Die Flucht ins Ungewisse
Die Rote Armee auf den Fersen
(27.1. 1.2.1945)
Jeder muß selbst zusehen, wie er sich durchhilft.
Räumungsalarm
Binnen kurzem schlug die Stunde der rauhen Wirklichkeit. Vom 26. auf den 27. Januar hallten und
dröhnten um Mitternacht die Kirchenglocken in die Finsternis hinein: Räumungsalarm, der
allerdings akustisch bis zum Birkenhof nicht durchdrang. Drei Stunden später, am Sonnabend,
dem 27. Januar 1945, um 3.00 Uhr nach Mutters Erzählungen kursierte an diesem Tag im
Kaiserreich einst das Bonmot: Heut wird nicht gescheuert und gefegt, heut’ ist der
Geburtstag seiner Majestät klopfte auf Geheiß von Inspektor Arp, Verwalter
des [nahen] Gutes Johanneswunsch der russische Landarbeiter Wassil, ans Schlafzimmer:
Sofort fertigmachen! Los!
[Ed: und zu diesem Zeitpunkt war bereits der 1. Fluchtzug aus Woldenberg längst auf der Fahrt in Richtung
Stettin].
Die schlimme Botschaft wirkte wie ein Donnerschlag. Ohne viel Besinnen mussten wir uns auf den
Boden der Tatsachen stellen, d. h. Haus und Hof Hals über Kopf verlassen. Ein Entkommen mit
der Eisenbahn schied für die ländliche Bevölkerung aus. Da es an Lastkraftwagen und
motorisierten Verkehrsmitteln mangelte, kam trotz klirrender Kälte nur die Flucht mit Pferd und
Wagen in Betracht.
Strenger Winter
Um die Jahreswende überzog ein äußerst strenger Winter die ostdeutschen Provinzen.
Seit Tagen herrschte Frostwetter von durchschnittlich 25°. Zudem blies ein scharfer
Ostwind über die tief verschneite Landschaft. Noch gab es vage Vorstellungen von
Schneestürmen, spiegelglatten Straßen, schneeverwehten Fahrbahnen und Frostbeulen, ganz
abgesehen von lauernden Gefahren. In der Frühe des 27. Januar 1945 überlief uns eine
Gänsehaut im ungeheizten Haus, denn es war eine eiskalte Nacht.
Vater, Johann Lempe, die langjährige Hilfskraft, und ich legten letzte Hand an die beiden
Fluchtwagen, beladen mit den notwendigsten Habseligkeiten und Gegenständen, zum Bersten voll.
Vorrang hatten warme Kleidung, Reserven an Lebensmitteln, Kraftfutter für die Pferde und last
but not least die Dokumentensammlung der Familie. Von Panik erfasst vergaßen wir ein Schwein,
das zum Zweck der Vorsorge zuvor schwarzgeschlachtet worden war auf Schwarzschlachtung
standen schwerste Strafen!
Die Flucht beginnt
Gegen 6.00 Uhr zogen wir wortlos vom Birkenhof ab. Zu dieser Abschiedsstunde befand sich, wie oben
dargelegt, ein sowjetischer Verband auf dem Marsch zur Dragebrücke in Hochzeit, vom Birkenhof
etwa 10 km entfernt! Wenn wir das gewusst hätten, wäre ein Grauen über uns gekommen!
Die kurzzeitige Unterbrechung der Offensive bewahrte uns Gott sei Dank vor
möglicherweise fatalen Folgen. Neben dem Grund und Boden mußten wir das lebende und tote
Inventar in Haus und Hof stehen- und liegenlassen, vor allem das arme Vieh in den Ställen,
über dessen Schicksal die Geschichte schweigt. Auf Nimmerwiedersehen? Solche Gedanken lagen
fern. Ein letzter, rückwärts gerichteter, wehmütiger Blick. Die Zeit drängte.
Unter der Oberfläche befiel uns unausgesprochen stiller Gram: Von der Heimat gehen
ist die schwerste Last, die Götter und Menschen beugt (Agnes Miegel).
| |
|
|
Auf den Spuren der Fluchtwege: Diese Stallungen des Gutshofes Heinrichswalde waren auf der Flucht das
erste Quartier (27.1.1945).
(Foto: 9.6.2001 g.brauer)
|
|
Da Vater keine überraschende Erfassung durch den Volkssturm riskieren wollte, entzog er sich
dem Blickfang auf den Vordersitzen. Die Zügel überließ er mir. So wurde ich
gerade den Kinderschuhen entwachsen zum Treckfahrer. Den Hauptwagen mit Liese, Annette und
Vicky lenkte ich, Mutter saß neben mir, Vater hinten; den anderen Planwagen mit Lotte, Lilo
und Trixi unter den sechs Pferden waren Zug- und Kutschpferde steuerte Hannchen,
begleitet von Johann und Fritz (Fritz Gollub, ein 13jähriger Junge aus Bochum, fand im Rahmen der Aktion Kinderlandverschickung
auf dem Birkenhof Schutz vor den Luftangriffen im Ruhrgebiet).
Als wir uns ein Stück vom Birkenhof entfernt hatten, verlor sich der zweite Wagen in dem Gewirr
von Fahrzeugen und Fuhrwerken. Dazu hatte sich das junge Pferd Trixi in den Zügeln und Leinen
verfangen. Nach Auflösung der Verknotung konnte Hannchen nachfolgen. Auf der Hochzeiter
Chaussee waren Schneepflüge im Einsatz. Inspektor Arp, der die Hiobsbotschaft zum Aufbruch
ausrichten ließ, war schon mit dem Traktor unterwegs. Die Gehöfte vor Woldenberg waren
wie ausgestorben, kein Licht brannte in den Häusern und Wirtschaftsgebäuden. In der Stadt
stapfte eine Menschenmenge durch den Schnee zum Bahnhof, während Soldaten offenbar der
Volkssturm als letztes Aufgebot mit Stöcken, Skiern und Rodelschlitten
entgegengesetzt Richtung Hochzeit stiefelten. Nach militärischen Prüfsteinen eine
Quantité négligeable.
