Der Marsch nach Woldenberg die Endstation
Wenige Tage nach der Musterung im Gefangenenlager Landsberg/Warthe wurde eine Marschkolonne
aus den Leuten mit einer 3 und schlechter zusammengestellt. Alle wurden darauf hingewiesen,
dass 2 Tagesmärsche von je 20 km bevorstanden. Wer sich nicht dazu fähig fühlte, wurde
zurückgestellt. An einem verregneten Morgen setzte sich die bewachte Kolonne in Bewegung. Aus meiner
Zeltplane hatte ich mir einen Umhang gegen den Regen geknüpft. Nach einigen Kilometern winkte mich
ein Bewacher an den Straßenrand, hielt mir eine ungeknüpfte neue deutsche Zeltplane hin und
forderte meinen Umhang. Er kannte offensichtlich nicht den Trick, aus einer Plane einen Umhang zu machen.
Das war also
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Die ominöse blaue 3, notiert auf einem Zettel. Sie bewahrte den 16-Jährigen vor dem
Abtransport in Arbeitslager, gelegen in der UdSSR.
(Repro: 2010 wolfalb) |
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gut gegangen. Schlechter traf es Kameraden, die gute deutsche Militärstiefel trugen. Wer Pech hatte,
wurde an den Straßengraben gerufen, musste seine Stiefel ausziehen und bekam die abgetragenen, oft
beschädigten russischen Stiefel des Wachsoldaten. Ob die Schuhgröße passte, spielte keine
Rolle. Einige Kameraden hatten sich deshalb als Tarnung Bindfaden oder Lumpen um ihre Stiefel gewickelt.
Das wirkte abschreckend.
Die erste Etappe [von Landsberg an der Warthe] führte auf der Reichsstraße 1 in die Stadt
Friedeberg, etwa 25 km entfernt. Hier mussten wir eine Schule ausräumen, um genügend
Schlafplätze zu haben.
Am nächsten Tag erreichten wir nach ca. 20 km den Stadtrand von Woldenberg/Nm. Eine kleine Stadt mit
ca. 5000 Einwohnern (vor dem Krieg). Hier befand sich seit 1940 ein Gefangenenlager, das der
nachfolgenden Text erläutert (aus dem
Internet):
In der Liste der
Kriegsgefangenenlager im 2. Weltkrieg wird die Eröffnung des OfLag II C
(Offizierslager für kriegsgefangene Offiziere) in Woldenberg mit Mai 1940 angegeben. Dieses
große POW-Lager befand sich auf der Rohrsdorfer Seite der Friedeberger Chaussee, schräg
gegenüber vom alten Wehrmachts-Standort (Barackenlager).
Im dem Lager waren rund 7000 POWs hinter Stacheldraht vor allem polnische Offiziere
eingesperrt. Befreit wurde das Lager Ende Januar 1945 durch die Rote Armee. Heute steht dort die
Gedenkstätte OfLag II C
Woldenberg.
Diese Beschreibung bezieht sich aber nur auf das Lager, in dem die Deutsche Wehrmacht kriegsgefangene
polnische Offiziere untergebracht hatte. Als die Rote Armee im Januar 1945 bis nach Woldenberg
vorrückte, wurde das Lager geräumt und muss später für die Aufnahme deutscher
Kriegsgefangener hergerichtet worden sein. Die zuvor vorhandenen Einrichtungen in den Baracken gab es
nicht mehr. Die Wasserversorgung bestand aus einigen Handpumpen. Die Toiletten waren demoliert und nur
noch bedingt zu benutzen. Für die Rote Armee war nur wichtig, dass der doppelte Stacheldrahtzaun und
die Wachtürme in Ordnung waren.
Bei der Ankunft in Lager Woldenberg trafen wir auf viele Soldaten und auch
Volkssturm-Männer, die
schon vor uns hier her gebracht wurden. Am Lagertor erfolgte eine genaue Zählung. Dazu wurden
Kompanien zu 100 Mann gebildet und ein Unteroffizier als Führer bestimmt. Solche Zählappelle
dauerten oft sehr lange. Uns wurde eine Baracke zugewiesen. Die Schlafstellen waren durchgehende
Pritschen, in zwei Etagen. Die Säulen waren rohe Baumstämme, die mit Äxten von Gefangenen
zurechtgehauen wurden. Als Nägel wurden Drahtstücke verwendet. Man hatte ca. 6080 cm
Liegefläche auf Brettern. Matratzen oder andere Polster gab es nicht. Trotzdem war jeder froh, einen
Schlafplatz zu haben und dass die endlosen Märsche ein Ende hatten.
Zur Organisation des Gefangenenlagers Woldenberg
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Die Lage des 25 Hektar großen Lagers an der Friedeberger Chaussee.
[Vergrößerung]
(Sat-Foto: 19.5.2009 GoogleEarth)
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Das Lager war von einem doppelten Stacheldrahtzaun und etlichen Wachtürmen umgeben. Der Zaun wurde
nachts beleuchtet [Ed: hm, woher hatten die den Strom?]. Zwischen den
Zäunen, auf dem Sandstreifen, standen noch alten Warnschilder in Polnisch Achtung! Es wird
geschossen!
Im Lager selbst sah man nur zu den Zählappellen russische Soldaten und Offiziere. Dabei fiel uns
auf, dass auch die Offiziere beim Betreten des Lagers ihre Pistolen abgeben mussten. In der Mitte des
Lagers befand sich ein kleines Gebäude, was der deutsche Lagerkommandant als sein Büro nutzte.
Dieser Mann gehörte auch zum Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) und trug die entsprechende Uniform mit schwarz-weiß-roter Armbinde. Der
Sprache nach war er Oberschlesier, wir Gefangenen schätzten ihn als recht unsympathisch ein.
