Aus: Festschrift zur 50-Jahr-Feier des Männer-Turnvereins Woldenberg, Juli 1931, Seite 10 + 11

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Der folgende Text ist in dieser Festschrift als Einleitung des Artikels 50 Jahre
Männerturnverein Woldenberg erschienen. Autor ist offensichtlich BRUNO PROCHNOW. In [...]
wurden hier zum besseren Verständnis Editor-Hinweise zugefügt.
Noch bot die Oberstadt ein anderes Bild wie heute [1931]. Vom Storchnest bis zur Friedeberger
Chaussee, die erst bei Aulich aufhörte, lagen Gärten, Anlagen und Landrücken der Stadt und
des Rittergutes. Noch gab es keine Milferstaedt-, Bismarck-, Park- und Moltkestraße.
Grundlose Wege unter hohen Kastanien und Linden führten vom Rittergut bis an die Chaussee. Der
breite Weg lief von den Anlagen zum Trockenplatz [Ed: an der Eisenbahnstrecke], ebenfalls ungepflastert
mit hohen Linden an den Seiten. Oft blieben hier im Morast die großen Zirkuswagen stecken und
mühsam mit Winden und Brettunterlagen schaffte man sie vorwärts auf den Trockenplatz [Ed: wo
sehr häufig Zirkusse gastierten].
Zwei Reihen hohe Tannen von der Ecke dieses Weges bis zum Bahnmeistergrundstück waren für die
Zirkusvorstellungen von den Jungens stets beschlagnahmt. Zelte hatten diese Unternehmungen damals sehr
selten. Auch der gefürchtete Anlagenwärter, genannt Murr, konnte diese Logenplätze nicht
erreichen.
Längs des Bahnmeisterei-Grundstücks vom Trockenplatz bis zur [Friedeberger] Chaussee lag der
riesige Zimmerplatz von Franz Kook, der oft für Drahtseilbahnen von den Schaubudenbesitzern
mitbenutzt wurde. Seine tiefe Grube, wo damals die Baumstämme mit langen Trecksägen geschnitten
wurden, war ein beliebter Unterschlupf der Schuljugend zum Räuber- und Gendarmenspiel.
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Woldenberg Blick in die Bahnhofstraße von der Ecke Friedeberger Straße um
etwa 1920.
[Heute in Dobiegniew]
(Repro: 2011 khd)
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Von Rubensohn bis zum Bahnübergang standen nur die Häuser von Bratzke, Ackerbürger Schulz,
die Bahnmeisterei, das Gartenlokal von Ziebart und die 4 Scheunen, die einem geplanten Neubau der Stadt
in jüngster Zeit Platz machen mußten.
Die tiefen Gräben, welche diese grundlosen Wege zur Aufnahme der Abwässer umsäumten, boten
im Winter eine willkommene Gelegenheit zum Schliddern. Vor allem aber war der große
Pfuhl, den heute die
Milferstaedtstraße durchkreuzt, im Winter als Eisbahn sehr
geschätzt. Hier wimmelte es von Piekschlitten und Schlittschuhläufern. Die Straße von
Fleischer Werk (neben Rudlaff [am Kastanienplatz]) bis zur Kirschenpresse war, wie der Wutziger Weg
ebenfalls ungepflastert. Sie bot das gleiche Bild wie die Wege vom Rittergut über die jetzige
Parkstraße [Ed: hieß später Scharnhorst- Straße].
Außer dem alten
Lokal von Aulich am
Postberg, von jeher ein beliebter Sammelort der Turner, stand hier nur das große Familienhaus
vom kleinen Rittergut und die Scheunenreihen auf beiden Seiten. Riesige Pappeln davor, bis zur Ecke der
Kirschenpresse und Aulich, machten oft den Jungens einen Strich durch die Rechnung, wenn sie ihre Drachen
vom Galgenberg aus aufsteigen ließen.
Im Viertel der Bahnhof-, Eisenbahnstraße und Friedeberger Chaussee, die beiderseits auch mit hohen
Pappeln umsäumt war, standen noch wenig Gebäude. Hauptmann Modrach bewohnte die heutige Ecke
von Grewatsch, daneben der Zimmermeister Franz Kook, dann wieder Gärten und Landrücken bis zur
Ecke Bahnhofstraße, wo Hegemeister Schuchardt (heute Kreislandwirtschafts Gesellschaft) sein
Häuschen erbaut hatte. Im Hintergelände stand nur das große Gebäude von Maurermeister
Bartel (später Nürnberg, Creditbank und heute Kruschel), ein freier Durchblick über die
Bahnhofsanlagen bis zum Gehege.
Die Ecke von Rudlaff war unbebaut, 3 kleine Parzellen von Wachtmeister Krause (später Regenberg und
heute Oberwachtmeister Müller) der Stadt und Gramsfelde boten einen Durchblick bis zur
Mönchsheide [Ed:
Forst nordwestlich von
Woldenberg]. Der große Meilenstein der Chaussee Berlin Königsberg
stand auf diesem Platze noch aus guter alter Zeit, wo Woldenberg ein Postamt erster Klasse mit 16
Sekretären hatte. Heute findet man an dieser Stelle eine weiße Tafel mit Nummern an der
Hausfront von Rudlaff.
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Woldenberg/Nm Das ist die Bebauung der ‚vorderen‘ (gleich hinter dem
Bahnübergang) Ostseite der Friedeberger Straße um etwa 1930. Das zurückgesetzte Haus ganz
links war das Wohnhaus des Tischlers Schaede.
[Heute in Dobiegniew]
[Seite zur Friedeberger Straße]
(Repro: 2011 khd)
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Neben Wachtmeister Krause standen nur die Häuser von Sattler Petznick (jetzt Sell), Maurermeister
Drenske (jetzt Drieseberg) und das Häuschen des Rentiers Böning (jetzt Mittelschulrektor
Grünwald). Die anschließende Gasse führte über Hospitalrücken zum Wutziger Weg.
Daneben, mit seinen riesigen Bergen von Brettern und Balken, lag der große Zimmerplatz von
Rüdlin. In seiner Mitte stand das bescheidene Häuschen dieser hochbegabten und fleißigen
Eheleute.
Ihr ältester Sohn Otto [Rüdlin] war vor dem Weltkriege Präsident der Eisenbahndirektion
von Berlin und später Reichspostminister, ihr Sohn Rudolf praktiziert als Sanitätsrat und
Kreisarzt in Triebel in der Lausitz und der jüngste Sohn Georg bekleidet zur Zeit [1931] das Amt des
Landgerichtspräsidenten in Stargard in Pommern.
Als letztes Grundstück der Bahnhofstraße [nördliche Seite], von Rüdlin bis zum
Galgenberge, lag das große Gartenlokal von Wilhelm Krämer [Ed: später wohl Arndt und dann
Losch], dem Mitbegründer unseres
Vereins. Der prachtvolle Obstgarten zog sich bis zum Wutziger Weg hin.
In großzügiger Weise
stellte Herr Krämer in den [18]90er Jahren unentgeltlich einen Streifen Land zum Aufbau des
hiesigen
Amtsgerichtes zur
Verfügung. Die schöne lange Hecke von Haselnußsträuchern an der Grenze des
Rüdlinschen Grundstücks mußte verschwinden, erhalten bis heute ist der große
Maulbeerbaum, der auf dem Hofe des Amtsgerichts steht. Auf diesem Grund und Boden wurde der erste
Turnplatz des Männer- Turnvereins Woldenberg angelegt.