Woldenberg (Neumark)   —  Erinnerungen von Gerd Kollmorgen khd
Stand:  6.7.2013   (34. Ed.)  –  File: WBG/Reports/Wbg_Gerd_Kollmorgen.html


Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
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freien Enzyklopädie.
 
Auf dieser Seite werden die Erinnerungen von Gerd Kollmorgen an das Jahr 1945 erstmals publiziert, die er für seinen 16-jährigen Enkel aufgeschrieben hat. Gerd Kollmorgen ist der Sohn des Woldenberger Photographen Martin Kollmorgen, der sein Atelier am Hohen Tor 4 hatte. Sein Großvater Rudolf Karl Kollmorgen betrieb dort eine Glaserei.

In dem Text wurden einige Anmerkungen [Ed: ...], Links und die Zwischentitel ergänzt sowie zu den zugefügten Abbildungen ausführliche Bildlegenden redaktionell hinzugefügt. Mit * sind belegende bzw. weiterführende Links angegeben. [Translation-Service]

1945 — Erinnerungen an das Jahr 1945


Ich denke zurück an das Jahr als
ich 16 Jahre alt wurde 
1

VON

  GERD KOLLMORGEN 2
(Jg. 1929)

  Mit 2 Abbildungen und Links 3

I n h a l t :



Im Internet ist dieses Dokument (Web-Seite) zu finden unter: http://www.woldenberg-neumark.eu/Reports/Wbg_Gerd_Kollmorgen.html



Auf dem Weg nach Woldenberg

      Es war warm, die Sonne schien und ich war auf dem Weg von Landsberg nach Woldenberg. Die Landschaft war wie ich sie kannte, leicht hügelig mit Feldern, Wäldern und Wiesen, ab und zu auch ein See. Nur die Dörfer waren anders. Sie waren menschenleer. Viele Häuser und Scheunen waren abgebrannt. Irgendwo unterwegs kam ich an einem geplünderten Pferdewagen vorbei, die Pferde fehlten und neben dem Wagen lagen zwei Tote. Erschossen.

Verhöre in der Nacht

      Ich hatte die drei Wochen Keller mit seinem Gestank, den Läusen und den Verhören, die immer nur nachts waren, hinter mir. Warum mich der NKWD (die russische Geheimpolizei) eingesperrt hat, ich weiß es nicht und konnte es auch in den Verhören nicht erfahren. Ich hatte Glück, denn ich wurde während der Verhöre nicht wie die meisten anderen verprügelt.

      Als mal einer fliehen wollte und erwischt wurde, haben sie ihn auf dem Kellergang regelrecht erschlagen. Wir hörten ihn schreien und wimmern. Als wir das nächste mal auf den Hof kamen, fand ich seine Jacke, die sie ihm wohl vorher ausgezogen hatten. Trotzdem der Keller sehr eng war, wir konnten gerade sitzen, war es doch kalt und ich konnte die Jacke sehr gut gebrauchen.

Im Lager Landsberg

      Nach etwa drei Wochen kam ich mit einigen anderen in das Gefangenenlager. Eine ehemalige Kaserne in Landsberg. Als erstes wurden uns die Haare abgeschnitten, unsere Sachen kamen in den Entlausungsofen, wir bekamen ein Stück Seife und konnten (nach drei Wochen) warm duschen. Dies hat sich im Lager jede Woche wiederholt. Mal waren die Läuse weg, mal waren sie wieder da.

      Die Verpflegung im Lager war erheblich besser. Jeder bekam pro Tag eine fingerdicke Scheibe Brot und eine Hand voll Pellkartoffeln. Schlimm war nur, wir hatten in unserem Zimmer einen, der den ganzen Tag von Schweinebraten, Kotelett und ähnlichem fantasiert hat. Das treibt einen, wenn man Hunger hat, natürlich auf die Barrikaden.

Der Krieg ist zu Ende

      In einer Nacht begann eine gewaltige Schiesserei. Wir rätselten über den Grund. Ob die Amerikaner den Russen angegriffen haben? Ein ähnliches Gerücht geisterte schon einige
Zeit durchs Lager. Am nächsten Morgen klärte sich alles auf, als die Russen mit dem Schrei „Woina kaputt“ durchs Lager stürmten. Der Krieg ist zu Ende.