Einmal konnte ich beobachten, wie er zwei Mitgefangene nach Art eines preußischen Unteroffiziers
mit Strafexerzieren (Hinlegen, Auf, Hinlegen...) quälte. Vielleicht hatte er es auch nicht leicht,
zwischen den Russen und den Deutschen zu stehen. Außer diesem Büro gab es noch
eine Frisörstube, denn die Haare sollten weiterhin kurz bleiben. In größeren
Abständen wurden wir kompanieweise zur Entlausung geschickt. Jetzt hatten wohl alle mit Läusen
zu kämpfen. Wenn man nachts so dicht aneinander liegt, hatten die Tierchen kurze Wege. Zwischendurch
ging man auch schon mal selbst auf Läusefang. In den Kleiderfalten wurde man meist fündig.
Es gab auch einen größeren Raum, den sonntags die Kirchen nutzten und in der Woche
bemühten sich hier einige begabte Leute um ein Unterhaltungsprogramm. Der russische Kommandant hatte
aus der Stadt Woldenberg ein Klavier herbeischaffen lassen. Am Büro des Lagerchefs hingen
später kleine Berliner Zeitungen aus. Daraus erfuhr ich von dem Atombombenabwurf der Amerikaner.
Sollte sich ein Gefangener krank fühlen, wurde er in einer Krankenbaracke untersucht. Wer Fieber
hatte, kam in das Hospital. Das waren Unterkünfte außerhalb des Lagers, auf der anderen
Straßenseite. Hier betreuten deutsche und russische Ärzte die kranken Gefangenen.
[Bericht vom Überlebenskampf dort]
Der Tagesablauf im Gefangenenlager
Der Morgen
Eine Uhr besaß kein Gefangener mehr. Dafür gab es im Lager einen Trompeter, der zu den
wichtigsten Tagesereignissen ein Signal gab. Der Tag begann damit, dass pro Mann ein Stück Brot und
Kaffeeersatz durch den Kompanieführer ausgeteilt wurde. Ganz selten gab es auch einen Esslöffel
Zucker dazu.
Jeweils morgens und abends blies der Trompeter zum Zählappell. Das Wetter spielte keine Rolle,
gezählt wurde immer. Alle Kompanien marschierten auf den Appellplatz und stellten sich auf. Jede
Kompanie musste exakt aus 100 Gefangenen bestehen. Um Differenzen auszugleichen, gab es eine
Restkompanie. Kein Gefangener durfte sich während des Zählens auf den Boden setzen. Für
viele ältere Volkssturmmänner sicher eine Qual, denn oft dauerte der Appell sehr lange. Dann
kontrollierten russische Soldaten, dass jede Kompanie genau 100 Mann zählte. War das gesichert,
erschienen russische Offiziere und zählten umständlich die angetretenen Kompanien. Stimmte das
Ergebnis, war der Appell vorbei. Gab es Differenzen, begann die Zählzeremonie erneut. Am
Abend wiederholte sich alles noch einmal.
Am Mittag
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Ein hölzerner Wachturm des Woldenberger Lagers an der Friedeberger Chaussee. Davon hat es 8
Stück gegeben.
(Repro: 2004 khd)
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Nach russischer Sitte war die Mittagszeit gegen 14 Uhr. Jetzt rückten die Essenholen aus, um an der
Küchenbaracke Suppe für ganze Kompanie abzuholen. Dazu benutzten sie meist Holzfässer (in
Woldenberg war eine Faßfabrik gewesen) oder andere große Gefäße. Der
Kompanieführer teilte dann pro Gefangenen eine Schöpfkelle Suppe aus. Die Schöpfkellen
waren meist 1-Liter-Blechbüchsen, die an einem Holzstiel befestigt war. Der Kompanieführer
bemühte sich, das Essen gerecht zu verteilen. Jeder wollte natürlich die dickste Suppe vom
Boden des Fasses. Aber am Ende hatte jeder etwas abbekommen. Blieb ein Rest im Faß, gab es einen
Nachschlag, wobei die Empfänger sorgfältig abgewechselt wurden. Wer noch sein
Wehrmachtskochgeschirr gerettet hatte, war gut dran. Andere Kameraden brachten zum Essenfassen die
unterschiedlichsten Gefäße mit, nicht immer gut geeignete. Es gab auch Kameraden, die hatten
keinen Löffel behalten können. Als Ersatz waren die unterschiedlichsten Dinge in Gebrauch.
Nach dem Essen stellte man sich an einer der Wasserpumpen an, um sein Geschirr zu säubern. Jetzt war
die beste Zeit, einen Mittagsschlaf einzulegen. Das sparte Kalorien und vertrieb die Langweile.
Wie war die tägliche Suppe beschaffen? Kartoffeln brachte ein russisches Militärfahrzeug von
den Mieten der umliegenden Kartoffelfelder ins Lager. Vor der Küchenbaracke saßen einige
Kameraden, die auserwählt waren, Kartoffeln zu schälen. Diese Poster waren begehrt, denn danach
gab es etwas Essen zusätzlich. Für die Suppe wurden auch Kartoffelflocken verwendet. Diese
Kartoffelflocken bestanden aus ungeschälten, getrockneten Kartoffeln. Gedacht waren sie als
Viehfutter. Wahrscheinlich wurden davon größere Mengen in einem Lager der Raiffeisen AG
Futtermittel aufgefunden. Auch ein kleiner Anteil Fleisch war Bestandteil der Suppe. Nach einem
Speiseplan brauchte man nicht zu fragen, denn in all den Monaten meiner Gefangenschaft in Woldenberg gab
es nur diese Suppe zu Mittag und zu Abend.
Die Kartoffelschalen wurden auf einem offenen Fahrzeug abtransportiert. Um zu sichern, dass sich kein
Fluchtwilliger unter den Kartoffelschalen verbarg, kletterte am Lagerausgang immer ein russischer Soldat
auf das Fahrzeug und stieß mit einem langen Säbel mehrfach in den Abfall.
