Woldenberg (Neumark)   —  Flucht-Erlebnisbericht von G. Brauer II khd
Stand:  9.10.2012   (103. Ed.)  –  File: WBG/Reports/Wbg_Gert_Brauer_II_.html



Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
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freien Enzyklopädie.
 
Auf dieser Seite wird der 2. Teil der Erinnerungen von Gert Brauer an die lange Flucht per Pferd und Wagen vom Woldenberger „Birkenhof“ (Hochzeiter Chaussee) über die Oder bei Greifenhagen nach Vorpommern und später weiter nach Holstein präsentiert. Zwar hat Gert Brauer diese Flucht vor der Roten Armee mit dem „Birkenhof-Treck“ bereits 1999 in seinem Buch „Was vergangen, leuchtet lange noch zurück“ kurz beschrieben, aber inzwischen eine erheblich erweiterte und ergänzte Schilderung verfaßt (Manuskript von 107 Seiten von 2009), die hier (seit 2010) erstmals publiziert wird. Der Dank dafür geht an den Autor.

In dem Text wurden einige Anmerkungen [Ed: ...], die Zwischentitel, Hyper-Links (Internet-Verweise) und einige Fotos sowie ausführliche Bildlegenden redaktionell hinzugefügt. [Translation-Service]

1945 — Flucht von Woldenberg gen Westen – Teil II



    Immer weiter, weiter . . .

Erlebnisbericht über die Flucht ins Ungewisse
27. Januar — 3. Mai 1945 
*

von

    GERT  BRAUER *
(* 1931)

   Mit 36 Abbildungen und vielen Links * **
[Teil I]  [Teil II]  [Teil III]



I n h a l t :


Im Internet ist dieses Dokument (Web-Seite) zu finden unter:   http://www.woldenberg-neumark.eu/Reports/Wbg_Gert_Brauer_II_.html



Analyse der damaligen Situation

E i n   E x k u r s

Wie beurteilten zeitgenössische Beobachter die militärische Lage,
und welche Schlüsse erlauben der heutige Informtionsstand?


      An dieser Stelle wird der Erlebnisbericht durch einen Exkurs ergänzt. Wie beurteilten zeitgenössische Beobachter die militärische Lage und welche Schlüsse erlauben der heutige Informationsstand?

Was die NZZ am 31. Januar 1945 schrieb

      Aufschlussreich ist die Analyse der Neuen Züricher Zeitung [NZZ] vom 31.1.: „Im Zentrum der Front kündigen sich neue dramatische Ereignisse an. Eine mächtige russische Panzerarmee überschritt auf breiter Front die Obra [Ed: Nebenfluß der Warthe] in voller Stärke, überrannte die mit Volkssturm verstärkten Grenzbefestigungen im ersten Anlauf und befindet sich nun in schnellem Vordringen auf Frankfurt an der Oder.

      In letzter Stunde eingetroffene Frontberichte melden den völligen Zusammenbruch der deutschen Verteidigung westlich der Obra. In unabsehbaren Trecks bewegen sich Flüchtlingsströme aus den deutschen Ostgebieten nach dem Westen. Die Trecks sind dörferweise aufgebrochen und bleiben nach Möglichkeit zusammen. Ihre Größe schwankt zwischen kleinen, nur wenige Wagen umfassenden Kolonnen und dem monströsen Gebilde eines 50 bis 60 Kilometer langen Heereswurms mit vielen Tausenden von Fuhrwerken.“

Und am 1. Februar 1945 schrieb die NZZ

      Als wir am 1. Februar 1945 um Mitternacht die Oder überquerten, berichtete die Neue Züricher Zeitung: „In Moskau herrscht der Eindruck vor, daß die erste Phase der russischen Winteroffensive, die in einem beispiellosen Siegeszug in weniger als 3 Wochen ganz Polen überrannte und den Kern des deutschen Ostheeres zerschmetterte, vor ihrem Abschluß steht. Nach einer Zwischenphase, dem Aufmarsch an der Oder, dürfte dann der zweite Teil der russischen Winteroffensive folgen, nämlich die Schlacht um die Oder und um Berlin.“

      In diesem Sinn erinnerte ein sowjetisches Flugblatt die deutschen Führungsstäbe an die gewaltige Übermacht und ungebrochene Kampfkraft der Roten Armee: „Kennen Sie die wirkliche Lage an der Front? Die Truppen der Roten Armee haben nördlich von Frankfurt die Oder überschritten und stehen 60 km vor Berlin“ (2.2.1945).

Wahrheit sogar im KTB

      Nicht einmal der Autor des KTB betrieb Schönfärberei: „Der Gegner drang in den Sternberger Forst [Autor: Großvater Paul Becker ist gebürtiger Sternberger] ein und besetzte Meseritz [Autor: hier unterrichtete Großvater am Gymnasium]. Kämpfe bei Küstrin. Nördlich davon kam er bis an die Oder [Autor: Raum Bahn — Greifenhagen]. Er steht vor Königsberg in der Neumark. Einige Panzer stießen bei Neuwedell [Ed: nördlich von Woldenberg] vor. Schneidemühl [Ed: nordöstlich von Woldenberg] ist abgeschnitten. Vom Westen schiebt sich Tauwetter nach dem Osten vor. Dabei Temperaturen von +8 Grad“ (KTB, 2.2.1945).

      Die Einträge im KTB belegen: Hätten wir von Bahn kommend die südliche Richtung eingeschlagen, wäre uns die sowjetische Panzerarmee, die von Königsberg (Neumark) und Küstrin gen Norden vorrückte, direkt entgegengerollt. Vater sei Dank für die richtige Eingebung im rechten Augenblick.

Genauer Operationsablauf

      Heutzutage kennt die Forschung den genauen Operationsablauf: Am 28. Januar 1945 stießen sowjetische Divisionen [Ed: von Süden über die Netze kommend] durch den Netzekreis, ließen Woldenberg und Friedeberg hinter sich und stürmten weiter auf der Reichsstraße 1 an Landsberg/Warthe vorbei Richtung Oder, die sie zwischen Frankfurt und Küstrin am 30. Januar erreichten, d. h. die Sowjets waren stellenweise früher an der Oder als wir!

      Der Bevölkerung der südlichen [Ed: muß „nördlichen“ heißen] Kreise (Landsberg, Soldin, Königsberg) Ostbrandenburgs erging es wie den Bürgern der Neumark [Ed: muß „des südöstlichen Pommern“ heißen], die durch den Vorstoß am unmittelbarsten betroffen waren. Der überwiegende Teil der ländlichen Bewohner wurde von dem sowjetischen Vormarsch dermaßen überrascht, daß nur einer Minderheit die Flucht gelang. Am 2./3. Februar 1945 war ganz Ostbrandenburg von Sowjettruppen besetzt. Der Hergang des Geschehens zeigt, daß uns himmlische Heerscharen über die Oder geleiteten.



Die Flucht ins Ungewisse

Die Rote Armee auf den Fersen
(2.2. – 7.2.1945)

Auf Kurs Anklam

Fluchtweg Teil 4 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Anklam)
^   Fluchtweg Teil 4 des Woldenberger Birkenhof-Trecks. Weiter geht es in Richtung Anklam: Von Greifenhagen, vorbei an der Provinzhauptstadt Stettin nach Pasewalk. [Fortsetzung] [Liste der Orte]   (Grafik: 9.3.2012 – khd-research)

      Nach der Ruhepause am kalten Ofen bei Familie Pieske in Neu Rosow setzten wir den Treck am 2. Februar 1945 gegen 11.00 Uhr zum vorgegebenen Ziel, d. h.
Anklam, fort. „Eile mit Weile“ (Augustus) hieß die Devise für die nächsten Tage. Bei freundlichem Wetter konnten die Pferde im Trott gehen. Die Route führte über Kolbitzow, Stettin-Schöningen, Stettin-Scheune nach Stettin-Möhringen, wo kein Quartier zu finden war. Eine ordentliche Unterkunft für Mensch und Tier bot das Gut Sparrenfelde. Ins Gästebuch von Gutsbesitzer Dr. Just schrieben meine Eltern: „Auf der Flucht aus unserer geliebten Heimat war die herzliche Aufnahme ein Lichtblick.“

      „Nordwestlich von Küstrin drang der Gegner bei Zielenzig über die Oder. Der Gegner hat nun nach Nordwesten in Richtung Pyritz eingedreht. Außerdem schiebt er sich an Arnswalde heran“ (KTB, 2.2.1945). Im Vergleich zum KTB — meist ist die Rede vom „Gegner“, die Ausdrücke „Feind“ oder „Bolschewisten“ werden vermieden — ist der Wehrmachtsbericht inhaltlich weniger konkret und ergiebig, aber terminologisch schärfer formuliert, unterschlägt indessen die Überquerung der Oder durch die Sowjets: „Die Besatzungen von Schneidemühl und Posen erwehren sich heftiger, von starkem Artilleriefeuer unterstützter Angriffe der Bolschewisten“ (2.2.1945).

Nur begrenztes Sicherheitsgefühl

      Da es den Sowjets gelungen war, Ende Januar/Anfang Februar 1945 an einigen Abschnitten die Oder zu überqueren, konnte das derzeitige Sicherheitsgefühl bestenfalls vorübergehend eine
stabile Grundlage haben, obwohl das OKW meinte, daß „nach dem Tauwetter die Oder wieder ein schwierigeres Hindernis geworden ist“ (7.2.1945). Offenbar war, wie angedeutet, eine zweite Phase der sowjetischen Großoffensive in Vorbereitung.