Nicht dem Herdentrieb gefolgt
|
|
Fluchtweg Teil 1 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Oder).
Durch Klicken auf die Grafik wird in einem zweiten Fenster die Basis-Karte in starker Vergrößerung angezeigt
(ohne Wegmarkierung 2,4 MByte), so daß man sich im einzelnen orientieren kann.
[Fortsetzung]
[Liste der Orte]
(Grafik: 6.3.2012 khd-research)
|
Kurz entschlossen traf Vater eine weit tragende Entscheidung. Er wollte sich aus irgendeinem
unerfindlichen Grund nicht dem Woldenberger Haupttreck, der nach Berlinchen abbog,
anschließen, sondern in Eigenregie Fluchtrichtung und Fluchtwege abstecken, d. h.
zunächst die Route nach Amswalde einschlagen. Ziel der Flucht war Anklam in Vorpommern. Der
Kreis Anklam war für die Aufnahme der Bewohner aus dem Landkreis Friedeberg
behördlicherseits vorgesehen.
In der Wutziger Straße staute sich die Treck-Kolonne. Im Schritttempo erreichten wir das Dorf
Brandsheide, in dem der unüberschaubare Strom von Gespannen zum Stillstand kam. Während
der Zwangspause ließ Vater eine Deichsel reparieren, die vor Woldenberg geborsten war. Sodann
bahnten wir uns einen Weg über Kölzig und Marienwalde. Uns blieb verborgen, daß
zeitgleich in nächster Nähe sowjetische Panzer vorstießen: Gegner nach
Durchbruch der Pommernstellung bei Wolgast und im Raume Marienwalde (Tagesmeldung der
Heeresgruppe Weichsel vom 27.1.1945). Nach Sellnow, wo für die Pferde eine Mittagsrast
eingelegt wurde, kamen wir noch bis zum Gut Heinrichswalde. Auf einem Bund Stroh wichen in der
ersten, mit Sternen übersäten mondhellen Nacht, weder Hundekälte noch ein desolater
Seelenzustand:
,0, wie ist es kalt geworden und so traurig, öd und leer
(Hoffinann von Fallersleben).
Was damals wirklich geschah
Die Brückenköpfe an der Oder in Schlesien werden umkämpft. An der Netze steht
der Feind bei Scharnikau und Schönlanke. An Schneidemühl kamen 14 Panzer heran
(KTB, 27.1.1945). Ein Quellenvergleich ergibt, daß im Gegensatz zu den Tagesmeldungen der
|
| |
|
|
Ein Treckwagen auf vereistem Weg. Das letzte Hab und Gut war hastig eingepackt, denn meist
wurde die Zivilbevölkerung erst in letzter Minute alarmiert.
(Repro: 2011 khd)
|
|
Heeresgruppe WeichseI die Einträge im KTB häufig mit einer Verspätung von 1 bis 3
Tagen nach Eintritt der Ereignisse erfolgten. So vermerkt der Autor des KTB am 29.1.1945:
Kreuz ist in der Hand des Feindes, der nun an die Pommemstellung herankommt. Dagegen
eroberten nach dem Bericht der Heeresgruppe Weichsel sowjetische Panzer den Umsteigebahnhof Kreuz
bereits am 27.1. Am gleichen Tag überrannten sie die Pommernstellung, überquerten in
einem Handstreich die Drage durch Jahrhunderte eine wichtige strategische Barriere und vor
der pommerschen Gebietsreform vom 1. Oktober 1938 die Trennungslinie zwischen der Neumark und der
Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen und besetzten am Tage unseres Fluchtbeginns abends
Hochzeit. Kreuz Umsteigebahnhof für die Fahrt von Woldenberg nach Schneidemühl
[oder nach Berlin] hatte ich 3 Tage zuvor mit Eckarts Lazarettzug verlassen.
Was geschah mit Woldenberg?
Feindliche Panzer drangen bei Filehne über die Netze. Bei Scbneidemübl wurde der
Gegner abgewiesen (KTB, 28.1.1945). Erwiesenermaßen traf zu dieser Stunde der
Kommandeur der 218. sowjetischen Panzerbrigade im Hochzeiter Forst Vorbereitungen für die
Fortsetzung der Operationen. Am Sonntag, dem 28.1.1945, tastete sich dann die Panzergruppe auf der
Reicbsstraße 1 auf Woldenberg vor, die das idyllische Städtchen am Großen See, ohne
auf Widerstand zu stoßen, in Schutt und Asche legte
[Auszug aus LINDENBLATT]:
Der Vormarscb der Russen von Wolgast nach Woldenberg staute sich vor dem Mehrenthiner Fließ am
östlichen Stadtrand. Ungeklärt, ob die Straßenbrücke im letzten Augenblick
gesprengt wurde oder einer schweren Belastung nicht standgehalten hatte. Sie war in halber
Fahrbahnbreite eingestürzt. (Die schweren Panzer) bogen deshalb am Niedertor zum
Mühlenweg ein und überquerten bei dem Hofe Neuendorf an der Wasserspüle das
Fließ. Durch die Gärten und Häuser stießen sie zur unteren Kirchstraße
vor und erreichten den Marktplatz.
