Auf dem Weg nach Woldenberg
Es war warm, die Sonne schien und ich war auf dem Weg von Landsberg nach Woldenberg. Die Landschaft
war wie ich sie kannte, leicht hügelig mit Feldern, Wäldern und Wiesen, ab und zu auch ein
See. Nur die Dörfer waren anders. Sie waren menschenleer. Viele Häuser und Scheunen
waren abgebrannt. Irgendwo unterwegs kam ich an einem geplünderten Pferdewagen vorbei, die
Pferde fehlten und neben dem Wagen lagen zwei Tote. Erschossen.
Verhöre in der Nacht
Ich hatte die drei Wochen Keller mit seinem Gestank, den Läusen und den Verhören, die
immer nur nachts waren, hinter mir. Warum mich der NKWD (die russische Geheimpolizei) eingesperrt
hat, ich weiß es nicht und konnte es auch in den Verhören nicht erfahren. Ich hatte
Glück, denn ich wurde während der Verhöre nicht wie die meisten anderen
verprügelt.
Als mal einer fliehen wollte und erwischt wurde, haben sie ihn auf dem Kellergang regelrecht
erschlagen. Wir hörten ihn schreien und wimmern. Als wir das nächste mal auf den Hof
kamen, fand ich seine Jacke, die sie ihm wohl vorher ausgezogen hatten. Trotzdem der Keller sehr
eng war, wir konnten gerade sitzen, war es doch kalt und ich konnte die Jacke sehr gut
gebrauchen.
Im Lager Landsberg
Nach etwa drei Wochen kam ich mit einigen anderen in das Gefangenenlager. Eine ehemalige Kaserne in
Landsberg. Als erstes wurden uns die Haare abgeschnitten, unsere Sachen kamen in den
Entlausungsofen, wir bekamen ein Stück Seife und konnten (nach drei Wochen) warm duschen. Dies
hat sich im Lager jede Woche wiederholt. Mal waren die Läuse weg, mal waren sie wieder
da.
Die Verpflegung im Lager war erheblich besser. Jeder bekam pro Tag eine fingerdicke Scheibe Brot
und eine Hand voll Pellkartoffeln. Schlimm war nur, wir hatten in unserem Zimmer einen, der den
ganzen Tag von Schweinebraten, Kotelett und ähnlichem fantasiert hat. Das treibt einen, wenn
man Hunger hat, natürlich auf die Barrikaden.
Der Krieg ist zu Ende
In einer Nacht begann eine gewaltige Schiesserei. Wir rätselten über den Grund. Ob die
Amerikaner den Russen angegriffen haben? Ein ähnliches Gerücht geisterte schon einige
Zeit durchs Lager. Am nächsten Morgen klärte sich alles auf, als die Russen mit dem
Schrei Woina kaputt durchs Lager stürmten. Der Krieg ist zu Ende.
Aussortiert und frei
In unregelmäßigen Abständen wurden wir in andere Blocks verlegt. Die leeren Stuben
wurden von den Russen nach Messern und Dingen durchgesucht, die wir nicht haben durften. Als dies
wieder gemacht wurde, blieb hinterher ein Kasernenblock leer. Es wurden Arbeitskommandos
zusammengestellt, die in diesem Block die Fenster fast vollkommen mit Holz verschließen
mussten. Außerdem wurden in die Räume in drei Etagen Holzpritschen eingebaut.
Es wurde gemunkelt, dass in das Lager SS kommen soll und wir verlegt werden. Als wir, wie schon
oft, alle auf dem Hof antreten mussten, war es diesmal anders. Eine Gruppe Offiziere mit einer
russischen Ärztin ging die Reihen ab und sortierte Alte und offensichtlich Kranke aus. Als die
Gruppe zu mir kam, wollte die Ärztin sehen, was ich unter der Augenklappe habe. Sie sah die
leere Augenhöhle und schickte mich zu den Aussortierten. Als die Auslese abgeschlossen war,
brachte man uns zum Lagertor und erklärte, dass wir frei seien.
Von Landsberg nach Woldenberg
Mein Weg führte mich zuerst zu den Eltern meiner Stiefmutter, die in Landsberg wohnten.