Am Abend
Am Abend hörte man wieder den Trompeter und es wiederholten sich der Zählappell und die
Essenausgabe. Danach ging man im Lager umher und versuchte Kameraden aus der Heimat zu finden. Dazu hatte
es sich als nützlich erwiesen, wenn man an seiner Mütze mit einem weißen Faden den
Heimatkreis GOTHA gestickt hatte. So fanden sich nach kurzer Zeit etliche Kameraden aus
meiner Gegend. Natürlich kannte man nicht jeden, aber es stellte sich ein Heimatgefühl ein, man
war unter sich.
Die Gespräche drehten sich ständig um die Heimat und um die Frage, wann werden wir entlassen?
Der Krieg war ja zu Ende. Auch traf ich auf Kameraden meiner Kompanie. Sie erzählten mir, dass sie
beim Rückzug aus der Stellung nach rechts in den Wald auswichen. Dort sammelte sie am anderen Tag
ein unvernünftiger Leutnant und versuchte mit ihnen einen Ausbruch aus dem Kessel [Ed: bei den
Seelower
Höhen]. Dabei soll es erhebliche Verluste gegeben haben. Der Rest kam in Gefangenschaft und so traf
man sich hier wieder.
Wenn das Trompetensignal gegen 22 Uhr zum Zapfenstreich erschall, suchte jeder seine Baracke auf. Die
Decke wurde ausgebreitet, Schuhe und Kochgeschirr kamen zur Sicherheit an das Kopfende und mit dem Mantel
konnte man sich zudecken.
Kleine Abwechslung vom Lageralltag
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Einige der Steinbaracken des Woldenberger Lagers, fotografiert im Sommer 2005. Das Woldenberger Lagers
soll im Sommer 1945 mit mehreren Tausend deutscher Kriegsgefangenen belegt gewesen sein
.
[Mehr Fotos vom Woldenberger Lager]
(Foto: 21.6.2005 bredwolf-Wol92)
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Kleine Abwechselungen vom Lageralltag boten Arbeitseinsätze. Es gab nur selten Gelegenheit, zu einem
solchen Arbeitseinsatz eingeteilt zu werden. Dazu hielt man sich unmittelbar am Lagertor auf und wartete,
bis ein kleines oder auch größeres Arbeitskommando zusammengestellt wurde. Meist waren es mehr
Bewerber als benötigt wurden.
Ich war wohl zweimal zu Erntearbeiten außerhalb des Lagers. Man führte uns unter Bewachung auf
ein Feld, auf dem abgemähtes Getreide lag. Wir wurden angewiesen, die Halme aufzunehmen und zu einem
Schober zu tragen. Hier sollte später eine Dreschmaschine das Getreide ausdreschen. Bei dieser
Arbeit bot sich an, einige handvoll Körner in der Hosentasche verschwinden zu lassen. Auf dem Weg
zurück ins Lager kamen wir an einem Schuttplatz vorbei. Am Rande lag eine Waschschüssel aus
Aluminium. Ich konnte diese unbemerkt mit ins Lager bringen. Jetzt konnte ich ein Hemd oder andere kleine
Kleidungsstücke darin auswaschen. Die Schüssel wurde gern von Kameraden ausgeliehen.
Zu einer ganz besonderen Dienstleistung wählte eines Morgens ein russischer Soldat mich und einen
gleichaltrigen Kamerad aus. Er führte uns zu einem kleinen Haus in der Nähe des Lagers. Es war
offensichtlich die Unterkunft von russischen Offizieren, die zum Lager gehörten. Hier wies er uns in
einer gut möblierten Stube an, mit einer gefalteten Zeitung das Zimmer von den vielen Fliegen zu
befreien. Sicher hatte er den Auftrag bekommen, aber er war findig und holte sich zwei Gefangene. Der
Auftrag war bald zu seiner Zufriedenheit erledigt und er erwartete wohl seine Vorgesetzten zur
Mittagspause. Wir mussten in den Keller des Hauses verschwinden, die Offiziere sollten uns nicht sehen.
Im Keller zeigte er uns eine große Kanne mit Milch und schob uns auch eine Kiste mit altem
Weißbrot zu. Wir sollten uns aber sehr ruhig verhalten. Nach der Mittagspause, wir hatten uns
natürlich reichlich bedient, brachte er uns zum Lagertor zurück.
Eine schöne, nahrhafte Abwechslung. Unsere Körper waren aber durch die lange einseitige
Ernährung nicht in der Lage, die fette Milch zu verarbeiten. Die Folge war Durchfall am
nächsten Tag.
Spezialisten gesucht
Oft wurden auch so genannte Spezialisten für besondere Arbeiten gesucht. Was wir unter
einem Fachmann verstanden, bezeichneten die Russen immer als Spezialisten. So war ein
Funkmechaniker tagelang beschäftigt, eine Funkanlage zu reparieren. Diese Anlage war in ein
großes Militärfahrzeug eingebaut. Wir sahen vom Lager aus die Sendeantenne. Gesucht wurden
auch Seifensieder. Sicher haben sich einige Chemiker gemeldet. Ihre Aufgabe bestand darin, aus Knochen,
Lauge und Kalk eine Seife herzustellen. Es muss gelungen sein, denn wir bekamen einmal pro Mann ein
Stück einer grauen Masse zugeteilt. Das Stück war etwa 8x4x3 cm groß und hatte
tatsächlich etwas mit Seife gemein.
Am Lagertor war auch eine Baracke, wo einige Schuhmacher mit den wenigen zur Verfügung stehenden
Mitteln Schuhe und Stiefel reparierten. Meine Schuhe hat ein Schuster dort mit Sohlen aus Autoreifen
ausgebessert. Der Andrang war in dieser Werkstatt natürlich groß, alles konnten die Leute
nicht schaffen. Mein Vorzug war, dass ich einige Tabakblätter bieten konnte. Der Tabakanbau war in
der Gegend um Woldenberg üblich. Aus einer Laune heraus, hatte ein russischer Offizier an unserer
Kompanie solche Tabakblätter ausgeteilt.
