Anmerkungen / Remarks of the Editor:
[
Translation-Service]
HINWEIS; Mit einem Klick auf die kleinen roten Dreiecke (Backlinks) hinter der Nummer finden
Sie heraus, wo diese Anmerkung im Bericht anknüpft was so nur im Internet
möglich ist.
| |
|
|
Kleines ökomenisches Gespräch zwischen Alt-Priester Kropidlowski
und Pfarrer Werdin vor den uralten Backsteinen der Kirchnauer.
(Foto: 21.6.2013 g.kollmorgen-2278) |
1)
Zur Predigt von Pfarrer Werdin: Liebe Woldenberger Gemeinde, oder vielleicht sage ich
besser, liebe Woldenberger Kinder, wie ich gehört habe, die Sie hier und in der Umgebung
geboren wurden und aufgewachsen sind! Eine Rückkehr, wie ich hören darf, nach 80 Jahren,
längstens da. Aber die Geschichten sind noch länger, reichen viel weiter zurück
über Generationen, begann Pfarrer Werdin seine Predigt in der Woldenberger Kirche.
Er führte damit in weit gefaßte Themenbereiche. Beim Jahr 1933 hielt er kurz inne. Es
folgten Themen wie z. B. die Unverwechselbarkeit eines jeden Schicksals, die Aufgaben der
Generationen, und daß es keine Selbstverständlichkeit sei, einen evangelischen
Gottesdienst in einer nunmehr katholisch geweihten Kirche zu zelebrieren.
Der Eröffnungsgottesdienst stand unter dem Wort des PSALM 103: Vergiss nicht, was Gott
dir Gutes getan hat. Gesungen wurden, von der Orgel begleitet, die alten vertrauten Lieder:
Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren, ..., Großer Gott,
wir loben dich, ... und Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen.
2)
Die neue See-Promenade: In Dobiegniew hat man vor einiger Zeit damit begonnen, die Promenade
am Großen See (Jezioro Wielgie) zu revitalisieren zunächst nur entlang der
früheren Nordmauer. Wolfgang Bornstädt berichtet, die neue See-Promenade sei in
Dobiegniew besser als zu Woldenberger Zeiten. Man habe sie mit einem soliden Pflaster
versehen, so daß man hier sogar skaten könnte. Ob auch noch ein Brückenschlag in
Richtung des Krüger- Werders über den Abfluß des Fließes erfolgt, ist derzeit
noch unklar. In den 1940er-Jahren war hier eine
hölzerne Bogenbrücke auch zur besseren Anbindung der Badeanstalt
gebaut worden, was aber 1945 alles zerstört wurde. Im Herbst 2013 war aus der
Stadtverwaltung zu erfahren, daß in der Tat wieder eine Fußgängerbrücke
übers Mehrenthiner Fließ gebaut werden wird.
3) 
Als Bürgermeister Waloch die
Replik des Bernsteinpferdchens aus Kunstharz bekam, sagte
er, daß er irgendwo schon so ein Pferdchen gesehen habe, wisse aber nicht, wo das war. Er
fragte, ob es Bernstein sei, weil das Material so ähnlich aussehe. Er bekam dazu einen
Ausdruck der
Internet-Seite über das
Pferdchen in einer Mappe quasi als Zertifikat.
| |
|
|
Blick von der früheren Wasserpforte auf die neue befestigte See-Promenade mit Steg, aber
ohne Boote.
(Foto: 22.6.2013 g.kollmorgen-2281) |
|
4)
Zur Zerstörung Woldenbergs: Bei dieser Diskussion wurde sehr schnell die Frage
aufgeworfen, warum denn Woldenbergs Stadtkern nach der kampflosen (!) Besetzung durch
Panzer-Spitzen der Roten Armee am Abend des 28. Januar 1945 so total zerstört wurde.
Zerstört wurde der Stadtkern durch einen Großbrand, der bis zum Abend des 30. Januar
1945 andauerte nicht durch Panzerbeschuß. Es ist keine Frage, auch diese Stadt wurde
von Rotarmisten bewußt in Brand gesteckt, weil auch 1945 noch das mittelalterliche Prinzip der
verbrannten Erde zum Kriegshandwerk gehörte auch auf deutscher Seite. Sehr
viele im II. Weltkrieg durch Brände zerstörte Dörfer und Städte sind der Beleg
dafür.