Aussortiert und frei

      In unregelmäßigen Abständen wurden wir in andere Blocks verlegt. Die leeren Stuben wurden von den Russen nach Messern und Dingen durchgesucht, die wir nicht haben durften. Als dies wieder gemacht wurde, blieb hinterher ein Kasernenblock leer. Es wurden Arbeitskommandos zusammengestellt, die in diesem Block die Fenster fast vollkommen mit Holz verschließen mussten. Außerdem wurden in die Räume in drei Etagen Holzpritschen eingebaut.

      Es wurde gemunkelt, dass in das Lager SS kommen soll und wir verlegt werden. Als wir, wie schon oft, alle auf dem Hof antreten mussten, war es diesmal anders. Eine Gruppe Offiziere mit einer russischen Ärztin ging die Reihen ab und sortierte Alte und offensichtlich Kranke aus. Als die Gruppe zu mir kam, wollte die Ärztin sehen, was ich unter der Augenklappe habe. Sie sah die leere Augenhöhle und schickte mich zu den Aussortierten. Als die Auslese abgeschlossen war, brachte man uns zum Lagertor und erklärte, dass wir frei seien.

Von Landsberg nach Woldenberg

      Mein Weg führte mich zuerst zu den Eltern meiner Stiefmutter, die in Landsberg wohnten.

      In der Zeit meines Lageraufenthalts hatte sich in Landsberg so etwas wie eine polnische Verwaltung eingerichtet. Ich ging hin und ließ mir einen Passierschein von Landsberg nach Woldenberg ausstellen. Diese Bescheinigung war polnisch und russisch geschrieben, hatte natürlich auch die entsprechenden Stempel und war nun der einzige Ausweis den ich hatte. Ich kam damit auch anstandslos durch jede russische Kontrolle, später sogar bis an die Grenze zur englischen Besatzungszone. Zum einen konnten die meisten Russen nicht lesen, sahen aber die Stempel, zum anderen wussten sie natürlich nicht wo Landsberg und Woldenberg liegen.

      So ausgestattet suchte ich meine Sachen zusammen und machte mich auf den Weg nach Woldenberg. Mein ganzer Besitz passte in einen kleinen Beutel, den ich mit einem Gurt über die Schulter hängen konnte.

Viele Ruinen in Friedeberg

      Während in Landsberg keine Kämpfe waren und nach dem Einmarsch der Russen in jeder Nacht immer nur vier oder fünf Häuser durch Brandstiftung brannten, verhielt es sich in Friedeberg, durch das ich nach 25 Kilometer Fußmarsch kam, anders. Die russischen Truppen die aus dem Netzebruch kamen, vereinigten sich in der Gegend von Friedeberg mit den Truppen, die nördlich von Woldenberg in Richtung Westen vorstießen und machten hier einen Kessel zu. Die Kämpfe wirkten sich natürlich auf die Zerstörung der Stadt aus. Die Richtstraße, durch die ich kam, bestand fast nur noch aus Ruinen.

Woldenberg kommt näher

      Nun kam ich durch Dörfer, die ich kannte. Lichtenow, dann Dolgen mit dem Freischützsee [Liebsee]. Die Terrassen des Ausflugslokals am See gab es noch. Das Lokal „Zum Freischütz“ war eine ausgebrannte Ruine. Ich zog weiter und kam an der Försterei Vokuhl vorbei. Hier habe ich oft meinen Schulfreund besucht. Die Türen waren aufgebrochen, im Haus standen die Schranktüren offen und der Inhalt war auf dem Fußboden verstreut.

      Vor Woldenberg das Gefangenenlager, jetzt aber nicht mit 5.000 polnischen Offizieren belegt, sondern man sprach von 40.000 deutschen Kriegsgefangenen.