Vermutllch als Sichtzeichen für die russische Führung wurde in der Stadtmitte Feuer
entzündet. Es entstand bald ein Großbrand, der die Richtstraße versperrte und sie
bald auch durch Trümmerschutt unpassierbar machen würde. Deshalb verzichteten die Russen
auf schnelle Wiederherstellung der Straßenbrücke und leiteten ihre Schwerfahrzeuge
über einen behelfsmäßigen Damm aus Trümmerschutt der niedergebrannten
Häuser Schleusner, Sann und Rosengarten. Ihr Nachschub rollte nun vom Judenfriedbof direkt in
die Neue Straße am jenseitigen Ufer.
Ehe diese Furt voll benutzbar war, lenkten die Russen etliche Panzer nördlich um den See herum
über den Postberg und durch Wutzig in den neuen Bereitstellungsraum zwischen Kölzig und
Marienwalde. Und als wir an den Postberg kamen, der in die Stadt hineinführte, blieb uns
das Herz stehen . . . mitten auf dem Damm ein dunkler Fleck, der einmal ein Mensch
gewesen, wohl eine Frau, denn Panzer hatten zerwalzt, was einmal Form und Leben gehabt, es war nicht
mehr zu erkennen. [aus dem Brandes-Tagebuch]
Bevor russischer Nachschub über den Behelfsdamm durch Woldenberg rollen konnte, hatten einige
Sowjets die Häuser nach lohnender Beute und versteckten deutschen Soldaten durchsucht.
Volltrunken wie meistens, kannten sie dabei weder Vorsicht noch Gnade, bald schon nicht mehr
ihresgleichen. In der Nacht zum 29. Januar wurde eine wilde Schießerei durch die Stadt
veranstaltet. Die Besetzer schossen auf alles, was ihnen in den Weg kam und sich bewegte,
schließlich am Kastanienplatz auf die eigenen Leute. Sie gehörten wahrscheinlich zu
einem Spähtrupp, der sich aus der Gegend von Dragebruch/Friedrichsdorf nach Woldenberg
vorgewagt hatte.
Gegen Mittag um 11.30 Uhr beglückten mich ,Uhre, Uhre' mit ihrem ersten Besuch. Gegen
Abend wurde der Himmel ganz rot und am 30.1. war über Nacht schon der größte Teil
unserer schönen Stadt in einen brennenden Trümmerhaufen verwandelt.
Woldenberg hatte zu sterben begonnen. Einige der letzten Einwohner, die nicht fliehen wollten,
mußten sich zu neuem Leid auf die Papiermühle flüchten. Von dort konnten sie die
sterbende Stadt sehen. Nach mehreren Tagen und Nächten des Todeskampfes in der aJles
verzeerenden Feuerlohe war sie für immer in sicb zusammengesunken. Rings um die hoch
aufragende Kirche mit den vier Ecktürmen.
Verlust der Heimat?
Am 28. Januar führte der Weg über Radun in die neumärkische Kreisstadt Arnswalde zu
Familie Lange, die uns ein warmes Zimmer anbot. Eigentlich fasste Vater einen Ruhetag für
Mensch und Tier ins Auge. Insgeheim träumte er von einer Umkehr. Aber das waren reine
Gedankenspiele ohne Realitätsbezug. Zugrunde lag ein frommer Wunsch, denn allen Ostdeutschen,
die vor der Roten Armee die Flucht ergriffen, war die Vorstellung fremd, daß die Aufgabe der
festen Wohnsitze eine Abwesenheit für längere Dauer oder gar den Verlust der Heimat mit
sich bringen könnte.
Tags darauf legten sich die Pferde ins Geschirr, um trotz der anhaltenden Schneefälle die
schwer beladenen Wagen durch den knirschenden Schnee zu ziehen. Zum Aufwärmen diente
Eierlikör, ein Mitbringsel von Zuhause. Bei Sammenthin marschierten unüberschaubare
Kolonnen französischer Soldaten westwärts. In dem hügligen Gelände verwandelte
die Eiseskälte die spiegelglatten Straßen in Rutschbahnen. Dadurch gerieten die
Fuhrwerke ständig ins Schleudern, so daß die Pferde den Halt verloren und stürzten.
Schneidender Wind trieb die dicken Flocken ins Gesicht.
|
|
|
Fluchtweg Teil 2 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Oder).
Durch Klicken auf die Grafik wird in einem zweiten Fenster die Basis-Karte in starker Vergrößerung angezeigt
(ohne Wegmarkierung 2,4 MByte), so daß man sich im einzelnen orientieren kann.
[Fortsetzung]
[Liste der Orte]
(Grafik: 7.3.2012 khd-research)
|
Wo blieb die Division Woldenberg?
Zwischen Billerbeck und Blankensee riss unter der zu großen Schneelast eine
Teppich- Bespannung. Schleppend gelangte der Treck gerade bis Warsin. Die Wagen wurden auf dem
Gutshof, der eine Vielzahl von Fuhrwerken beherbergte, eng beieinander abgestellt. Die Pferde
sammelten Kräfte in einen Schafstall. Uns bot das Pfarrhaus eine behagliche Unterkunft. Frau
Neitzel, die selbstlose und vorbildliche Pfarrersfrau, hatte ein offenes Haus für Flüchtlinge.
Sie teilte ihr Schlafzimmer mit uns. Doch die seelische Erregung flaute nicht ab.
Starke Feindkräfte. Durchbruch bei Hochzeit erweitert und über
Klosterfelde-Marienwalde- Schönrade nach Breitenstein (10 km nordwestlich Friedeberg)
vorgestoßen Breitenstein um 7.30 Uhr genommen Meldungen über Woldenberg nicht
eingegangen (Tagesmeldung der Heeresgruppe Weichsel, 29.1.1945, an die Operationsabteilung des
Heeres nach Zossen bei Berlin). Damit hatte in einer einzigen Winternacht die Rote Armee aus ihrem
Brückenkopf bei Hochzeit den ganzen Kreis Friedeberg an seiner Nordgrenze von Ost nach West
durchmessen und folglich alle Fluchtwege nach Norden abgeschnitten [Ed: denn die
Division Woldenberg, die das
eigentlich verhindern sollte, existierte quasi nur auf dem Papier eines Himmler
(Befehlshaber der Heeresgruppe Weichsel)...].