Befördert wurde der Brand in Woldenberg durch die Tatsache, daß in den alten
Gebäuden des Stadtkerns sehr viel Brennbares (Holz u. a) verbaut war. Man erkennt das daran,
daß selbst im Stadtkern außer der Kirche auch einige solide Steinhäuser relativ
unbeschädigt den Brand überlebten, z. B. das Dallmann-Haus an der Richtstraße Ecke
Alte Marktstraße (existiert noch), das Prochnow-Hotel in der Richtstraße (existiert
noch), aber auch die Gebäude an der Brunnenstraße Ecke Kirchstraße (eines davon
steht noch heute).
Der Angriff der SS-Tiger-Panzer, die ganz schnell aus dem Westfälisch- lippischen
herbeigeschafft worden waren, hat mit Woldenbergs Zerstörung nichts zu tun. Denn dieser
erfolgte von Norden aus der Gegend von Zatten erst nach dem Ausbruch des Feuers und bezog sich auch
nur auf die Chaussee nach Hochzeit (etwa bei Wolgast). Reichsführer-SS Himmler, der zu dieser
Zeit Wehrmachts-Befehlshaber in dieser Region war, wollte damit der Roten Armee den Nachschub
abschneiden, was aber nicht gelang.
[
Der Russen-Einfall]
5)
Alter Schützenplatz: An die vielen Feste, die hier bis in die 1930er-Jahre gefeiert
wurden, konnte sich natürlich niemand aus eigenem Erleben erinnern. Aber es fielen vielen die
Beschreibung des einstigen
Treibens am Schützenplatz ein, die Ende der 1930er-Jahre zu Papier gebracht wurde.
Hier am Schützenplatz Nr. 1 stand früher auch das
Elternhaus von Frau Renz (Jg.
1940). Dort war
Herr Gierlowski so freundlich und füllte
den Beutel für Frau Renz mit Heimaterde zum Mitnehmen.
| |
|
|
Ein Wachturm des früheren Woldenberger Offizierslagers (OfLag-IIC) beim heutigen Museum.
(Foto: 22.6.2013 g.kollmorgen-2295) |
6)
OfLag-Museum: Im Museum zum
Kriegsgefangenenlager OfLag-IIC Woldenberg wurden Woldenbergs Kinder schon
erwartet. Das Museum hatte einen Saal umgerüstet und mit Tisch und Stühlen ausgestattet.
Sofort ergaben sich Diskussionen in der großen Runde. Herr Brauer erzählte von seiner
Begegnung als Kind mit einem
polnischen Offizier. Die Direktorin Irena Zmaczynska führte dann durch das Museum.
Herr Brauer bemängelte die noch immer fehlenden deutschen Texte neben den
Ausstellungs- Gegenständen. Allerdings gibt es inzwischen einen Ordner mit deutschen
Übersetzungen, was aber ziemlich unpraktisch sei. Der Bürgermeister kam im
Freizeitlook hinzu, da er quasi schräg gegenüber wohnt, um die Gäste noch einmal
zu begrüßen. Die Zeit für die Besichtigung war knapp, und es mußte leider
abgekürzt werden. So blieben viele Fragen zum Leben im Lager offen, aber auf den
4 OfLag-Seiten dieses Portals
gibt es sicher noch die eine oder andere Antwort darauf.
7)
Zu den 3 Vorträgen: Die Vorträge waren sehr unterschiedlich vom Inhalt her:
Persönliches Erleben und auf die ersten Monate des Jahres 1945 bezogen (Brauer: Zu den
Ereignissen vom Januar 1945), soziologische Recherche über die
kriegsbedingte
Grenzverschiebung und der darauf folgende Bevölkerungsaustausch (Messerschmidt:
Woldenberg 1945 und die ersten Jahre danach) und der Dritte beleuchtete die
psycho-sozialen Aspekte der Traumata und Entwurzelung von Flüchtlingen und Vertriebenen
(Hirsch: Über die Entwurzelung und deren psychischen Folgen). Der letzte Vortrag
war am deutlichsten auf die Sphäre der Kinderschicksale zugeschnitten und erreichte
deshalb Woldenbergs Kinder am stärksten. Die Vorträge sollen in einem im Frühjahr
2014 erscheinenden Buch dokumentiert werden.
| |
|
|
Abschlußworte am Mehrenthiner Fließ.