In der Zeit meines Lageraufenthalts hatte sich in Landsberg so etwas wie eine polnische Verwaltung
eingerichtet. Ich ging hin und ließ mir einen Passierschein von Landsberg nach Woldenberg
ausstellen. Diese Bescheinigung war polnisch und russisch geschrieben, hatte natürlich auch
die entsprechenden Stempel und war nun der einzige Ausweis den ich hatte. Ich kam damit auch
anstandslos durch jede russische Kontrolle, später sogar bis an die Grenze zur englischen
Besatzungszone. Zum einen konnten die meisten Russen nicht lesen, sahen aber die Stempel, zum
anderen wussten sie natürlich nicht wo Landsberg und Woldenberg liegen.
So ausgestattet suchte ich meine Sachen zusammen und machte mich auf den Weg nach Woldenberg. Mein
ganzer Besitz passte in einen kleinen Beutel, den ich mit einem Gurt über die Schulter
hängen konnte.
Viele Ruinen in Friedeberg
Während in Landsberg keine Kämpfe waren und nach dem
Einmarsch der Russen in jeder Nacht immer nur vier oder fünf Häuser durch Brandstiftung
brannten, verhielt es sich in Friedeberg, durch das ich nach 25 Kilometer Fußmarsch kam,
anders. Die russischen Truppen die aus dem Netzebruch kamen, vereinigten sich in der Gegend von
Friedeberg mit den Truppen, die nördlich von Woldenberg in Richtung Westen vorstießen und
machten hier einen Kessel zu. Die Kämpfe wirkten sich natürlich auf die Zerstörung
der Stadt aus. Die Richtstraße, durch die ich kam, bestand fast nur noch aus Ruinen.
Woldenberg kommt näher
Nun kam ich durch Dörfer, die ich kannte. Lichtenow, dann Dolgen mit dem Freischützsee
[Liebsee]. Die Terrassen des Ausflugslokals am See gab es noch. Das Lokal Zum
Freischütz war eine ausgebrannte Ruine. Ich zog weiter und kam an der Försterei
Vokuhl vorbei. Hier habe ich oft meinen Schulfreund besucht. Die Türen waren aufgebrochen, im
Haus standen die Schranktüren offen und der Inhalt war auf dem Fußboden
verstreut.
Vor Woldenberg das Gefangenenlager, jetzt aber nicht mit 5.000 polnischen Offizieren belegt, sondern
man sprach von 40.000 deutschen Kriegsgefangenen.
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Blick aufs 1945 zerstörte Zentrum Woldenbergs. Das Foto ist vom Turm der Kirche am
Marktplatz aufgenommen worden. Links die Schulstraße und rechts die Kirchstraße. Oben
links an der Junkerstraße Ecke Milferstaedt Straße ist die markante Ruine des Kaufhauses
C.Bredereck zu erkennen. Auch am Hohen Tor (oben rechts) stehen nur noch Ruinen.
(Repro: 2007 bredwolf)
[Panorama von 2005]
[Einfall der Russen 1945]
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Woldenberg in Schutt und Trümmern
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Das war das Hotel Prinz von Preußen von Ernst Johann Prochnow in der
Richtstraße. Das Foto entstand in Dobiegniew um 1955.
(Repro: 2007 khd)
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Mich zog es [am 22. Mai 1945] zum Haus meiner Großeltern.
Aber was ich sah, war erschreckend. Woldenberg gab es nicht mehr. Von dem Schuttberg, der mal das
Haus meiner Großeltern war, konnte ich bis zum See sehen. Unten am See, in der Nähe der
Wasserpforte, sah ich einige wenige Häuser, die nicht abgebrannt waren. Zwischen den
Schuttbergen der Häuser an der Richtstraße, der Hauptdurchgangsstraße, stand die
Ruine des Hotels Prinz von Preußen. Der Blick zur Kirche war durch kein Haus
behindert. Hinter der ehemaligen Schule waren noch einige kleine Häuser erhalten. Der
Rest der Stadt bestand aus Schutt und Trümmern.
Wie kam es zur Zerstörung?