Woldenberg -- 1945 zerstört
^   Blick aufs 1945 zerstörte Zentrum Woldenbergs. Das Foto ist vom Turm der Kirche am Marktplatz aufgenommen worden. Links die Schulstraße und rechts die Kirchstraße. Oben links an der Junkerstraße Ecke Milferstaedt Straße ist die markante Ruine des Kaufhauses C.Bredereck zu erkennen. Auch am Hohen Tor (oben rechts) stehen nur noch Ruinen.   (Repro: 2007 – bredwolf)   [Panorama von 2005]   [Einfall der Russen 1945]




Woldenberg in Schutt und Trümmern

  Dobiegniew -- Früheres Hotel Prochnow, Richtstraße 47
^   Das war das Hotel „Prinz von Preußen“ von Ernst Johann Prochnow in der Richtstraße. Das Foto entstand in Dobiegniew um 1955.   (Repro: 2007 – khd)
      Mich zog es [am 22. Mai 1945] zum Haus meiner Großeltern. Aber was ich sah, war erschreckend. Woldenberg gab es nicht mehr. Von dem Schuttberg, der mal das Haus meiner Großeltern war, konnte ich bis zum See sehen. Unten am See, in der Nähe der Wasserpforte, sah ich einige wenige Häuser, die nicht abgebrannt waren. Zwischen den Schuttbergen der Häuser an der Richtstraße, der Hauptdurchgangsstraße, stand die Ruine des Hotels „Prinz von Preußen“. Der Blick zur Kirche war durch kein Haus behindert. Hinter der ehemaligen Schule waren noch einige kleine Häuser erhalten. Der Rest der Stadt bestand aus Schutt und Trümmern.

Wie kam es zur Zerstörung?   *

      Im Januar [1945] konnten die russischen Panzer ungehindert von der Drage-Brücke in Hochzeit bis nach Woldenberg durchstoßen. Am östlichen Stadtrand war die Brücke über das Fließ zur Hälfte weggesprengt. Die Panzer konnten nicht weiter und schossen von hier aus Woldenberg in Brand. In 4 Tagen ging Woldenberg in Flammen auf. Die Russen haben dann den Woldenberger See nördlich umgangen und sind über Gramsfelde weiter Richtung Westen vorgestoßen.

Einen Schatz gefunden

    Wbg-Symposium -- Haus an der Nordmauer 2013
^   Beim Rundgang des Woldenberg-Symposiums fand Gerd Kollmorgen 2013 auch das Haus an der Nordmauer wieder, in dem er 1945 Unterschlupf fand.   (Foto: 22.6.2013 – g.kollmorgen-2282)
      Ich untersuchte als erstes den Trümmerberg des Hauses [am Hohen Tor]. Vor dem Kellerfenster der Glaserei stand noch der Betonblock, der im Krieg als Schutz gegen Bombenangriffe gebaut werden musste. Ich schlängelte mich um den Block durch das Fenster in die Glaserei und fand dort Werkzeug und das Glaslager. Die äußeren Glasscheiben waren braun geräuchert, aber verwendbar. Die inneren Scheiben der Glasstapel waren unbeschädigt. Wenn man so will, hatte ich einen Schatz gefunden. Vom Seitenhaus an der Neuen Straße standen nur Mauerreste. Ich kam aber trotzdem in den Keller, war aber enttäuscht, dass er leer war und ich keine Lebensmittel fand.

      Ich richtete mich in einem Haus an der Wasserpforte ein. In der Ecke des Zimmers war eine Strohschütte auf der ich gut schlafen konnte. Am nächsten Morgen als die Kirchenglocke läutete versammelte ich mich mit den anderen Deutschen vor dem Haus von Doktor Ludwig. Dort wurden wir von einigen Polen zur Arbeit eingeteilt. Ich kam in eine Gruppe die einen Pferdestall ausmisten sollte. Das hat mir gar nicht gefallen.

Ich werde Glaser

      Am nächsten Morgen fragte ich den Polen, ob sie einen Glaser gebrauchen können. Unter dem Werkzeug, das ich gefunden hatte, war auch ein Glasschneider. Der Pole war sehr erfreut, und ich hatte eine Tätigkeit, die mir viel Freiheit ließ. Von dem Glaslager habe ich niemandem etwas gesagt. Wenn ich irgendwo ein Fenster reparieren musste, habe ich immer gesagt, dass ich in den unbewohnten Häusern Scheiben suchen muss, die passend waren. So konnte ich frei herumlaufen und mir meine Arbeit einteilen.

      Wenn ich bei Deutschen Fenster heil gemacht habe, bekam ich auch etwas zu essen, und so habe ich mich durchgeschlagen. Bis ich mal mit dem deutschen Bürgermeister aneinander geraten bin. Der kam am nächsten Morgen mit einem Polen, dem er sagte, dass der mir die Bedeutung des Glockenläutens erklären soll, weil ich dies anscheinend nicht weiß. Der Pole fragte nach meiner Arbeit und als ich ihm sagte, dass ich als Glaser arbeite, war er sehr erfreut.