Russen nur 5 km entfernt
Am 30. Januar bewegten wir uns über Plönzig und Rosenfelde auf Megow zu. Da die Suche
nach einem Quartier ergebnislos verlief, mussten die Pferde die beißende Kälte zugedeckt
im Freien ertragen. Wir verbrachten wegen des grollenden Kanonendonners bange und einsame Stunden
in einem dunklen Pferdestall. Geschützfeuer und Kampflärm setzten uns zu. Immerhin hielt
der Stalldünger den eisigen Frost ab, der sonst Brot und Schmalz gefrieren ließ. Morgens
konnten wir in einem Arbeiterhaus Kaffee und Kartoffeln kochen. Wieder zogen Hunderte von
Franzosen, die in einer Scheune genächtigt hatten, in Reih und Glied an den Trecks vorbei. Ob
sich wohl unter den Marschkolonnen unsere beiden französischen Kriegsgefangenen Vincent
und Emile - befanden, die uns auf dem Birkenhof fast fünf Jahre zur Hand gingen?
Der Feind steht jetzt vor der Oder-Warthe-Stellung. Spitzen von ihm erreichten
Berlinchen (KTB, 30.1.1945), d. h. die sowjetischen
Truppen waren in diesem Augenblick etwa 5 km von unserem Standort (d. h. Megow) entfernt. Die
Erfahrungen bestätigten, daß die politische Führung die Bevölkerung über
die militärische Faktenlage prinzipiell im Unklaren ließ bzw. die spärlichen
Informationen den Ereignissen hinterherhinkten. Obendrein zirkulierten Berichte über
erfolgreiche Abwehrkämpfe und gelungene Gegenangriffe. Daraus folgten allerlei Gerüchte
über die Möglichkeit einer Umkehr. Der Wahrheitsgehalt der (Falsch-)Meldungen und
Redereien war nicht zu überprüfen, zumal
lama tausend Zungen hat. Bei
dem permanenten Durcheinander von Nachrichten, Propagandasendungen und Parolen war das
Sicherheitsempfinden fortwährend Wechselbädern ausgesetzt: Panikmeldungen verwirren
vielfach die Lage (KTB, 25.1.1945). Im Nachhinein liefern historische Quellen den Beweis,
daß das Geraune über drohende Gefahren meistens den Tatsachen nahe kam.
|
|
Einer der vielen Flüchtlings-Trecks im Osten Deutschlands, westwärts unterwegs Ende Januar
1945 bei klirrender Kälte und tiefverschneiten Straßen und Wegen.
Aber wehe ein solcher Treck wurde von russischen Panzern eingeholt, dann wurde er brutal
überrollt. Mensch und Tier kamen zu Tode und die Wagen wurden zerstört
ein schweres Kriegsverbrechen an der
Zivilbevölkerung.
(Repro: 2011 khd)
|
Und weiter geht’s nach Bahn
Übermüdet und durchfroren drängten wir am 31. Januar zum Aufbruch. Über
Pyritz, dessen Innenstadt sich als eine Insel der Ruhe und des Friedens präsentierte bis
1945 das pommersche Rothenburg und Rackitt steuerten wir auf vereisten
Straßen die Kleinstadt Bahn an. Bereits am 30.1. waren sowjetische Späh- und
Stoßtrupps von Berlinchen kommend über Schönow bis Lippehne vorgedrungen, von der
Landstraße Pyritz Bahn etwa 10 km entfernt!
Als ein Leiterwagen gegen einen Baum schleuderte und sich verkeilte, saßen wir fest. Ohne
fremde Hilfe gab es kein Weiterkommen, aber helfende Hände boten sich fürs Erste nicht an.
Wer wollte schon einen Zeitverlust riskieren? Schließlich erbarmte sich als Helfer in der Not
ein Radfahrer aus Berlin. Mit doppelter Anstrengung gelang es, den Wagen anzuschieben und aus der
Vertiefung zurück auf den Fahrweg zu ziehen. Prompt stürzte Trixi. Weil die Beine auf
dem Glatteis immer wieder ausrutschten, war das Pferd außerstande, sich aufzurichten. Mit
einer Wolldecke glückte die Standsicherheit. In Trippelschritten kamen die Pferde voran. Es
dauerte seine Zeit bis nach Bahn im Landkreis Greifenhagen. Warmes Essen in einer Schule, die uns
ins Quartier nahm, war Balsam für die erschlafften Nerven. Daß zu dieser Stunde Gefechte
unweit Bahn voll im Gang waren, wussten nur eingeweihte Kreise.
Kämpfe bei Landsberg und vor Berlinchen; der Gegner drang weiter Richtung Soldin vor
[Soldin liegt etwa 15 km südlich von Bahn]. Der Feind hat also die Absicht, Pommern durch
einen Stoß in Richtung Stettin abzuschneiden (KTB, 31.1.1945).
|
|
|
Fluchtweg Teil 3 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Oder).
Durch Klicken auf die Grafik wird in einem zweiten Fenster die Basis-Karte in starker Vergrößerung angezeigt
(ohne Wegmarkierung 2,4 MByte), so daß man sich im einzelnen orientieren kann.
[Fortsetzung]
[Liste der Orte]
(Grafik: 8.3.2012 khd-research)
|
Bahn wird zum aufgestörten Ameisenhaufen
Am nächsten Morgen, dem 1. Februar, überraschte man uns sogar mit frischen Brötchen.
