Woldenberg (Neumark)   —  Flucht-Erlebnisbericht von G. Brauer I khd
Stand:  10.10.2012   (105. Ed.)  –  File: WBG/Reports/Wbg_Gert_Brauer_I_.html



Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
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freien Enzyklopädie.
 
Auf dieser Seite (und vermutlich weiteren Seiten, geplant sind 3 Teile) werden die Erinnerungen von Gert Brauer an die lange Flucht per Pferd und Wagen vom Woldenberger „Birkenhof“ (Hochzeiter Chaussee) über die Oder bei Greifenhagen nach Vorpommern und später weiter nach Holstein präsentiert. Zwar hat Gert Brauer diese Flucht vor der Roten Armee mit dem „Birkenhof-Treck“ bereits 1999 in seinem Buch „Was vergangen, leuchtet lange noch zurück“ kurz beschrieben, aber inzwischen eine erheblich erweiterte und ergänzte Schilderung verfaßt (Manuskript von 107 Seiten von 2009), die hier (seit 2010) erstmals publiziert wird. Der Dank dafür geht an den Autor.

In dem Text wurden einige Anmerkungen [Ed: ...], die Zwischentitel, Hyper-Links (Internet-Verweise) und einige Fotos sowie ausführliche Bildlegenden redaktionell hinzugefügt. [Translation-Service]

1945 — Flucht von Woldenberg gen Westen – Teil I



    Immer weiter, weiter . . .

Erlebnisbericht über die Flucht ins Ungewisse
27. Januar — 3. Mai 1945 
*

von

    GERT  BRAUER *
(* 1931)

   Mit 36 Abbildungen und vielen Links * **
[Teil I]  [Teil II]  [Teil III]



I n h a l t :


Im Internet ist dieses Dokument (Web-Seite) zu finden unter:   http://www.woldenberg-neumark.eu/Reports/Wbg_Gert_Brauer_I_.html



Vorwort   *  **

      „Lang, lang ist’s her.“ Trotzdem berühren mich mit Blick auf das apokalyptische Jahr 1945 die Schatten der Vergangenheit nach wie vor. Besonders an schicksalsträchtigen Jahrestagen tauchen vielfältige Erinnerungen in mir auf. Einige Schlüsselworte weisen auf Ereignisse, Situationen und Befindlichkeiten hin, die im Gedächtnis haften: Alarmsignale, anrollende Panzer der Roten Armee, endlose Trecks, Eiseskälte, Schneefälle, spiegelglatte Straßen, das Grollen von Geschützen, die Oder, Tieffliegerangriffe, Zerstörung und Tod, das Los der Pferde, Überlebenskämpfe, Daseinsängste, Traumata, schlaflose Nächte, Hoffen und Bangen, Dankgebete, notdürftige Quartiere und — mitunter — eine kühle Aufnahme. Die Menschen gastfreundlicher Häuser bleiben mir unvergesslich. Alles in allem: Aufwühlende Erlebnisse!

      Dem Manuskript über die verhängnisvollen Monate liegt authentisches Material zugrunde. Im Einzelnen beruht die Schilderung der Flucht mit Pferd und Wagen überwiegend auf privaten Dokumenten, in erster Linie meinen stichwortartigen Einträgen, verfasst im Annus horribilis. Unbeschadet der evident subjektiven Thematik orientiert sich die Niederschrift inhaltlich und formal an den Maximen, die Leopold von Ranke, Gründer der modernen deutschen Geschichtswissenschaft, konzipiert und seiner Zunft auferlegt hat: Wer sich dem Postulat der Objektivität verpflichtet fühle, habe nachzuweisen, „wie es eigentlich gewesen ist“. Das Gebot besagt konkret: Die vorliegende Darstellung strebt auf der Basis der gegebenen Unterlagen und unter Beachtung der historischen Methode einen Tatsachenbericht an.

      Beginn, Verlauf und Ende der Flucht rücken die Chronologie der kriegerischen Handlungen in einen Brennpunkt des Geschehens. Zum Verständnis der zeitlichen Zusammenhänge ist die Auswertung von offiziellen Informationsquellen hilfreich. Benutzt werden die Meldungen der Heeresgruppe Weichsel, vorrangig die Kriegstagebücher des Oberkommandos der Wehrmacht (fortan KTB). Diese nachrichtendienstlichen Notizen beschönigen die militärische Lage nicht in demselben Maße wie die propagandistisch gefärbten und zum Erfolg verdammten Verlautbarungen „Aus dem Führerhauptquartier, das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt“ („Wehrmachtsberichte“, fortan OKW).

      Landkarten und Abbildungen markieren die Kampfzonen sowie unsere Tagesetappen. Das enorme Marschtempo der sowjetischen Divisionen zwischen Weichsel und Oder beschreibt H. Lindenblatt: Pommern 1945, Leer 1993.

      P.S.: Die literarischen Zitate — in Kursivschrift — stammen, wenn nicht vermerkt, von Johann Wolfgang von Goethe. Bei gängigen Topoi — ebenfalls kursiv — entfallen Herkunftsangaben.

Wiesbaden, den 15. März 2012       Gert Brauer



Einführung

Blickrichtung Ostfront
(22.6.1944 – 26.1.1945)

„Die Außenwelt bewegt sich so heftig, daß ein jeder einzelne bedroht ist,
in den Strudel mit fortgerissen zu werden.“


      Ein halbes Jahr nach meiner Einschulung erfolgte am 29. Oktober 1937 der Umzug von Schneidemühl, Schmiedestraße 21, Regierungshauptstadt der Provinz Grenzmark-Posen-Westpreußen, nach Woldenberg. Die Stadt Woldenberg gehörte zum Landkreis Friedeberg (Neumark, Ostbrandenburg), der am 1. 10. 1938 der Provinz Pommern unterstellt wurde. [Ed: Der Autor fügt hier einen Auszug aus
LINDENBLATT ein]:

      Woldenberg. Inmitten fruchtbarer Felder, vieler Seen und tiefer Wälder ein dichtes Gedränge kleiner, sauberer Häuser an engen Straßen und kleinen Gassen, rund um die hochaufragende Kirche auf dem Hügel über dem Großen See — ein idyllisches Städtchen. Wegen zahlreicher Handwerker- und Kaufmannschaft von Bedeutung für die umliegenden Bauerndörfer und großen Güter. Am Kreuzungspunkt der Bahnlinie Stettin — Kreuz — Posen mit der Reichsstraße 1 von Berlin nach Königsberg gelegen.

      In den letzten Augusttagen 1939 waren hier pausenlos motorisierte Militärkolonnen durchgerollt zum Aufmarsch hinter Schneidemühl, zum Krieg gegen Polen. Dann wurde es ruhiger, aber hinter dem Gehege, dem Woldenberger Stadtwald, war ein Gefangenenlager für polnische Offiziere eingerichtet worden. Fünf Jahre lang rollten durch den kleinen Bahnhof Tag und Nacht Nachschubzüge nach Osten, manchmaI kam ein Lazarettzug zurück.

Woldenberg -- Seeansicht um 1922
^   Woldenberg — die Stadt, die nicht angegriffen, nach der sowjetischen Besetzung dennoch durch eine Feuersbrunst fast vollständig Ende Januar 1945 zerstört wurde.   (Repro: 2008 – khd)

      Ab Mitte Januar 1945 änderte sich das beschauliche Straßenbild der kleinen Stadt: Durch die Hauptstraße schleppten sich in endloser Schlange Flüchtlingstrecks aus dem Osten. „Unser Haus (das HoteI ‚Prinz von Preußen‘) war immer voll von Flüchtlingen und die Küche voll von Frauen, die Tag und Nacht die Babys der durchziehenden Flüchtlinge mit warmer Milch versorgten. Und am laufenden Band wurden Eintöpfe gekocht ... und an die Durchziehenden verteiIt.“ [Ed: siehe dazu das „
Prochnow-Tagebuch“]

      Etwa 5 km von Woldenberg entfernt grenzte unmittelbar an der Reichsstraße 1 bzw. Hochzeiter Chaussee der großväterliche Grundbesitz (Europastraße 75 oder Bundesstraße E 22 Berlin — Danzig, Kilometer-Pfosten 110,3, zwischen der Pflaumenallee westlich und der Kirschenallee östlich), den mein Vater von seiner Schwester, Tante Hannchen, am 1. Juli 1937 übernommen hatte. Trotz des Krieges verlebte ich auf dem „Birkenhof“, gleichsam eine Oase des Friedens, eine wohlbehütete, im Großen und Ganzen sorglose und unbeschwerte Kindheit. Die Kriegswirren bedrohten die Ostprovinzen des Deutschen Reiches von 1939 bis Mitte 1944 nicht unmittelbar. Die alliierten Bombergeschwader zielten selten in Richtung Ostdeutschland. Ostpommem galt als der bombensichere „Luftschutzkeller des Reiches“. Die Rückzugsgefechte an der Ostfront beeinträchtigten das Sicherheitsgefühl kaum, zumal die Feindseligkeiten weit hinter der Meme! und Weichsel ausgetragen wurden.