      Zudem geht aus den Lageberichten hervor, daß die sowjetischen Streitkräfte nicht gleichzeitig und gleichmäßig an der gesamten Ostfront die deutschen Abwehrkräfte zurückdrängten, sondern tiefe Stoßkeile in den Verteidigungsraum trieben. Während einige Einheiten bereits Ende Januar Brückenköpfe auf dem linksseitigen Oderufer bilden konnten, gelang den Eroberern die Einnahme von Schneidemühl, das sich 21 Tage dem Ansturm widersetzte, erst am 15. Februar 1945.

Nun wurde Bahn angegriffen

      Am 3. Februar zog unser Treck durch eine waldarme Seen- und Hügellandschaft. Nach Neuenkirchen und Bismark folgte Löcknitz, das Standquartier für 3 Tage, weil ein Rad des Leiterwagens reparaturbedürftig war. Die Pferde erholten sich in einem Stall, uns brachten Karl und Martha Johannes in einem warmen Zimmer unter. Auch konnte ich Radio hören.

  • 3.2.1945: „Schneidemühl hält sich weiter.“ (KTB)
  • 4.2.1945: „Der Feind drang in Richtung Pyritz, ein eigener Vorstoß bis Flatow.“ (KTB)
  • 5.2.1945: „Bei Lebus drang der Gegner über die Oder, ferner südwestlich von Küstrin. Nördlich von Küstrin weitere Versuche, über die Oder zu dringen. Bahn und Pyritz wurden angegriffen; Amswalde wurde eingeschlossen.“ (KTB)

In Pasewalk, wo Hitler 1918 bechloß, Politiker zu werden

      Den Treck setzten wir am 6. Februar fort. Dank der Wetterbesserung und mit gestärkten Pferden ließen sich mehr Kilometer als bisher zurücklegen. Die Strecke führte über Rossow nach Pasewalk, einer anmutigen Kleinstadt mit einem elliptischen Grundriß und gitterförmigen Straßennetz, am rechten Ufer der Uecker gelegen. Vater dachte an Otto von Bismarck, der durch die Stadt mit Kürassieren geritten war.

      Andererseits war Pasewalk sozusagen der geistig-politische Ausgangspunkt der Tragödie Deutschlands, denn im Jahre 1918 „beschloß“ der Gefreite Adolf Hitler im dortigen Lazarett, „Politiker zu werden“. Passanten flanierten gemächlich und bedächtig in den breiten und baumreichen Straßen. Ein Fußgänger, guten Mutes, redete auf uns ein: „Bleiben Sie bei uns. Hier ist es schön und sicher!“ Vaters spontane Reaktion: „Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“

Oft schwierige Quartiersuche

      Es folgten die Dörfer Jatznick, Heinrichsruh und Ferdinandshof. Größtenteils war die Suche nach einem Obdach für 6 Pferde und 6 Personen eine Wissenschaft für sich. Gewöhnlich begann es zu dämmern oder zu dunkeln, wenn Mutter und ich als Quartiermacher das Terrain erkundeten. Gegen Abend war die Mehrzahl möglicher Unterkünfte belegt. Eine offene Haustür gehörte zu den Ausnahmen. Nicht selten blieb uns nichts anderes übrig als die Haupt- und Nebenstraßen abzuklappern.

Fluchtweg Teil 5 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Anklam)
^   Fluchtweg Teil 5 des Woldenberger Birkenhof-Trecks. Weiter in Richtung Anklam, wie die Partei befohlen: Von Pasewalk nach Anklam und dann ins Quartier nach Krien. [Fortsetzung] [Liste der Orte]   (Grafik: 22.3.2012 – khd-research)

      In Ferdinandshof sah ein hilfswilliger und freundlicher Ortsbauernführer nach dem Rechten. In der als Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten Schule hieß eine korpulente Köchin Groß und Klein mit warmem Essen, Kaffee und Brot willkommen. Johann, der Teller auf Teller wie ein Scheunendrescher aß, strahlte förmlich. Unterkunft fand sich bei Familie Koepke. Frau Koepke, nicht auf den Mund gefallen, war einst Blumenverkäuferin in Berlin, Herr Koepke, von Beruf Maurer, ein eingefleischter Parteigenosse. Dennoch trübte die unkritische Einstellung nicht das gemeinsame Nachtquartier im Schlafzimmer des Ehepaars.

Ein Pferd fällt aus

      Am nächsten Morgen suchte Mutter vergeblich nach dem Schmalztopf, eine eiserne Reserve vom Birkenhof. Fritz nahm sich vor, mit Mutters Fahrrad zurück nach Löcknitz zu radeln, um die unschätzbare Vorratsquelle abzuholen. In Anklam sollte er wieder zu uns stoßen.

      In der Morgenfrühe machte dem vorgesehenen Aufbruch das Pferd Vicky einen Strich durch die Rechnung. Es konnte sich nicht mehr aufrichten. Vermutlich hatten Überanstrengungen und die allzu knappen Erholungspausen der vergangenen 10 Tage die Erkrankung ausgelöst. Daneben erwies sich als schädlich, daß zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit die Pferde zeitweise. notgedrungen überfüttert wurden. Ein leutseliger Tierarzt stellte eine Nierenerkrankung fest und veranschlagte für die Wiederherstellung eine Woche. Die Pflege übernahm Johann, der Vickys Gesundung in Ferdinandshof abwarten sollte.

      „Zwischen Bahn und Pyritz gingen eigene Kräfte vor. Die Pommernstellung hält“ (KTB, 6.2.1945).

Suche nach Volkssturmmännern

      Mit 5 Pferden treckten wir am 7. Februar auf gerader Chaussee über Rathebur nach Ducherow. Die Warnung von entgegenkommenden Verkehrsteilnehmern machte Angst: „In Ducherow strenge Kontrolle nach Volkssturmmännern!“ Obwohl Vater wegen seiner Verwundung (rechter Zeigefinger und rechtes Bein) aus dem Ersten Weltkrieg formell dem Volkssturm nicht angehörte, fiel er vom Alter her in den betreffenden Personenkreis, zumal er im Dezember 1944, wie oben angemerkt, an einern Kursus zur Ausbildung von Volkssturmmännern in Arnswalde teilnehmen musste.

      Überdies hatte sich Hitlers Drohung vom 27.1.1945 herumgesprochen: „Da wird Volkssturrn aufgeboten. Wer ausreißt, wird erschossen. Das muß mit allen Mitteln gemacht werden“ (Lagebesprechungen im Führerhauptquartier, S. 317). Aus Vorsicht mied Vater weiterhin das Vorderteil des Planwagens. Mit beklemmendem Gefühl fuhren wir auf Ducherow zu. Ein Stein fiel vom Herzen, als Kontrollen ausblieben. Ein Arzt aus Arnswalde, der die Trecks betreute, erkundigte sich nach dem Gesundheitszustand der Flüchtlinge. Beiläufig bemerkte er, daß Polen den Kreisbauernführer Hickstein erschlagen hätten.

Endlich in Anklam

      Bei Sonnenschein und auf schneefreier Straße rückte nach Kosenow der Bestimmungsort Anklam in Reichweite, ein Ort am Südufer der Peene, dem schmucke Bürgerhäuser ein mittelalterliches Gepräge verliehen. Die ehemalige Hansestadt war durch Luftangriffe gekennzeichnet. Bomben und Granaten hatten einige Stadtteile dem Erdboden gleichgemacht. In den Straßen stauten sich die Trecks. Der Marktplatz in der Altstadt demonstrierte ein Kapitel des Flüchtlingsdramas ad oculos. Ein wüstes Durcheinander von Menschenmassen, Pferden und Wagen, „eingekeilt in drangvoll fürchterlicher Enge“ (Schiller).

      Die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) nannte eine Scheune in der Vorstadt als Quartier für die Pferde. Uns leitete man zum „Hotel zur goldenen Traube“ am Marktplatz, das als Flüchtlingsheim deklariert war. Nachdem die Pferde versorgt waren, machten wir uns auf den Weg zur „Traube“, die eine geschmackvolle Leberwurstsuppe anbot. Mit Bekannten aus Woldenberg wurden letzte Nachrichten ausgetauscht. Auf der Treppe des Hotelaufgangs sollte eine provisorische Schlafstätte entstehen, weil alle Zimmer überbelegt wären.

      Kaum hatten wir uns auf den hölzernen Treppenstufen niedergelassen, da erschien der rührige Hotelbesitzer und betrachtete die auf dem Fußboden kauernden Menschen. Er steuerte auf Vater zu und zog ihn ins Vertrauen: „Sie können doch hier nicht auf der Treppe sitzen bleiben, kommen Sie, ich gebe Ihnen ein Gästezimmer!“ Der Hotelier öffnete ein Prunkgemach mit fließendem kaltem und warmem Wasser. Gemessen an zivilisatorischen Maßstäben war „Die goldene Traube“ das komfortabelste Logis im Jahre 1945.

Anklam/Vorpommern -- Marktplatz mit Marienkirche
^   Anklam/Vorpommern – Auf diesem Marktplatz stauten sich Anfang Februar 1945 viele Trecks aus dem Kreis Friedeberg, die es geschafft hatten, den Panzern der Roten Armee zu entkommen. So auch der kleine Birkenhof-Treck der Brauers, der am 7. Februar 1945 in Anklam eintraf.