Die Hygiene
Dieses Kapitel ist nicht für Leute mit empfindlichem Gemüt geeignet. Wenn man heute im
Fernsehen einen Beitrag über Gefängnisse verfolgt, sieht man wie Strafgefangene untergebracht
sind, mit Tisch und Stuhl, mit Waschtisch mit Fernsehgerät, aber eben eingesperrt. Wir waren 1945
keine Strafgefangene, sondern Kriegsgefangene. Heute fällt es schwer, sich die Verhältnisse,
insbesondere die hygienischen in einem russischen Lager für Kriegsgefangene vorzustellen.
Beim Eintreffen im Lager verfügten fast alle nur noch über ihre mehr oder weniger
vollständige Uniform, evtl. eine Schlafdecke und einen Brotbeutel sowie das Kochgeschirr.
Wäsche zum wechseln fehlte also. So trug man über Monate die gleiche Kleidung am Körper.
Nachts legte man einiges ab, verstaute es unter dem Kopf, damit es am anderen Morgen noch verfügbar
war. Wenigstens die Unterwäsche zu waschen gelang nur mit kaltem Wasser, ohne Waschmittel. Bis zum
Trocknen in der Sonne trug man nur die Militärhose. Den Trockenplatz sollte man aber gut
beaufsichtigen!
Wer Glück hatte, verfügte noch über ein Handtuch für die Morgenwäsche. Eine
Zahnbürste oder gar Zahnpasta? Fehlanzeige. Ein großer Mangel war vor allem, dass man
über kein Toilettenpapier verfügte. Anfangs hatte man noch den einen oder anderen
überflüssigen Zettel. Aber danach? Einen Lappen zum Auswaschen, Gras... Hier möchte ich
abbrechen. Ich persönlich hatte Glück. Ein Kamerad war während eines Arbeitseinsatzes in
der Nähe von einem Wohnhaus in Woldenberg. Er fand einen Sprachbrockhaus und brachte ihn
unbemerkt mit ins Lager. Wir entfernten den Buchdeckel und teilten uns den Buchblock. Erfreulich, dass das
Buch nicht aus Kunstdruckpapier hergestellt war!
Ein Vorteil war, dass der Brockhaus so viele Seiten hatte. Wenn man dann sein Geschäft verrichtete,
durfte man seinen Papierreichtum nicht sehen lassen. Der Nachbar wollte bestimmt etwas abhaben. Las man
die entsprechende Seite vor der Benutzung noch, war der Gang zum Abort sogar eine Bildungsreise.
Vom Kontakt zu Kleiderläusen habe ich schon an anderer Stelle berichtet. Nicht minder unangenehm war
meine Begegnung mit Bettwanzen. Umgangssprachlich nennt man diese nur Wanzen. Ich war zusammen mit
anderen Kameraden vorübergehend in einer kleinen Baracke untergebracht. Darin standen Holzbetten
ohne Matratzen. Wer konnte ahnen, dass des nachts aus allen Bretterritzen zahllose Wanzen
ausschwärmten und über uns herfielen. Am morgen hatte man viele rote Flecken, wo die Wanzen
gebissen hatten.
Kamerad G. Schmidt und die Brandmalerei
Unter den Kameraden aus der Heimat traf ich auch auf den einzigen Ohrdrufer: G. Schmidt. Er trug die
schwarze Uniform der Panzertruppe. In den Sommermonaten hatte er deshalb unter der Hitze zu leiden. Ein
Mal trafen wir uns an einem Nachmittag und setzten uns an einen der wenigen Schattenplätze. Wir
erinnerten uns, dass es der 20. oder 21. Mai sei, also Pfingsten. So drehte sich unser Gespräch bald
um das Ohrdrufer Schützenfest. Dieses fand in den Jahren vor Kriegsbeginn zu Pfingsten statt. Auf
dem Platz am Lindenhof standen Buden neben Buden und boten Glücksspiel, Zauberschauen oder
Zuckerwerk an. Jetzt kam das Gespräch natürlich auf die Thüringer Rostbratwurst und auf
ein Stutzhäuser Bier. Genüsse, die an diesem Tag für uns in unendlicher Ferne waren.
G. Schmidt war älter als ich und hatte künstlerische Ambitionen. Er hatte ein Stück
Sperrholz (13x18 cm) gefunden und mit einer Lupe und dem Sonnenlicht in das Holz ein kleines Kunstwerk gebrannt. Dieses Bild schenkte er mir. Ich brachte es mit nach
Hause und besitze diese Erinnerung noch heute.
Nachrichten an die Eltern
Trotz Genfer
Konvention und Internationalen Rotem Kreuz boten die Sowjets den Kriegsgefangenen keine
Möglichkeit, eine Nachricht nach Hause zu geben [Ed:
nicht nur die
Sowjets handelten damals so]. Immerhin war der Krieg zu Ende und in Deutschland zogen nach und nach
wieder normalere Verhältnisse ein. Post und Bahn funktionierten, wenn auch eingeschränkt.
Als im Juli/August [1945] die ersten Gefangenen aus gesundheitlichen Gründen entlassen wurden,
versuchte jeder, ihnen eine Nachricht oder eine Adresse mitzugeben. So erfuhren meine Eltern über
Willi Neuland, dass ich mich gesund in Woldenberg befinde. W. Neuland kannte ich, er war HJ-Führer
in Gotha und hatte im Krieg bereits einen Arm verloren. Als Volkssturmmann geriet er in Berlin in
Gefangenschaft. Eine weitere Nachricht erreichten meine Eltern am 9. August 1945 durch einen älteren
Mann aus Gotha. Dieser Zettel muss wie ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk an meine Mutter
(*8.8.1899) gewesen sein.
Ein dunkler, ja schwarzer Tag mit Sonnenfinsternis
Am 9. Juli 1945 gegen 13 Uhr fand eine [partielle] Sonnenfinsternis statt, die auch in Deutschland
sichtbar war. Im Lager wusste scheinbar niemand von dem Ereignis, oder man hatte kein Interesse. Gegen
Mittag stellte sich ein graues Dämmerlicht ein, die Sonne selbst war nicht sichtbar. Vielleicht war
auch hohe Bewölkung. Soweit das astronomische Ereignis.