Während sich Vater beim Friseur rasieren ließ und Johann die Pferde in seine Obhut nahm,
gingen Mutter und ich auf die Suche nach Einkaufsmöglichkeiten. Nach Nahrungsmitteln liefen
sich ebenso Angestellte der Woldenberger Stadtkasse die Hacken ab. Solche eigentlich belanglosen
Begebenheiten, die angesichts des Kriegsgeschehens grotesk erscheinen mögen und doch
symptomatisch im Kriegsalltag waren, gaukelten kurzfristig ein Stück Normalität vor. Von
einer Stunde zur anderen zerstörten nackte Tatsachen flüchtige Träumereien.
Beim Bummeln von Laden zu Laden wurde urplötzlich Alarm ausgelöst, verbunden mit der
Aufforderung: Trecks raus aus der Stadt! Wir fielen aus allen Wolken. Die ein wenig
euphorische Gemütsverfassung am Vormittag schlug innerhalb von Sekunden in bedrückendes
Schweigen um. Abrupt führten die Gefechte nahe Bahn den scharfen Kontrast zwischen der
trügerischen Scheinwelt und bitteren Realität vor Augen. Zeitgleich wurden
Straßenpflaster aufgerissen, Sperren gelegt und Soldaten, in weiße Mäntel
gehüllt und die Panzerfauste im Anschlag, stoben in kopfloser Hektik auseinander. Deutsche
Flugzeuge kreisten in niedriger Höhe über der Stadt. Allerlei Gerüchte schwirrten
durch den Ort. In Windeseile sprach sich herum, daß sowjetische Panzer die Front bei Bahn
durchstoßen hätten. Die Stadt glich nunmehr einem aufgestörten
Ameisenhaufen.
Königsweg zur Oder?
| |
|
|
Auf den Spuren der Fluchtwege: An dieser Kreuzung bei Bahn führte die linke Abzweigung nach
Königsberg/ Neumark (Chojna) und Küstrin, die Straße geradeaus (hier nicht
erkennbar) in Richtung Schwedt (bzw. Krajnik Dolny) und der leichte Schwenk nach recht zeigt
Greifenhagen (Gryfino) an.
(Foto: 9.6.2001 g.brauer)
|
|
Die unmittelbare Nähe sowjetischer Verbände jagte uns Angst und Schrecken ein. Auch einem
militärischen Laien war klar, daß Panzer eine höhere Geschwindigkeit als Trecks
entwickeln. Daher spannten wir die Pferde am 1. Februar gegen 14.00 in größter Eile an
und setzten sie voller Hast in Trab. Fort ging’s im Nu:
...die Angst beflügelt
den eilenden Fuß (Schiller).
Alle Trecks befanden sich in einem Wettlauf um Zeitgewinn. Das Damoklesschwert, von der Vorhut der
Panzertruppen eingeholt und eingeschlossen zu werden oder auf offener Straße in die
Kampfhandlungen zu geraten, schwebte jederzeit über den Flüchtlingen. Deswegen legte
jedes Fuhrwerk aus Furcht vor der Roten Armee ein zügiges Tempo vor. Zudem mahnte die in
Kürze hereinbrechende Dämmerung zur höchsten Eile. Ein Horrorszenario wollte uns
nicht aus dem Kopf gehen: Sollten wir wenige Kilometer vor dem rettenden Ufer der Oder sowjetischen
Truppen doch noch in die Hände fallen? Angesichts der heraufziehenden Gefahr blieben uns die
Worte im Munde stecken. Selbst Vaters Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, als sich an
der Straßenkreuzung gleich nach Bahn die Konturen eines Verbotsschildes abzeichneten:
Nach Schwedt für Trecks gesperrt! Somit war die kürzeste Verbindung zum
Oderstrom verschlossen. Rückblickend involvierte die dreispurige Gabelung eine
Scbicksalsfrage: Welcher der beiden anderen Straßenzüge
würde als Königsweg zur Oder führen?
In totaler Finsternis nach Greifenhagen
Augenblicklich schlugen wir auf Vaters geistesgegenwärtige Eingebung hin nicht die
südliche Route nach Küstrin, sondern die nördliche nach Greifenhagen ein, von Bahn
etwa 25 km entfernt. Inzwischen hatte Tauwetter eingesetzt. Auf abgetauten Strecken und
geschmolzenem Eis ging’s fort in sausendem Galopp (Gottfried August
Bürger). Nach den Orten Liebenow und Rosenfelde begann die Dämmerung. Als uns bei
einbrechender Dunkelheit ein düsterer Wald umfing, wurde es stockfinster.
Die Straße war zugefroren und spiegelglatt. Immerfort kamen die Fluchtwagen auf der vereisten
Fahrbahn ins Rutschen. Die Hufeisen glitten auf der Eisfläche ab. Das halsbrecherische Fahren
artete in einen Alptraum aus. Daneben konnte man in der Finsternis die Hand nicht vor den Augen
sehen. Im Hinblick auf die Drohkulisse und Orientierungslosigkeit in der schwarzen Nacht wäre
das Wort des Barocklyrikers Andreas Gryphius: Die Nacht ist keines Menschen
Freund ein Euphemismus. Kein Schimmer des Mondes! Kein Stern funkelte! Kein Baum hob
sich gegen den nächtlichen Himmel ab! Kein Blickkontakt zu unserem zweiten Gespann! Weithin
hörbar die Zurufe der Treckfahrer: Wir sehen nichts mehr. Wir folgten unserer
Intuition: Durchhalten bis zur Oder, mit der wir unser Schicksal verbunden hatten! Hangen und
Bangen!