Volkssturm

      Auf eine Verschärfung der militärischen Situation wies indirekt die Errichtung des
Volkssturms hin. Im Oktober 1944 kündigte der „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“, Joseph Goebbels, die Bildung des Volkssturms im ganzen Reich an — eine Folge des nach dem 20. Juli 1944 proklamierten totalen Krieges —, der alle Männer vom 16. bis 65. Lebensjahr erfassen sollte, die bisher wegen kriegswichtiger Arbeiten oder wegen mangelnder Tauglichkeit zurückgestellt waren. Die quasi-militärischen Organisationen wurden zum Bau von Panzergräben, Schützenlöchern und Bunkern eingesetzt. Auch Vater wurde im Dezember 1944 nach Amswalde zitiert, zur Einweisung in die Verteidigungsaufgaben.

Erste Flüchtlingstrecks

      Die fast friedensähnliche Situation, in der ländlichen Idylle änderte sich grundlegend nach dem Beginn der sowjetischen Großoffensive am 22. Juni 1944, auf den Tag genau 3 Jahre nach dem
deutschen Einmarsch in die Sowjetunion. Innerhalb weniger Wochen gelangten die sowjetischen Stoßarmeen an die östliche Reichsgrenze. Den Birkenhof passierten erste Flüchtlingstrecks aus dem Memelland im Herbst 1944. Nach Abschluß der sowjetischen Sommeroffensive, die bis zur Weichsel führte, blieb die Ostfront bis zum Jahreswechsel 1944/45 relativ stabil. Infolgedessen konnten wir Vaters Geburtstag am 7. Januar 1945 ohne Sorgenfalten begehen.

Militärisches Desaster droht

      Gleichwohl hatte Anfang Januar die deutsche Armeeführung den Aufinarsch von mehr als zehnfach überlegenen sowjetischen Kräften festgestellt und vergeblich um Verstärkung nachgesucht. Folglich konnten informierte Kreise voraussehen, daß der zu erwartende Angriff ein militärisches Desaster auslösen würde, das auch die Zivilbevölkerung ins Verderben stürzen musste. Militärische Stäbe rechneten täglich mit einer Großoffensive, aber uns blieb die trostlose und verzweifelte Gesamtkriegslage unbekannt.

      Militärische Tatsachen wurden von der Propaganda vernebelt bzw. totgeschwiegen. In Unkenntnis der akuten Bedrohlichkeit wollten meine Eltern meinen Bruder Eckart, der seit seiner Verwundung im Dezember 1944 in einem Lazarett in Heidenheim lag, in ein heimatnahes Lazarett, d. h. nach Kreuz holen. Das Vorhaben bestimmte die Aktivitäten der nächsten Tage. Chronologisch und summarisch:

10.1.1945:  Vater und ich fahren von Woldenberg nach Heidenheim. Über Kreuz, Landsberg/W., Berlin, Leipzig, Marktredwitz, Nürnberg („hier blieb der Zug 7 Stunden stehen, es ist alles restlos kaputt, neulich waren 1400 Flieger dort“), Aalen, Heidenheim. „Alle Züge sind überfüllt. Wir sitzen auf Koffern.“

12.1.1945:  Ankunft in Heidenheim. „Wir wohnen im Hotel Ochsenhof und haben ein schönes Zimmer. Eckart liegt mit 7 Mann (davon ein Russe aus Sibirien) in einer Stube.“

17.1.1945:  Rückkehr mit Eckart nach Woldenberg. Er darf sich 2 Tage im Elternhaus erholen.

20.1.1945:  Vater und ich bringen Eckart ins Lazarett nach Kreuz.

21.1.1945:  Ich radle nach Woldenberg, um Gerüchten über Vorbereitungen für die Flucht nachzugehen. Vor dem Gebäude der Kreisleitung [der Nazi-Partei „N.S.D.A.P.“ am Kastanienplatz] parken Möbelwagen.

22.1.1945:  Mutter fährt mit Emile, unserem französischen Kriegsgefangenen, der „große Angst vor Partisanen hatte“, mit dem Pferdeschlitten durch die Wälder nach Kreuz. Das Ersuchen, Eckart wieder abzuholen, lehnt der Oberarzt ab: „Führerbefehl, kein Soldat darf ambulant behandelt werden.“

24.1.1945:  Ich fahre allein mit der Bahn nach Kreuz, auf der Stelle Ziel sowjetischer Aufklärungstätigkeit. Das Lazarett wird wegen der näher rückenden Front geräumt. Die Zugleitung lässt Eckarts Lazarettzug (Bestimmungsort Neubrandenburg) mir zuliebe in Woldenberg halten. Mit der Verabschiedung auf dem Woldenberger Bahnhof reißt der Familienkontakt ab. (Am Tag darauf schlägt eine sowjetische Granate im Lokomotivschuppen des Betriebsbahnhofs Kreuz ein und tötet einen Gleisarbeiter). Auf dem Heimweg zum Birkenhof fallen mir wie am 21.1. die Speditionsfahrzeuge vor der Kreisleitung auf. Wollen sich coram publico die Dienststellen der N.S.D.A.P. etwa absetzen? Es sieht nach Flucht aus. Ein böses Omen!
Neumark -- Bahnhof Kreuz um 1920
^   Der Bahnhof Kreuz, wichtiger Knotenpunkt der Ostbahn mit der Strecke Stettin — Posen war schon ab dem 24. Januar 1945 Ziel russischer Aufklärungstätigkeit. Durch die Blockierung der Ostbahn bei Schneidemühl und den Angriff auf Posen wertlos geworden, wurde der Bahnhof am frühen Morgen des 28. Januar 1945 kampflos besetzt. Das westliche Vorfeld der Eisenbahnerstadt bildete den Augangspunkt für einen russischen Panzerkeil, der den südlichen Zangenarm zur Besetzung des Kreises Friedeberg bildete.   (Repro: 2008 – khd)

Großoffensive beginnt

      Mittlerweile war die sowjetische Großoffensive mit voller Wucht losgebrochen. Als Vater und ich am 12.1.1945 in Heidenheim eintrafen, begann der gefürchtete Ansturm auf das Zentrum des Reiches mit ungeheurem Truppen- und Materialeinsatz an der gesamten Ostfront von der Memel bis zur Weichsel. Die Rote Armee erzielte kurzerhand entscheidende Durchbrüche. Ungeachtet bedrückender Nachrichten und fabulöser Botschaften aus einer brodelnden Geruchteküche wähnten wir uns — wie die meisten Menschen in Ostbrandenburg — nicht im direkten Gefahrenbereich.

Pommernstellung

      Für zusätzliche Sicherheit sollte die „Pommernstellung“ sorgen, eine Anlage von tief gestaffelten Abwehrriegeln und Verteidigungsstellungen zwischen Weichsel und Oder. Die Verteidigungslinie, 1934 zum Schutz der deutschen Ostgrenze angelegt, wurde ab Juli 1944 instand gesetzt und ausgebaut. Die pommersche Grenzbefestigung verlief von Zantoch (Einmündung der Netze in die Warthe) über Kreuz, Hochzeit, Tütz, Neustettin bis Rügenwalde (Ostsee). Mithin war für Ostdeutsche unvorstellbar, daß die sowjetischen Streitkräfte, ohne wirkungsvollem Widerstand zu begegnen, die Abwehrfront fast ungebremst durchstoßen würden. Anderenfalls hätten Vater und ich unverrichteter Dinge — ohne Eckarts Heimholung — sogleich abreisen und zum Birkenhof zurückkehren müssen.

Alles durcheinander

      Der seit Mitte Januar einsetzende Flüchtlingsstrom ließ den Vormarsch der sowjetischen Angriffsarmeen nur auf Umwegen erkennen, denn der wirkliche Sachverhalt wurde bis zuletzt verheimlicht. Entsprechend der Stoßrichtung der sowjetischen Divisionen verlief die Mehrzahl der Fluchtrouten durch Ostbrandenburg. Die Hochzeiter Chaussee oder Reichsstraße 1 war ein Hauptfluchtweg, der von Schneidemühl über Deutsch Krone Richtung Oder führte. Daher zogen seit dem 22.1. am Birkenhof ununterbrochen Trecks vorbei. Wir hatten täglich Einquartierung von Zivilisten und Verwundeten. Alle Zimmer waren rund um die Uhr belegt: „Jetzt ging alles durcheinander. Unser Haus war mit Flüchtlingen und versprengten Soldaten überfüllt“, lautet eine Notiz jener Tage.