Ein Großauftrag machte satt

      Er nahm mich mit in das polnische Offizierskasino in dem sehr viel Scheiben kaputt waren. Einen besseren Job konnte ich nicht bekommen. Die deutschen Frauen, die dort kochten, verpflegten mich gut, und ich versuchte die Arbeit solange wie möglich zu strecken. Als im Kasino nichts mehr zu tun war, wurde ich an den polnischen Bäcker weiter gereicht. Die Verpflegung konnte sich natürlich mit der im Kasino nicht messen, ich bekam aber immerhin genügend Brot um satt zu werden.

Dann wurden wir vertrieben

      Plötzlich kam der Befehl, dass sich alle Deutschen auf dem Marktplatz versammeln müssen. Unter den Versammelten traf ich Frau Hammermeister mit ihren Kindern. Hammermeisters waren Bauern mit denen meine Großeltern befreundet waren. Ich schloss mich ihnen an und half den Handwagen ziehen. Vor dem Einmarsch der Russen hatten Hammermeisters unter anderem auch Konserven vergraben, die sie jetzt als Verpflegung hatten und mich mit verköstigten.

      Der zusammengestellte Treck ging, unter polnischer Bewachung, über Landsberg in Richtung Oder. Unterwegs erfuhr ich von Woldenbergern, dass Onkel Hans Homuth und Tante Ella mit den 4 Mädchen in Luckenwalde südlich von Berlin sein sollen. Dies war die erste Nachricht, die ich über einen Verwandten bekam.

      Nördlich von Schwedt, bei Fiddichow, war eine Pontonbrücke, die noch aus der Zeit stammte, als dort harte Kämpfe zwischen Deutschen und Russen waren. Unsere polnischen Bewacher brachten uns bis an die Brücke. Von da an waren wir frei.

Allein weiter nach Berlin

      Hier habe ich mich vom Treck getrennt und machte mich allein auf den Weg. Mein Ziel war jetzt Luckenwalde. An der westlichen Oderseite war ein Streifen von etwa 5 Kilometern Breite regelrecht umgepflügt. Dazwischen immer wieder tiefe große Granattrichter. In einem Wald, der von der Oder aus am Horizont sichtbar war, kam ich auf eine Straße und machte mich auf den Weg Richtung Berlin.

      Die Dörfer, durch die ich jetzt kam, waren anders, sie waren bewohnt und ich bekam von den Leuten auch schon mal etwas zu essen. Dann waren am Straßenrand auch noch Apfelbäume. Die Äpfel waren zwar noch nicht reif, aber zur Not schon essbar. Von Angermünde fuhr schon ein Zug bis zum Stettiner Bahnhof in Berlin. Um nach Luckenwalde zu kommen, musste ich vom Norden Berlins bis zum Süden. Für die Strecke habe ich fast einen ganzen Tag gebraucht. Straßenbahnen fuhren in der Trümmerlandschaft noch nicht. Ab und zu sah ich Kolonnen von „Trümmerfrauen“, die aus den Ruinen noch brauchbare Steine sammelten und aufschichteten.

Suche nach Verwandten

      Aus einem Vorort im Süden Berlins fuhr dann ein Zug nach Luckenwalde. Wer Glück hatte fand einen Platz im Wagen, die anderen suchten einen Platz auf dem Dach, den Puffern oder auf den Trittbrettern. In Luckenwalde fand ich auch das Haus in dem Onkel Hans mit Familie bis vor kurzem untergekommen war. Ich erfuhr, dass sie vor einigen Tagen weiter gezogen sind und jetzt in Eberswalde, nördlich von Berlin sind. Für mich hieß es, die gleiche Strecke wieder zurück, in Richtung Norden, denn an Eberswalde war ich schon vorbeigekommen.

Weiter geht’s ins Mecklenburgische

      Als ich Onkel Hans fand, waren sie im Aufbruch und wollten weiter in Richtung Mecklenburg. Wenn man in der Zeit als Flüchtling irgendwo bleiben wollte, musste man eine Einweisung vom zuständigen Bürgermeister bekommen. So zogen wir mit unserem Handwagen über Rheinsberg, Röbel, Waren bis nach Plau. Dort bekamen wir eine Einweisung in das Dorf Lalchow.