Viele Woldenberger und deren Nachfahren leben noch heute im Kreis Anklam. Um die Osterzeit finden seit 1993 in Anklam jährlich Treffen der „Friedeberger“ und „Arnswalder“ statt.
  (Repro: 2011 – khd)

Kien wird künftige Bleibe

      Ein kurzlebiges Schlaraffenlandleben wie im Traum! Nachdem wir wie Murmeltiere in den Daunenbetten geschlafen hatten, kehrte die harte Wirklichkeit zurück. Die NSV bezeichnete Krien, ein Dorf ca. 18 km von Anklam entfernt, als zukünftige Bleibe.

      „Bei Fürstenberg und südlich Frankfurt a. d. O. ging der Feind über die Oder. In Pommern kam der Gegner zwischen Bahn und Pyritz vor. Arnswalde wurde im Norden angegriffen, Schneidemühl wieder angegriffen“ (KTB, 7.2.1945). Der Verfasser des KTB ergänzte: „Daß der Gegner verharrt, ist nicht als eine operative Pause anzusehen, sondern nur als ein Atemholen, das durch die Gegebenheiten erzwungen ist. Die Masse einer Panzerarmee scheint gegen Stettin angesetzt zu sein.“ [Ed: und das ist nicht allzuweit von Anklam entfernt...].

      Am 8. Februar verließen wir Anklam in Richtung Krien. Der Weg über Görke, Postlow, Albinshof, Domäne Krien nach Krien war die ruhigste, ja friedlichste Teilstrecke. Durch keine Widrigkeiten beeinträchtigt, fuhren uns die zurückliegenden Tage und Nächte durch den Sinn. Während die Pferde im Schritt gingen, durchlebten wir noch einmal das tägliche Szenario jenseits der Oder, das seit dem 27. Januar kein Auge trocken ließ.

Grauenvolle Bilder menschlichen Leids

      Da lagen in der eisigen Luft zerbrochene Planwagen in den Straßengräben, Kleider, Schuhe, geschlachtete Schweine, die abgeworfen waren, weil die Pferde die überladenen Fuhrwerke bei Schneeverwehungen nicht ziehen konnten, desgleichen Koffer und Kartons mit Wäsche, Lebensmitteln und persönlichen Andenken. Fluchtwagen waren in den Abgrund gestürzt, davor die Besitzer, die ratlos und schluchzend vor ihrem letzten Hab und Gut verharrten.

      Ins Herz trafen die erfrorenen Kinder, die von verzweifelten Müttern in einfachen Holzkisten am Wegrand zu Grabe getragen wurden. Wer zählte die Babys, die zwischen Eis und Schnee dem Kältetod erlagen? Angesichts des Todes ihrer Liebsten erstarrten Eltern und Angehörige zu Bildsäulen, Menschen, die nichts waren als ein Häufchen namenloses Elend. Es war ein Jammer, die Not der gebrechlichen und hinfälligen Menschen mit ansehen zu müssen, die sich mit voll bepackten Hand- oder Ziehwägelchen mühsam eine Spur durch schneeverwehtes Gelände bahnten. Weit und breit grauenvolle Bilder von menschlichem Leid.

      Welch eine Tragödie! Bei dem grausamen Schicksal und unfaßbaren Verhängnis, das über Ostdeutschland hereinbrach, verwundert es nicht, daß die meisten kein Blatt vor den Mund nahmen und für Hitler, den Anstifter der „Gesamtnot und Gesamtplage der Menschen ... und ... der Völker“ nur Spott, Hohn und Verachtung übrig hatten. Unter Trecks, deren Gespanne bei Schneeverwehungen und auf eisglatten Straßen stecken blieben, riefen die hohlen Phrasen der NS-Propaganda nur zynische Bemerkungen hervor: „Räder müssen rollen für den Sieg! Kein Deutscher soll hungern und frieren! Mein Führer, wir danken dir!“

Gigantische Völkerwanderung

      An Straßenkreuzungen wiederholten Treckleitstellen formelhaft die stereotype Frage: „Wo kommt Ihr her, wo wollt Ihr hin?“ Die ohnehin bei allen Trecks aufgeheizte Stimmung sank auf einen Tiefpunkt, wenn an Fuhrwerken Störungen auftraten, die eine Kettenreaktion auslösten. Dadurch stockte die gesamte Kolonne und kostbare Augenblicke gingen verloren. Nachfolgende Treckfahrer wurden ungeduldig und riefen aus Leibeskräften: „Nur immer weiter, weiter!“ Wagenlenker, die aus der Kiellinie ausscherten, um eine Nasenlänge voraus zu sein, setzten zum Überholen an und bewirkten ihrerseits heftige Reaktionen bei den Nachzüglern.

      Verständlich die zornigen Blicke, denn alle Trecks verband ein gemeinsames Motiv, das jeden Einzelnen auf das Äußerste belastete und zugleich anspornte: Bloß über die Oder in kürzester Zeit! Der endlose Strom von Fuhrwerken weckte die Vorstellung einer gigantischen Völkerwanderung. Die breite Palette von Ortsnamen an den Planwagen verriet, daß sich ganz Ostdeutschland auf der Flucht befand: „Alles rennet, rettet, flüchtet“ (Schiller).



Die Flucht ins Ungewisse

Einquartierung in Krien/Anklam
(8.2. – 23.3.1945)

Ein unfreundliches Willkommen

      Am 8. Februar 1945 trafen wir in Krien ein, eine Ortschaft in der flachen Peenemündung. Zuständig für die Einweisung in die Quartiere war die
NSV. Der Dorflehrer beriet mit dem Ortsgruppenleiter über unsere Unterbringung. Die Pferde wurden drei Bauernhöfen anvertraut. Hannchen kam bei Frau Rix unter, die auch Fritz, der mit dem Schmalztopf auf sich warten ließ, aufnehmen sollte. Dem Ehepaar Paul Lammeck in Neu-Krien war auferlegt, meinen Eltern und mir Unterkunft zu gewähren. Vorgesehen waren ein leer stehendes Zimmer und eine kleine Küche mit einem Kohlenherd. Frau Lammeck hielt mit ihrer Aversion nicht hinterm Berg: „Dieses Zimmer ist beschlagnahmt, das sollen Sie haben, Betten habe ich nicht, Tisch und Stühle auch nicht! Da müssen Sie sehen, wo Sie so etwas kriegen!“ Dann stahl sie sich fort. Die kühle Begrüßung war wie ein Schlag ins Gesicht.

      Mutter brach in Tränen aus: „Hier bleibe ich nicht einen Tag!“ Wir wurden noch einmal bei der NSV und dem Ortsgruppenleiter vorstellig. Das vage Versprechen einer anderen Unterkunft trug nicht weit. Unter dem Zwang der Verhältnisse blieb nichts anderes übrig, als zähneknirschend die bittere Pille der frostigen Einquartierung zu schlucken. Zu dem trostlosen Anblick einer unmöblierten Stube hatte die Hauswirtin mit ihrer Plumpheit Öl ins Feuer einer angeschlagenen Gemütsverfassung wegen das verlorenen trauten Heims gegossen: „Kein Schmerz ist größer, als sich der Zeit des Glücks zu erinnern, wenn man im Elend ist“ (Dante).

Frischen Mut tat gut

      Der nächste Morgen gab frischen Mut. Vater und ich nahmen das Dorf in Augenschein. Auf Grund der obwaltenden Umstände richtete sich unsere Aufmerksamkeit auf die äußerlichen Voraussetzungen zur Deckung des lebensnotwendigen Bedarfs an Versorgungsgütern. Genügend Läden und Handwerksbetriebe waren vorhanden: 2 Fleischereien und Bäckereien, 5 Kaufläden, 1 Stellmacher und Sattler, 2 Schmieden. Während die materielle Existenzgrundlage gesichert war, haperte es bei mir an geistiger Nahrung, wie überhaupt im ganzen Annus horribilis. Schulbesuch: Fehlanzeige!

Krien/Kreis Anklam -- 4 Dorf-Ansichten
^   Krien/Kreis Anklam – 4 Dorf-Ansichten, wohl bereits aus den 1950er-Jahren. In diesem großen Dorf südwestlich von Anklam bekam der Birkenhof-Treck aus Woldenberg 1945 Quartier. Nach 7 Wochen ging es weiter gen Westen, denn die Sowjet-Panzer kamen immer näher.   (Repro: 2011 – khd)

      Zu den vordringlichen Aufgaben gehörte die Beschaffung von Brennholz, das ein cholerischer Ortsbauemführer zusammen mit Tierfutter aushändigte. Obwohl den Pferden eine gewisse Menge Hafer zustand, polterte er gewöhnlich und stellte sich jedes Mal auf die Hinterbeine. . Unterdessen gab sich Maurermeister Lammeck Mühe, die Wogen zu glätten. Er besorgte Tisch, Stühle, Stroh und Bettstellen. Seine Frau überwand ihre Einsilbigkeit und verzichtete auf Nadelstiche. Versöhnlich stimmte, dass ich im Wohnzimmer [der Lammecks] Nachrichten hören konnte.

Nachrichten aus Woldenberg

      Nach ein paar Tagen fuhr Vater nach Ferdinandshof, um Johann und Vicky abzuholen. Indes musste das Pferd, das noch nicht genesen war, eine weitere Woche vom Tierarzt behandelt werden. Unterwegs begegnete Vater Nachbar Richard Buchholz, der am Sonntagnachmittag, dem 28. Januar 1945, sein Anwesen verlassen hatte. Er bezeugte, eine Feuersbrunst beim Birkenhof gesehen zu haben. Das war für uns das erste Indiz, daß unser Grundstück der Brandfackel zum Opfer gefallen war. Aber die zweifelsfreie und eindeutige Ursache für den Trümmer- Schutt vom Birkenhof ist bis auf den heutigen Tag ungeklärt.