Das Letzte herausgeholt
Mitternacht schlug! Keine Schneise! Nur ein dichter, dunkler und endlos erscheinender Wald sowie
das verdammt teuflische Glatteis, das Lotte zu Fall brachte! Zusätzlich versagten die
Laternen! Lichtloses Umfeld! Minuten der Ratlosigkeit wurden zur Qual. Die nachfolgenden
Fuhrwerke stockten, bis andere Treckfahrer Hand anlegten und Lotte wieder Tritt fassen konnte.
Fritz wies die Spur mit einer notdürftig reparierten Stalllaterne. Damit sich Hannchen an dem
Geflimmer orientieren konnte, setzte sie sich mit ihrem Wagen an die Spitze. Ich selbst sah von der
Laterne keinen Lichtstrahl, nur ab und zu ein Flackern, wie von einem Glühwürmchen. Das
straffe Halten der Zügel zehrte an Armen und Händen.
Obgleich die Pferde auf der glatten Fahrbahn permanent ausrutschten und die Wagen in den
Straßengraben abzugleiten drohten, forderte die geringe Entfernung zum Kriegsschauplatz, die
Rosse zur äußersten Kraftanstrengung anzutreiben. Die Stunde akuter Gefahr verlangte den
vollen Einsatz von Mensch und Tier. Wahrlich, aus den edlen Tieren, die in dieser Zwangslage
zu höherem Sinne und Zwecke das Kräftigste ... bis zum Unmöglichen
ausrichteten, wurde das Letzte herausgeholt.
Die Russen haben im Lauf der Nacht [31.1./1.2.1945] zwischen Wriezen und Küstrin die Oder
überschritten, gab Hans Georg von Studnitz, Pressereferent des Auswärtigen Amtes, am
1.2.1945 zu Protokoll. Der sowjetische Überraschungs-Coup gelangte uns nicht zu Ohren!
|
|
Blick um 1940 über die Oder-Brücke auf die Kreisstadt Greifenhagen am Ostufer der Oder.
Sie wurde 1945 zur Schicksalsetappe für viele Flüchtlinge aus Ostbrandenburg und Pommern,
die auf der Flucht vor der Roten Armee nach Westen waren. Nur wer diese Brücke erreichte,
konnte (vorerst) sicher sein, nicht von den Russen eingeholt zu werden.
In endlosen Kolonnen schoben sich ab Januar 1945 Trecks über diese lange Oder-Brücke. Der
kleine Birkenhof-Treck aus Woldenberg querte in der Nacht vom 1. auf den. 2. Februar
1945 die bereits verminte Brücke auf dem Weg nach Anklam.
[Plan der Gegend]
(Repro: 2011 khd)
|
Endlich an der rettenden Oder
Die handstreichartige Überquerung der Oder im Oderbruch und die Kämpfe nahe Bahn, die
schon große Verwirrung gestiftet hatten, erklären im Nachhinein die hektischen Fragen von
Volkssturmmännern nach sowjetischen Panzerüberfällen auf Trecks. Mit wachsender
innerer Ungeduld durchfuhren wir Greifenhagen, vom Birkenhof etwa 120 km entfernt. An den
Brückenpfeilem warnten schwer bewaffnete Kontrollposten: Genau in der Fahrbahnmitte
halten, rechts und links liegen Sprengladungen! Die überlange Oderbrücke nahm kein
Ende. Defekte oder getarnte Lichtquellen schränkten die Sichtweite ein. Nach 6
bitterbösen Tagen und Nächten passierten wir die Oder, das Nahziel der Flucht. Mit
Herzklopfen erreichten wir am 2. Februar 1945 um 2.00 Uhr das sichere linke Ufer des
Schicksalsflusses.
Mit knapper Not waren wir der Kampfzone entronnen. Die brennende Gefahr war gebannt. Mehr als 13
Stunden, in denen die Furcht wie Blei in den Gliedern lastete, kamen wir uns wie gehetztes Wild vor.
Es grenzte ans Unglaubliche, daß wir auf Teilstrecken den Sowjets nur um Haaresbreite
entweichen konnten. Trotz alledem: Das ist nicht das Ende, ... das ist erst der
Anfang (Friedrich Wolt) der Odyssee, ein Wort, das retrospektiv seinen tieferen Sinn
erhält.
Am sicheren Oder-Ufer
Diesseits der Oder verlief der Verkehr störungsfrei. Die Treck-Kolonnen lösten sich
allmählich in Wohlgefallen auf. Nach Mescherin machte die zugeschneite Fahrbahn die
Straßenmarkierung unkenntlich, so daß die Fuhrwerke einzeln nacheinander mit 6 Pferden
aus den Schneeverwehungen herausgezogen werden mussten. Bei dem frostigem Wind zur Nachtzeit
hielten wir Ausschau nach einer Behausung. Für die abgetriebenen Pferde war der Zeitpunkt zum
Ausspannen längst überfällig. Unterdes war es 3.00 Uhr geworden. Ganz unverhofft
öffnete der Besitzer einer Kate die Haustür zum Einlaß. Während die
ausgepumpten Pferde Unterstand in einem Kuhstall fanden, wurden uns Stühle an einem ungeheizten
Kachelofen zugewiesen. Nach einem Dankgebet für Gottes Fügung und Hilfe übermannte
uns die Müdigkeit.
Anmerkungen des Editors / Remarks by the Editor:
[Translation-Service]
| |
|
|
Brauer-Manuskript von 2009.
|
|
1) 
Da mir das
107-seitige Manuskript nicht in digitaler Form vorliegt, muß dieses erst durch
Scannen und OCR-Transkription-Software in die digitale Welt übertragen werden. Auch wenn hierbei
modernste Technik eingesetzt wird, muß das Ergebnis sorgfältig überprüft und manuell
Web-gerecht formatiert werden. Das wird einige Zeit dauern.
