berlinchen ‚strandete‘. Sie überlebte den russischen
Panzerüberfall und trat dann mit anderen per Fuß den Heimweg an: Berlinchen Krining
Gerzlow Waldübernachtung Pehlitz Hermsdorf, wo sie Ernst Prochnow am
4. März 1945 wiedertraf.
6) 
Eine solche Zeitangabe wie etwa 1/2 8 Uhr (Halbacht) ist typisch für die Neumark
wohl für ganz Brandenburg (einschließlich Berlin). Sie wird anderswo kaum verstanden.
1/2 8 Uhr bedeutet nichts anderes als 7.30 Uhr. Und 1/4 8 Uhr wäre also 7.15
Uhr alles klar?
7) 
Von Otto Hemp, dem früheren Bürgermeister von Woldenberg, gibt es einen 1950 verfaßten
Bericht über das
Schicksal des Woldenberg-Trecks.
8) 
Die Vertreibung der Deutschen aus Woldenberg begann am 1. Juli 1945. Sie mußten alle bis zur Oder
laufen, obwohl ein Abtransport per Bahn möglich gewesen wäre. Der Fußmarsch führte
von Woldenberg (Marktplatz) über
Kirchstraße
Kastanienplatz
Woldenberger Gehege
Lauchstädt
Dolgen
Lichtenow*
Friedeberg
Zanzthal
Stolzenberg*
Landsberg
Beyersdorf*
Marwitz
Lichtefleck (Forst)
Schöneberg*
Soldin
Rufen*
Neuendorf
Bahn
Liebenow*
Fiddichow/Oder*
in 1 Woche zur Oder, die am 7. Juli erreicht und am 8. Juli 1945 überquert wurde. In den mit einem *
markierten Orten wurde jeweils eine Übernachtungspause eingelegt.
Der Treck wurde bis zur Oder von polnischen Posten begleitet, vermutlich um sicherzustellen, daß
niemand ‚verlorengeht‘.
9) 
Größeres Vieh wie Kühe und Schafe wurde damals von den einzelnen Gehöften auf
Koppeln zusammengetrieben. Später im Frühjahr wurde dann das Vieh in großen Herden vom
eroberten Deutschland über die Straßen nach Rußland getrieben. Von dieser Art der
Reparation werden viele gar nichts wissen. Also ich (Editor) erfuhr erstmals im Sommer 2010 durch einen
zufälligen
Entrag im
Gästebuch überhaupt davon.
10) 
Also hat es in Woldenberg tatsächlich von Ende Januar bis zumindest Ende Juni 1945 keinen
elektrischen Strom mehr gegeben. Und so bleibt unklar, womit die Russen den Zaun des Woldenberger
Kriegsgefangenen- Lagers beleuchtet haben, wie das
Wolfgang Albrecht berichtete.
11) 
Penzlin In Mecklenburg lag in der von den Sowjets besetzen Zone (SBZ). Aus dieser
Besatzungszone entstand
dann zusammen mit dem Ost-Sektor Berlins am 7. Oktober 1949 die
Deutsche Demokratische
Republik (DDR). Die DDR bezeichnete sich selbst als sozialistischen Staat, entwickelte sich
aber nach und nach zu einer Diktatur sowjetischer Prägung. Und damit ihnen nicht die
Bevölkerung in den Westen weglief, bauten sie im August 1961 eine Mauer um ihr Land.
12) 
Die Odyssee der Prochnows durchs Nachkriegs- Deutschland ist typisch für Hundertausende
Flüchtlinge aus Ost-Deutschland, die 1945 nicht wußten, wo nun hin? Nach der Oder-Querung bei
Fiddichow am 8. Juli 1945 wurden die Prochnows an folgende Orte geführt:
Friedrichsthal
Schwedt
Heinersdorf
Gramzow
Angermünde
Serrin [?]
Eberswalde
Buch
Buchholz
Berlin
Ludwigslust
Wittenberge
Perleberg
Neu-Strelitz
Penzlin (bis 18.6.1946)
Neu-Strelitz
Potsdam
Berlin
Leipzig
xxx
Hof-Moschendorf
München-Untermenzing
Barenburg [?]
Weingarten
Friedrichshafen
Konstanz am Bodensee (1.7.1946).