(Foto: 23.6.2013 g.kollmorgen-2315) |
|
8) 
Herr
Norbert Gierlowski ist 1943 in Schneidemühl geboren. Bis zu seiner Pensionierung
war er Mitarbeiter der Dobiegniewer Stadtverwaltung. Er ist heute in Dobiegniew der beste Kenner des
alten Woldenbergs. Im
MAZ-Artikel wird er als Ortschronist bezeichnet. Gierlowski arbeitet
an der Veröffentlichung einer Chronik der Stadt Dobiegniew.
9)
Vorbereitung der Flaschenpost: Am Sonntag (23. Juni) gab es zunächst Aufregung, denn die
aus Berlin mitgebrachte Flasche war nicht auffindbar. Das Hotel sorgte schnell für einen
Ersatz. Aber da paßte die von der Bürgermeisterei auf dünnem Karton produzierte
urkundenmassige Friedenbotschaft eingerollt nicht rein. Deshalb verblieb dieses Exemplar von
allen unterschrieben
in Dobiegniew. In die Flasche kam
dann eingerollt in einem Reagenzglas die auf A5-Papier doppelseitig gedruckte
Botschaft in Deutsch und
Polnisch.
| |
|
|
Diese alte Weide an der Bucht des Großen Sees, die zum Fließ führt, muß schon
sehr viel älter als 80 sein.
(Foto: 22.6.2013 g.kollmorgen-2287) |
|
Zunächst gab es den Plan, in die Flaschenpost noch einen GPS-Chip zu geben. Damit hätte
sich via Satellit der jeweilige Standort der Post verfolgen lassen. Da das aber kaum per
Do-it-yourself zu bewerkstelligen ist, wäre Hilfe anderer notwendig geworden. Und das kostet
natürlich. Wir werden sicher auch so erfahren, wo die Post letztendlich angekommen ist und ob
sie Beachtung findet.
10)
Alte Bäckerei: Noch konnte es nicht so ganz genau geklärt werden. Aber die alte
Woldenberger Bäckerei, die sich einst in der unteren Schulstraße in der Nähe des
Marktplatzes befand, wurde auch 1945 zerstört und später abgerissen. An dieser Stelle
wurde dann nach 1945 eine neue Bäckerei gebaut, die auf den Fotos aus den 1950er-Jahren
abgebildet ist (hoher Schornstein!). Vor einigen Jahren schloß diese alte polnische
Bäckerei. Der Sohn von Heinz Zabel (Besitzer des Hotels Wodnik in Dlugie/Dolgen) übernahm
das Haus und baute es zum Restaurant Stara Piekarnia im Zentrum Dobiegniews um.
Übrigens, in Dobiegniew gibt es 2013 nur noch eine Bäckerei/Konditorei, denn auch in Polen
machen die Discounter-Ketten den Handwerksbetrieben den Garaus.
11)
Alte Bäume: Woldenbergs Kinder staunten bei den beiden Stadtrundgängen über
die vielen alten Bäume, die sie noch aus ihrer Kindheit her kannten. Besonders fielen die
beiden Bäume auf, die
einst vor dem Woldenberger Rathaus am Marktplatz standen und heute an gleicher Stelle dem Denkmal
für die Gefangenen im Woldenberger Lager Schatten spenden. Aber auch im Bahnhofsviertel und am
Kastanienplatz stehen noch viele in Woldenberg gepflanzte Bäume.
12)
Sprachbarriere: Es soll nicht verschwiegen werden, daß die Organisation eines Treffens
der Kriegskinder in Polen auch an der Sprachbarriere scheitern kann. Denn um das wirklich
sorgfältig zu planen und abzusprechen, muß unbedingt jemand dabei sein, der sich gut im
Polnischen und Deutschen ausdrücken kann. Das große Glück beim Woldenberg-Symposium
war, daß es einen Herrn Stach gab, der als gebürtiger Pole, der seit
Jahrzehnten in Berlin lebt, zu einem
die Idee hatte und dann noch beide Sprachen perfekt beherrscht.
13)
Alte Steine: Vielerorts stießen Woldenbergs Kinder in Dobiegniew auf alte Steine. Und
das war nicht nur der
Findling aus dem Gehege, der wohl
1813 gefunden wurde.
|
|
|
Diese alten Backsteine der Kirche wurden sicher schon so um 1450 gebrannt. Unten auf einem Stein
eines dieser Näpfchen.
(Foto: 21.6.2013 m.n-stach-013) |
|
|
|
Das könnten Reste des Fundaments auf dem Ziebarthschen Anwesens an der Moltkestraße sein.
Gefunden um 10.29 Uhr.