Im Januar [1945] konnten die russischen Panzer ungehindert von der Drage-Brücke in Hochzeit bis
nach Woldenberg durchstoßen. Am östlichen Stadtrand war die Brücke über das
Fließ zur Hälfte weggesprengt. Die Panzer konnten nicht weiter und schossen von hier aus
Woldenberg in Brand. In 4 Tagen ging Woldenberg in Flammen auf. Die Russen haben dann den
Woldenberger See nördlich umgangen und sind über Gramsfelde weiter Richtung Westen
vorgestoßen.
Einen Schatz gefunden
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Beim Rundgang des Woldenberg-Symposiums fand Gerd Kollmorgen 2013 auch das Haus an der
Nordmauer wieder, in dem er 1945 Unterschlupf fand.
(Foto: 22.6.2013 g.kollmorgen-2282) |
Ich untersuchte als erstes den Trümmerberg des Hauses [am Hohen Tor]. Vor dem Kellerfenster
der Glaserei stand noch der Betonblock, der im Krieg als Schutz gegen Bombenangriffe gebaut werden
musste. Ich schlängelte mich um den Block durch das Fenster in die Glaserei und fand dort
Werkzeug und das Glaslager. Die äußeren Glasscheiben waren braun geräuchert, aber
verwendbar. Die inneren Scheiben der Glasstapel waren unbeschädigt. Wenn man so will, hatte
ich einen Schatz gefunden. Vom Seitenhaus an der Neuen Straße standen nur Mauerreste. Ich
kam aber trotzdem in den Keller, war aber enttäuscht, dass er leer war und ich keine
Lebensmittel fand.
Ich richtete mich in einem Haus an der Wasserpforte ein. In der
Ecke des Zimmers war eine Strohschütte auf der ich gut schlafen konnte. Am nächsten
Morgen als die Kirchenglocke läutete versammelte ich mich mit den anderen Deutschen vor dem
Haus von Doktor Ludwig. Dort wurden wir von einigen Polen zur
Arbeit eingeteilt. Ich kam in eine Gruppe die einen Pferdestall ausmisten sollte. Das hat mir gar
nicht gefallen.
Ich werde Glaser
Am nächsten Morgen fragte ich den Polen, ob sie einen Glaser gebrauchen können. Unter dem
Werkzeug, das ich gefunden hatte, war auch ein Glasschneider. Der Pole war sehr erfreut, und ich
hatte eine Tätigkeit, die mir viel Freiheit ließ. Von dem Glaslager habe ich niemandem
etwas gesagt. Wenn ich irgendwo ein Fenster reparieren musste, habe ich immer gesagt, dass ich in
den unbewohnten Häusern Scheiben suchen muss, die passend waren. So konnte ich frei
herumlaufen und mir meine Arbeit einteilen.
Wenn ich bei Deutschen Fenster heil gemacht habe, bekam ich auch etwas zu essen, und so habe ich mich
durchgeschlagen. Bis ich mal mit dem deutschen Bürgermeister aneinander geraten bin. Der kam
am nächsten Morgen mit einem Polen, dem er sagte, dass der mir die Bedeutung des
Glockenläutens erklären soll, weil ich dies anscheinend nicht weiß. Der Pole fragte
nach meiner Arbeit und als ich ihm sagte, dass ich als Glaser arbeite, war er sehr erfreut.
Ein Großauftrag machte satt
Er nahm mich mit in das polnische Offizierskasino in dem sehr
viel Scheiben kaputt waren. Einen besseren Job konnte ich nicht bekommen. Die deutschen Frauen,
die dort kochten, verpflegten mich gut, und ich versuchte die Arbeit solange wie möglich zu
strecken. Als im Kasino nichts mehr zu tun war, wurde ich an den polnischen Bäcker weiter gereicht. Die Verpflegung konnte sich
natürlich mit der im Kasino nicht messen, ich bekam aber immerhin genügend Brot um satt zu
werden.
Dann wurden wir vertrieben
Plötzlich kam der Befehl, dass sich alle Deutschen auf dem Marktplatz versammeln müssen.