Am selben Tag geschah etwas viel tragischeres im Lager. Offensichtlich waren zwei deutsche Gefangene von
russischen Wachen erschossen worden. Die zwei Toten lagen auf einem großen Handwagen und wurden vom
Lagertor zu einem Appellplatz geschoben. Dazu wählte ein russischer Offizier willkürlich 4
junge Gefangene aus. Mir ist es heute noch rätselhaft, wie er auch auf mich stieß.
Wahrscheinlich trifft der bekannte Satz Zur falschen Zeit am falschen Ort zu.
Am Appellplatz versammelten sich befehlsgemäß einige Kompanien und der deutsche
Lagerkommandant rief im Angesicht der toten Kameraden dazu auf, keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Die
Entlassung der Gefangenen in ihre Heimat sei nur eine Frage der Zeit. Gerade in dieser traurigen Stunde
verdunkelte sich die Sonne. Ein billiger Roman könnte dieses Ereignis nicht besser beschreiben. Aber
es war kein Roman, es war Wirklichkeit. Mich hatte der Anblick der Toten auf dem Handwagen so ergriffen,
dass ich mich von dem Appellplatz verdrückte und noch lange Zeit brauchte, um das Geschehen dieses
Tages zu verarbeiten.
Über den Vorfall wurde natürlich im Lager geredet. Viele waren der Meinung, dass keine Flucht,
sondern ein Streit mit den Bewachern während eines Arbeitseinsatzes außerhalb des Lagers der
Auslöser sei. Vielleicht ging es dabei um eine Uhr oder um einen goldenen Ring? Bewiesen war nichts.
Auch nicht, dass kein Fluchtversuch vorlag.
Das Hospital, die Sanitätsstelle des Gefangenenlagers
Wer sich krank fühlte, meldete sich in der Sanitätsstelle des Lagers. Hier wurde zunächst
Fieber gemessen und eine grobe Untersuchung vorgenommen. Wer auffällig krank war, wurde noch am
selben Tag in das Hospital verlegt. Das Hospital bestand aus Baracken in einem gesonderten Lagerteil auf
der anderen Seite der Friedeberger Chaussee. Hier waren wohl die Unterkünfte der
Wehrmachtssoldaten gewesen, die bis 1945 die polnischen Offiziere bewachten. Die Ausstattung der
Unterkünfte war wesentlich besser als im eigentlichen Gefangenenlager. Es gab kleine Stuben mit
Betten. Die Verpflegung war etwas besser, wenn auch knapp, und russische und deutsche Ärzte sowie
Sanitäter waren für die Kranken zuständig.
Als ich eines Tages starke Kopfschmerzen bekam, wusste ich aus Erfahrung, dass ich eine
Stirnhöhlenentzündung hatte. Ich meldete mich in der Sanitätsstelle. Das gemessene Fieber
bestätigte meine Vermutung. Ich konnte meine Sachen packen und wurde zusammen mit anderen Erkrankten
in das Hospital gebracht. Ein Arzt bestätigte meinen Verdacht und verordnete Schmerzmittel. Das war
ein Pulver, eingefaltet in weißes Schreibpapier. Dazu sollte ich meine Stirne oft der Sonne
aussetzen. Im Hospital gab es keinen Zählappell, und es war schön, wieder in einem Bett zu
liegen. Neben mir lag ein Franzose. Er hatte gelähmte Beine und musste zur Toilette getragen werden.
Mit Hilfe meines kleinen Taschenkalender- Wörterbuchs (Deutsch Französisch) konnte ich
ab und zu ein paar Worte wechseln, denn er verstand kein Deutsch.
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Der Tag war gekommen am 2. September 1945. Endlich gab es den so lang ersehnten Entlassungsschein.
Aber bis zur Heimat bis zur Oder war von Woldenberg noch ein gut 120 km langer
Fußmarsch zu bewältigen. (Original: 21 x 12 cm, auf dünnes Papier gestempelt).
(Repro: 2010 wolfalb) |
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Sehr lustig wurde es, als ich ihm erklären wollte, dass man den Heimweg zu Fuß also mit
Laufen bewältigen müsse. Mein Buch übersetzt:
laufen =
courir. Da
bekam der Franzose einen kleinen Lachkrampf. Es stellte sich heraus, dass
courir =
rennen bedeutet. Ich hätte
marcher =
marschieren sagen sollen.
Als es mir besser ging, rief mich der deutsche Arzt ein Berliner namens Schulz zu sich und
befragte mich nach weiteren Leiden. Da ich keine sichtbaren Schäden hatte, einigten wir uns auf
taub, gehörlos. Den Befund schrieb er auf einen Entlassungszettel und wünschte mir viel
Glück. Natürlich war der Befund maßlos übertrieben; aus einer Mücke wurde eben
ein Elefant. Wieder im großen Gefangenenlager wurden die Rückkehrer in einer separaten Baracke
untergebracht. Später erfolgte eine Untersuchung durch einen russischen Arzt oder Sanitäter.
Dieser besah sich meinen Zettel. Natürlich stellte ich mich bewusst recht ungeschickt an, wenn er
mir Anweisungen geben wollte. Es muss auf ihn Eindruck gemacht haben, denn das Ergebnis diese
Untersuchung schrieb er in eine Liste. Diese Liste ebnete etwas später den Weg zur Entlassung aus
der russischen Gefangenschaft.
Die Entlassung
Einige Tage vor den ersten Entlassungen wurden im Lager Stempelschneider-Spezialisten
gesucht. Das Ergebnis ihrer Arbeit war ein großer Stempel in kyrillischer Schrift mit denen die
Entlassungscheine angefertigt wurden. Handschriftlich trug man noch die Namen ein [Ed: offensichtlich in
russischer Schreibweise].
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I n M e m o r i a m
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Wo sind die verstorbenen Gefangenen in Woldenberg begraben worden?
