Was wäre unsere Heimat ohne Seen und Fließe! Es sind die klaren blauen Augen, in denen
sich der Himmel spiegelt, und die Adern, durch die das Lebenselement Wasser rinnt.
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Unter dieser Schienenbrücke im Bahndamm verläßt das Fließ den
Woldenberger Stadtbereich in Richtung Papiermühle.
(Repro: 2006 khd) |
Wir stehen auf der Niedertorbrücke in Woldenberg und schauen auf den Großen See. Hier
ist die Geburtsstätte unseres Fließes. Sein Lebenslauf beginnt voller Anmut:
Gärten, Stufen, Mauern, Gebüsche, Paddelboote drängen sich an seinen Ufern.
Früher, im streitbaren Mittelalter, mag der geplagte Bürger kaum Sinn gehabt haben
für idyllische Schönheiten, da war das Fließ Festungsgraben.
Jeder, der Woldenberg von der Eisenbahn aus sieht, ist freudig überrascht von dem anmutigen
Stadtbild, in dessen Vordergrund das Fließ sich schlängelt. Ohne das Bächlein
wäre das Bild nur halb so schön. Die steilen Hänge an seinen Ufern deuten
darauf hin, daß sich das Wasser in früherer Zeit gewaltsam einen Weg durchs Gelände
gearbeitet hat.
Wir gehen dem Laufe des Fließes nach und gelangen an die Papiermühle. Der Name
verrät, daß hier einst die Wasserkraft einem andern Zweck diente, als Korn zu mahlen.
Vom hohen Ufer genießen wir das versteckte Mühlenidyll mit seinem rauschenden
Wasser.
In einer halbstündigen Wanderung erreichen wir die
Neumühle, die
ebenfalls von Fließ getrieben wird. Wenn der weiße Schaum vom Mühlenwehr sich
wieder verteilt hat, befindet sich das Fließ in einer anmutigen Hügellandschaft. Hin und
her, kreuz und quer geht sein Lauf, und in großem Bogen strömt es in die
Schmelzwasserrinne, die bei Rohrsdorf beginnend, bis zur Fließmündung reicht.
Man darf wohl annehmen, daß der Schlanower See der letzte einer Seenreihe ist, die früher
den ganzen Talzug erfüllte. Als Beweis dafür kann erstens der Ton gelten, den man unter
der Torfschicht antrifft, und zweitens die Seekreide, die bei Lenzenbruch zu finden ist; beides ist
immer nur bei Seegründen anzutreffen.
Der gesamte Talzug von ca. 15 km Länge und durchschnittlich 100 m Breite ist mit seinen
Moorwiesen wichtig für die Heugewinnung in dieser Höhengegend... Hinter Bayershof an dem
gepflasterten Berg bietet sich uns ein anmutiges Bild: Der bunte Wiesengrund mit dem vielfach
gewundenen Silberband des Fließes, der dunkle Wald auf hohem Uferrand, der blinkende Spiegel
des Schlanower Sees, die roten Dächer des Dorfes und die kreisenden Flügel der
Schlanower Windmühle.
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Verlauf des Mehrenthiner Fließes von Woldenberg bis Mehrenthin.
(Repro: 2012 khd) |
Unsere Wanderung führt uns an die sechste Brücke übers Mehrenthiner Fließ,
die Kietzbrücke, welche das Woldenberger Kietzfeld mit der Mehrenthiner Feldmark verbindet. Es
ist eine jener alten Holzbrücken, wie sie mehr und mehr den Anforderungen des neuzeitlichen
Verkehrs weichen und Betonbrücken Platz machen. Das ist vom Standpunkt stilvoller
Landschaftspflege zu bedauern; denn Holz oder Backstein sind die bodenständigen
Baustoffe.
Fortschritte der Technik können das Landschaftsbild aber auch heben. Wie reizend ist z. B.
der Anblick, wenn wir kurz vor Mehrenthin zur Eisenbahn hinüberschauen! Auf hohem Damm rollt
in behäbigem Zeitmaß, laut bimmelnd wie ein Spielzeug, der Zug nach Woldenberg oder
Kreuz. Eine dunkle Toröffnuag läßt das Fließ hindurch. Andererseits
genießt der Betrachter im Zug ebenfalls ein schönes Bild. Vor ihm liegt der Talgrund mit
dem Schieferturm-Kirchlein und dem ragenden
Mehrenthiner Schloß, anmutig gebettet in Park, Obstgärten und rote
Dächer.
Unser Fließ kann von seiner Eigenart, sich in dauernden Windungen zu ergehen, nicht lassen.
Früher war es Grenze zwischen Woldenberger und Mehrenthiner Besitz. Der Boden auf der
linken Uferseite ist steifer Ton. Vor der Separation war hier mächtiger Laubholzbestand, der
ausgiebig als Schweineweide diente.
Wir erreichen die Fließbrücke bei Mehrenthin. Sie verbindet das Gut mit den jenseits des
Fließes liegenden Schlägen. Steil führt der Weg den Appelberg hinauf.
Die Obstbäume blühen, malerisch liegen auf dem andern Ufer Dorf, Kirche und Schloß.
Im Vordergrund prangt die Wiese im Frühlingsschmuck, im seichten Fließ planschen
Kinder.