Angst vor den Russen

      Zwar wollten wir uns mit Fluchtgedanken zunächst nicht tragen. Indessen stand ein Daheimbleiben überhaupt nicht zur Diskussion. Es galt, nicht nur der Front und den Kampfhandlungen auszuweichen, sondern einem Gegner, der, wie die Schreckensnachrichten von den baltischen Ländern und Ostpreußen im Herbst 1944 — die bestialischen Verbrechen in Nemmersdorf stehen symbolhaft für das unsägliche Leid — gezeigt hatten, keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nahm, vielmehr zur Rache und Vergeltung gegenüber deutschen Bürgern ansetzte.

      Rotarmisten, von ihrer Führung — die Tiraden des Schriftstellers Ilja Ehrenburg fachten Rachegelüste und Haß zu heller Glut an — zum Beutemachen ermuntert, gingen wahllos und unbarmherzig gegen jedweden Bewohner in Stadt und Land vor, zerstörten und plünderten Hab und Gut. Frauen, ob jung oder alt, wurden in Anwesenheit ihrer Familie vergewaltigt, Zivilisten nach Belieben erschossen bzw. in provisorische Lager zusammengetrieben und in die Sowjetunion zwangsdeportiert. Deshalb war der Entschluß zur Preisgabe der Heimat und zur Flucht vor den nachrückenden sowjetischen Truppen unter den Ostdeutschen nahezu allgemein.

      Durchhalte-Parole
^   Mit Plakaten forderten die Nazis: „Durchhalten“, statt rechtzeitig zu evakuieren.   (TV-Screenshot: 2009 – khd)
      Wohl benutzte die NS-Propaganda die Kunde von roher Gewalt und barbarischen Greueltaten für ihre Zwecke, vor allem zur Stärkung des Widerstandswillens. Aber unabhängig davon herrschte in Ostdeutschland die Meinung vor, daß die Zivilbevölkerung eine Abrechnung und Heirnzahlung der Roten Armee für die Untaten von Deutschen in der Sowjetunion zu erwarten hatte, eine Besorgnis, die zu allem Entsetzen die schauerlichen Befürchtungen übertreffen sollte. Millionen Deutsche aus dem Osten gehören mit zu den Leidtragenden des von Hitler entfesselten Krieges und der brutalen und kaltblütigen Gewaltherrschaft Stalins.

      Das Ausmaß der Fluchtbewegung aus dem Osten war überdimensional, weil der Schrecken, den die sowjetische Soldateska unter der deutschen Bevölkerung verbreitete, die Furcht vor den anglo-amerikanischen Besatzungstruppen, ja selbst vor den verhängnisvollen Luftangriffen alle Begriffe überstiegen. Die panikartige Massenflucht, die das Erscheinen marodierender Truppenteile allerorten auslöste, traf den Birkenhof bis ins Mark.

Desinformation allenthalben

      Über den genauen Frontverlauf gab es keine zuverlässigen Informationen. Im Hinblick auf die Lagebeurteilung tappten wir völlig im Dunkeln. Die zuständigen Behörden und der Parteiapparat ließen aus propagandistischen Gründen die Bevölkerung über das Tempo der sowjetischen Angriffsspitzen und somit über den Ernst der Lage im Unklaren. Auf diese Weise verstrich kostbare Zeit, um rechtzeitig die Flucht vorzubereiten. Überdies wurde der Bevölkerung die Flucht [mit Androhung der Todesstrafe] verboten. In einem Erlaß vom 12.12.1944 war festgelegt worden, daß die sofortige Räumung gefährdeter Gebiete erst erfolgen sollte, wenn sich der Feind auf 15 Kilo- meter genähert hätte, gemessen an der Geschwindigkeit von Panzern, ein viel zu geringer Abstand von bzw. Vorsprung für Treckwagen-Kolonnen.

Fluchtvorbereitung

      Am Sonntag, dem 21. Januar, erzählte das polnische Dienstmädchen Ursel, daß die Einwohner im Nachbarort Mehrenthin Gepäckstücke verstauen würden. Die Beladung der Speditionsfahrzeuge vor dem Gebäude der NS-Kreisleitung, die ich am 21. und 24.1. beobachtet
hatte, sprach ebenfalls für die vor der Tür stehende Räumung. Daraufhin begannen auf dem Birkenhof hektische Vorbereitungen zum Aufbruch. Zwei Planwagen — angenagelte Teppiche bildeten das Schutzdach — wurden in der Scheune bereitgestellt. Wann würden die Kirchenglocken, die das Signal zur Flucht geben sollten, läuten?

      Noch am Freitag, dem 26. Januar 1945, kam Vater, der nach Woldenberg zur Weiterleitung der Trecks abgeordnet war, abends mit der Anweisung der [NS-]Kreisleitung nach Hause: „Flucht kommt nicht in Frage. Wer davon spricht, wird erschossen.“ Doch von einer Stunde zur anderen schwebten Woldenberg und Umgebung in höchster Gefahr. An diesem gleichen Tage schlossen starke sowjetische Panzerverbände Schneidemühl ein, überschritten in breiter Front die Netze und rückten mit hohem Tempo Richtung Westen vor.

Russen schon dicht vor Woldenberg

      So heißt es in der Tagesmeldung der Heeresgruppe Weichsel am 26.1.1945: „An der rechten Grenze des stellvertretenden II. Armeekorps erzwang der Feind mit etwa 1 Panzerbrigade den Übergang über die Netze bei Scharnikau und stieß mit einer Gruppe von 29 Panzern nördlich der Netze entlang auf Filehne, mit einer Gruppe von 8 – 10 Panzern in nördlicher Richtung auf Schönlanke, mit einer dritten Gruppe in unbekannter Stärke in nordwestlicher Richtung vor.“ Die letzt genannte „Gruppe in unbekannter Stärke“ hatte sich am Freitagabend (26.1.) über Gornitz hinaus auf 15 Kilometer dem Dorf Hochzeit — vom Birkenhof ca. 10 km entfernt — genähert (
Lindenblatt, S. 54).

      Das war für Panzer, die in der Gegend von Glashütte, Friedrichsdorf, Selchow, Selchow-Hammer und Wiesenthal operierten, nur ein Katzensprung bis zum Birkenhof [und Woldenberg]! Von Vorteil wirkte sich eine taktisch bedingte, vorübergehende Unentschlossenheit der sowjetischen Armeeführung aus. Sie wartete, wie wir nunmehr wissen, auf einen Befehl vom Oberkommando in Moskau, ob dem Angriff auf Hochzeit oder der Einkreisung von Schneidemühl Priorität zukommen sollte.

      Durch die Kampfpause verzögerte sich der schnelle Vormarsch um einige Stunden, für uns gnadenreich. Von der dramatischen Zuspitzung der Lage in unmittelbarer Nähe erfuhren wir nicht das Geringste. Als Vater am 26. Januar 1945 berichtete, daß Fluchtversuche untersagt seien, „beschlossen wir, schlafen zu gehen und nicht weiter zu packen.“ Gleichwohl erfasste meine Eltern eine Unruhe, so daß sie des Nachts aufstanden und im Zimmer hin- und hergingen.



Die Flucht ins Ungewisse

Die Rote Armee auf den Fersen
(27.1. – 1.2.1945)

„Jeder muß selbst zusehen, wie er sich durchhilft.“


Räumungsalarm

      Binnen kurzem schlug die Stunde der rauhen Wirklichkeit. Vom 26. auf den 27. Januar hallten und dröhnten um Mitternacht die Kirchenglocken in die Finsternis hinein: Räumungsalarm, der allerdings akustisch bis zum Birkenhof nicht durchdrang. Drei Stunden später, am Sonnabend, dem 27. Januar 1945, um 3.00 Uhr — nach Mutters Erzählungen kursierte an diesem Tag im Kaiserreich einst das Bonmot: „Heut wird nicht gescheuert und gefegt, heut’ ist der Geburtstag seiner Majestät“ — klopfte auf Geheiß von Inspektor Arp, Verwalter des [nahen] Gutes „Johanneswunsch“ der russische Landarbeiter Wassil, ans Schlafzimmer: „Sofort fertigmachen! Los!“ [Ed: und zu diesem Zeitpunkt war bereits der 1. Fluchtzug aus Woldenberg längst auf der
Fahrt in Richtung Stettin].

      Die schlimme Botschaft wirkte wie ein Donnerschlag. Ohne viel Besinnen mussten wir uns auf den Boden der Tatsachen stellen, d. h. Haus und Hof Hals über Kopf verlassen. Ein Entkommen mit der Eisenbahn schied für die ländliche Bevölkerung aus. Da es an Lastkraftwagen und motorisierten Verkehrsmitteln mangelte, kam trotz klirrender Kälte nur die Flucht mit Pferd und Wagen in Betracht.