13) 
Kraft durch Freude (KdF), das war ein Ablenkungsprogramm der Nazis, das die Bevölkerung
u. a. mit Veranstaltungen, Unterhaltung und Reisen zu günstigen Preisen versorgte. Es gab sogar
KdF-Kreuzfahrtschiffe. Und für den geplanten ersten Volkswagen (Auto) konnte man zu Nazi-Zeiten vom
KdF eine Art Zuteilungspapier kaufen, was dann nach 1945 wertlos wurde.
14) 
Kein Wunder! Zwar wußten die Polen 1945 noch kaum etwas vom Massaker
Katyn, das die
Russen im Frühjahr 1940 an Tausenden polnischer Offiziere im damaligen Ostpolen angerichtet hatten,
aber die Machenschaften von Stalin und Hitler waren bereits im Ansatz bekannt.
Im
Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 hatten Hitler und Stalin auch die 4. Teilung
Polens vereinbart. Und noch heute (2011) stehen die Polen ihren östlichen Nachbarn höchst
skeptisch gegenüber. Das war auch für Polen der Hauptgrund dafür, nach dem Zusammenbruch
des Ostblocks möglichst schnell in das westliche Verteidigungsbündnis NATO (Beitritt 1999) und
in die EU (Beitritt 1. Mai 2004) aufgenommen zu werden.
15) 
Hm, so ganz unwahrscheinlich war das nicht. Denn um diese Zeit begann auch die Vertreibung der polnischen
Bevölkerung aus den Regionen Ostpolens. [
Grafik Westverschiebung Polens]
[
Die Zwangsumsiedlung der Polen]
16) 
Das war nicht Schikane. Die Noch-immer-Millionen-Stadt Berlin hatte damals ein riesiges
Versorgungsproblem der Bevölkerung. Deshalb wurden 1945 und auch noch Jahre danach kaum Zuzüge
geduldet.
17) 
Aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße kamen 14 Millionen Flüchtlinge in die
Besatzungszonen des Rest-Deutschlands. Etwa 2 Millionen davon
überlebten die Flucht bzw. Vertreibung nicht. Zwar gelang die Integration der zwangsweise
‚Eingewanderten‘ über die Nachkriegsjahre, aber die allermeisten Flüchtlinge waren
in den ersten Jahren bei der einheimischen Bevölkerung nicht gern gesehen.
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Das restliche Deutschland wird 1945 in 4 Besatzungszonen geteilt.
(Grafik: 2010 wikipedia) |
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18) 
Leider berichtet E. J. Prochnow nicht über die Gründe, warum ihnen von der Elbe-Querung
abgeraten wurde. Immerhin wären sie dort in die britische Besatzungszone gelangt, die sich
demnächst (zum 1. Januar 1947) mit der amerikanischen Besatzungszone zur
Bizone
zusammenschließen sollte und damit die Basis für die Gründung der
Bundesrepublik Deutschland (BRD) am 23. Mai 1949 darstellt.
19) 
Dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) kam in der Nachkriegszeit eine große Bedeutung zu,
um Familienangehörige, Verwandte und Bekannte wiederzufinden. Noch jahrelang bis weit in die
1950er-Jahre wurden im Radio täglich Suchmeldungen gesendet. Aber im Sommer 1945 war dieser
Suchdienst erst im Aufbau.
20) 
Die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln war 1945 eine einzige Katastrophe. Zwar wurde die
Zwangbewirtschaftung mit Lebensmittel-Karten fortgesetzt, aber wenn kaum etwas zu verteilen ist, dann
hilft das auch wenig. Man spricht auch von den Hungerjahren, die bis Anfang der 1950er-Jahre
anhielten. In der DDR dauerte das wg. der
Planwirtschaft sogar noch länger. Erst 1958 schaffte die DDR die
Lebensmittel-Karten ab. Besonders schlimm war es in den Städten. Auf dem Lande konnte immerhin
manches an Grundnahrungsmitteln wie Kartoffeln, Mehl, Milch und Gemüse selbst produziert werden, was
Städter zu Hamsterfahrten einlud.