      Als Unterkunft wurde uns ein großer Raum im ehemaligen Gutshaus zugewiesen. Onkel Hans machte für sich und seine Familie ein durch Bretter abgeteiltes Quadrat, in das er Stroh zum Schlafen schüttete. Mein Bekannter, mit dem ich seit Berlin zusammen war, und ich teilten uns eine Nische ab, in der wir schliefen. Unsere Verpflegung bestand aus Kartoffeln, die wir aus den Mieten auf den Feldern holten.

Arbeit auf einem Bauernhof

      Nach nicht allzu langer Zeit fand ich in einem Nachbardorf die Möglichkeit auf einem Bauernhof zu arbeiten. Die beiden Frauen, Mutter und Tochter, waren allein, weil der Bauer noch in Gefangenschaft war. Sie waren sehr froh, dass sie nun ein männliche Hilfe hatten. Für mich war es eine gewaltiger sozialer Aufstieg. Ich hatte ein Zimmer für mich allein, ein Bett und die Verpflegung bestand auch nicht mehr nur aus Kartoffeln. In der Scheune fand ich eine dicke wattierte Tarnjacke der ehemaligen Wehrmacht. Eine Seite weiß, die andere Tarnfarben bunt. Dadurch konnte ich meine Garderobe gut aufrüsten.

Nach dem Westen

      Im Oktober [1945] hieß es, wer Verwandte im Westen hat, soll sich beim Bürgermeister
melden. Von Onkel Hans hatte ich erfahren, dass meine Mutter mit Hedda im Januar nach der Flucht von Anklam, wo die Evakurierungszüge aus Woldenberg hingingen, nach Wesendorf weitergefahren ist. Mein Vater war als Soldat zuletzt auf dem Flugplatz in Wesendorf. Wo Wesendorf liegt wusste ich nicht, nur es liegt im Westen.

      Ich meldete mich also für einen Transport nach Westen. Nach Halberstadt, dort hatte mein Großvater Verwandte. Das Halberstadt noch in der russischen Zone liegt, wusste ich nicht, der Bürgermeister aber auch nicht. Anfang November bekam ich die Nachricht, dass ich am nächsten Morgen in Plau auf dem Bahnhof sein muss, weil dann der Transport in den Westen geht. Wir warteten den ganzen Tag.

Auf eigene Faust gen Westen

      Am Abend hieß es dann die Engländer hätten den Zug nicht durchgelassen und wir bekommen erneut Bescheid, wann ein Transport geht. Im Laufe des Tages hatte ich einen Einzelgänger — wie mich — kennen gelernt. Wir beratschlagten und beschlossen, uns allein auf den Weg zu machen. Wir marschierten los, immer die Bahnstrecke lang. Am nächsten Morgen waren wir in Wittstock. Von dort fuhren wir mit einem Zug bis Salzwedel. Der Bahnhof war voller Flüchtlinge, die alle über die Grenze in die englische Besatzungszone wollten.

      Ich schloss mich einer Gruppe an, denen bekannt war, dass die Russen bei Arendsee die Grenze immer mal aufmachen, um Flüchtlinge in den Westen zu lassen. Auf der anderen Grenzseite wurden wir von den Engländer empfangen, im Saal einer Gastwirtschaft untergebracht und verpflegt. Im Laufe des Tages wurden wir mit Lkws nach Uelzen in ein Auffanglager gebracht.

Und dann ging’s ins Friesische

      Die Unterkünfte bestanden aus zeltartigen kleinen Gebäuden. Auf dem Boden war eine Strohschicht, und die Wände waren aus Sperrholz. Es war November und nachts schon sehr kalt. Meine dicke Tarnjacke leistete mir hier gute Dienste. Ich band nachts die Ärmel zusammen, knöpfte den Kragen so weit wie möglich zu und zog dann die Jacke wie einen Schlafsack über die Beine. Sie reichte bis an die Brust, und so habe ich die Nächte einigermaßen gut überstanden.

