Woldenberg (Neumark)   —  Dies & Das – Teil 9 khd
Stand:  24.1.2012   (22. Ed.)  –  File: WBG/Ex/Woldenberg_Dies&Das_09.html



Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 
Auf den „Dies & Das“-Seiten sind kleine Geschichten, Berichte und Fakten aus der Geschichte der Kleinstadt Woldenberg sowie der Neumark dokumentiert. Sie stammen aus verschiedenen Quellen, die jeweils angegeben sind. [Translation-Service]

I n d e x :


Woldenberg — Heilkunst in Woldenberg


Etwas von den ersten Woldenberger Heilkünstlern

Der erste Arzt in Woldenberg war ein Barbier / Dem „Bader“ folgte 1707 ein „Chrurgo“ / Die erste Apotheke war zugleich Materialwarenhandlung / Wie die Pest von Woldenberg ferngehalten wurde / Ein Arzt wurde Bürgermeister / 1817 kam der 1. Doktor

Gefunden in: Rau-Sammlung (Seite 24–25). Der folgende Text ist offensichtlich 1940 entstanden. Der Autor ist unklar. Vermutlich ist es der Woldenberg-Historiker Gustav Ohst.

      Aus den ersten Jahrhunderten der Existenz der Stadt Woldenberg, fehlen über [das] Gesundheitswesen jegliche Unterlagen und Material. Erst 1606 wird ein Bader (Barbier) erwähnt, der 218 Thaler Arztlohn gelegentlich einer Schlägerei erhielt. 1625 und 1626 hatte eine pestartige Krankheit, die, wie der Geschichtsforscher Beckmann annimmt, gewiß der Hungertyphus gewesen ist, 700 Menschen in Woldenberg weggerafft. Noch 1630 erlag dieser Krankheit der stets hilfsbereite Diakonus Peter Rohleder.

      1662 beschwerte sich die Bürgerschaft darüber, daß sie dem Bader frei Wohnung halten müsse, worin zwar ein Hinweis auf die exponierte Stellung des einzigen vorhandenen Jünger Aeskulaps liegt, aber auch andererseits ist es ein Beweis dafür, wie wenig Interesse die Bürgerschaft auf die Ortsanwesenheit des Baders legte. 1662 kauft der Bader und Wundarzt Wolff Dellalio ein Haus. 1674 kurierte der Bader, der hier als Barbier erscheint, eine mit einem Bratspieß verletzte Frau und erklärte die Sache als unbedenklich. Nach 8 Tagen war die Frau tot.

      1682 erscheint vor dem Rat der Barbier und Wundarzt Johann George Rage und klagt, daß er, obgleich er schon seit einem Jahre in der Stadt seine Kunst ausübe, noch immer keine freie und bequeme Habitation (Wohnung) erhalten hätte. Es will deshalb wegziehen und der Rat attestiert ihm, daß er sich still, fromm und ehrlich, wie es einem ehrliebenden Barbierer und Wundarzt wohl ansteht, zu verhalten habe.

      Zu Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die Neumärkische Baderinnung gegründet und für ihre Mitglieder war ein Examen vorgeschrieben. Um diese Zeit finden wir den Bader und Stadtchirurgus Enderwitz erwähnt, der 1797 starb und an dessen Stelle der Chrirurgus Diriko trat.

      Die diesem ausgestellte Vokation lautet: „Es will die Notwendigkeit erfordern, daß nach dem Absterben unseres gewesenen Barbiers und Wundarztes wir hinwiederum in dessen Stelle einen anderen tüchtigen Chrirurgus annehmen und weil Ihr Euch bei uns darum beworben Ihr auch wegen Eurer guten Erfahrung und Geschicklichkeit uns dazu von einer vornehmen Hand seid recommandiert worden; überdem Ihr auch bereits einige Proben Eurer Wissenschaft und Fleißes bei uns abgelegt, als wollen wir Euch im Namen Gottes zu unserm Stadtchirurgo hiermit pocieret und berufen haben, der guten Hoffnung lebend, daß Ihr solche Vokation gern und willig annehmen und zu dem Ende alsofort anhers verfugen, denen Patienten mit aller Vorsicht, Sorgfalt und Fleiße vorgehen und ihnen wenn es not oder Ihr zu ihnen gefordert werdet, bei Tag und Nacht aufwärtig sein und keinen versäumen, hingegen aber alles verdächtigen Frauenskur Euch enthalten, vielmehr aber uns dieselbe zu gebührender Bestrafung anmelden werdet, dagegen habet Ihr von den Patienten Eure gebührende Bezahlung, von uns aber, wenn jemand gegen Euch sich undankbar erweisen sollte, alle Hülfe und gehörigen Schutz zu gewärtigen... und daß Euch keiner an die Seite gesetzet, vielmehr Ihr aber alleine von uns beibehalten... und geschützet werden sollet...“

      Trotzdem sich diese Vokation als privilegium exciusivum darstellte, wurde Diriko bald nachher, 1708, beim Rat vorstellig, daß sich ein Barbiergeselle Knappe in die Stadt eingebettelt und ihn selbst als Ignoranten bezeichnet habe. Der Rat verfügte auch, daß Knappe die Stadt binnen 3 Tagen zu räumen habe. Der aber blieb, heirate die Witwe des verstorbenen Chirurgen Enderwitz und erwarb das Bürgerrecht.