Strenger Winter

      Um die Jahreswende überzog ein äußerst strenger Winter die ostdeutschen Provinzen. Seit Tagen herrschte Frostwetter von durchschnittlich –25°. Zudem blies ein scharfer Ostwind über die tief verschneite Landschaft. Noch gab es vage Vorstellungen von Schneestürmen, spiegelglatten Straßen, schneeverwehten Fahrbahnen und Frostbeulen, ganz abgesehen von lauernden Gefahren. In der Frühe des 27. Januar 1945 überlief uns eine Gänsehaut im ungeheizten Haus, denn es war eine eiskalte Nacht.

      Vater, Johann Lempe, die langjährige Hilfskraft, und ich legten letzte Hand an die beiden Fluchtwagen, beladen mit den notwendigsten Habseligkeiten und Gegenständen, zum Bersten voll. Vorrang hatten warme Kleidung, Reserven an Lebensmitteln, Kraftfutter für die Pferde und last but not least die Dokumentensammlung der Familie. Von Panik erfasst vergaßen wir ein Schwein, das zum Zweck der Vorsorge zuvor schwarzgeschlachtet worden war — auf Schwarzschlachtung standen schwerste Strafen!

Die Flucht beginnt

      Gegen 6.00 Uhr zogen wir wortlos vom Birkenhof ab. Zu dieser Abschiedsstunde befand sich, wie oben dargelegt, ein sowjetischer Verband auf dem Marsch zur Dragebrücke in Hochzeit, vom Birkenhof etwa 10 km entfernt! Wenn wir das gewusst hätten, wäre ein Grauen über uns gekommen! Die kurzzeitige Unterbrechung der Offensive bewahrte uns — Gott sei Dank — vor möglicherweise fatalen Folgen. Neben dem Grund und Boden mußten wir das lebende und tote Inventar in Haus und Hof stehen- und liegenlassen, vor allem das arme Vieh in den Ställen, über dessen Schicksal die Geschichte schweigt. Auf Nimmerwiedersehen? Solche Gedanken lagen fern. Ein letzter, rückwärts gerichteter, wehmütiger Blick. Die Zeit drängte. Unter der Oberfläche befiel uns unausgesprochen stiller Gram: „Von der Heimat gehen ist die schwerste Last, die Götter und Menschen beugt“ (Agnes Miegel).

      Gutshof Heinrichswalde 2001
^   Auf den Spuren der Fluchtwege: Diese Stallungen des Gutshofes Heinrichswalde waren auf der Flucht das erste Quartier (27.1.1945).   (Foto: 9.6.2001 – g.brauer)
      Da Vater keine überraschende Erfassung durch den Volkssturm riskieren wollte, entzog er sich dem Blickfang auf den Vordersitzen. Die Zügel überließ er mir. So wurde ich — gerade den Kinderschuhen entwachsen — zum Treckfahrer. Den Hauptwagen mit Liese, Annette und Vicky lenkte ich, Mutter saß neben mir, Vater hinten; den anderen Planwagen mit Lotte, Lilo und Trixi — unter den sechs Pferden waren Zug- und Kutschpferde — steuerte Hannchen, begleitet von Johann und Fritz (Fritz Gollub, ein 13jähriger Junge aus Bochum, fand im Rahmen der Aktion „Kinderlandverschickung“ auf dem Birkenhof Schutz vor den Luftangriffen im Ruhrgebiet).

      Als wir uns ein Stück vom Birkenhof entfernt hatten, verlor sich der zweite Wagen in dem Gewirr von Fahrzeugen und Fuhrwerken. Dazu hatte sich das junge Pferd Trixi in den Zügeln und Leinen verfangen. Nach Auflösung der Verknotung konnte Hannchen nachfolgen. Auf der Hochzeiter Chaussee waren Schneepflüge im Einsatz. Inspektor Arp, der die Hiobsbotschaft zum Aufbruch ausrichten ließ, war schon mit dem Traktor unterwegs. Die Gehöfte vor Woldenberg waren wie ausgestorben, kein Licht brannte in den Häusern und Wirtschaftsgebäuden. In der Stadt stapfte eine Menschenmenge durch den Schnee zum Bahnhof, während Soldaten — offenbar der „Volkssturm“ als letztes Aufgebot — mit Stöcken, Skiern und Rodelschlitten entgegengesetzt Richtung Hochzeit stiefelten. Nach militärischen Prüfsteinen eine Quantité négligeable.

Nicht dem Herdentrieb gefolgt

Fluchtweg Teil 1 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Oder)
^   Fluchtweg Teil 1 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Oder). Durch Klicken auf die Grafik wird in einem zweiten Fenster die Basis-Karte in starker Vergrößerung angezeigt (ohne Wegmarkierung – 2,4 MByte), so daß man sich im einzelnen orientieren kann. [Fortsetzung] [Liste der Orte]   (Grafik: 6.3.2012 – khd-research)

      Kurz entschlossen traf Vater eine weit tragende Entscheidung. Er wollte sich aus irgendeinem unerfindlichen Grund nicht dem Woldenberger Haupttreck, der nach Berlinchen abbog, anschließen, sondern in Eigenregie Fluchtrichtung und Fluchtwege abstecken, d. h. zunächst die Route nach Amswalde einschlagen. Ziel der Flucht war Anklam in Vorpommern. Der Kreis Anklam war für die Aufnahme der Bewohner aus dem Landkreis Friedeberg behördlicherseits vorgesehen.

      In der Wutziger Straße staute sich die Treck-Kolonne. Im Schritttempo erreichten wir das Dorf Brandsheide, in dem der unüberschaubare Strom von Gespannen zum Stillstand kam. Während der Zwangspause ließ Vater eine Deichsel reparieren, die vor Woldenberg geborsten war. Sodann bahnten wir uns einen Weg über Kölzig und Marienwalde. Uns blieb verborgen, daß zeitgleich in nächster Nähe sowjetische Panzer vorstießen: „Gegner nach Durchbruch der Pommernstellung bei Wolgast und im Raume Marienwalde“ (Tagesmeldung der Heeresgruppe Weichsel vom 27.1.1945). Nach Sellnow, wo für die Pferde eine Mittagsrast eingelegt wurde, kamen wir noch bis zum Gut Heinrichswalde. Auf einem Bund Stroh wichen in der ersten, mit Sternen übersäten mondhellen Nacht, weder Hundekälte noch ein desolater Seelenzustand: „,0, wie ist es kalt geworden und so traurig, öd und leer“ (Hoffinann von Fallersleben).

Was damals wirklich geschah

      „Die Brückenköpfe an der Oder in Schlesien werden umkämpft. An der Netze steht der Feind bei Scharnikau und Schönlanke. An Schneidemühl kamen 14 Panzer heran“ (KTB, 27.1.1945). Ein Quellenvergleich ergibt, daß im Gegensatz zu den Tagesmeldungen der
      Treckwagen auf vereistem Weg
^   Ein Treckwagen auf vereistem Weg. Das letzte Hab und Gut war hastig eingepackt, denn meist wurde die Zivilbevölkerung erst in letzter Minute alarmiert.   (Repro: 2011 – khd)
Heeresgruppe WeichseI die Einträge im KTB häufig mit einer Verspätung von 1 bis 3 Tagen nach Eintritt der Ereignisse erfolgten. So vermerkt der Autor des KTB am 29.1.1945: „Kreuz ist in der Hand des Feindes, der nun an die Pommemstellung herankommt.“ Dagegen eroberten nach dem Bericht der Heeresgruppe Weichsel sowjetische Panzer den Umsteigebahnhof Kreuz bereits am 27.1. Am gleichen Tag überrannten sie die Pommernstellung, überquerten in einem Handstreich die Drage — durch Jahrhunderte eine wichtige strategische Barriere und vor der pommerschen Gebietsreform vom 1. Oktober 1938 die Trennungslinie zwischen der Neumark und der Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen — und besetzten am Tage unseres Fluchtbeginns abends Hochzeit. Kreuz — Umsteigebahnhof für die Fahrt von Woldenberg nach Schneidemühl [oder nach Berlin] — hatte ich 3 Tage zuvor mit Eckarts Lazarettzug verlassen.

Was geschah mit Woldenberg?