Bitte haben Sie also Geduld, bis der komplette Text online ist.
Mit der 80. Ed. des Teils I vom 18.3.2012
und der 86. Ed. des Teils II vom 22.3.2012
sind nun 2/3 des Textes vollständig online. Der Teil III ist
mit der 112. Ed. vom 5.4.2012 textlich volltändig geworden.
Einige Abbildungen und Links müssen noch an verschiedenen Stellen ergänzt werden,
was bis zum 14.4.2012 erledigt wurde (I: 100. Ed., II: 101. Ed., III: 122. Ed.).
[
Edit-History]
2) 
Der
Autor Dr. phil. Gert Brauer wurde 1931 in Schneidemühl geboren. 1938
übernahmen seine Eltern einen familiären Bauernhof bei Woldenberg an der Chaussee nach
Hochzeit. Dieser Hof sollte den Namen Birkenhof
erhalten, wozu es aber bis 1945 nicht mehr kam. Der Bericht basiert im Kern auf Tagesnotizen,
die sich der Autor während der Flucht machte.
Gert Brauer lebt heute als pensionierter Lehrer in Wiesbaden (65199 Wiesbaden). Bei ihm liegt auch
das CopyRight für jegliche Verwendung des Berichts einschließlich der Verfilmung des
Stoffes. Der Autor ist nunmehr per E-Mail erreichbar unter:
grfbrauer (at) web.de (das (at) durch @
ersetzen, sonst funktioniert die Adresse nicht).
3) 
Der Autor hat sein Manuskript mit einer ganzen Reihe von
Landkarten und Abbildungen versehen.
Diese und weitere werden erst nach und nach in diese Internet-Ausgabe integriert werden können,
zumal dafür die Fluchtweg-Karten völlig neu eingerichtet werden müssen.
[
Hinweis zu Links]
4) 
Einige
allgemeine Hinweise (
Links), die in diesem
Zusammenhang besonders interessieren könnten:
Ansonsten sind im Brauer-Text (Hyper-)Links immer dort hinzugefügt worden, wo
weiterführende Informtionen beim Verstehen hilfreich sein könnten. Beabsichtigt ist,
solche Links auch noch später zu ergänzen.
5) 
Some of those links point to
Wikipedia articles in German. Those who like them in English
should look at the left side of the Wikipedia pages. There you‘ll find a link to the English
version.
6)
NSDAP = National-Sozialistische Deutsche Arbeiter-Partei. Diese Partei
der Nazis hatte seit 1933 die deutsche Gesellschaft durch und durch durchsetzt und bestimmte in
allen Lebensbereichen, was zu tun war. So auch, ob im Januar 1945 geflüchtet werden
durfte.
7) 
Im Oktober 1944 griff der
Rußland-Krieg zum ersten Mal in Ostpreußen auf deutsches Reichsgebiet
über. Russische Panzerspitzen stießen in Richtung Königsberg bis Gumbinnen, Goldap
und Nemmersdorf vor, konnten aber nach einigen Tagen von der Wehrmacht wieder
zurückgedrängt werden. In Nemmersdorf verübten Rotarmisten Greueltaten an der
Zivilbevölkerung.
8) 
Sämtliche
Internet-Links sind im Manuskript nicht enthalten. Sie wurden hier
redaktionell ausgewählt und hinzugefügt.
9)
Pommern-Stellung: Auf der Web-Seite
Einfall der Russen 1945 befindet sich eine
Skizze des Verlaufs dieses
Ostwalls. Dort ist auch eine Karte zur
Ausbreitung der Roten Armee ab dem 27. Januar 1945 im Kreis Arnswalde zu
finden.
10) 
Woldenberg hatte 1943/44 einige Hundert
Kinder aus der Stadt Bochum aufgenommen, die bei
verschiedenen Woldenberger Familien untergebracht waren die Bochumer wurden sie
genannt. Herbert Prochnow vermerkte 1984 dazu (auf seiner Stadtplan-Zeichnung):
Am
Sonntag, den 4. Juli 1943 kam der erste Transport mit Evakuierten aus Bochum. In kurzer Zeit hatte
Woldenberg 1.200 Einwohner mehr.
Über das Schicksal der 1945 mitflüchtenden Bochumer Kindern ist bislang wenig
bekannt. Sind die meisten wieder bei ihren Eltern im Ruhrgebiet gelandet? Vielleicht meldet sich
ja durch diese Internet- Publikation dieser Fritz Gollub (* 8.12.1931) und erzählt uns,
wie es ihm und anderen damals ergangen ist.
11)
Berlinchen das ist der Schicksalsort für den
Woldenberger Haupt-Treck der Bauern und Pferdehalter, der in Kölzig nicht nach Norden in
Richtung Arnswalde wie der kleine Birkenhof-Treck abgebogen war. Bei Berlinchen wurde
der Treck in der Nacht vom 28. auf den 29. Januar 1945 von vorstoßenden russischen Panzern
überrolt, wie der Woldenberger
Ex-Bürgermeister Otto Hemp 1950 berichtete. Die Flucht war damit für
diese Woldenberger zu Ende und sehr viel Leid und Elend begann.
12)
Wo lag der Birkenhof bei Woldenberg? Darauf gibt der folgende Ausschnitt aus dem
amtlichen Meßtischblatt 3060 von 1934 Antwort:
|
|
Woldenberg/Nm Die Gegend um den Linkow-See (Ausschnitt aus dem Meßtischblatt 3060 von
1934). Links ging’s nach Woldenberg und nach rechts führte die Hochzeiter Chaussee
vorbei am Birkenhof zum Dorf Hochzeit im Kreis Arnswalde.