Unser Blick wird durch einen Hügel am Fließ in vergangene Zeiten gelenkt. Noch in der
ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hat hier das Herrenhaus gestanden. Der Hügel
scheint von Menschenhand ausgeführt, sicherlich ein Burgwall aus ältester Zeit. Man hat
diese Stelle bevorzugt, weil hier das Tal am schmalsten und darum der Übergang am bequemsten
war.
Wo die Kinder planschen, erkennt man deutlich eine Holzablage. Man nutzte das Fließ auch zur
Holzflößerei. Als es die Eisenbahn und befestigte Straßen noch nicht gab, diente
es ausschließlich dem Transport auf weite Entfernung. Aus Akten des 18. Jahrhunderts
geht hervor, daß man damals das Langholz das Mehrenthiner Fließ hinab zur Drage, Netze,
Warthe, Oder bis nach Stettin flößte, wo es hauptsächlich für den Schiffbau
verwendet wurde.
Auf dem Weg nach Grapow wollen wir nicht an der sogenannten Grapower Schweiz vorübergehen.
Sonst entginge uns einer der schönsten Teile der Fließwanderung. Wir biegen also dort,
wo ein [von Wolgast herkommendes] Nebenbächlein einmündet, nach links ab und gelangen an
dessen Ufern bald in eine reizvoll bewegte Landschaft. Hier treffen wir auf ein anschauliches
Beispiel, wie sich ein Seeabfluß bei Überwindung größerer
Höhenunterschiede tief in den Boden hinabarbeitet. Das Bächlein modelt im kleinen
Maßstab ebenso wie das Mehrenthiner Fließ, die Drage oder sonst ein norddeutscher
Fluß im Höhenlande: Steile Prallufer wechselnd mit flachen Gleitufern. Daraus sind die
dauernden Krümmungen der Flußläufe zu erklären.
Die anmutige Schlucht ist durchschritten; ein öder Kahlschlag nimmt uns auf. Wir gelangen an
die Neue Brücke, über die der Weg von Mehrenthin nach Hochzeit führt
[Ed: wohl zunächst nach Wolgast]. Hier wollen wir das Paddelboot besteigen und bis in die Drage
fahren. Wir rechnen nach der Karte mit etwa 1 1/2 Stunden Fahrtdauer. Das Fließ ist 6
8 Meter breit und schlängelt sich in zahlreichen Windungen durch malerische
Wiesengründe. Der Grund ist größtenteils klarsandig, wie ihn die Forellen lieben.
Die Strömung ist nur so stark, daß es ein tüchtiger Schwimmer gegen sie aufnehmen
kann. Die Tiefe ist sehr ungleich. An den Biegungen der Prallufer finden wir tiefe
Kolklöcher. Dann fließt das Bächlein eine Strecke den Hang entlang.
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Verlauf des Mehrenthiner Fließes von Mehrenthin bis zur Drage.
(Repro: 2012 khd) |
So ein Stück Fließtal gehört zu dem Schönsten der neumärkischen
Landschaft. Behaglich gleiten wir unter weit überhängendem Buchendach dahin. Das
gegenüberliegende Gleitufer setzt sich in Seggenwiesen fort... Äußerst reizvoll ist
die Fahrt zwischen dem abwechselnd steilen und flachen Ufer. Aber aufpassea heißt es beim
Wenden! Nach einer geraden Strecke von kaum 100 Metern biegt es scharf, oft im spitzen Winkel, bald
nach rechts, bald nach links. Da muß man oft die Fahrt abstoppen oder gar gegen die
Strömung arbeiten.
Wohltuend ist die Einsamkeit inmitten von Wasser, Wiese und Wald. Da wir biegen wieder um
die Ecke hat sich vor uns das ganze Flußbett mit Schilf und Kraut zugesetzt. Es stammt
vom Räumen des Fließes. Zwanzig, dreißig Meter nichts als Kraut! Boot aussetzen,
weitertragen, wieder einsetzen und weiter geht’s. Desgleichen zwingt uns ein quergeklemmter
Baumstamm zu solchem Ausweichmanöver.
Bald erweitert sich das Blickfeld, und das zerstreut liegende Dorf
Lenzenbruch taucht auf. Malerisch fügen sich die roten Backsteinhäuser
in die anmutige Landschaft ein. Die Försterei Linkow tritt nahe ans Fließ. Verwundert
begleiten uns einige Buben und Mädel ein Stück. Sie sind wohl ein bißchen neidisch,
daß wir so mühelos dahingleiten.
Die Formen des Fließtales sind noch immer dieselben, wenn auch die Höhen etwas geringer
werden. Nach einer halben Stunde sind wir am Lenzewerder, jener eigenartigen, wallartigen Erhebung,
die sich zwischen dem Lenzensee und dem Mehrenthiner Fließ dahinzieht. Durch herrlichen
Buchenbestand gehörte dieses Fleckchen Erde zu den Schönheiten unserer alten
Heimat.
Der Wiesengrund wird immer breiter und geht ins Dragetal über. An jener Stelle macht die Drage
eine merkwürdige, große Schleife nach Westen, die die geologische Wissenschaft vor ein
wichtiges Problem stellt, das hier nicht weiter erörtert werden kann. Wir gleiten durch die
Fließ- Brücke, die eine Tafel mit der Aufschrift Grenzbezirk trägt,
sanft in die Drage.