      Des Weiteren erfuhr Vater, daß sowjetische Panzer den Woldenberger Treck bei Berlinchen eingeholt und ins Unglück gestürzt oder in deutlicher Sprache „überrollt“
hatten. Über die furchtbare Tragödie — schon beim Einmarsch der Sowjets war Klassenkameradin Adelheid Beyer bei einer in Brand geschossenen Scheune in Woldenberg-Klosterfelde elend zugrunde gegangen — hat der frühere Bürgermeister von Woldenberg, Otto Hemp, einen Bericht verfasst, der in der Dokumentation über die Vertreibung der Deutschen aus den deutschen Ostgebieten veröffentlicht ist:

[Editor: Der Autor fügt im folgenden einige
Auszüge aus dem Hemp-Bericht ein.
An anderer Stelle ist der vollständige
Bericht von Otto Hemp von 1954
auf diesem Server dokumentiert].


      „In der Nacht vom 26. zum 27. Januar 1945 bekam die Stadt Woldenberg, Kreis Friedeberg, Neumark, den Räumungsbefehl. Der Bevölkerung von Woldenberg hatte ich am Tage voher schon bekannt gegeben, daß als Alarm und gleichzeitig zum Abschied die Glocken läuten würden. Es standen am 27. Januar morgens drei Züge für den Abtransport bereit. Alle Bauern und Pferdehalter wurden zu Trecks zusammengestellt und rückten im Laufe des Tages in Richtung Arnswalde-Berlinchen ab mit dem Endziel Anklam.

      In der Nacht vom 28. zum 29. Januar rückte der Treck in Berlinchen ein. Am nächsten Morgen sollte es weitergehen. Es schneite und war glatt; die Kolonnen fuhren in Viererreihe, die Straßen waren verstopft, und wir beschlossen daher, noch eine Nacht in Berlinchen zu bleiben. Am Abend gegen 12.00 Uhr erschienen die ersten russischen Panzer am Eingang der Stadt. Nach etwa 25 bis 30 Minuten brannte die Hauptstraße; die Russen hatten die Häuser in Brand gesteckt.

      Wir zogen nochmals weiter in nördlicher Richtung nach dem Dorf Hohengrape. In der Nacht erschienen die ersten russischen Kolonnen. Am anderen Morgen fuhr ein Teil der Polen, die die Bauern mit auf die Flucht genommen hatten, mit den beladenen Wagen in östlicher Richtung davon, ohne daß wir es hindern konnten. Am Nachmittag nahm uns der Russe sämtliche Pferde weg. Wir er- lebten nun die erste schreckliche Nacht. Meine Nichte wurde von 14 russischen Offizieren im Nebenzimmer vergewaltigt. Meine Frau wurde von einem Russen in die Scheune geschleppt und ebenfalls vergewaltigt. Danach wurde sie in einen Pferdestall gesperrt und mit vorgehaltener Pistole nochmals vergewaltigt.

      Alle in der Wohnung verbliebenen Flüchtlinge erlebten in der Nacht ebenfalls schreckliche Stunden. Es erschien ein Russe und suchte ein Mädchen von 13 Jahren aus. Das Kind schrie und sträubte sich, mitzugehen. Er lud seine Pistole, ließ alle antreten und drohte, uns zu erschießen, wenn wir das Mädchen nicht innerhalb von 5 Minuten in das Nebenzimmer brächten. Unter Zwang mussten wir sein Ansinnen erfüllen. Als sich erwies, daß das Mädchen zu schwach war, gab er es einem anderen Kameraden. Er selbst kam wieder und holte sich jetzt die schwangere Mutter. Sie selbst wurde im Bett vergewaltigt, während ihre Tochter vor dem Bett auf dem Fußboden Gewalttaten über sich ergehen lassen musste.

      Der Bauer, bei dem wir in Quartier lagen, wurde mit seiner Nichte abgeholt und in Berlinchen erschossen. Täglich kam die GPU [sowjetische Geheimpolizei] und holte Männer ab. Misshandlungen und Vergewaltigungen steigerten sich von Tag zu Tag. Jede Nacht erschienen Russen, schossen durch die Fenster und Türen, schlugen die verriegelten Türen auf und vergewaltigten Frauen und Mädchen im Beisein der Kinder. In der Scheune hörten wir Schreckensrufe von 500 bis 600 Menschen. Es war alles vergebens.

      In einer Nacht wurden ein Mann und eine Frau, als sie die Tür öffnen wollten, sofort erdolcht. Eine andere Frau, die sich nicht ergeben wollte, wurde nackt an den Haaren blutüberströmt über das Eis in den Gutshof geschleift. Unsere Frauen, die mit uns in der Scheune lagen, durchweg über 60 Jahre alt, wurden weiter vergewaltigt. Es kam oft vor, daß Autos vor das Gutshaus fuhren und Frauen und Mädchen dort hinholten, wo sie nicht ausreichten. Am anderen Morgen kamen sie dann gewöhnlich 20 bis 25 km zu Fuß zurück.“

Das waren Kriegsverbrechen!

      Als unser Haupttreck, von dem wir dank Vaters plötzlicher Eingebung hin in Woldenberg [genauer: in Brandsheide/Kölzig] abgeschwenkt waren, bei Berlinchen-Hohengrape in die sowjetische Falle geriet und unermeßliches Leid erfahren musste, gönnte uns der schallende Kanonendonner — nur ein Steinwurf weit — keine Ruhe. Der entsetzliche Schauplatz der Verbrechen nahe der Strecke Warsin — Megow war gleich um die Ecke, ganze 5 km von unserem Standort entfernt! Selbst Jahrzehnte nach der Katastrophe läuft es mir bei dem Gedanken einer Kollision mit den Sowjetpanzern heiß und kalt über den Rücken.

      Dank einer gnädigen Fügung blieb uns diese Heimsuchung erspart. Unter dem Eindruck solch fürchterlicher Missetaten und wilder Exzesse, begangen von Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte weit und breit in Ostdeutschland, konnte ein „Überrollen“ durch die sogenannte „ruhmreiche“ Rote Armee mitnichten als ein Akt der „Befreiung“ empfunden werden, eine falsche und wirklichkeitsfremde These, die dieser Tage gelegentlich vertreten wird.

Nie wieder ein Lebenszeichen

      Das widrige Geschick, das Landsleuten widerfuhr, machte den Woldenbergern, die nunmehr täglich in Anklam eintrafen, zu schaffen. Die niederschmetternden Nachrichten nahmen alle, denen die Flucht gelungen war, mit Bestürzung auf. Gleichzeitig wuchs die Liste der Toten und Vermissten. Nachbar Karl Scheuer bangte um das Leben seiner Frau und Kinder. Desgleichen sorgte sich der Inspektor aus Lauchstädt um seine Familie. Zu den Vermissten zählten die langjährigen, uns vertraut gewordenen ehemaligen französischen, russischen und polnischen Arbeitskräfte, von denen es nie wieder ein Lebenszeichen gegeben hat.

      Auf geheimnisvolle Weise verschollen blieb Fritz [Gollub aus Bochum, Jg. 1931] mit dem Fahrrad und Schmalztopf. Ob das leicht renitente Bürschchen dunkle Pläne ausgeheckt und den von sich aus angeregten Botengang als erste beste Gelegenheit zum Durchbrennen wahrnahm — ihm entschlüpfte schon mal das dubiose und quasi verräterische Verbum „ausreißen“ — oder ob sich ein Unglück ereignet hatte, war trotz intensiver Nachforschungen nicht zu klären. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Die Ermittlungsbehörden, Polizei und NSV, konnten den undurchschaubaren Hintergrund und Verbleib von Fritz nicht ans Licht bringen. Womöglich verfolgte der Junge tatsächlich eigene Pläne. Nochmalige Suchaktionen in der Nachkriegszeit verliefen gleichermaßen ergebnislos.

Die militärische Lage

      Die militärische Lage im Hinblick auf den nahen Kriegsschauplatz war zu Beginn der Einquartierung in Krien gemäß den Einträgen im Kriegstagebuch (KTB) unverändert gespannt:

  • 10.2.1945: „Bei Arnswalde hat sich die Lage verschärft, bei Schneidemühl weitere Kämpfe.“
  • 13.2.1945: „In Küstrin außer der Flak kaum eigene Artillerie vorhanden. Die Lage in Schneidemühl ist ernst. Der Aufmarsch im Oder-Warthe-Bogen ist fertig und wird sich vermutlich gegen Stettin richten.“
  • 14.2.1945: „Von Schneidemühl ab 13.2. keine Meldung mehr.“
  • 15.2.1945: „Die Lage in Arnswalde ist sehr ernst geworden. Der Kommandant von Schneidemühl, wo der Gegner 9.000 Gefangene meldete, befahl nach 21-tägiger Verteidigung den Durchbruch nach Norden...“
  • 16.2.1945: „Die Besatzung von Schneidemühl ist beim Sichdurchschlagen weiter vorangekommen. Der Führer hat diese Maßnahme nicht unwohlwollend aufgenommen.“
  • 17.2.1945: „Von der Besatzung Schneidemühl haben sich jetzt 1.000 Mann durchgeschlagen.“
  • 18.2.1945: „An der Oder verstärkt sich der Feind.“
  • 20.2.1945: „An der Oder gehen die feindlichen Vorbereitungen weiter.“
  • 22.2.1945: „Es ist nunmehr anzunehmen, daß der Feind gleichzeitig gegen Westen, über die Oder und in Richtung Stettin angreifen wird.“
      Den Erkenntnissen des
OKW zufolge bereiteten die Sowjets nach einer Ruhepause die umfassende Schlussoffensive vor, die mit der Eroberung Berlins einen Triumph feiern sollte. Insofern war die Quartiernahme in Krien auf Sand gebaut. Gleichwohl waren Ende Februar die bevorstehende Gefährdung und akute Gefahrenzone für Zeitgenossen, denen keine Lageberichte über die Situation an der Front zu Verfügung standen, nicht zu bemerken.