21) 
Briefpost war in den Nachkriegsjahren das wichtigste Kommunikations-Mittel. Es wurde allerorten sehr viel
hin- und her-geschrieben, um Informationen über den Verbleib und das Ergehen von Angehörigen,
Verwandten und Bekannten zu erfahren. Heute greift man zum schnelleren Telefon oder sogar zum mobilen
Handy. 1945 und danach war das aber noch nicht möglich, denn die allermeisten hatten gar keinen
Telefon-Anschluß, auch war vielerorts das Telefon-Netz zerstört. Zudem waren
Ferngespräche damals sehr sehr teuer, mußten sie doch per Hand vom Fernamt vermittelt
werden.
22) 
Die Menschen waren nach dem Krieg Freiwild für die Allmächtigen (Besatzungsmacht + deutsche
Verwaltung). Sie konnten jederzeit zu jeglicher Arbeit abkommandiert werden vor allem zu
Demontagen. Besonders schlimm war das in der SBZ (spätere DDR). Übrigens, jede Gesellschaft
braucht offensichtlich ihre ‚underdogs‘. Und dabei fallen einem sofort heutige
Hartz-IV-Empfänger ein, deren bürgerliche Freiheiten auch erheblich eingeschränkt sind
(Residenzpflicht, Arbeitspflicht usw.).
23) 
Zu vermuten ist, daß auch die Prochnows schon Anfang 1946 mitgekriegt hatten, es kann unter der
sowjetischen Besatzungsmacht keine Zukunft geben. Deshalb wollten sie nach dem Westen umsiedeln. Aber so
einfach war das damals gar nicht, denn es gab keine Reisefreiheit. Alle Fernreisen mußten genehmigt
werden, und in den Eisenbahnzügen wurden die Papiere sehr streng kontrolliert.
24) 
Das Ziel der Prochnows war
Konstanz am
Bodensee, das damals in der französischen
Besatzungszone
lag. Hier wohnten bereits gute Bekannte aus Woldenberger Zeiten (Kammerer und Ziebart).
Es verwundert schon, warum der Zuzug in die
französische
Zone damals gesperrt war. Unterm Strich wurden in der französischen Zone insgesamt nur wenige
Ost-Flüchtlinge aufgenommen. In den anderen 3 Zonen wurden jeweils über 3 Mio. Flüchtlinge
angesiedelt.
25) 
Im Prochnow-Bericht bleibt unklar, was die Kammerers in Konstanz für einen Betrieb hatten.
Offensichtlich war das ein Restaurant (evtl. mit Hotel). Aus den spärlichen Informationen darf wohl
geschlossen werden, daß dieser Betrieb den Namen Zum Adler trug. Somit wäre E. J.
Prochnow in einem Bereich tätig gewesen, der halbwegs seinem Beruf (Hotel-Manager) entsprach.
26) 
Ob dieser Hans Bredereck der Vater vom
Wolfgang Bredereck ist, der heute (2011) in Australien lebt, und uns mit den vielen
alten und neuen Fotos aus Woldenberg versorgte, ist derzeit unklar. Sicher werden wir es bald
erfahren.
27) 
Bereits am 27. Juni 1945 wurden die Bewohner von Bayers Hof bei Woldenberg von den Polen brutal
vertrieben, wie das
Heinz
Mohnhaupt (Jahrgang 1930) im
2. Band
seiner Trilogie Auf steinigen Wegen von 2004 eindrucksvoll ab Seite 120 beschreibt. Die
Mitnahme von Handwagen wurde den Ausgewiesenen verwehrt. Sie mußten ihre wenige Habe tragen.
Der kleine Treck, dem sich noch andere anschlossen, wurde nur bis Friedeberg von polnischen Soldaten
bewacht. Sie marschierten dann über Landsberg nach Küstrin, wo aber alle Brücken über
die Oder zerstört waren. Etwas südlich von Küstrin gelangten sie bei Göritz über
eine Behelfsbrücke dann doch noch ans westliche Ufer der Oder. Die körperlichen Strapazen des
Fußmarsches waren so groß, daß kurz darauf Mohnhaupts 42-jährige Mutter Emma an
Auszehrung starb und bei Reitwein beerdigt werden mußte. Die Mohnhaupts schlugen sich dann
mühsam vom Oderbruch bis nach Anklam durch.