      Mit einem Transport kam ich nach Ostfriesland und wurde einem Bauern zugewiesen. Hier ging es mir eigentlich recht gut. Sehr glücklich war ich über das Weihnachtsgeschenk, das ich von der Frau des Bauern bekam. Es waren ein Paar handgestrickte Schafwollsocken. Von Ostfriesland aus habe ich eine Karte an den Bürgermeister in Wesendorf — ich wusste aber immer noch nicht, wo es liegt — geschrieben. Ich bat um Auskunft, ob meine Eltern in Wesendorf gemeldet sind.

Endlich die Eltern gefunden

      Ende Januar bekam ich dann die Nachricht, dass sich mein Vater nach Höfer im Kreis Celle abgemeldet hat. Nun gab es für mich kein halten mehr. Ich fuhr los und kam dann auch wohlbehalten bei meinen Eltern an. Die Freude war selbstverständlich groß. Am nächsten Tag gingen wir nach Beedenbostel. Dort waren meine Großeltern mit Tante Else, Dieter und Rainer gelandet. Nach fast einem Jahr habe ich also in Höfer meine Eltern gefunden.

      Besonders mein Vater war sehr glücklich und nahm mich unter seine Fittiche. Er ging mit mir zum Bürgermeister und meldete mich an. Denn ich musste Lebensmittel-Karten bekommen. Dann besorgte er für mich einen Bezugsschein für Schuhe. Meine alten waren natürlich nach den langen Märschen restlos hinüber. Ich bekam also neue Schuhe. Die bestanden aus Holzsohlen, wie Holzpantoffel und einem Obermaterial aus Kunstleder.

Schwieriges Eingewöhnen

      Jetzt musste ich mich in ein normales Familienleben eingewöhnen. In dem Jahr meiner „Wanderschaft“ war ich es gewöhnt meine Entscheidungen, angepasst an die jeweiligen Notwendigkeiten, selbst zu treffen. Jetzt war es notwendig, mich in das Leben einer Familie einzuordnen. Das war nicht einfach bei zwei kleinen Zimmern für vier Personen. Oft habe ich mit mir gerungen, ob ich in Höfer bleiben oder wieder allein weiterziehen soll. Letztendlich setzte sich aber die Vernunft durch und ich blieb.



[Editor: Unklar bleibt, wie und warum Gerd Kollmorgen im Frühjahr 1945 als fast 16-Jähriger in russische Gefangenschaft geriet. Bekannt ist aber, daß er dem schönen Metier seiner Vorfahren treu blieb und auch Fotograf wurde.]



Anmerkungen / Remarks of the Editor:     [Translation-Service]

HINWEIS; Mit einem Klick auf die kleinen roten Dreiecke (Backlinks) hinter der Nummer finden Sie heraus, wo diese Anmerkung im Bericht anknüpft — was so nur im Internet möglich ist.
1) ^  Die hier dokumentierten Erinnerungen hat der Autor 2004/05 für sein Enkelkind zu seinem 16. Geburtstag aufgeschrieben. Auch wenn sich der Autor noch gut an die dramatischen Ereignisse in seiner Jugend erinnert, ist nicht auszuschließen, daß seine Schilderung den einen oder anderen Fehler enthält.

2) ^  Der Autor (Jahrgang 1929) lebt heute in Niedersachsen und ist für Anfragen und Nachfragen per E-Mail erreichbar unter: Kollmorgen-Koenigslutter (at) t-online.de (das „(at)“ muß durch @ ersetzt werden!).

3) ^  Einige weitere Hinweise (Links), die interessieren könnten: 4) ^  Keine Kämpfe in Landsberg an der Warthe: Das lag daran, daß sich der Befehlshaber der sogenannten „Division Woldenberg“, Generalmajor Gerhard Kegler, Ende Januar 1945 strikt weigerte, um Landsberg noch zu kämpfen. [mehr]

5) ^  Dieses Datum seiner Ankunft in Woldenberg teilte Gerd Kollmorgen in der Begleit-Mail bei der Manuskript- Einreichung mit.

6) ^  Einen ausführlichen Bericht über die Einnahme und Zerstörung Woldenbergs gibt es auf der Seite „Einfall der Russen 1945“ auf diesem Portal.

7) ^  Damit ist vor allem Woldenbergs Altstadt zwischen Fließ und Hohem Tor gemeint. Denn im Bahnhofsviertel Woldenbergs blieben viele Gebäude unzerstört. Sie existieren noch heute in Dobiegniew. [Bahnhofsviertel]

8) ^  Das Haus von Doktor Ludwig befand sich an der Bismarckstraße. In diesem unzerstörten Gebäude hatten die Polen im Frühjahr 1945 zunächst ihre Verwaltung mit Bürgermeister untergebracht.