      Allenfalls herrschte eine äußerliche, trügerische Ruhe vor dem Sturm. Die kraftmeierische Propaganda bagatellisierte die sowjetischen Angriffsvorbereitungen. Selbst die Neue Züricher Zeitung vom 20.2.1945 nahm die Nachrichten von der Oderfront gelassen auf: „Die russische Generaloffensive hat teils durch verstärkten deutschen Widerstand, teils durch das eingetretene Tauwetter eine beträchtliche Verlangsamung erfahren.“ Ähnlich der Autor des KTB vom 24.2.1945: „An der Oder Ruhe.“

Ein Brief vom 27. Februar 1945

      Ein zeitgenössisches Stimmungsbild über die Geschehnisse und den Gemütszustand in Krien vermitteln Briefe meiner Eltern an die Marburger Tanten. Am 27. Februar 1945 setzte Vater die Verwandtschaft über die Erlebnisse in Kenntnis:

      „Wir freuen uns, daß Ihr in Sicherheit seid, denn täglich haben wir auf Nachricht von Euch gewartet. Nun sind wir noch um Eckart in Sorge. In der Nacht zum Sonnabend (27.1.1945) wurden wir durch Sieverts Arbeiter geweckt, um sofort abzufahren. Doch alles ging zu langsam bei der Dunkelheit, das Aufladen der Futtersäcke, die Franzosen waren nicht dort, die Trennung von der Heimat. Arp (Inspektor von Sievert-Johanneswunsch) kam dann noch selbst, verabschiedete sich von uns und sagte, daß es höchste Zeit wäre, da um 12.00 Uhr Mitternacht schon die Glocken geläutet hätten. Und so fuhren wir dann um 6.00 Uhr vom Hofe, die Heimat hinter uns lassend.

      Es war eine Straße des Elends und des Jammers. Kalt, Schnee, Eis auf den Straßen, die Pferde fielen, und die Wagen standen auf den vereisten Chausseen immer quer und hinter uns russische Panzer. Nachts schliefen wir in Scheunen, bei Arbeitern, bei einer Pfarrersfrau, in Schulen, bei den Pferden und Kühen, bei guten und schlechten Menschen. Zum Glück kam mir der Gedanke, lieber nach Greifenhagen zu fahren als südwärts. Und das war unsere Rettung. Alle Trecks, die nach Süden zur Oder abbogen, sind bis jetzt verschollen. So auch der ganze Woldenberger Treck, alle unsere Nachbarn, außer Buchholz. Wie ein so glänzender Schachzug den Russen gelingen konnte, ist mir ein Rätsel. Ich habe mir viel vorgestellt, aber an so etwas habe ich nicht im Geringsten gedacht.

      Acht bis zehn Millionen Menschen auf den winterlichen Straßen, erfrorene Kinder und altersschwache Menschen im Chausseegraben, wirtschaftlich ein Land voll Korn und Vieh verloren. Ich selbst habe 1 Fohlen, 29 Rinder, 14 Schweine, 100 Hühner, Gänse und Puten, 100 Ztr. Roggen, 200 Ztr. Hafer dort gelassen. Die Woldenberger Speicher haben 8 Tage vorher kein Korn mehr angenommen, weil alles überfüllt war. Die Schweine wurden nicht verladen, und so war es in allen Städten. Wie konnte die Regierung dies nur zulassen, daß die Russen in gefüllte Scheunen und Keller kommen?

      Jetzt sitzen wir in einem kleinen Zimmer von ungefähr 15 qm und einer winzigen Küche von 4 qm. Hannchen hat im Nachbarhaus eine SchlafsteIle. Fritz ist unterwegs mit Friedes Fahrrad, die Franzosen durften nicht mit, Ursel [Autor: unser polnisches Dienstmädchen] wollte nicht mit und hat uns beim Aufladen das ganze Silber gestohlen. Friede hat unterwegs im Stroh ihre Uhr verloren, ich habe meine zu Hause gelassen, so leben wir jetzt ohne Zeit. Gert war heute schon zum zweiten Mal in Anklam, um Johann eine Stelle zu verschaffen. Doch sie haben keine Arbeit für einen Deutschen.

      Woldenberg soll zum Teil abgebrannt sein, ebenso die umliegenden Dörfer wie Wolgast, Bernsee, Klosterfelde, Regenthin, Hochzeit etc. Als Nachbar Buchholz herausfuhr, brannte Wolgast und später sah er, oder wollte gesehen haben, daß unser oder sein Gehöft auch brannten. Es stimmt wohl, daß die Polen zuerst die Häuser angesteckt haben. Hochzeit ist ohne Kampf genommen, die Arbeit an Schützengräben war nur ein Sprungbrett für die Panzer. Nun habt Ihr ungefähr ein Bild von unserer Lage. Wolfhart und Walter gratulieren wir nachträglich zum Geburtstag [Autor: meine Vettern sind beide, obwohl keine Zwillinge, am gleichen Tag — 11.2.1938 und 11.2.1944 — geboren]!“

Geburtstag und Konfirmation in der Fremde   *

      Am 1. März 1945 beging ich meinen 14. Geburtstag. Eine Familienfeier im bisher üblichen Rahmen war indiskutabel. Dennoch ließen meine Eltern nichts unversucht, dem Ehrentag unter den obwaltenden Umständen eine besondere Note zu verleihen. Nach Herzenslust konnten wir uns Gänsebraten von zu Hause und leckeren Kuchen zu Gemüte führen. Bei gedämpfter Stimmung verging der Nachmittag mit geographischen Schreibspielen. Der erste Geburtstag in der Fremde, ohne Heimat und [Bruder] Eckart, dessen Aufenthaltsort unbekannt war. Im Unterbewusstsein geisterte die Rote Armee, die sich — soviel war inzwischen durchgesickert — mit geballter Faust an der Oder auf die Lauer legte: „Von des Gedankens Blässe angekränkelt . . .“ (Shakespeare).

      Tags darauf sprach Frau Lammeck beiläufig von der Konfirmation, die in Krien für Sonntag (4. März) angesetzt war. Um den richtigen Zeitpunkt für meine Aufnahme in die Welt der Erwachsenen nicht zu versäumen, suchten Mutter und ich den Pfarrer auf. Sie bat ihn, mich mit einzusegnen und schlug gleichzeitig einen zeitgemäßen Konfirmationsspruch vor, Psalm 46, Vers 1 und 2: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“ Mutter machte Eckarts Konfirmationsanzug und sein Sporthemd zurecht. Eine Kirschtorte — der letzte Rest der Kirschen-Allee — sollte der kulinarische Glanzpunkt des Tages sein.

      Prüfung und Konfirmation fanden am Sonntag, dem 4. März 1945, um 10.00 Uhr, in der evangelischen Kirche zu Krien statt. Unter den Konfirmanden war Vaters ehemaliger Schüler Rudolf Trotz aus Schneidemühl. Pastor Schröder aus Liepen im Kreis Anklam hielt eine den Zeitumständen entsprechende ernste Predigt. Keine normalen Verhältnisse, ließ der Pfarrer wissen, prägten den festlichen Tag. Einige Gemeindemitglieder vermissten Vater und Bruder, und viele andere hätten ihren heimatlichen Boden aufgeben müssen. Er erinnerte die Zuhörer an das Wort: „Größer als der Helfer ist die Not doch nicht.“ Die beiden Kirchenlieder waren auf den Leitgedanken der Predigt abgestimmt: „So nimm denn meine Hände“ und „Harre, meine Seele, harre des Herrn; alles ihm befehle, hilft er doch so gern.“ Nach dem Gottesdienst zogen wir uns ins Quartier zurück. Mutter kredenzte ein „Kriegs-Festessen“.

Ein Brief vom 8. März 1945

      Wenige Tage nach der Konfirmation schüttete Mutter in einem um den 8. März abgefaßten Brief ihr Herz gegenüber ihren Marburger Schwestern aus:

      „So hat uns das Schicksal aus der geliebten Heimat verschlagen. Fremd in der Fremde. Flüchtling, der um alles bitten muß und doch alles hatte, was irgendwie das Herz begehrte. Und doch wäre alles zu ertragen, wenn wir nur wüssten, wo unser Eckart ist und wie es ihm geht. So viele Wege haben wir eingeschlagen, von ihm Nachricht zu bekommen. Alles umsonst. Unsere einzige Hoffnung ist, daß er an Dich, Dorchen, schreibt, und Du ihm unsere und uns seine Adresse gibst.