      „Feindliche Panzer drangen bei Filehne über die Netze. Bei Scbneidemübl wurde der Gegner abgewiesen“ (KTB, 28.1.1945). Erwiesenermaßen traf zu dieser Stunde der Kommandeur der 218. sowjetischen Panzerbrigade im Hochzeiter Forst Vorbereitungen für die Fortsetzung der Operationen. Am Sonntag, dem 28.1.1945, tastete sich dann die Panzergruppe auf der Reicbsstraße 1 auf Woldenberg vor, die das idyllische Städtchen am Großen See, ohne auf Widerstand zu stoßen, in Schutt und Asche legte [Auszug aus
LINDENBLATT]:

      Der Vormarscb der Russen von Wolgast nach Woldenberg staute sich vor dem Mehrenthiner Fließ am östlichen Stadtrand. Ungeklärt, ob die Straßenbrücke im letzten Augenblick gesprengt wurde oder einer schweren Belastung nicht standgehalten hatte. Sie war in halber Fahrbahnbreite eingestürzt. „(Die schweren Panzer) bogen deshalb am Niedertor zum Mühlenweg ein und überquerten bei dem Hofe Neuendorf an der Wasserspüle das Fließ. Durch die Gärten und Häuser stießen sie zur unteren Kirchstraße vor und erreichten den Marktplatz.“

      Vermutllch als Sichtzeichen für die russische Führung wurde in der Stadtmitte Feuer entzündet. Es entstand bald ein Großbrand, der die Richtstraße versperrte und sie bald auch durch Trümmerschutt unpassierbar machen würde. Deshalb verzichteten die Russen auf schnelle Wiederherstellung der Straßenbrücke und leiteten ihre Schwerfahrzeuge über einen behelfsmäßigen Damm aus Trümmerschutt der niedergebrannten Häuser Schleusner, Sann und Rosengarten. Ihr Nachschub rollte nun vom Judenfriedbof direkt in die Neue Straße am jenseitigen Ufer.

      Ehe diese Furt voll benutzbar war, lenkten die Russen etliche Panzer nördlich um den See herum über den Postberg und durch Wutzig in den neuen Bereitstellungsraum zwischen Kölzig und Marienwalde. „Und als wir an den Postberg kamen, der in die Stadt hineinführte, blieb uns das Herz stehen . . . mitten auf dem Damm ein dunkler Fleck, der einmal ein Mensch gewesen, wohl eine Frau, denn Panzer hatten zerwalzt, was einmal Form und Leben gehabt, es war nicht mehr zu erkennen.“ [aus dem Brandes-Tagebuch]

      Bevor russischer Nachschub über den Behelfsdamm durch Woldenberg rollen konnte, hatten einige Sowjets die Häuser nach lohnender Beute und versteckten deutschen Soldaten durchsucht. Volltrunken wie meistens, kannten sie dabei weder Vorsicht noch Gnade, bald schon nicht mehr ihresgleichen. „In der Nacht zum 29. Januar wurde eine wilde Schießerei durch die Stadt veranstaltet.“ Die Besetzer schossen auf alles, was ihnen in den Weg kam und sich bewegte, schließlich am Kastanienplatz auf die eigenen Leute. Sie gehörten wahrscheinlich zu einem Spähtrupp, der sich aus der Gegend von Dragebruch/Friedrichsdorf nach Woldenberg vorgewagt hatte.

      „Gegen Mittag um 11.30 Uhr beglückten mich ,Uhre, Uhre' mit ihrem ersten Besuch. Gegen Abend wurde der Himmel ganz rot und am 30.1. war über Nacht schon der größte Teil unserer schönen Stadt in einen brennenden Trümmerhaufen verwandelt.“

      Woldenberg hatte zu sterben begonnen. Einige der letzten Einwohner, die nicht fliehen wollten, mußten sich zu neuem Leid auf die Papiermühle flüchten. Von dort konnten sie die sterbende Stadt sehen. Nach mehreren Tagen und Nächten des Todeskampfes in der aJles verzeerenden Feuerlohe war sie für immer in sicb zusammengesunken. Rings um die hoch aufragende Kirche mit den vier Ecktürmen.

Verlust der Heimat?

      Am 28. Januar führte der Weg über Radun in die neumärkische Kreisstadt Arnswalde zu Familie Lange, die uns ein warmes Zimmer anbot. Eigentlich fasste Vater einen Ruhetag für Mensch und Tier ins Auge. Insgeheim träumte er von einer Umkehr. Aber das waren reine Gedankenspiele ohne Realitätsbezug. Zugrunde lag ein frommer Wunsch, denn allen Ostdeutschen, die vor der Roten Armee die Flucht ergriffen, war die Vorstellung fremd, daß die Aufgabe der festen Wohnsitze eine Abwesenheit für längere Dauer oder gar den Verlust der Heimat mit sich bringen könnte.

      Tags darauf legten sich die Pferde ins Geschirr, um trotz der anhaltenden Schneefälle die schwer beladenen Wagen durch den knirschenden Schnee zu ziehen. Zum Aufwärmen diente Eierlikör, ein Mitbringsel von Zuhause. Bei Sammenthin marschierten unüberschaubare Kolonnen französischer Soldaten westwärts. In dem hügligen Gelände verwandelte die Eiseskälte die spiegelglatten Straßen in Rutschbahnen. Dadurch gerieten die Fuhrwerke ständig ins Schleudern, so daß die Pferde den Halt verloren und stürzten. Schneidender Wind trieb die dicken Flocken ins Gesicht.

Fluchtweg Teil 2 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Oder)
^   Fluchtweg Teil 2 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Oder). Durch Klicken auf die Grafik wird in einem zweiten Fenster die Basis-Karte in starker Vergrößerung angezeigt (ohne Wegmarkierung – 2,4 MByte), so daß man sich im einzelnen orientieren kann. [Fortsetzung] [Liste der Orte]   (Grafik: 7.3.2012 – khd-research)

Wo blieb die Division Woldenberg?

      Zwischen Billerbeck und Blankensee riss unter der zu großen Schneelast eine Teppich- Bespannung. Schleppend gelangte der Treck gerade bis Warsin. Die Wagen wurden auf dem Gutshof, der eine Vielzahl von Fuhrwerken beherbergte, eng beieinander abgestellt. Die Pferde sammelten Kräfte in einen Schafstall. Uns bot das Pfarrhaus eine behagliche Unterkunft. Frau Neitzel, die selbstlose und vorbildliche Pfarrersfrau, hatte ein offenes Haus für Flüchtlinge. Sie teilte ihr Schlafzimmer mit uns. Doch die seelische Erregung flaute nicht ab.

      „Starke Feindkräfte. Durchbruch bei Hochzeit erweitert und über Klosterfelde-Marienwalde- Schönrade nach Breitenstein (10 km nordwestlich Friedeberg) vorgestoßen — Breitenstein um 7.30 Uhr genommen — Meldungen über Woldenberg nicht eingegangen“ (Tagesmeldung der Heeresgruppe Weichsel, 29.1.1945, an die Operationsabteilung des Heeres nach Zossen bei Berlin). Damit hatte in einer einzigen Winternacht die Rote Armee aus ihrem Brückenkopf bei Hochzeit den ganzen Kreis Friedeberg an seiner Nordgrenze von Ost nach West durchmessen und folglich alle Fluchtwege nach Norden abgeschnitten [Ed: denn die „
Division Woldenberg“, die das eigentlich verhindern sollte, existierte quasi nur auf dem Papier eines Himmler (Befehlshaber der Heeresgruppe Weichsel)...].

Russen nur 5 km entfernt

      Am 30. Januar bewegten wir uns über Plönzig und Rosenfelde auf Megow zu. Da die Suche nach einem Quartier ergebnislos verlief, mussten die Pferde die beißende Kälte zugedeckt im Freien ertragen. Wir verbrachten wegen des grollenden Kanonendonners bange und einsame Stunden in einem dunklen Pferdestall. Geschützfeuer und Kampflärm setzten uns zu. Immerhin hielt der Stalldünger den eisigen Frost ab, der sonst Brot und Schmalz gefrieren ließ. Morgens konnten wir in einem Arbeiterhaus Kaffee und Kartoffeln kochen. Wieder zogen Hunderte von Franzosen, die in einer Scheune genächtigt hatten, in Reih und Glied an den Trecks vorbei. Ob sich wohl unter den Marschkolonnen unsere beiden französischen Kriegsgefangenen — Vincent und Emile —- befanden, die uns auf dem Birkenhof fast fünf Jahre zur Hand gingen?