Mit P ist die Pflaumen-Allee und mit K die
Kirschen-Allee markiert. Zwischen diesen beiden Obst- Alleen befand sich der Kern des
Birkenhofs. Außerdem gehörten zum Birkenhof noch Acker- und Wiesenflächen links von
der Pflaumen-Allee und rechts von der Kirschen-Allee, zudem noch Ackerflächen nahe am
Linkow-See.
[Meßtischblatt von Woldenberg und Umgebung]
(Grafik: 28.3.2012 khd-research)
|
13) 
Der
Birkenhof-Treck der Familie Brauer startete am 27. Januar
1945 um 6.00 Uhr auf dem Hof an der Hochzeiter Chaussee. Bis zur Oder führte der Fluchtweg
über:
Woldenberg (Richtstraße)
Wutzig
Brandsheide
Kölzig
Marienwalde
Sellnow
Heinrichswalde*
Radun
Arnswalde*
Sammenthin
Billerbeck
Blankensee
Warsin*
Plönzig
Rosenfelde
Megow*
Pyritz
Rackitt
Bahn*
Liebenow
Rosenfelde
Greifenhagen/Oder
Oder-Brücke
Mescherin
Neu Rosow*
[
Fortsetzung].
In den mit einem * markierten Orten wurde jeweils ein Nachtquartier bezogen.
Am 2. Februar 1945 um 2.00 Uhr überquerten die beiden schwerbeladenen (mit 6 Pferden
bespannten) Treckwagen des Birkenhof-Trecks die lange Oder-Brücke bei Greifenhagen. Die ganze
Zeit war ihnen und den vielen anderen die Rote Armee immer dicht auf den Fersen.
14)
Birkenhof-Treck: Dieser kleine Flucht-Treck bestand aus 2 Planwagen, die von je 3 Pferden
(Liese, Annette und Vicky sowie Lotte, Lilo und Trixi) gezogen wurden. An Bord waren 6 Personen:
Brauer, Hans (* 7.1.1894),
Brauer, Friede (* 27.10.1891, geb. Becker),
Brauer, Gert (* 1.3.1931, Autor dieses Erlebnisberichts),
Brauer, Johanna (* 13.6.1891, Hannchen),
Lempe, Johann (* 16.6.-?-, Landarbeiter) und
Gollub, Fritz (* 8.12.1931, einquartiert
aus Bochum).
15)
Hinweis: Dieser
Birkenhof hat nichts mit der Marke Birkenhof
zu tun, wie sie heute (2012) von der Tengelmann-Gruppe (in Berlin: Kaiser’s)
für Fleischprodukte verwendet wird.
16)
Hinweis: Bis zur 84. Edition (24.3.2012) enthielt diese Webseite das
Vorwort vom November
2009, das der Autor inzwischen durch diese überarbeitete Fassung ersetzt hat. Der Stand ist
nun: 15. August 2011.
[
Weitere Änderung]
17)
Heeresgruppe Weichsel: Diese wurde ad-hoc am 24. Januar 1945 als Reaktion
auf die sowjetische Großoffensive unter dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler gebildet. Sie
konnte kaum etwas ausrichten und musste sich immer weiter zurückziehen, was neben der
sowjetischen Übermacht auch auf Himmlers totale Inkompetenz zurückzuführen war.
18) 
Von Bahn führen
3 Straßenzüge zur Oder. In südlicher Richtung geht es nach
Königsberg/Nm und weiter nach Küstrin, der Weg geradeaus führt nach Schwedt am
westlichen Oderufer und die nach Norden abzweigende Straße führt zur Kreisstadt
Greifenhagen an der Oder, wo es die letzte Oderbrücke vor Stettin gibt. Der Weg nach
Süden hätte damals direkt ins Desaster geführt.
19)
Bargeld: Zu den Flucht-Vorbereitungen gehörte es auch, sich mit Bargeld einzudecken.
Auf Anfrage teilte dazu der Autor am 28.3.2012 mit: Bargeld konnte man m. E. bis zum 26.1.1945
von der Woldenberger Stadtsparkasse abheben. Allerdings war die Höhe des Betrages begrenzt,
ich meine 2.000, Reichsmark. In Anklam, wo auch die Angestellten der Stadtsparkasse
Woldenberg seit Anfang Februar 1945 untergebracht waren, konnten auch Abbuchungen von
Sparbüchern vorgenommen werden. Ob Beschränkungen bestanden haben, vermag ich nicht zu
sagen.
20)
Hinweis: Bis zur 102. Edition (29.8.2012) enthielt diese Webseite das
Vorwort vom
August 2011, das der Autor inzwischen durch diese überarbeitete Fassung ersetzt hat. Der
Stand ist nun: 15. März 2012.
Edit-History: Hier soll nicht jede kleine Korrektrur oder (Link-) Ergänzung
notiert werden, sondern nur wesentliche Änderungen. Die Digitalisierung aller 3 Teile basiert
auf dem (mit Anhang) 107-seitigen Manuskript, in dessen Vorwort November 2009 angegeben
ist und der Haupttext auf Seite 76 endet. Folgende Änderungen wurden danach vorgenommen:
- Teil I: Ab 85. Edition vom 25.3.2012 Vorwort durch Fassung vom 15. August 2011 ersetzt.
- Teil I: Ab 103. Edition vom 9.10.2012 Vorwort durch die Neufassung vom 15. März 2012 ersetzt.
- Teil III: Ab 77. Edition vom 1.4.2012 Manuskript-Seite 62 durch neue Fassung ersetzt.
- Teil III: Ab 129. Edition vom 9.10.2012 Nachtrag zu den Tiefliegerangriffen ergänzt.
- Teil III: Ab 130. Edition vom 10.10.2012 Manuskript-Seite 71 durch neue Fassung ersetzt.