Unter den Versammelten traf ich Frau Hammermeister mit ihren Kindern. Hammermeisters waren Bauern
mit denen meine Großeltern befreundet waren. Ich schloss mich ihnen an und half den Handwagen
ziehen. Vor dem Einmarsch der Russen hatten Hammermeisters unter anderem auch Konserven vergraben,
die sie jetzt als Verpflegung hatten und mich mit verköstigten.
Der zusammengestellte Treck ging, unter polnischer Bewachung,
über Landsberg in Richtung Oder. Unterwegs erfuhr ich von Woldenbergern, dass Onkel Hans
Homuth und Tante Ella mit den 4 Mädchen in Luckenwalde südlich von Berlin sein sollen.
Dies war die erste Nachricht, die ich über einen Verwandten bekam.
Nördlich von Schwedt, bei Fiddichow, war eine Pontonbrücke, die noch aus der Zeit stammte,
als dort harte Kämpfe zwischen Deutschen und Russen waren. Unsere polnischen Bewacher brachten
uns bis an die Brücke. Von da an waren wir frei.
Allein weiter nach Berlin
Hier habe ich mich vom Treck getrennt und machte mich allein auf den Weg. Mein Ziel war jetzt
Luckenwalde. An der westlichen Oderseite war ein Streifen von etwa 5 Kilometern Breite regelrecht
umgepflügt. Dazwischen immer wieder tiefe große Granattrichter. In einem Wald, der von
der Oder aus am Horizont sichtbar war, kam ich auf eine Straße und machte mich auf den Weg
Richtung Berlin.
Die Dörfer, durch die ich jetzt kam, waren anders, sie waren bewohnt und ich bekam von den
Leuten auch schon mal etwas zu essen. Dann waren am Straßenrand auch noch Apfelbäume.
Die Äpfel waren zwar noch nicht reif, aber zur Not schon essbar. Von Angermünde fuhr
schon ein Zug bis zum Stettiner Bahnhof in Berlin. Um nach Luckenwalde zu kommen, musste ich vom
Norden Berlins bis zum Süden. Für die Strecke habe ich fast einen ganzen Tag gebraucht.
Straßenbahnen fuhren in der Trümmerlandschaft noch nicht. Ab und zu sah ich Kolonnen von
Trümmerfrauen, die aus den Ruinen noch brauchbare Steine sammelten und
aufschichteten.
Suche nach Verwandten
Aus einem Vorort im Süden Berlins fuhr dann ein Zug nach Luckenwalde. Wer Glück hatte
fand einen Platz im Wagen, die anderen suchten einen Platz auf dem Dach, den Puffern oder auf den
Trittbrettern. In Luckenwalde fand ich auch das Haus in dem Onkel Hans mit Familie bis vor kurzem
untergekommen war. Ich erfuhr, dass sie vor einigen Tagen weiter gezogen sind und jetzt in
Eberswalde, nördlich von Berlin sind. Für mich hieß es, die gleiche Strecke wieder
zurück, in Richtung Norden, denn an Eberswalde war ich schon vorbeigekommen.
Weiter geht’s ins Mecklenburgische
Als ich Onkel Hans fand, waren sie im Aufbruch und wollten weiter in Richtung Mecklenburg. Wenn man
in der Zeit als Flüchtling irgendwo bleiben wollte, musste man eine Einweisung vom
zuständigen Bürgermeister bekommen. So zogen wir mit unserem Handwagen über
Rheinsberg, Röbel, Waren bis nach Plau. Dort bekamen wir eine Einweisung in das Dorf
Lalchow.
Als Unterkunft wurde uns ein großer Raum im ehemaligen Gutshaus zugewiesen. Onkel Hans machte
für sich und seine Familie ein durch Bretter abgeteiltes Quadrat, in das er Stroh zum Schlafen
schüttete. Mein Bekannter, mit dem ich seit Berlin zusammen war, und ich teilten uns eine
Nische ab, in der wir schliefen. Unsere Verpflegung bestand aus Kartoffeln, die wir aus den Mieten
auf den Feldern holten.