      Als wir nachts um 3.00 Uhr geweckt wurden und die Russen wenige Kilometer von uns entfernt waren, als wir losfuhren bei eisigem Winde und fußhohem Schnee und alles zu Hause lassen mussten, was Hans [Vater] in 7 schweren Jahren aufgebaut hatte, waren wir wie versteinert. Jetzt hatte Hans es erreicht. Jetzt war unser Birkenhof auf der Höhe, und jetzt kam es, wie er so lange schon gefürchtet: Es fiel alles in die Hände der Russen. Das Stück deutscher Erde, das uns gehörte — russisch! Noch heute ist es uns unbegreiflich.

      Zwölf Tage Flucht bei eisigem Schneewind über vereiste Straßen, die russischen Panzer immer hinterher. Nur ein Ziel: Über die Oder. Das Brot, das wir mithatten, war zu Stein gefroren. Nachts lagen wir auf Stroh in zugigen Scheunen und immer das Schießen der Panzer hinter uns. In Bahn durften wir nicht weiter: Verbot durch die Wehrmacht. Am nächsten Morgen mussten wir so schnell wie möglich fort. An allen Ecken standen Soldaten mit der Panzerfaust. Die Straßen waren schon aufgerissen. Unsere Panzer fuhren voraus und dann nach allen Seiten. Nun ging es 12 Stunden hintereinander, so schnell die Pferde noch laufen konnten, zur Oder.

      Wir drei auf unserem Wagen sprachen kein Wort, nur immer der Gedanke: Zur Oder. Kein Stern am Himmel. Nur der Sturm tobte, wilder denn je. Kaum war eine Orientierung möglich. Fritz wies den Weg mit der Laterne. Zwei Stunden nach Mitternacht waren wir an der Oderbrücke. Soldaten warnten: „Nicht zu weit rechts fahren. Überall liegen Sprengladungen!“ Gert fuhr unseren Wagen. Den anderen Hannchen mit Johann und Fritz. Endlose Brücke bei Greifenhagen. Und wir kamen rüber. Was uns in diesem Augenblick erfüllte, das können Worte nicht sagen: War doch die Oder auf der ganzen Flucht das größte Ziel. Uns hat eine höhere Macht geführt. Gert war gerettet und wir mit ihm. Jetzt hatten wir Ruhe vor den russischen Panzern, und die armen, braven Pferde brauchten nicht mehr im Galopp zu laufen.

      Nun sind wir schon 4 Wochen in Neu-Krien. Das wird noch nicht das Ende der Flucht sein. Die Russen kommen näher. Stargard ist weg [Autor: „Stargard ging verloren, aus Schneidemühl sind von rund 1.000 Mann, die ausbrachen, 184 durchgekommen, der Kommandant ist gefangen“ (5.3.1945, KTB)]. Wohin aber dann? Das Zimmer ist naß. Hans hat sich eine schwere Bronchitis geholt und ist in ärztlicher Behandlung.

      Gert leidet unter tiefem Heimweh. Jeden Tag hofft er im Wehrmachtsbericht zu hören, wir dürfen nach Hause. Sein Geburtstag war trostlos. Am Freitag (2.3.) erfuhren wir, daß am Sonntag (4.3.) Einsegnung sei! Ich suchte mit ihm den Pfarrer auf. Der Pfarrer war ein wundervoller Mensch. Die Predigt am Einsegnungstag war ergreifend. Auch aus Schneidemühl wurde ein Junge eingesegnet. Der Pfarrer hat zwei Söhne verloren, darum fand er Worte, die ans Herz greifen.

      Was aber wir auf der Flucht erlebten: Die vielen kleinen Kinder, die in Kisten irgendwo am Wege verscharrt wurden, die alten Leute, die auf den Wagen gestorben sind, die toten Pferde auf den Chausseen, die abgeworfenen Körbe und Kisten, die weinenden Menschen. Einmal Kosaken am Waldrand mit etwa 300 Pferden. Dann endlose Kolonnen von Gefangenen verschiedener Nationalität.

      Die Soldaten uns immer fragend: „Sind Sie überfallen worden?“ Und unsere Panzer, die so unheimlich wirkten durch die weißen Mäntel, die die Soldaten umgeworfen hatten wie Tücher. Zerbrochene Wagen im Graben. So hoher Schnee mitunter, daß wir 6 Pferde vor einen Wagen spannen mussten! ‚Flüchtlingselend‘, wie Eckart damals aus Jülich schrieb, ‚ist schlimmer als alles‘.“

Alltag in Krien

      Die Zeitumstände erlaubten keinen Müßiggang. Der Umfang der alltäglichen Pflichten beschränkte sich nicht auf Aktivitäten zur Befriedigung der privaten Existenzbedürfnisse. Dienstleistende Tätigkeiten für einheimische Dorfbewohner und Flüchtlinge kamen hinzu. Dazu gehörte der Abtransport von Brennholz aus dem Wald. Unsere Fuhrwerke beförderten Familien von Krien nach Anklam und zurück. Oftmals kündigten in der Kreisstadt Sirenen Luftalarm an. Aus Furcht vor einem Bombardement strömten die Einwohner in hellen Scharen stadtauswärts aufs Land. Meine Eltern waren jedes Mal erleichtert, wenn ich mit Pferd und Wagen unversehrt wieder in Krien eintraf.

      Manchmal benutzten wir die Kleinbahn nach Anklam. Mehr als einmal habe ich [Landarbeiter] Johann dem Arbeitsamt vorgestellt. Die Bewerbungen verliefen erfolglos. Die Behörde konnte keine passende Stelle vermitteln. Auf einer Bahnfahrt brachte mich Johann, ein richtiges Original, in Verlegenheit. Als der Schaffner im vollen Abteil die Fahrkarten kontrollierte, nahm ihm Johann, der in Krien wegen seiner unbekümmerten Art für reichlich Gesprächsstoff sorgte, im Brustton der Überzeugung die [Antwort auf die] Frage vorweg: „Wir haben alle Fahrkarten!“ „Wissen Sie das genau“, entgegnete der Schaffner, „wo ist denn Deine Fahrkarte?“ Darauf Johann lautstark: „Meine hat der junge, gnädige Herr, da hinten sitzt er!“ Mit der majestätischen Anrede hatte mich Johann — mit gutsherrlichen Riten bestens vertraut — auf dem Birkenhof stets tituliert!

Ein Kastenwagen für den ‚Endsieg‘

      Eines Tages klopften der Ortsgruppenleiter und Ortsbauernführer an das Fenster. Die beiden Brüder Meyer, linientreue Lokalmatadore, ließen ihren Launen freien Lauf und fielen sogleich mit der Tür ins Haus: „Ihr Kastenwagen ist beschlagnahmt! Pferde werden wir Ihnen heute noch nicht wegnehmen! Übermorgen wird der Wagen abgeholt!“ Wir waren wie vor den Kopf gestoßen. Der beste Kastenwagen sollte konfisziert werden! Was sollten wir mit einem Leiterwagen anfangen, zumal Krien, wie sich immer mehr herausstellte, nur ein Etappenziel auf der Flucht war? Daran zweifelten meine Eltern nicht: „Hier bleiben wir noch nicht, die Flucht geht weiter!“

      Darum wurden Vater und ich nochmals beim Bürgermeister und Ortsgruppenleiter vorstellig, in der Hoffnung, einen Sinneswandel bewirken zu können. Herr Meyer, steif und stur, blieb unnachgiebig und drehte uns unter Drohgebärden den Rücken zu: „Darüber bestimme ich und kein anderer!“ Sein Bruder, gleichzeitig Volkssturmführer, dessen Kamm mit steigender Dienstbeflissenheit schwoll, stieß in dasselbe Horn. Er setzte Vater unter Druck, an den Übungen des Volkssturms teilzunehmen. Vater ignorierte die Appelle.

      Zu den vornehmsten Tagesaufgaben gehörte die Sorge um das Wohl der Pferde. Regelmäßig suchten wir die Pferde auf und lieferten bei den Bauern die zugeteilte Futtermenge ab. Bauer Hoffmann konnte Liese nicht mehr bei sich behalten, weil er Pferde von Verwandten unterbringen musste. Nachbarin Frau Rix bot an, Liese in ihrem Stall aufzunehmen. Am 12. März brachte die Zuchtstute ein Fohlen zur Welt, das allerdings nicht überlebte.

Gräbenschippen für den ‚Endsieg‘

      Am gleichen Tag wurde ich zu Schanzarbeiten beordert. Nach der Vollendung des 14. Lebensjahres am 1. März war nach den geltenden Vorschriften eine derartige Verpflichtung vorhersehbar. Im Einzelnen: Seit Anfang August 1944 wurden in einer Großaktion der NSDAP in Pommern „Parteigenossinnen und Parteigenossen, arbeitsfähige Männer und Frauen im Alter ab 14 Jahren zum Schippen“ aufgerufen. Wie in Woldenberg und Hochzeit handelte es sich um die Bildung von Arbeitskolonnen zum Bau von Panzer- und Laufgräben, Deckungslöchern und Schützenständen. Zusammen mit Panzersperren, Unterständen, Artillerie- und Flak-Stellungen sollte ein solcher Befestigungsgürtel die Kreisstadt Anklam und das Umland gegen das Vorrücken und die massive Feuerkraft sowjetischer Panzerdivisionen schützen! Für die Verrichtung der umfangreichen Geländearbeiten wurden die einbestellten Jahrgänge mit Schaufel und Spaten ausgerüstet.