Angesichts der prächtigen
Gedenkplatte für die (verstorbenen) polnischen Gefangenen des OfLag II C,
fragt sich nicht nur der Autor, wo denn in Dobiegniew oder anderswo heute der in Woldenberg 1945 in
russischer Gefangenschaft zu Tode gekommenen deutschen Wehrmachts- angehörigen erinnert
wird.
Offensichtlich ist noch nicht einmal deren Beisetzungsort bekannt. Zwar ist auch die Anzahl unbekannt,
aber angesichts der Tatsache, daß im Woldenberger Lager viele ältere Volkssturm- Männer
und arbeitsunfähige Soldaten waren, werden es nicht nur Einzelne gewesen sein.
Im Juli 2010 teilte der Volksbund Deutsche
Kriegsgräberfürsorge mit, daß die im Lager Woldenberg verstorbenen deutschen Soldaten
in Massengräbern zwischen dem Lager und dem dortigen Schießplatz beerdigt worden seien.
[ mehr]
Gestorben sind im Kriegsgefangenenlager
(  = belegende Links):
Bartz, Günter, † 17.08.1945,

Goehling, Gerhard, † 28.05.1945,

NN, nn, † 09.07.1945,

NN, nn, † 09.07.1945,

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Zu den nächsten Tagen im Gefangenenlager habe ich eine kleine Lücke in meinen Erinnerungen. Ich
erinnere mich aber, dass ich, als meine Heimkehr sicher war, überflüssige Dinge an
zurückbleibende Kameraden weitergab. So wechselte u. a. die Aluschüssel und auch mein zweites
Hemd den Besitzer.
Am Morgen des 2. September 1945 versammelten sich alle zur Entlassung vorgesehenen Gefangenen. Ein
russischer Offizier oder Feldwebel verlas die Namen. Mit Spannung wartete auch ich auf meinen Aufruf:
ALBRECHT, Wolfgang Friedrich. Ich nahm einen
Schein
in Empfang und musste in einen anderen Block wechseln. Damit wurde gesichert, dass nur Leute mit Schein
zum Abmarsch kamen. Dann wurde Brot und Kartoffelflocken verteilt, denn der Marsch würde mehrere
Tage dauern. Wahrscheinlich waren ca. 120 Km zu bewältigen.
Als die Zeremonie beendet war, traten alle noch Gefangenen wieder in Reih’ und Glied an und wir
marschierten zum letzten Mal durch das Lagertor. Welch ein Gefühl! Wir sind bald frei!
Begleitet wurde unsere Kolonne von einem russischen Offizier und
einem Soldaten. Beide saßen in einer Pferdekutsche. In der Kutsche transportierten die beiden auch
einen Nachschub an Brot für unterwegs.
Alle dachten, unser Weg würde uns auf der alten Reichsstraße 1 direkt nach Küstrin und an
die Oder führen. Aus Gründen, die mir unbekannt sind [Ed: vermutlich weil die Oderbrücken
bei Küstrin gesprengt waren], bewegte sich unsere Kolonne jedoch auf Nebenstraßen in Richtung
Nordwest durch kaum bevölkerte Dörfer. Größere Orte, die wir umgingen, müssten
Arnswalde und Pyritz (alte deutsche Bezeichnung) gewesen sein. Die Marschordnung war jetzt
aufgelöst. Jeder suchte sich sein Tempo und bemühte sich, den Anschluss nicht zu verlieren.
Nach monatelanger körperlicher Untätigkeit war es nicht einfach, wieder richtig aktiv zu
werden.
Unterwegs kam ich ins Gespräch mit einem Kameraden, der nach Stützerbach in Thüringen
wollte. Wir hatten bis Erfurt den gleichen Weg vor uns. So gingen wir ab jetzt gemeinsam. Der Kamerad
Bartholome litt unter einer ausgeheilten Verwundung, die ihn noch zu schaffen machte. Am Ende des Tages
bildeten wir oft das Ende der Kolonne. Mit gutem Zureden und der Hoffnung bald in Deutschland zu sein,
erreichten wir das Tagesziel. Da wir nie allein waren, gab es auch kaum Schwierigkeiten mit den nach hier
eingewanderten Polen. Einmal musste aber der uns begleitende Offizier eingreifen, um uns vor
Übergriffen zu schützen.
Geschlafen wurde an diesen Tagen im Freien. Das letzte Tagesziel in Polen war der Ort Bahn. Auch hier kam
ich mit Kamerad Bartholome verspätet am Lagerplatz an. Dieser befand sich unmittelbar an einem See.
Es war schon empfindlich kühl und die Dämmerung begann. Als wir ein leerstehendes Haus sahen,
suchten wir uns dort einen Schlafplatz. Im Erdgeschoss hatten sich schon andere Kameraden eingerichtet
und so stiegen wir treppauf und fanden ein leeres Zimmer. Als wir am anderen Morgen das Haus von
außen besahen, wurde uns klar, dass wir recht gefährlich genächtigt hatten. Unser
Zimmer stand freihängend über zerschossenen Wänden.
Der letzte Teil des Weges führte uns nach dem Ort Fiddichow [heute: Widuchowa, nordöstlich von
Schwedt/Oder], unmittelbar an der Oder. Der uns begleitende Offizier musste lange mit den polnischen
Soldaten verhandeln, die an dieser Stelle eine Behelfsbrücke über die Oder bewachten. Der
mittlere Teil einer Art Pontonbrücke fehlte und musste jeweils eingeschwommen werden. Als das
erreicht war, stand der russische Offizier auf dem erhöhten Oderufer und rief uns zu: Vistra!
Vistra! Da moi! (Schnell! Schnell! Nach Hause!).
Wir überquerten die Brücke und waren in Deutschland in der Heimat. Wir waren endlich
frei!!
Anmerkungen / Remarks of the Editor:
[Translation-Service]
1) 
Die hier dokumentierten Erinnerungen hat der Autor im Winter 2009/10
aufgeschrieben. Auch wenn sich der
Autor noch gut an die dramatischen Ereignisse in seiner Jugend erinnert, ist nicht auszuschließen,
daß seine Schilderung den einen oder anderen Fehler enthält.