Arbeit auf einem Bauernhof
Nach nicht allzu langer Zeit fand ich in einem Nachbardorf die Möglichkeit auf einem Bauernhof
zu arbeiten. Die beiden Frauen, Mutter und Tochter, waren allein, weil der Bauer noch in
Gefangenschaft war. Sie waren sehr froh, dass sie nun ein männliche Hilfe hatten. Für
mich war es eine gewaltiger sozialer Aufstieg. Ich hatte ein Zimmer für mich allein, ein Bett
und die Verpflegung bestand auch nicht mehr nur aus Kartoffeln. In der Scheune fand ich eine dicke
wattierte Tarnjacke der ehemaligen Wehrmacht. Eine Seite weiß, die andere Tarnfarben bunt.
Dadurch konnte ich meine Garderobe gut aufrüsten.
Nach dem Westen
Im Oktober [1945] hieß es, wer Verwandte im Westen hat, soll sich beim Bürgermeister
melden. Von Onkel Hans hatte ich erfahren, dass meine Mutter mit Hedda im Januar nach der Flucht
von Anklam, wo die Evakurierungszüge aus Woldenberg hingingen, nach Wesendorf weitergefahren
ist. Mein Vater war als Soldat zuletzt auf dem Flugplatz in Wesendorf. Wo Wesendorf liegt wusste ich nicht, nur es liegt im Westen.
Ich meldete mich also für einen Transport nach Westen. Nach Halberstadt, dort hatte mein
Großvater Verwandte. Das Halberstadt noch in der russischen Zone liegt, wusste ich nicht, der
Bürgermeister aber auch nicht. Anfang November bekam ich die Nachricht, dass ich am
nächsten Morgen in Plau auf dem Bahnhof sein muss, weil dann der Transport in den Westen geht.
Wir warteten den ganzen Tag.
Auf eigene Faust gen Westen
Am Abend hieß es dann die Engländer hätten den Zug nicht durchgelassen und wir
bekommen erneut Bescheid, wann ein Transport geht. Im Laufe des Tages hatte ich einen
Einzelgänger wie mich kennen gelernt. Wir beratschlagten und beschlossen, uns
allein auf den Weg zu machen. Wir marschierten los, immer die Bahnstrecke lang. Am nächsten
Morgen waren wir in Wittstock. Von dort fuhren wir mit einem Zug bis Salzwedel. Der Bahnhof war
voller Flüchtlinge, die alle über die Grenze in die englische Besatzungszone
wollten.
Ich schloss mich einer Gruppe an, denen bekannt war, dass die Russen bei Arendsee die Grenze immer
mal aufmachen, um Flüchtlinge in den Westen zu lassen. Auf der anderen Grenzseite wurden wir
von den Engländer empfangen, im Saal einer Gastwirtschaft untergebracht und verpflegt. Im
Laufe des Tages wurden wir mit Lkws nach Uelzen in ein Auffanglager gebracht.
Und dann ging’s ins Friesische
Die Unterkünfte bestanden aus zeltartigen kleinen Gebäuden. Auf dem Boden war eine
Strohschicht, und die Wände waren aus Sperrholz. Es war November und nachts schon sehr kalt.
Meine dicke Tarnjacke leistete mir hier gute Dienste. Ich band nachts die Ärmel zusammen,
knöpfte den Kragen so weit wie möglich zu und zog dann die Jacke wie einen Schlafsack
über die Beine. Sie reichte bis an die Brust, und so habe ich die Nächte
einigermaßen gut überstanden.
Mit einem Transport kam ich nach Ostfriesland und wurde einem Bauern zugewiesen. Hier ging es mir
eigentlich recht gut. Sehr glücklich war ich über das Weihnachtsgeschenk, das ich von der
Frau des Bauern bekam. Es waren ein Paar handgestrickte Schafwollsocken. Von Ostfriesland aus habe
ich eine Karte an den Bürgermeister in Wesendorf ich wusste aber immer noch nicht, wo es
liegt geschrieben. Ich bat um Auskunft, ob meine Eltern in Wesendorf gemeldet sind.