      Offene Lastkraftwagen transportierten das Aufgebot von Arbeitskräften zu dem Einsatzgebiet bei Anklam, dem Geburtsort des berühmten Flugtechnikers Otto Lilienthal, der dort seit 1891 erste Gleitflüge startete. Als wir mit dem Ausheben eines Panzergrabens beschäftigt waren, heulten unversehens die Sirenen. Anklam, Standort einer landwirtschaftlichen Verarbeitungsindustrie (Maschinenbau, Molkerei, Zucker- und Möbelfabriken) und Sitz der Arado-Flugzeugwerke mit einem Flugplatz, war des öfteren Zielscheibe von Luftangriffen. Die Geschwader flogen mit mächtigem Getöse über Stadt und Land. So auch am 12. März. An diesem Tag war Swinemünde Objekt des Großangriffs: „Bisher stärkster Einsatz der feindlichen Luftwaffe, nämlich 5.300 gegenüber 452 eigenen“ (12.3.1945, KTB).

      Da unter diesen Umständen der Aufenthalt im Freien eine Gefahrenquelle darstellte, suchte ich während des Alarmzustandes Deckung im Schützengraben. Im Gewühl von Soldaten, Volkssturmmännern, Zivilisten und Jugendlichen entdeckte ich den Maurer Blankensee, der beim Neubau unserer Scheune — Fertigstellung im Sommer 1944 — mitgewirkt hatte. Er berichtete, daß der russische Arbeiter Iwan, der im Januar zu ähnlichen Schanzarbeiten in Hochzeit eingesetzt war, uns am 27. Januar nachgelaufen sei, um gemeinsam mit uns vor der Roten Armee zu flüchten.

Sinnloses Schanzen

      Als ich — eingedenk der sinnlosen Plackerei mit Schaufel und Spaten an eiskalten Januartagen auf tief gefrorenem Boden zur Befestigung der Pommernstellung in Hochzeit, wodurch der Vormarsch der Sowjets weder verzögert noch verhindert werden konnte — beim Aushub der Panzergräben den militärischen Nutzen der Wälle und Gräben anzweifelte, zogen Altersgenossen gegen mich zu Felde und verspotteten mich als Defätisten: „Ich weiß es aus eigener Erfahrung, was das für eine schwere Sache ist, gegen den Strom zu schwimmen.“
Die Großmannssucht von Möchte-gern-Helden rief die flotten Sprüche einiger Woldenberger und Friedeberger HJ-Pimpfe in Erinnerung, die mir mangelnde „Kampfmoral“ vorhielten: „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten“ (Brecht). Gott zum Lob war der unauslöschliche 12. März Anfang und Ende meines Kriegseinsatzes. Ein Geheimnis blieb, warum mir eine nochmalige Aufforderung zu Dienstleistungen mit Schaufel und Spaten nicht zuging.

Nun mit Pferden zum ‚Endsieg‘   *

      Kaum hatten die NS-Behörden den Kastenwagen eingezogen, ereilte uns eine neue Hiobsbotschaft: „Pferdemusterung“. Uns schwante Böses. Schon hatte sich herumgesprochen, daß die Wehrmacht, der die motorisierten Fahrzeuge ausgingen, als Ersatz immer mehr auf Pferde aus dem zivilen Sektor zurückgriff. Widerstrebend beugten wir uns dem Musterungsbescheid. Die Requisition der Zugtiere für den aussichtslosen und selbstmörderischen Krieg brachte das Blut der Flüchtlinge in Wallung. Ergreifende Szenen spielten sich vor der Musterungs-Kommission am 21.3.1945 ab. Der Hauptmann der Musterungsstelle empfand, wie er nicht verhehlte, die Beschlagnahme-Aktion als das diffizilste Kommando seiner Laufbahn.

      Ein Bauer aus Ostpreußen, dem die Zornesröte ins Gesicht stieg, sollte von seinen letzten beiden Pferden eins abgeben. Er machte seinem Herzen Luft und warf voller Verzweiflung den Offizieren an den Kopf: „Fünf Söhne von mir sind im Kampf gefallen, meinen Hof habe ich verloren, vier Pferde sind mir schon weggenommen, wenn Sie mir dies Pferd auch noch nehmen, dann schießen Sie mich doch lieber selber gleich tot!“ Von unseren 6 Pferden wurde Annette, Eckarts Reitpferd, konfisziert. Dem stattlichsten Pferd im Stall war mit zu verdanken, dass wir den offenen Feindseligkeiten gerade noch entkommen und die Oder um ein Haar passieren konnten. Laut schriftlicher Abmachung betrug der Verkaufserlös 1.650,– RM. Die Begleichung der Verbindlichkeiten unterblieb!

      Der Verlust von Pferd und Wagen riß eine Lücke in die Beweglichkeit. Wie sollte bei der Einbuße der Transportfähigkeit die weitere Flucht, die sich deutlich abzeichnete, gelingen? Doch die Außenwelt richtete sich nicht nach subjektiven Wunschvorstellungen. Glücklich durfte in dem apokalyptischen Jahr 1945 sein, wer einem Unheil, das allenthalben drohte, wohlbehalten entging. Das Einzige, was man tun konnte, war, sich in das Unvermeidliche zu fügen und zu versuchen, daraus das Beste im Sinne einer Überlebenschance zu machen. Insoweit warf der Tag X, an dem wir den Treck mit 5 Pferden und einem instabilen Wagen fortsetzen mussten, seine Schatten voraus.

Zeichen stehen auf Sturm

      Allabendlich wollte Frau Lammeck, die aus den schillernden Wehrmachtsberichten Schimären heraushörte, nach dem rettenden Strohhalm greifen: „Ich denk immer, sie haben noch was, sonst könnten sie doch nicht so reden!“ Nach den Spätnachrichten wiederholte sie in einem originellen pommerschen Dialekt treuherzig ihre zweifelhafte Schlussfolgerung, an der sie sich
hoffnungsvoll berauschte. Alle Tage dieselbe Leier! Sie erlag wie andere leichtgläubige Zeitgenossen der fintenreichen Taktik der NS-Propagandamaschine, die noch immer Siegesmeldungen und verheißungsvolle Parolen über startklare Wunderwaffen verbreitete.

      Obschon die Allgemeinheit keinen Blick hinter die militärischen Kulissen werfen konnte, war Skepsis auf Grund leidgeprüfter Erfahrungen und diverser Indizien angebracht. Wie bisher fehlten zuverlässige Nachrichten und glaubwürdige Frontberichte. Phrasenhafte Propagandafeldzüge malten ein rosiges Bild über deutsche Vorstöße und Gegenangriffe. Andererseits ließen verklausulierte Aussagen und sybillinische Formulierungen der Berichterstattung aufhorchen. Der Kriegsgegner wiederum verdrehte aus perfiden Motiven die Fakten: „Die Feind-Propaganda versucht, durch anscheinend günstige Meldungen ... die Zivilbevölkerung ... zum Hineinlaufen in das feindliche Feuer anzustacheln“ (KTB, 4.3.1945).

      Mithin erschwerten gezielte Desinformationen oder wissentliche Falschmeldungen auf beiden Seiten die eigene Lagebeurteilung. Eine innere Stimme schien zu warnen. So folgten wir den vagen Fingerzeigen, nach denen die Zeichen auf Sturm standen.

Wann fällt Stettin . . .

      Entgegen den für die Außenwelt bestimmten nebulösen Rauchsignalen nannte das „Kriegstagebuch“ (KTB) die militärischen Tatsachen beim Namen [Ed: aber wer konnte das damals schon lesen...]:

  • 06.3.1945: „Feindliche Panzer südlich Stettin.“
  • 07.3.1945: „Unklar ist, ob der Gegner bereits die Stettiner Bucht erreichte.“
  • 08.3.1945: „Südlich Stettin kam der Gegner weiter voran.“
  • 09.3.1945: „Die Lage in Küstrin hat sich weiter verschärft. Der Feind ist bis in die Stadt vorgedrumgen.“
  • 11.3.1945: „Feindliche Panzer drangen über die Autobahn Stettin-Altdamm.“
  • 13.3.1945: „Der Gegner meldet die Einnahme von Küstrin, was im wesentlichen richtig ist.“
  • 15.3.1945: „Örtliche Kämpfe an der Oder. Druck an der Oder.“
  • 17.3.1945: „Bei Stettin wurde die eigene Kräftegruppe zusammengedrängt.“
  • 18.3.1945: „Bei Stettin Verschärfung der Lage.“
  • 20.3.1945: „Bei Stettin ging Gelände verloren.“
  • 23.3.1945: „Zwischen Lebus und Küstrin griff der Feind mit 6 Schützen-Divisionen an.“

. . . und wann Berlin?

      Über den konzentrierten Aufmarsch der sowjetischen Streitkräfte bei Stettin und entlang der Oder informierte ihre Leser die Neue Züricher Zeitung am 14. März 1945, die wir allerdings nicht zu Gesicht bekamen: „Nachdem Pommern erobert und Küstrin genommen ist, sind die hauptsächlichen Vorbedingungen für den Angriff auf Berlin erfüllt. Eingeweihte Kreise rechnen mit dem baldigen Fall von Breslau, Glogau und Altdamm, die immer noch starke russische Verbände auf sich ziehen. Auch diese Stellungen müssen beseitigt werden, bevor Schukow und Konjew [Oberkommandierende der sowjetischen Streitkräfte] zur Offensive übergehen können. Für die letzten Vorbereitungen sind gegenwärtig bedeutende Umgruppierungen an der ganzen [Oder-]Front im Gange.“

Höchste Zeit, weiterzuflüchten

      Die kriegerischen Wolken, die von der Oder heraufzogen, signalisierten wegen der Nähe — Stettin ist von Anklam etwa 80 km entfernt — eine akute Bedrohung. Schlagartig konnte sich die Lage gefährlich zuspitzen. Im Gedächtnis eingeprägt war ein weiteres Gefahrenmoment: Der Abstand zwischen unserem jeweiligen Standort und den nachsetzenden Panzertruppen bemaß sich nicht nach Tagen, sondern Stunden. So dicht wie jenseits der Oder sollte uns die gepanzerte Faust der Roten Armee nicht wieder im Nacken sitzen.