      Hier finden wir auch zum erstenmal das Vorhandensein einer Apotheke erwähnt, die, da sie sich als solche allein nicht ernähren konnte, mit einer Materialwarenhandlung verbunden, dem Kaufmann Georg Kietike gehörte. Ob sie schon früher bestanden hatte, wissen wir leider nicht mehr. 1709 verkaufte Kietike die Apotheke an den in Woldenberg geborenen Delialis. Aber erst 1781 wurde die Apotheke dem damaligen Besitzer Johann Valentin Krüger staatlich privilegiert.

      In der „auf Sr. Königl. Majestät allergnädigsten Spezial-Befehl“ ausgestellten Urkunde, d. h. Berlin, den 13. Febr. 1781 heißt es u. a. „... Also wird gedachtem Apotheque Krüger allein das gebetene Privilegium über die Apotheque zu Woldenberg hierdurch in Gnaden ertheilet, daß er allerhand Medicinalia sowohl von simplicibus als Compositis ingleichen alle übrigen einem Medicin-Apothequer zu führen erlaubte Waaren ohne jemandes Behinderung feil halten und verkaufen kann, sondern ihm auch der Material- und Weinhandel allergnädigst concedieret und verstattet... In Ansehung des Materialhandels, ist der Krüger berechtigt, alle und jede Waaren, welche denen Materialisten erlaubt sind, zu führen, und damit en gros und en detail in und außerhalb der Stadt... ungestört zu handeln...“

      Was nun weiter die Tätigkeit der städtischen Heilkünstler anlangt, so ist darüber sehr wenig zu erfahren. Emsige Fürsorge für die Gesundheit der Bürger entfaltete der Magistrat gelegentlich der im Gefolge des nordischen Krieges schon seit 1704 drohenden Pestgefahr. Doch auch hier nur auf bestimmte Weisungen der Regierung, welche die Landesgrenzen scharf überwachen ließ. Die Tore wurden durch eine ständig sich ablösende Wache von 9 Mann besetzt und niemand, der aus Polen kam, wurde ohne Paß hereingelassen. Namentlich die Juden erfuhren eine strenge Kontrolle. Das dauerte bis zum Jahre 1708.

      1709 wurden die Maßnahmen noch verschärft. Ein eigener Pestchirurgus wurde bestellt, dem Apotheker und dem Chrirurgen angedeutet, daß sie sich hinreichend mit den nötigen Medikamenten zu versorgen hätten. Die Märkte wurden ausgesetzt. Die Juden wurden anfangs aus der Stadt verwiesen, doch nahm man später diese Maßnahme zurück und begnügte sich damit, ihnen jeden Verkehr mit Polen zu untersagen, ein Verbot, das, allgemein durchgeführt, der Stadt ihre Absatzgebiete jenseits der Drage auf einige Zeit entzog.

      Erst 1710 wurde der Maimarkt wieder gestattet, doch auch jetzt wurden nur Leute zugelassen, die mit guten Pässen nachweisen konnten, daß sie aus keiner verseuchten Gegend kamen. Durch diese Vorkehrungen gelang es dann auch wirklich, die Pest, die schon im Vorwerk Kindelbier der [bei?] Hochzeit einige Personen dahingerafft hatte, fernzuhalten.

      So, wie die Dinge bezüglich der sanitären Vorkehrungen dargestellt wurden, blieben sie fast das ganze Jahrhundert hindurch. Ein akademisch vorgebildeter Arzt ließ sich hier erst sehr viel später nieder. Die gelegentlichen Berichte des Magistrats zeigen im übrigen, daß man mit den sanitären Zuständen ganz zufrieden war, außer dem Jahre 1759, wo durch die Russen eine lues veners (Syphilis) eingeschleppt war. —

      Erst 1779 hören wir wieder etwas von den Heilkünstlern. 1782 wird der amtierende Stadtchirurgus Emanuel Wilh. Herzog vereidigt. Im Jahre 1779 erfolgt auch die Approbation des bisherigen Candidaten der Chirurgie Johann Friedrich Bahl durch das Neumärkische Collegium Dedicin und seine Verwendung als Stadtchirurg. Am 6. Dezember 1801 legte er wegen seiner Augenschwäche seine „Brodgeschäfte“, wie er sich ausdrückt nieder. Bei der Einfuhrung der Steinschen Städteordnung von 1808 übernahm Bahl die Bürgermeistergeschäfte der Stadt.