Endlich die Eltern gefunden
Ende Januar bekam ich dann die Nachricht, dass sich mein Vater nach Höfer im Kreis Celle
abgemeldet hat. Nun gab es für mich kein halten mehr. Ich fuhr los und kam dann auch
wohlbehalten bei meinen Eltern an. Die Freude war selbstverständlich groß. Am
nächsten Tag gingen wir nach Beedenbostel. Dort waren meine Großeltern mit Tante Else,
Dieter und Rainer gelandet. Nach fast einem Jahr habe ich also in Höfer meine Eltern
gefunden.
Besonders mein Vater war sehr glücklich und nahm mich unter seine Fittiche. Er ging mit mir
zum Bürgermeister und meldete mich an. Denn ich musste Lebensmittel-Karten bekommen. Dann
besorgte er für mich einen Bezugsschein für Schuhe. Meine alten waren natürlich nach
den langen Märschen restlos hinüber. Ich bekam also neue Schuhe. Die bestanden aus
Holzsohlen, wie Holzpantoffel und einem Obermaterial aus Kunstleder.
Schwieriges Eingewöhnen
Jetzt musste ich mich in ein normales Familienleben eingewöhnen. In dem Jahr meiner
Wanderschaft war ich es gewöhnt meine Entscheidungen, angepasst an die jeweiligen
Notwendigkeiten, selbst zu treffen. Jetzt war es notwendig, mich in das Leben einer Familie
einzuordnen. Das war nicht einfach bei zwei kleinen Zimmern für vier Personen. Oft habe ich
mit mir gerungen, ob ich in Höfer bleiben oder wieder allein weiterziehen soll. Letztendlich
setzte sich aber die Vernunft durch und ich blieb.
[Editor:
Unklar bleibt, wie und warum Gerd Kollmorgen im Frühjahr
1945 als fast 16-Jähriger in russische Gefangenschaft geriet. Bekannt ist aber, daß er
dem schönen Metier seiner Vorfahren treu blieb und auch Fotograf wurde.]
Anmerkungen / Remarks of the Editor:
[Translation-Service]
HINWEIS; Mit einem Klick auf die kleinen roten Dreiecke (Backlinks) hinter der Nummer finden
Sie heraus, wo diese Anmerkung im Bericht anknüpft was so nur im Internet
möglich ist.
1) 
Die hier dokumentierten Erinnerungen hat der Autor 2004/05 für sein Enkelkind zu seinem 16.
Geburtstag aufgeschrieben. Auch wenn sich der Autor noch gut an die dramatischen Ereignisse in
seiner Jugend erinnert, ist nicht auszuschließen, daß seine Schilderung den einen oder
anderen Fehler enthält.
2) 
Der Autor (Jahrgang 1929) lebt heute in Niedersachsen und ist für Anfragen und Nachfragen per
E-Mail erreichbar unter: Kollmorgen-Koenigslutter (at) t-online.de (das (at)
muß durch @ ersetzt werden!).
3)
Einige weitere Hinweise (Links), die interessieren könnten:
4) 
Keine Kämpfe in Landsberg an der Warthe: Das lag daran, daß sich der Befehlshaber der
sogenannten Division Woldenberg, Generalmajor Gerhard Kegler, Ende Januar 1945 strikt
weigerte, um Landsberg noch zu kämpfen.
[
mehr]
5) 
Dieses Datum seiner Ankunft in Woldenberg teilte Gerd Kollmorgen in der Begleit-Mail bei der
Manuskript- Einreichung mit.
6) 
Einen ausführlichen Bericht über die Einnahme und Zerstörung Woldenbergs gibt es auf
der Seite
Einfall der Russen
1945 auf diesem Portal.
7) 
Damit ist vor allem Woldenbergs Altstadt zwischen Fließ und Hohem Tor gemeint. Denn im
Bahnhofsviertel Woldenbergs blieben viele Gebäude unzerstört. Sie existieren noch heute
in Dobiegniew.
[
Bahnhofsviertel]
8) 
Das Haus von Doktor Ludwig befand sich an der Bismarckstraße. In diesem unzerstörten
Gebäude hatten die Polen im Frühjahr 1945 zunächst ihre Verwaltung mit
Bürgermeister untergebracht.