Der Autor war ab 1944 als
Luftwaffenhelfer in einer speziellen Einheit aktiv. Diese setzte sich nur aus
funktechnisch ausgebildeten Jungen wie Radiomechanikern und Radiobastlern zusammen. Ihre Aufgabe war, auf
Flugplätzen den dortigen Soldaten zu helfen, die Funkgeräte und Ortungsgeräte der
Flugzeuge zu reparieren. Im Januar 1945 wurden diese Luftwaffenhelfer entlassen und sofort in eine
Luftnachrichten-Kompanie der Wehrmacht einberufen. Über Dresden, Potsdam und ein Dorf bei Bernau
wurde diese Kompanie in einen Wald bei Neu-Hardenberg verlegt. Ohne gründliche Ausbildung wurde dort
die Kompanie in die mörderische
Schlacht um die Seelower Höhen (ab 16. April 1945) verwickelt und
war schnell von der Roten Armee eingekreist.
2) 
Der Autor (Jahrgang 1928) lebt heute in Thüringen und ist für Anfragen und Nachfragen per
E-Mail erreichbar unter: wolfalb (at) t-online.de (das (at) muß durch @
ersetzt werden!).
3) 
NKFD =
Nationalkomitee Freies Deutschland. Das war ein im 2. Weltkrieg von
Moskau im April 1942 angeregter Zusammenschluß von Gegnern des Nationalsozialismus. Darin wirkten
ab 1943 kriegsgefangene deutsche Soldaten und Offizieren mit, aber vor allem auch kommunistische deutsche
Emigranten in der Sowjetunion wie
Wilhelm Pieck,
Walter Ulbricht
(später: Regierungschef der DDR) und
Erich Weinert. Eine
Haupttätigkeit des NKFD war die Überzeugungsarbeit an der Front mit dem Ziel,
Wehrmachtsangehörige mit Versprechungen zum ‚Überlaufen‘ bzw. zur freiwilligen
Gefangennahme zu bewegen.
[
mehr]
4) 
Some of those links point to Wikipedia articles in German. Those who like them in English should look
at the left side of the Wikipedia pages. There you‘ll find a link to the English version.
5) 
Auch die Westmächte hielten sich nach Kriegsende 1945 zunächst nicht an die
Genfer
Konvention, nach der die Angehörigen eines Kriegsgefangenen umgehend über die Tatsache der
Gefangenschaft schriftlich informiert werden müssen. Es gehörte zur psychologischen
‚Nachkriegsführung‘, die Angehörigen monatelang im Ungewissen über den
Verbleib des Ehemanns, des Vaters, des Sohnes zu belassen.
6) 
In der Nacht zum 17. April 1945 wurden in Berlin ganz hektisch auch Panzerjagdbrigaden der
Hitlerjugend, ausgestattet mit der Wunderwaffe Panzerfaust, in Stadtbusse der BVG verfrachtet
und an die wankende Front an der Oder vor allem zu den
Seelower
Höhen gebracht. Sie waren der Übermacht an T34-Panzern der Roten Armee nicht
gewachsen, was absehbar war. Die meisten mußten ihr junges Leben lassen.
7)
Einige Hinweise (Links), die interessieren könnten:
8) 
Es gibt sogar Schätzungen anderer, die von 15 bis 17.000 deutschen Gefangenen ausgehen
[
noch mehr]. Stimmen
solche Zahlen, dann müssen die Sowjets ein riesiges Logistik- Problem zu bewältigen gehabt
haben. Denn das ist mehr als die doppelte Belegung des Woldenberger Lagers wie zu OfLag-IIC-Zeiten
(19401945). Durch die Flucht der Deutschen Ende Januar 1945 war im Sommer 1945 auch die ganze
Neumark fast menschenleer. Zu dieser Zeit lebten erst wenige Polen dort. Es ist bekannt, daß es mit
der Ernte von Getreide, Kartoffeln und Grobgemüse wie Kohl und Rüben nicht sehr toll war. Denn
die Felder konnten im Frühjahr nicht ordentlich bestellt werden, und bei der Ernte fehlte es dann
auch an Arbeitern. Das macht auch verständlich, warum die Verpflegung der deutschen Gefangenen so
äußerst kärglich ausfiel. Und vermutlich stammten die Kartoffeln in der
‚Suppe‘ noch aus Woldenberger Zeiten von der Ernte im Herbst 1944, eingelagert in
Mieten auf den Feldern. Wenn Militärs agieren, haben sie noch nie an alle Folgen gedacht...
9) 
Das Woldenberger Elektrizitäts-Werk am Abfluß des Fließes aus dem See war um den 30.
Januar 1945 bei der
Eroberung Woldenbergs
durch die Rote Armee quasi zerstört worden. Es müßten also für die Lager-Beleuchtung
Stromaggregate zum Einsatz gekommen sein. Vielleicht war aber auch das Woldenberger E-Werk schon wieder
soweit notdürftig durch ‚Spezialisten‘ repariert worden, daß es den notwendigen
Strom liefern konnte.
10) 
Auf Nachfrage gibt der Autor an, daß diese Entlassungs- Kolonne aus ca. 100 Mann
bestand. Diese Kolonne wurde Anfang September 1945 von Russen bis zur Oder begleitet. Aus einem anderen
Bericht wissen wir,
daß eine solche Begleitung offensichtlich nicht immer der Fall war. Diese in Woldenberg im August
1945 freigelassenen Gefangenen sollen sich selbst bis zur Oder durchgeschlagen haben.
11) 
Als sich Wolfgang Albrecht 1975 mit seinem ‚Trabbi‘ (Trabant, das DDR-Auto) doch noch mal
nach Woldenberg (nun Dobiegniew) auf den Weg machte und er sich dem Lagergelände an der
früheren Friedeberger Chaussee näherte, hörte er ein intensives Grunzen. Die
Lager-Baracken hatten eine neue Nachnutzung erhalten: Die Schweinemast. Das erklärt nun auch die
Rinnen, die im Boden der Baracke auf dem
Foto von 2005 zu sehen sind. Das waren die Futtertröge für die Schweine.