      „Der Feind steht jetzt vor der Oder-Warthe-Stellung. Spitzen von ihm erreichten Berlinchen“ (KTB, 30.1.1945), d. h. die sowjetischen Truppen waren in diesem Augenblick etwa 5 km von unserem Standort (d. h. Megow) entfernt. Die Erfahrungen bestätigten, daß die politische Führung die Bevölkerung über die militärische Faktenlage prinzipiell im Unklaren ließ bzw. die spärlichen Informationen den Ereignissen hinterherhinkten. Obendrein zirkulierten Berichte über erfolgreiche Abwehrkämpfe und gelungene Gegenangriffe. Daraus folgten allerlei Gerüchte über die Möglichkeit einer Umkehr. Der Wahrheitsgehalt der (Falsch-)Meldungen und Redereien war nicht zu überprüfen, zumal „lama tausend Zungen hat“. Bei dem permanenten Durcheinander von Nachrichten, Propagandasendungen und Parolen war das Sicherheitsempfinden fortwährend Wechselbädern ausgesetzt: „Panikmeldungen verwirren vielfach die Lage“ (KTB, 25.1.1945). Im Nachhinein liefern historische Quellen den Beweis, daß das Geraune über drohende Gefahren meistens den Tatsachen nahe kam.

Winter 1945 -- Ein Flüchtlings-Treck im Osten Deutschlands
^   Einer der vielen Flüchtlings-Trecks im Osten Deutschlands, westwärts unterwegs Ende Januar 1945 bei klirrender Kälte und tiefverschneiten Straßen und Wegen. Aber wehe ein solcher Treck wurde von russischen Panzern eingeholt, dann wurde er brutal „überrollt“. Mensch und Tier kamen zu Tode und die Wagen wurden zerstört — ein schweres Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung.   (Repro: 2011 – khd)

Und weiter geht’s nach Bahn

      Übermüdet und durchfroren drängten wir am 31. Januar zum Aufbruch. Über Pyritz, dessen Innenstadt sich als eine Insel der Ruhe und des Friedens präsentierte — bis 1945 das „pommersche Rothenburg“ — und Rackitt steuerten wir auf vereisten Straßen die Kleinstadt Bahn an. Bereits am 30.1. waren sowjetische Späh- und Stoßtrupps von Berlinchen kommend über Schönow bis Lippehne vorgedrungen, von der Landstraße Pyritz — Bahn etwa 10 km entfernt!

      Als ein Leiterwagen gegen einen Baum schleuderte und sich verkeilte, saßen wir fest. Ohne fremde Hilfe gab es kein Weiterkommen, aber helfende Hände boten sich fürs Erste nicht an. Wer wollte schon einen Zeitverlust riskieren? Schließlich erbarmte sich als Helfer in der Not ein Radfahrer aus Berlin. Mit doppelter Anstrengung gelang es, den Wagen anzuschieben und aus der Vertiefung zurück auf den Fahrweg zu ziehen. Prompt stürzte Trixi. Weil die Beine auf dem Glatteis immer wieder ausrutschten, war das Pferd außerstande, sich aufzurichten. Mit einer Wolldecke glückte die Standsicherheit. In Trippelschritten kamen die Pferde voran. Es dauerte seine Zeit bis nach Bahn im Landkreis Greifenhagen. Warmes Essen in einer Schule, die uns ins Quartier nahm, war Balsam für die erschlafften Nerven. Daß zu dieser Stunde Gefechte unweit Bahn voll im Gang waren, wussten nur eingeweihte Kreise.

      „Kämpfe bei Landsberg und vor Berlinchen; der Gegner drang weiter Richtung Soldin vor [Soldin liegt etwa 15 km südlich von Bahn]. Der Feind hat also die Absicht, Pommern durch einen Stoß in Richtung Stettin abzuschneiden“ (KTB, 31.1.1945).

Fluchtweg Teil 3 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Oder)
^   Fluchtweg Teil 3 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Oder). Durch Klicken auf die Grafik wird in einem zweiten Fenster die Basis-Karte in starker Vergrößerung angezeigt (ohne Wegmarkierung – 2,4 MByte), so daß man sich im einzelnen orientieren kann. [Fortsetzung] [Liste der Orte]   (Grafik: 8.3.2012 – khd-research)

Bahn wird zum aufgestörten Ameisenhaufen

      Am nächsten Morgen, dem 1. Februar, überraschte man uns sogar mit frischen Brötchen. Während sich Vater beim Friseur rasieren ließ und Johann die Pferde in seine Obhut nahm, gingen Mutter und ich auf die Suche nach Einkaufsmöglichkeiten. Nach Nahrungsmitteln liefen sich ebenso Angestellte der Woldenberger Stadtkasse die Hacken ab. Solche eigentlich belanglosen Begebenheiten, die angesichts des Kriegsgeschehens grotesk erscheinen mögen und doch symptomatisch im Kriegsalltag waren, gaukelten kurzfristig ein Stück Normalität vor. Von einer Stunde zur anderen zerstörten nackte Tatsachen flüchtige Träumereien.

      Beim Bummeln von Laden zu Laden wurde urplötzlich Alarm ausgelöst, verbunden mit der Aufforderung: „Trecks raus aus der Stadt!“ Wir fielen aus allen Wolken. Die ein wenig euphorische Gemütsverfassung am Vormittag schlug innerhalb von Sekunden in bedrückendes Schweigen um. Abrupt führten die Gefechte nahe Bahn den scharfen Kontrast zwischen der trügerischen Scheinwelt und bitteren Realität vor Augen. Zeitgleich wurden Straßenpflaster aufgerissen, Sperren gelegt und Soldaten, in weiße Mäntel gehüllt und die Panzerfauste im Anschlag, stoben in kopfloser Hektik auseinander. Deutsche Flugzeuge kreisten in niedriger Höhe über der Stadt. Allerlei Gerüchte schwirrten durch den Ort. In Windeseile sprach sich herum, daß sowjetische Panzer die Front bei Bahn durchstoßen hätten. Die Stadt glich nunmehr einem aufgestörten Ameisenhaufen.

Königsweg zur Oder?

      Königsweg zur Oder?
^   Auf den Spuren der Fluchtwege: An dieser Kreuzung bei Bahn führte die linke Abzweigung nach Königsberg/ Neumark (Chojna) und Küstrin, die Straße geradeaus (hier nicht erkennbar) in Richtung Schwedt (bzw. Krajnik Dolny) und der leichte Schwenk nach recht zeigt Greifenhagen (Gryfino) an.   (Foto: 9.6.2001 – g.brauer)
      Die unmittelbare Nähe sowjetischer Verbände jagte uns Angst und Schrecken ein. Auch einem militärischen Laien war klar, daß Panzer eine höhere Geschwindigkeit als Trecks entwickeln. Daher spannten wir die Pferde am 1. Februar gegen 14.00 in größter Eile an und setzten sie voller Hast in Trab. Fort ging’s im Nu: „...die Angst beflügelt den eilenden Fuß“ (Schiller).

      Alle Trecks befanden sich in einem Wettlauf um Zeitgewinn. Das Damoklesschwert, von der Vorhut der Panzertruppen eingeholt und eingeschlossen zu werden oder auf offener Straße in die Kampfhandlungen zu geraten, schwebte jederzeit über den Flüchtlingen. Deswegen legte jedes Fuhrwerk aus Furcht vor der Roten Armee ein zügiges Tempo vor. Zudem mahnte die in Kürze hereinbrechende Dämmerung zur höchsten Eile. Ein Horrorszenario wollte uns nicht aus dem Kopf gehen: Sollten wir wenige Kilometer vor dem rettenden Ufer der Oder sowjetischen Truppen doch noch in die Hände fallen? Angesichts der heraufziehenden Gefahr blieben uns die
Worte im Munde stecken. Selbst Vaters Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, als sich an der Straßenkreuzung gleich nach Bahn die Konturen eines Verbotsschildes abzeichneten: „Nach Schwedt für Trecks gesperrt!“ Somit war die kürzeste Verbindung zum Oderstrom verschlossen. Rückblickend involvierte die dreispurige Gabelung eine Scbicksalsfrage: Welcher der beiden anderen Straßenzüge würde als Königsweg zur Oder führen?

In totaler Finsternis nach Greifenhagen

      Augenblicklich schlugen wir auf Vaters geistesgegenwärtige Eingebung hin nicht die südliche Route nach Küstrin, sondern die nördliche nach Greifenhagen ein, von Bahn etwa 25 km entfernt. Inzwischen hatte Tauwetter eingesetzt. Auf abgetauten Strecken und geschmolzenem Eis „ging’s fort in sausendem Galopp“ (Gottfried August Bürger). Nach den Orten Liebenow und Rosenfelde begann die Dämmerung. Als uns bei einbrechender Dunkelheit ein düsterer Wald umfing, wurde es stockfinster.