9) 
Der Autor teilte am 3.3.2013 auf Anfrage mit: Das polnische Offizierskasino war in einem Haus
Friedeberger Straße / Bahnhofstraße. In Richtung Bahnhof auf der linken
Seite.
10) 
Wo damals dieser polnische Bäcker war, weiß der Autor nicht mehr sicher. Es spricht aber
vieles dafür, daß es der Bäcker in der unteren Schulstraße dicht bei der
Kirche war, wo der hohe Schornstein steht.
[
Foto aus den 1950er-Jahren]
11) 
Dieser Treck der Woldenberger startete am 1. Juli 1945 auf dem Woldenberger Marktplatz und
führte in 7 Tagen über Landsberg nach Fiddichow an der Oder. Ernst Prochnow berichtet in
seinen
Tagebuch-Aufzeichnungen recht ausführlich vom Verlauf dieser Vertreibung.
Dort findet sich auch eine
Karte mit dem genauen Weg, den der Treck die 140 km bis zur Oder nahm.
12) 
Der Ort Wesendorf liegt in Niedersachsen, etwas nördlich der Stadt Gifhorn. Niedersachsen
gehörte nach dem II. Weltkrieg zur britischen Besatzungszone.
13) 
40.000 Gefangene: Das könnte die Gesamtzahl der 1945 im Woldenberger Lager eingesperrten
deutschen Kriegsgefangenen gewesen sein. Die Sowjets nutzten dieses Lager als Durchgangslager. Von
hier wurde der größte Teil der Gefangenen in regelmäßigen Transporten per
Eisenbahn über Posen nach Sibirien zur Zwangsarbeit gebracht, andere wurden entlassen. Das
Lager wurde im Herbst 1945 geschlossen.
[
Bericht über das Leben im Lager]
14) 
Dieses Haus an der Wasserpforte könnte an der Nordmauer gewesen sein. Dort sind bis heute
viele Gebäude erhalten geblieben, wie auf dieser
Galerie-Seite zu besichtigen
ist.
15) 
Dazu teilte der Autor am 3.3.2013 auf Anfrage noch folgendes mit:
1944 habe ich in Landsberg begonnen, Fotograf zu lernen. Gewohnt habe ich bei den Eltern der
zweiten Frau meines Vaters. Im Gegensatz zu Woldenberg wurde Landsberg nicht evakuiert. Erst am
30. Januar 1945 durften Frauen mit kleinen Kindern Landsberg verlassen. In der Nacht vom 30. zum
31. Januar wurde Landsberg von den russischen Truppen besetzt. Zunächst bestand die Besetzung
nur aus den Fronttruppen, die auf der Hauptstrasse mit ihren Panjewagen in Richtung Küstrin
durch die Stadt zogen. In der übrigen Stadt war von Russen nichts zu bemerken.
Die Bevölkerung begann nun die Geschäfte zu plündern und sich mit Lebensmitteln
einzudecken. Nachdem sich die Lage hinter der Front beruhigt hatte, konnte ich in einem russischen
Lazarett arbeiten und etwas zum Essen bekommen. Eines Tages schickte mich ein Offizier etwas zu
holen (er sprach gut Deutsch) und brachte mich zum Tor des Lazaretts. Hinter einer Hausecke standen
zwei Russen die mich in die Mitte nahmen. Ich wurde zu zwei einzeln stehenden Häusern
gebracht, in denen die politische Polizei der Russen residierte.
Den Grund meiner Verhaftung konnte ich auch in den Verhören nicht erfahren. Nur eine Frage
ging mal in die Richtung, ob ich in der Hitlerjugend war. Die beantwortete ich natürlich
damit, dass jeder in der Hitlerjugend sein musste. Damit gab sich der Offizier zufrieden. Nach der
Zeit im Keller und Lager machte ich mich auf den Weg nach Hause. Was ich vorfinden würde,
konnte ich mir nicht vorstellen.
16) 
Das muß also am 8. oder 9. Mai 1945 gewesen sein. Ernst Prochnow berichtet über eine
Siegesfeier in Woldenberg am
9. Mai, die in Ziebarths Garten stattfand.