9) ^  Der Autor teilte am 3.3.2013 auf Anfrage mit: „Das polnische Offizierskasino war in einem Haus Friedeberger Straße / Bahnhofstraße. In Richtung Bahnhof auf der linken Seite.“

10) ^  Wo damals dieser polnische Bäcker war, weiß der Autor nicht mehr sicher. Es spricht aber vieles dafür, daß es der Bäcker in der unteren Schulstraße dicht bei der Kirche war, wo der hohe Schornstein steht. [Foto aus den 1950er-Jahren]

11) ^  Dieser Treck der Woldenberger startete am 1. Juli 1945 auf dem Woldenberger Marktplatz und führte in 7 Tagen über Landsberg nach Fiddichow an der Oder. Ernst Prochnow berichtet in seinen Tagebuch-Aufzeichnungen recht ausführlich vom Verlauf dieser Vertreibung. Dort findet sich auch eine Karte mit dem genauen Weg, den der Treck die 140 km bis zur Oder nahm.

12) ^  Der Ort Wesendorf liegt in Niedersachsen, etwas nördlich der Stadt Gifhorn. Niedersachsen gehörte nach dem II. Weltkrieg zur britischen Besatzungszone.

13) ^  40.000 Gefangene: Das könnte die Gesamtzahl der 1945 im Woldenberger Lager eingesperrten deutschen Kriegsgefangenen gewesen sein. Die Sowjets nutzten dieses Lager als Durchgangslager. Von hier wurde der größte Teil der Gefangenen in regelmäßigen Transporten per Eisenbahn über Posen nach Sibirien zur Zwangsarbeit gebracht, andere wurden entlassen. Das Lager wurde im Herbst 1945 geschlossen. [Bericht über das Leben im Lager]

14) ^  Dieses Haus an der Wasserpforte könnte an der Nordmauer gewesen sein. Dort sind bis heute viele Gebäude erhalten geblieben, wie auf dieser Galerie-Seite zu besichtigen ist.

15) ^  Dazu teilte der Autor am 3.3.2013 auf Anfrage noch folgendes mit:
„1944 habe ich in Landsberg begonnen, Fotograf zu lernen. Gewohnt habe ich bei den Eltern der zweiten Frau meines Vaters. Im Gegensatz zu Woldenberg wurde Landsberg nicht evakuiert. Erst am 30. Januar 1945 durften Frauen mit kleinen Kindern Landsberg verlassen. In der Nacht vom 30. zum 31. Januar wurde Landsberg von den russischen Truppen besetzt. Zunächst bestand die Besetzung nur aus den Fronttruppen, die auf der Hauptstrasse mit ihren Panjewagen in Richtung Küstrin durch die Stadt zogen. In der übrigen Stadt war von Russen nichts zu bemerken.

Die Bevölkerung begann nun die Geschäfte zu plündern und sich mit Lebensmitteln einzudecken. Nachdem sich die Lage hinter der Front beruhigt hatte, konnte ich in einem russischen Lazarett arbeiten und etwas zum Essen bekommen. Eines Tages schickte mich ein Offizier etwas zu holen (er sprach gut Deutsch) und brachte mich zum Tor des Lazaretts. Hinter einer Hausecke standen zwei Russen die mich in die Mitte nahmen. Ich wurde zu zwei einzeln stehenden Häusern gebracht, in denen die politische Polizei der Russen residierte.

Den Grund meiner Verhaftung konnte ich auch in den Verhören nicht erfahren. Nur eine Frage ging mal in die Richtung, ob ich in der Hitlerjugend war. Die beantwortete ich natürlich damit, dass jeder in der Hitlerjugend sein musste. Damit gab sich der Offizier zufrieden. Nach der Zeit im Keller und Lager machte ich mich auf den Weg nach Hause. Was ich vorfinden würde, konnte ich mir nicht vorstellen.“

16) ^  Das muß also am 8. oder 9. Mai 1945 gewesen sein. Ernst Prochnow berichtet über eine Siegesfeier in Woldenberg am 9. Mai, die in Ziebarths Garten stattfand.




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