      Die Straße war zugefroren und spiegelglatt. Immerfort kamen die Fluchtwagen auf der vereisten Fahrbahn ins Rutschen. Die Hufeisen glitten auf der Eisfläche ab. Das halsbrecherische Fahren artete in einen Alptraum aus. Daneben konnte man in der Finsternis die Hand nicht vor den Augen sehen. Im Hinblick auf die Drohkulisse und Orientierungslosigkeit in der schwarzen Nacht wäre das Wort des Barocklyrikers Andreas Gryphius: „Die Nacht ist keines Menschen Freund“ ein Euphemismus. Kein Schimmer des Mondes! Kein Stern funkelte! Kein Baum hob sich gegen den nächtlichen Himmel ab! Kein Blickkontakt zu unserem zweiten Gespann! Weithin hörbar die Zurufe der Treckfahrer: „Wir sehen nichts mehr.“ Wir folgten unserer Intuition: Durchhalten bis zur Oder, mit der wir unser Schicksal verbunden hatten! Hangen und Bangen!

Das Letzte herausgeholt

      Mitternacht schlug! Keine Schneise! Nur ein dichter, dunkler und endlos erscheinender Wald sowie das verdammt teuflische Glatteis, das Lotte zu Fall brachte! Zusätzlich versagten die Laternen! Lichtloses Umfeld! Minuten der Ratlosigkeit wurden zur Qual. Die nachfolgenden Fuhrwerke stockten, bis andere Treckfahrer Hand anlegten und Lotte wieder Tritt fassen konnte. Fritz wies die Spur mit einer notdürftig reparierten Stalllaterne. Damit sich Hannchen an dem Geflimmer orientieren konnte, setzte sie sich mit ihrem Wagen an die Spitze. Ich selbst sah von der Laterne keinen Lichtstrahl, nur ab und zu ein Flackern, wie von einem Glühwürmchen. Das straffe Halten der Zügel zehrte an Armen und Händen.

      Obgleich die Pferde auf der glatten Fahrbahn permanent ausrutschten und die Wagen in den Straßengraben abzugleiten drohten, forderte die geringe Entfernung zum Kriegsschauplatz, die Rosse zur äußersten Kraftanstrengung anzutreiben. Die Stunde akuter Gefahr verlangte den vollen Einsatz von Mensch und Tier. Wahrlich, aus den edlen Tieren, die in dieser Zwangslage „zu höherem Sinne und Zwecke das Kräftigste ... bis zum Unmöglichen ausrichteten“, wurde das Letzte herausgeholt.

      „Die Russen haben im Lauf der Nacht [31.1./1.2.1945] zwischen Wriezen und Küstrin die Oder überschritten“, gab Hans Georg von Studnitz, Pressereferent des Auswärtigen Amtes, am 1.2.1945 zu Protokoll. Der sowjetische Überraschungs-Coup gelangte uns nicht zu Ohren! —

Greifenhagen -- Die Oder-Brücke um 1940
^   Blick um 1940 über die Oder-Brücke auf die Kreisstadt Greifenhagen am Ostufer der Oder. Sie wurde 1945 zur Schicksalsetappe für viele Flüchtlinge aus Ostbrandenburg und Pommern, die auf der Flucht vor der Roten Armee nach Westen waren. Nur wer diese Brücke erreichte, konnte (vorerst) sicher sein, nicht von „den Russen“ eingeholt zu werden.

In endlosen Kolonnen schoben sich ab Januar 1945 Trecks über diese lange Oder-Brücke. Der kleine „Birkenhof-Treck“ aus Woldenberg querte in der Nacht vom 1. auf den. 2. Februar 1945 die bereits verminte Brücke — auf dem Weg nach Anklam.
[Plan der Gegend]   (Repro: 2011 – khd)

Endlich an der rettenden Oder

      Die handstreichartige Überquerung der Oder im Oderbruch und die Kämpfe nahe Bahn, die schon große Verwirrung gestiftet hatten, erklären im Nachhinein die hektischen Fragen von Volkssturmmännern nach sowjetischen Panzerüberfällen auf Trecks. Mit wachsender innerer Ungeduld durchfuhren wir Greifenhagen, vom Birkenhof etwa 120 km entfernt. An den Brückenpfeilem warnten schwer bewaffnete Kontrollposten: „Genau in der Fahrbahnmitte halten, rechts und links liegen Sprengladungen!“ Die überlange Oderbrücke nahm kein Ende. Defekte oder getarnte Lichtquellen schränkten die Sichtweite ein. Nach 6 bitterbösen Tagen und Nächten passierten wir die Oder, das Nahziel der Flucht. Mit Herzklopfen erreichten wir am 2. Februar 1945 um 2.00 Uhr das sichere linke Ufer des Schicksalsflusses.

      Mit knapper Not waren wir der Kampfzone entronnen. Die brennende Gefahr war gebannt. Mehr als 13 Stunden, in denen die Furcht wie Blei in den Gliedern lastete, kamen wir uns wie gehetztes Wild vor. Es grenzte ans Unglaubliche, daß wir auf Teilstrecken den Sowjets nur um Haaresbreite entweichen konnten. Trotz alledem: „Das ist nicht das Ende, ... das ist erst der Anfang“ (Friedrich Wolt) der Odyssee, ein Wort, das retrospektiv seinen tieferen Sinn erhält.

Am sicheren Oder-Ufer

      Diesseits der Oder verlief der Verkehr störungsfrei. Die Treck-Kolonnen lösten sich allmählich in Wohlgefallen auf. Nach Mescherin machte die zugeschneite Fahrbahn die Straßenmarkierung unkenntlich, so daß die Fuhrwerke einzeln nacheinander mit 6 Pferden aus den Schneeverwehungen herausgezogen werden mussten. Bei dem frostigem Wind zur Nachtzeit hielten wir Ausschau nach einer Behausung. Für die abgetriebenen Pferde war der Zeitpunkt zum Ausspannen längst überfällig. Unterdes war es 3.00 Uhr geworden. Ganz unverhofft öffnete der Besitzer einer Kate die Haustür zum Einlaß. Während die ausgepumpten Pferde Unterstand in einem Kuhstall fanden, wurden uns Stühle an einem ungeheizten Kachelofen zugewiesen. Nach einem Dankgebet für Gottes Fügung und Hilfe übermannte uns die Müdigkeit.



[Fortsetzung im Teil II]



Anmerkungen des Editors / Remarks by the Editor:     [Translation-Service]

      Brauer-Manuskript 2009
^  Brauer-Manuskript von 2009.
1) ^  Da mir das 107-seitige Manuskript nicht in digitaler Form vorliegt, muß dieses erst durch Scannen und OCR-Transkription-Software in die digitale Welt übertragen werden. Auch wenn hierbei modernste Technik eingesetzt wird, muß das Ergebnis sorgfältig überprüft und manuell Web-gerecht formatiert werden. Das wird einige Zeit dauern. Bitte haben Sie also Geduld, bis der komplette Text online ist. Mit der 80. Ed. des Teils I vom 18.3.2012 und der 86. Ed. des Teils II vom 22.3.2012 sind nun 2/3 des Textes vollständig online. Der Teil III ist mit der 112. Ed. vom 5.4.2012 textlich volltändig geworden. Einige Abbildungen und Links müssen noch an verschiedenen Stellen ergänzt werden, was bis zum 14.4.2012 erledigt wurde (I: 100. Ed., II: 101. Ed., III: 122. Ed.). [Edit-History]

2) ^  Der Autor Dr. phil. Gert Brauer wurde 1931 in Schneidemühl geboren. 1938 übernahmen seine Eltern einen familiären Bauernhof bei Woldenberg an der Chaussee nach Hochzeit. Dieser Hof sollte den Namen „Birkenhof“ erhalten, wozu es aber bis 1945 nicht mehr kam. Der Bericht basiert im Kern auf Tagesnotizen, die sich der Autor während der Flucht machte. Gert Brauer lebt heute als pensionierter Lehrer in Wiesbaden (65199 Wiesbaden). Bei ihm liegt auch das CopyRight für jegliche Verwendung des Berichts einschließlich der Verfilmung des Stoffes. Der Autor ist nunmehr per E-Mail erreichbar unter:  grfbrauer (at) web.de (das „ (at) “ durch „@“ ersetzen, sonst funktioniert die Adresse nicht).

3) ^  Der Autor hat sein Manuskript mit einer ganzen Reihe von Landkarten und Abbildungen versehen. Diese und weitere werden erst nach und nach in diese Internet-Ausgabe integriert werden können, zumal dafür die Fluchtweg-Karten völlig neu eingerichtet werden müssen. [Hinweis zu Links]

4) ^  Einige allgemeine Hinweise (Links), die in diesem Zusammenhang besonders interessieren könnten: Ansonsten sind im Brauer-Text (Hyper-)Links immer dort hinzugefügt worden, wo weiterführende Informtionen beim Verstehen hilfreich sein könnten. Beabsichtigt ist, solche Links auch noch später zu ergänzen.