(Foto: 23.6.2013 g.stach-016) |
|
14)
Zur Begegnung mit polnischen Kriegskindern: Zwar kam es im Plenum der Veranstaltung zu keinem
richtigen Austausch zwischen den Kriegskindern aus Polen und Deutschland, aber in kleineren
Gesprächskreisen beim Abschluß-Büffet kam man sich schon etwas näher, zumal
einige recht gut Deutsch konnten. Mehr konnte bei einer solchen Erstbegegnung auch nicht erwartet
werden. Zu wünschen wäre, daß diesem Anfang weitere Begegnungen folgen können.
[
mehr]
15)
22. Juni: Vor 72 Jahren war am 22. Juni 1941 im Radio diese
Sondermeldung zu hören. Hitler
hatte sein Unternehmen Barbarossa gestartet, also Rußland (UdSSR) überfallen.
Dieser
Rußland-Feldzug, der Millionen Menschen das Leben kosten sollte, hatte
begonnen. Das Datum ist aber auch noch deshalb geschichtsträchtig, da am 22. Juni 1944 die Rote
Armee mit ihrer Großoffensive begann, die dann 1945 u. a. zum Verlust von Pommern und der
Neumark und am 8. Mai 1945 zum Sieg über Nazi-Deutschland führte.
16)
Am Hohen Tor: Hier protokollierte Profi-Fotograf Gerd Kollmorgen (Jg. 1929) in einer kleinen
Foto-Serie den
städtebaulichen Stand. In dieser Gegend, die zu Woldenberger Zeiten so geschäftig war,
zeigt sich besonders, daß Dobiegniew noch immer nicht zu einer stadtgemäßen Urbanität
gefunden hat.
17)
Büffet-Gespräche: Leider war beim Abschluß-Büffet die Sitzordnung nicht
optimal. Denn eigentlich war vorgesehen, daß sich die polnischen Gäste und Deutsche
gemischt zusammensetzen sollten. Und um sich besser austauschen zu können, sollte überall
jemand dabei sein, der dolmetschen konnte. Bei einer Neuauflage eines solchen Treffens würde
man das besser machen. Immerhin konnte eine Erkenntnis mitgenommen werden: Der Verlust der Heimat
im Osten konnte nie mit dem Gewinn im Westen kompensiert werden. Ein Wechsel der Bevölkerung
sei immer mit einem Verlust verbunden.
18)
Ins Museum: Nach dem Symposium übergab die Stadtverwaltung die Replik des Woldenberger
Bernsteinpferdchens, den Originalbrief aus der Flaschenpost und seine Abschrift dem Museum
(OfLag-IIC). Dort sollen sie in einer eigens dafür geschaffenen Vitrine samt entsprechenden
Erklärungen ausgestellt werden. Auf der Homepage der Dobiegniewer Stadterwaltung erschien
nach dem Symposium ein
Bericht
über das Treffen.
19)
Kein Wassersport auf dem Großen See: Dazu teilte
Ortschronist Gierlowski im Herbst 2013 mit: Die in Dobiegniew nach 1945
angesiedelte Bevölkerung kam aus Gebieten ohne Seen und hatte deshalb keine Tradition in der
Segelkunst. Aber auf dem Hermsdorfer See gibt es einen Segelhafen und derartiger Sport wird dort
praktiziert. Natürlich ist der Hermsdorfer See heute per Auto leichter erreichbar.
Außerdem ist er viel größer als der Woldenberger See, so daß das Segeln dort
viel mehr Spaß macht.
20)
Warum kein Gartenlokal in Dobiegniew:
Ortschronist
Gierlowski teilte dazu im Herbst 2013 mit: Polen trinken weniger Bier als Deutsche, und es
gibt keine vergleichbare Bierkonsumtradition. Die Versuche zur Schaffung von Biergärten sind
bislang gescheitert. Nun war gar nicht nach Biergärten gefragt worden,
sondern nach Gartenlokalen (wo man im Freien essen kann), wovon es in Woldenberg zuletzt
immerhin noch 3 Stück gab: Ziebarth beim Friedhof (sogar mit Tanz im Freien unter den
Kastanien), das Waldschlößchen beim Gehege und Schleusner am Niedertor. Vermutlich ist
heute die Sozialstruktur von Dobiegniew (Familien-Einkommen) nicht so beschaffen, daß sich der
Betrieb eines Gartenlokals lohnt. Ein Mehr an Touristen könnte das ändern.