      Überdies sprachen für die Fortsetzung der Flucht entscheidende Gesichtspunkte. Mussten wir nicht einer denkbaren abermaligen Konfiskation von Pferden und Wagen zuvorkommen? Das dritte schwerwiegende Argument für den Aufbruch entsprang einem Erlass, den der Gauleiter von Pommern herausgegeben hatte. Demzufolge sollten ab sofort 14-jährige Jungen zum Flakdienst eingezogen werden, eine Anordnung, die in Mecklenburg noch nicht galt. Dagegen war in Pommern nach der Vollendung des 14. Lebensjahres mit meiner Erfassung in Kürze zu rechnen. Aus all diesen Gründen war es beschlossene Sache, Krien umgehend den Rücken zu kehren.

Aufbruch gen Westen

      Die Wirtsleute, denen wir die Überlegungen nicht im Einzelnen darlegen konnten, wollten uns von dem Vorhaben abbringen. Sie gaben keine Ruhe: „Bleiben Sie hier, Sie gehen ins Ungewisse, hier ist es sicher!“ In Anbetracht der recht verworrenen Konstellation war der gut gemeinte Appell nicht aus der Luft gegriffen. Der Plan, sich wieder auf die Landstraße mit zweifelhaftem Verlauf und Ausgang zu begeben, war ohne Frage ein kühnes Unterfangen. Würden uns Hoffnung und Glück, Zuversicht und Gottvertrauen tragen?

      Unterdessen hatten wir in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die 5 Pferde im Stall von Frau Rix untergestellt. Da der Aufbruch still und leise vonstatten gehen sollte, packten wir ohne Aufheben unsere sieben Sachen. Ein Teil der Habe blieb wegen des übervollen Wagens zurück. Als am 23. März 1945 sechs sowjetische Divisionen zum Angriff im Raum Küstrin übergingen, nahmen wir nach 43 Tagen Einquartierung Abschied von Krien.



[Fortsetzung im Teil III]



Anmerkungen des Editors / Remarks by the Editor:     [Translation-Service]

1) ^  Auf der Flucht vor den Russen überquerte der kleine Birkenhof-Treck der Familie Brauer in der Nacht zum 2. Februar 1945 die Oder bei Greifenhagen. Ihre weitere Route in Richtung Anklam in Vorpommern führte über die Orte: Greifenhagen/Oder — Oder-Brücke — Mescherin — Neu Rosow* — Kolbitzow — Stettin-Schöningen — Stettin-Scheune — Stettin-Möhringen — Sparrenfelde* — Neuenkirchen — Bismark — Löcknitz** — Rossow — Pasewalk — Jatznick — Heinrichsruh — Ferdinandshof* — Rathebur — Ducherow — Kosenow — Anklam* — Görke — Postlow — Albinshof — Krien (Domäne) — Neu-Krien** (43 Tage) — [Fortsetzung]. In den mit einem * markierten Orten wurde jeweils ein Nachtquartier bezogen. In Orten mit ** wurde ein mehrtägiger Stop eingelegt.

2) ^  Die NSDAP (Nazi-Partei) hatte den Kreis Anklam in Vorpommern als Aufnahmegebiet für die Flüchtlinge aus dem Kreis Friedeberg angeordnet. Übrigens, die Nazis sprachen damals nicht so gerne von „Flüchtlingen“, sondern von „Umquartierten“.

3) ^  Es ist immer eine gute Idee, zu wichtigen Ereignissen in der Weltgeschichte in den archivierten Ausgaben der NZZ („Neue Züricher Zeitung“) nachzuschlagen.

4) ^  KTB — Das steht für „Kriegstagebücher des Oberkommandos der Wehrmacht“.

5) ^  Bereits am Abend des 31. Januar 1945 konnte die Rote Armee — angesichts der zugefrorenen Oder — bei Kienitz einen ersten Brückenkopf am westlichen Oderufer bilden.

6) ^  Zur Besetzung des Kreises Arnswalde durch die Rote Armee ist hier eine Grafik dokumentiert, aus der der zeitliche Ablauf der Invasion zu entnehmen ist.

7) ^  OKW — Das bedeutet „Oberkommando der Wehrmacht“. Der Hauptsitz war in der Nähe Berlins, in Wünsdorf bei Zossen.

8) ^  NSV — Das steht für „National-Sozialistische Volkswohlfahrt“. Diese NSV war eine Gliederung der Nazi-Partei NSDAP. Die Staatsorganisation NSV verdrängte die sozialen Dienste vom Deutschen Roten Kreuz (DRK), der evangelischen Diakonie und der katholische Caritas.

9) ^  Hm, „Pommernstellung hält“. Gemeint kann damit nur der nördliche Teil der Pommernstellung sein, denn den südlichen Teil hatte die Rote Armee schon Ende Januar 1945 praktisch kampflos überwunden. So rollten bereits in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 1945 Sowjet-Panzer im Zuge der Reichsstraße 1 über die (nicht mal gesprengte) Drage-Brücke bei Hochzeit.

10) ^  Viele Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten mußten nach geglückter Flucht die schlimme Erfahrung machen, daß sie bei den Einheimischen westlich der Oder nicht sehr willkommen waren. Manchmal wurden die Flüchtlinge wie Aussätzige behandelt — auch noch lange nach 1945.

11) ^  Tod der Adelheid Beyer: Das entsetzliche Geschehen in Klosterfelde von 1945 ist im — hier ebenfalls dokumentierten — „Tagebuch der Renate Brandes“, der Mutter von Adelheid Beyer (im Tagebuch „Trautchen“ genannt), ausführlich beschrieben.

12) ^  HJ = Hitler-Jugend, die Jugendorganisation der NSDAP (Nazi-Partei). Seit dem 1. Dezember 1936 war die Mitgliedschaft in der HJ für alle 10- bis 18- jährigen Jugendlichen Pflicht.

13) ^  Leider kann zu diesen Heimattreffen in Anklam kein Link angegeben werden, da bislang keiner gefunden wurde. Aber manchmal findet man den Termin auf dem Portal der Stadt Anklam unter den Veranstaltungshinweisen — auch das noch recht neue Arnswalde-Portal könnte eine Ankündigung haben.

14) ^  Kriegsverbrechen: Im Zweiten Weltkrieg fanden Kriegsverbrechen an den Zivilbevölkerungen ohne Ende statt — auf/von allen Seiten. Aber aus den vielen begangenen Grausamkeiten hat man kaum etwas gelernt, denn auch noch heute (2011/12) werden immer wieder Greueltaten bei kriegerischen Konflikten bekannt (aktuelle Stichworte: Afghanistan, Afrika, Syrien, Tunesien).
[Wikipedia: Verbrechen der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg]

15) ^  Wunderwaffen — Bis in die heutigen Tage wird über solche vielleicht kriegsentscheidenden „Wunderwaffen“ geredet, aber es gab sie wirklich nicht. Zwar gab es 1944/45 Weiterentwicklungen von Waffensystemen, aber mit keiner dieser Neuerungen hätte 1945 die sowjetische Übermacht gestoppt werden können. Allenfalls — so makaber das auch ist — hätte der Einsatz von Atombomben eine Wirkung haben können. Gott sei Dank stand aber das damals nicht auf Hitlers To-do-Liste, sonst wäre Osteuropa bis heute atomar verseucht und vielerorts unbewohnbar geworden. Auch wäre dann Berlin durch die amerikanische Hiroshima-Bombe atomar plattgemacht worden. Der schnelle Vorstoß der Roten Armee hat das verhindert.

16) ^  Kriegs-Festessen: Leider erfahren wir nicht, was es da zu essen gab. Aber der Autor teilte am 28.3.2012 auf Anfrage mit, wie es generell um die Versorgung mit Lebensmitteln während der Flucht bestellt war: „Stellenweise, meist bei der Angabe der jeweiligen Quartiere, finden sich verschiedene Hinweise auf die Versorgungslage. Ohne Zweifel gab es Versorgungsschwierigkeiten. Einerseits wurden ankommende Flüchtlinge und Trecks von der NSV in Schulen empfangen und verpflegt; aus Großküchen gab es z. B. Eintopf, Suppen, warmen Kaffee etc., andererseits konnte speziell unsere Familie auf eiserne Rationen von Zuhause zurückgreifen, ein große Hilfe. Zu meinem Geburtstag und bei meiner Konfirmation in Krien bei Anklam stellte meine Mutter z. B. Mahlzeiten zusammen, die wesentlich von unserem Birkenhof stammten. Manchmal boten die Quartierswirte gastfreundlicher Häuser Milch (-suppen), Eier, Kartoffeln etc. an. Organisatorisch funktionierte erstaunlicherweise die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln noch einigermaßen. Die besonders schlimmen Hungerjahre kamen, folgten später: 1946/47.“






Woldenberger Fluchtberichte von 1945:
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