5) ^  Some of those links point to Wikipedia articles in German. Those who like them in English should look at the left side of the Wikipedia pages. There you‘ll find a link to the English version.

6) ^  NSDAP = National-Sozialistische Deutsche Arbeiter-Partei. Diese Partei der Nazis hatte seit 1933 die deutsche Gesellschaft durch und durch durchsetzt und bestimmte in allen Lebensbereichen, was zu tun war. So auch, ob im Januar 1945 geflüchtet werden durfte.

7) ^  Im Oktober 1944 griff der Rußland-Krieg zum ersten Mal in Ostpreußen auf deutsches Reichsgebiet über. Russische Panzerspitzen stießen in Richtung Königsberg bis Gumbinnen, Goldap und Nemmersdorf vor, konnten aber nach einigen Tagen von der Wehrmacht wieder zurückgedrängt werden. In Nemmersdorf verübten Rotarmisten Greueltaten an der Zivilbevölkerung.

8) ^  Sämtliche Internet-Links sind im Manuskript nicht enthalten. Sie wurden hier redaktionell ausgewählt und hinzugefügt.

9) ^  Pommern-Stellung: Auf der Web-Seite „Einfall der Russen 1945“ befindet sich eine Skizze des Verlaufs dieses Ostwalls. Dort ist auch eine Karte zur Ausbreitung der Roten Armee ab dem 27. Januar 1945 im Kreis Arnswalde zu finden.

10) ^  Woldenberg hatte 1943/44 einige Hundert Kinder aus der Stadt Bochum aufgenommen, die bei verschiedenen Woldenberger Familien untergebracht waren — die „Bochumer“ wurden sie genannt. Herbert Prochnow vermerkte 1984 dazu (auf seiner Stadtplan-Zeichnung): „Am Sonntag, den 4. Juli 1943 kam der erste Transport mit Evakuierten aus Bochum. In kurzer Zeit hatte Woldenberg 1.200 Einwohner mehr.“ Über das Schicksal der 1945 mitflüchtenden Bochumer Kindern ist bislang wenig bekannt. Sind die meisten wieder bei ihren Eltern im Ruhrgebiet gelandet? Vielleicht meldet sich ja durch diese Internet- Publikation dieser Fritz Gollub (* 8.12.1931) und erzählt uns, wie es ihm und anderen damals ergangen ist.

11) ^  Berlinchen — das ist der Schicksalsort für den Woldenberger Haupt-Treck der Bauern und Pferdehalter, der in Kölzig nicht nach Norden in Richtung Arnswalde — wie der kleine Birkenhof-Treck — abgebogen war. Bei Berlinchen wurde der Treck in der Nacht vom 28. auf den 29. Januar 1945 von vorstoßenden russischen Panzern überrolt, wie der Woldenberger Ex-Bürgermeister Otto Hemp 1950 berichtete. Die Flucht war damit für diese Woldenberger zu Ende und sehr viel Leid und Elend begann.

12) ^  Wo lag der „Birkenhof“ bei Woldenberg? Darauf gibt der folgende Ausschnitt aus dem amtlichen Meßtischblatt 3060 von 1934 Antwort:

Woldenberg/Nm -- Gegend um den Linkow-See (Auszug aus: Meßtischblatt 3060 von 1934)
^   Woldenberg/Nm – Die Gegend um den Linkow-See (Ausschnitt aus dem Meßtischblatt 3060 von 1934). Links ging’s nach Woldenberg und nach rechts führte die Hochzeiter Chaussee – vorbei am „Birkenhof“ – zum Dorf Hochzeit im Kreis Arnswalde.

Mit
P ist die „Pflaumen-Allee“ und mit K die „Kirschen-Allee“ markiert. Zwischen diesen beiden Obst- Alleen befand sich der Kern des Birkenhofs. Außerdem gehörten zum Birkenhof noch Acker- und Wiesenflächen links von der Pflaumen-Allee und rechts von der Kirschen-Allee, zudem noch Ackerflächen nahe am Linkow-See. [Meßtischblatt von Woldenberg und Umgebung]   (Grafik: 28.3.2012 – khd-research)

13) ^  Der Birkenhof-Treck der Familie Brauer startete am 27. Januar 1945 um 6.00 Uhr auf dem Hof an der Hochzeiter Chaussee. Bis zur Oder führte der Fluchtweg über: Woldenberg (Richtstraße) — Wutzig — Brandsheide — Kölzig — Marienwalde — Sellnow — Heinrichswalde* — Radun — Arnswalde* — Sammenthin — Billerbeck — Blankensee — Warsin* — Plönzig — Rosenfelde — Megow* — Pyritz — Rackitt — Bahn* — Liebenow — Rosenfelde — Greifenhagen/Oder — Oder-Brücke — Mescherin — Neu Rosow* — [Fortsetzung]. In den mit einem * markierten Orten wurde jeweils ein Nachtquartier bezogen. Am 2. Februar 1945 um 2.00 Uhr überquerten die beiden schwerbeladenen (mit 6 Pferden bespannten) Treckwagen des Birkenhof-Trecks die lange Oder-Brücke bei Greifenhagen. Die ganze Zeit war ihnen und den vielen anderen die Rote Armee immer dicht auf den Fersen.

14) ^  Birkenhof-Treck: Dieser kleine Flucht-Treck bestand aus 2 Planwagen, die von je 3 Pferden (Liese, Annette und Vicky sowie Lotte, Lilo und Trixi) gezogen wurden. An Bord waren 6 Personen: Brauer, Hans (* 7.1.1894), Brauer, Friede (* 27.10.1891, geb. Becker), Brauer, Gert (* 1.3.1931, Autor dieses Erlebnisberichts), Brauer, Johanna (* 13.6.1891, „Hannchen“), Lempe, Johann (* 16.6.-?-, Landarbeiter) und Gollub, Fritz (* 8.12.1931, einquartiert aus Bochum). *

15) ^  Hinweis: Dieser „Birkenhof“ hat nichts mit der Marke „Birkenhof“ zu tun, wie sie heute (2012) von der Tengelmann-Gruppe (in Berlin: „Kaiser’s“) für Fleischprodukte verwendet wird.

16) ^  Hinweis: Bis zur 84. Edition (24.3.2012) enthielt diese Webseite das Vorwort vom November 2009, das der Autor inzwischen durch diese überarbeitete Fassung ersetzt hat. Der Stand ist nun: 15. August 2011. [Weitere Änderung]

17) ^  Heeresgruppe Weichsel: Diese wurde ad-hoc am 24. Januar 1945 als Reaktion auf die sowjetische Großoffensive unter dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler gebildet. Sie konnte kaum etwas ausrichten und musste sich immer weiter zurückziehen, was neben der sowjetischen Übermacht auch auf Himmlers totale Inkompetenz zurückzuführen war.

18) ^  Von Bahn führen 3 Straßenzüge zur Oder. In südlicher Richtung geht es nach Königsberg/Nm und weiter nach Küstrin, der Weg geradeaus führt nach Schwedt am westlichen Oderufer und die nach Norden abzweigende Straße führt zur Kreisstadt Greifenhagen an der Oder, wo es die letzte Oderbrücke vor Stettin gibt. Der Weg nach Süden hätte damals direkt ins Desaster geführt.

19) ^  Bargeld: Zu den Flucht-Vorbereitungen gehörte es auch, sich mit Bargeld einzudecken. Auf Anfrage teilte dazu der Autor am 28.3.2012 mit: „Bargeld konnte man m. E. bis zum 26.1.1945 von der Woldenberger Stadtsparkasse abheben. Allerdings war die Höhe des Betrages begrenzt, ich meine 2.000,– Reichsmark. In Anklam, wo auch die Angestellten der Stadtsparkasse Woldenberg seit Anfang Februar 1945 untergebracht waren, konnten auch Abbuchungen von Sparbüchern vorgenommen werden. Ob Beschränkungen bestanden haben, vermag ich nicht zu sagen.“

20) ^  Hinweis: Bis zur 102. Edition (29.8.2012) enthielt diese Webseite das Vorwort vom August 2011, das der Autor inzwischen durch diese überarbeitete Fassung ersetzt hat. Der Stand ist nun: 15. März 2012.


Edit-History Hier soll nicht jede kleine Korrektrur oder (Link-) Ergänzung notiert werden, sondern nur wesentliche Änderungen. Die Digitalisierung aller 3 Teile basiert auf dem (mit Anhang) 107-seitigen Manuskript, in dessen Vorwort „November 2009“ angegeben ist und der Haupttext auf Seite 76 endet. Folgende Änderungen wurden danach vorgenommen:



Woldenberger Fluchtberichte von 1945:
[Brauer I]  [Brauer II]  [Brauer III]
[Flucht mit der Eisenbahn]
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