Warum in Dobiegniew diese Schweinemast wieder aufgegeben wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls war davon
beim Besuch von Wolfgang Bredereck im Juni 2005 nichts mehr zu bemerken.
12) 
An andere Fluchtversuche aus dem Lager Woldenberg kann sich der Autor nicht erinnern. Vermutlich gab es
auch keine, denn angesichts des Kriegsendes bestand für die Gefangenen die berechtigte Aussicht auf
eine Entlassung. Deshalb wollte wohl niemand mehr ein Risiko auf sich nehmen.
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Volksbund: Versöhnung über den Gräbern Arbeit für den Frieden.
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13)

Der
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
e.V. (Kassel) teilte in seinem Schreiben am 23.7.2010 noch folgendes mit:
In unseren Karteiunterlagen für das russische Kriegsgefangenenlager Woldenberg sind 234
namentlich bekannte deutsche Soldaten verzeichnet. Die Zahl der dort tatsächlich verstorbenen
Insassen dürfte aber wesentlieh höher sein, zumal uns
Zahlen über verstorbene Zivilpersonen nicht vorliegen. (...) 14
Im Frühjahr 2000 hat unser Umbettungsdienst in Dobiegniew Exhumierungen der noch zu bergenden
Verstorbenen durchgeführt. Aus den oberirdisch nicht mehr erkennbaren Gräbern wurden die
sterblichen Überreste von 282 Toten geborgen. Diese wurden auf den neuen deutschen Soldatenfriedhof
Stare Czamowo/Neumark, bei Stettin, überführt und im Block 1 neu bestattet. (...)
Die Namen der Verstorbenen wurden auf Natursteinstelen, die am Rande des Blocks aufgestellt wurden,
verzeichnet.
Zu diesem neuen Soldatenfriedhof hält der Volksbund eine kleine Broschüre bereit, die per
E-Mail bestellt
werden kann.
Der Volksbund ist bei seiner wertvollen Arbeit für den Frieden auf Spenden angewiesen. Spendenkonto:
3 222 999, Commerzbank Kassel, BLZ 520 400 21.
14) 
Manche schätzen, daß es durchaus um die 3.000 deutsche Soldaten und Volkssturmleute gewesen
sein könnten, die 1945 im Woldenberger Lager verstorben sind.
[
weitere Schätzung]
15) 
Anfang Mai 2011 wurden zufällig die interessanten Kriegs-Erinnerungen
Als Pole bei der deutschen
Wehrmacht von Stanislaw Spiczok-Brzezinski
im Internet gefunden.
Der polnische Autor (Jg. 1927) aus Glisno wurde als 17-jähriger zur Deutschen Wehrmacht eingezogen.
Im März 1945 geriet er in russische Gefangenschaft, die ihn ins Kriegsgefangenen-Lager Woldenberg
führte. Dort diente er als Aufpasser über die immer mehr werdenden deutschen Gefangenen. Er
spricht davon, daß sogar zuletzt (Herbst 1945) rund 30.000 Gefangene im Lager gewesen sein sollen.
Die meisten von ihnen wurden dann mit der Eisenbahn nach Posen gebracht, von wo sie nach Rußland
(Sibirien) zur Zwangsarbeit deportiert wurden. Er hatte Glück und durfte nach Hause (Glisno)
gehen.
Da das so viele Deutsche waren, müßte es eigentlich einen genaueren Bericht über diesen
Transport von Woldenberg nach Sibirien irgendwo geben. Also sei auch an dieser Stelle die bereits
früher gestellte Frage wiederholt: Wo
gibt es einen Zeitzeugen-Bericht eines deutschen Soldaten, der 1945 als Kriegsgefangener von den Russen
aus dem Lager Woldenberg nach Sibirien deportiert wurde?
[
Zum Spiczok-Report]
16) 
Im Mai 2011 konnte dann mit Hilfe der Suchmaschinen von
Google (verwendete Stichworte: woldenberg + lager) noch ein
weiterer Bericht von den Zuständen im Sommer 1945 im russischen Kriegsgefangenen-Lager ausfindig
gemacht werden. Dieser schockierende Report vom Überlebenskampf eines 17-jährigen Gefangenen in
Woldenberg war in einem Buch versteckt, dessen Titel Spuren unter der Haut (ISBN:
3-8311-3742-0) überhaupt nicht darauf hindeutete, daß darin ein derartiger Bericht enthalten
sein könnte.
Das konnte nur deshalb gefunden werden, da der offensichtlich Internet-kompetente Verlag diesen Text als
Leseprobe ins Netz stellte und zudem
Suchrobotern nicht den Weg zum Volltext- Indizieren versperrte! Und so wird es einige weitere Käufer
dieses interessanten Buches zur Zeitgeschichte geben. Damit diese Schilderung in diesem Kontext aber auf
Dauer nicht verlorengeht, wurde das Kapitel inzwischen in den
Woldenberg_Dies&Das_07.html gespiegelt und durch einige Illustrationen
ergänzt.
[
Zum Bertram-Report]
17) 
Walter Stenzel spricht in seinem 1993 publizierten
Zeitzeugen-Bericht sogar von ca. 30.000 deutschen Kriegsgefangenen,
mit denen das Lager Woldenberg 1945 belegt war. Stenzel berichtet auch, daß ein Teil der
Gefangenen zu Ernteeinsätzen in der Umgebung von Woldenberg herangezogen wurde.
18) 
Es könnten schätzungsweise an die 1.000 Landser sein, die im Lager gestorben
sind und in Massengräbern am Rande des Woldenberger Geheges (nordwestlich der Friedeberger
Chaussee) vergraben worden sind, schreibt Walter Stenzel in seinem
Bericht.
Es könnte also sein, daß dort noch heute (2012) Gebeine deutscher Soldaten begraben sind,
da vom Volksbund nur 282 Tote zum neuen Friedhof bei Stettin überführt worden
sind.