      Von der hier garnisonierenden Dragoner- Eskadron war der Eskadronchirurgus (Lazarettgehilfe) Friedrich Albert Buls, geboren am 31. Mai 1744 in Rüthnick, Kreis Ruppin, verabschiedet, nachdem er 25 Jahre Soldat war. Ueber ihn beschwerte sich Bahl, daß er, ohne examiniert zu sein, ärztliche Praxis ausübe. Daraufhin wird Buls auf seinen Antrag 1787 von der Regierung „approbieret“ und leistet den Berufseid vor dem Rat. Es sind in diesem Jahre 3 Chirurgen in der Stadt. Nach Durchführung der Städteordnung wurde Buls hier Senator.

      1807 wird Christian Friedrich Treuer, ebenfalls ein bisheriger Eskadron-Chirurgus angenommen, nachdem er 3 Jahre lang Chirurgie erlernt hatte und von der Regierung approbiert worden war. Es werden ihm recht gute chirurgische Kenntnisse bescheinigt. —

      Am 22. Dezember 1817 erhält der Candidat der Chirurgie Wilhelm Gustav Bruning, der in Driesen geboren war, und zuletzt beim 2. Neum. Land. Inf. Reg. als Kompaniechirurg gedient hatte, seine Approbation als Stadt-Wundarzt. Er hatte als akademisch vorgebildeter den Dr.-Grad erreicht. —

      Ebenfalls seine Approbation und zwar als forensischer (gerichtlicher) Wundarzt und Geburtshelfer erhielt am 8. Jan. 1823 der bisherige Kompanie-Chirurgus Karl Friedrich Wilhelm Meyer. Er hatte beim 9. Inf. Regt. die Feldzüge 1813-15 mitgemacht und wurde 1823 vom 21. Inf. Regt. entlassen. Meyer hat seine Woldenberger Praxis 37 Jahre lang gefuhrt, denn erst mit Schluß 1860 setzte sich der verdienstvolle Mann zur Ruhe. In seine Tätigkeit als Arzt fallen die Cholera- Seuchen der Jahre 1831, 1848, 1849, 1853 und 1855, bei denen er sich außerordentlich hilfreich und unerschrocken bewies. Er starb plötzlich am 13. März 1861.

      Neben Meyer war der prakt. Arzt und Wundarzt Dr. med. Samuel Ludarsch hier tätig. Er wurde 1837 im jüdischen Bethause von 2 Juden vereidigt. „Um einem dringenden Bedürfnis“" abzuhelfen (Ludarsch war verzogen), kam im Frühjahr 1841 der als Eskadron-Chirurg tätige Dr. med. Robert Justin Hermann Sachse, geboren am 1. März 1810 in Frankfurt a.O., hier zur Niederlassung als prakt. Arzt. Dr. Sachse war auf dem Friedrich-Wilhelm-Institut in Berlin (Pepiniers) vorgebildet worden. Am 26. Okt. 1861 wurde ihm nach 20jähriger Tätigkeit als Arzt der Charakter als Sanitätsrat verliehen.


Woldenberg — Das Krankenhaus


Wie entstand das Woldenberger Krankenhaus?

Von der Krankenstube zum modernen Krankenhaus-Neubau / Der erste Armenarzt war ein „Heilgehilfe“ / Privatkrankenhaus eines Einwohners / Der Magistrat wollte für durchschnittlich 15 Kranke im Jahre kein Krankenhaus bauen / Aus einem Pferdestall entstand 1883/87 das erste Krankenhaus, das allerdings zunächst ohne ärztliche Leitung blieb / Damals war es billig krank zu sein / Heute finden im neuzeitlich eingerichteten Neubau jährlich viele Hundert Kranke Heilung und Hilfe / Trotzdem ist das Krankenhaus ein städtischer Zuschußbetrieb

Gefunden in: Rau-Sammlung (Seite 38–40). Der folgende Text ist offensichtlich 1940 entstanden. Der Autor ist der Woldenberg-Historiker Gustav Ohst.


  U m g e z o g e n !

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Krankenhaus-Geschichte.
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Das Woldenberger Krankenhaus
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Woldenberg — Die Geschichte der Stadtmühle


Die Woldenberger Stadtmühle

Die Besitzer der Mühle im Zeitspiegel der Jahrhunderte / Warum um 1900 der Wasserstand des Woldenberger Sees abgesenkt werden mußte

Gefunden in: Rau-Sammlung (Seite 50–51). Der folgende Text ist offensichtlich 1939 entstanden. Der Autor ist der Woldenberg-Historiker Gustav Ohst.

      Dort wo heute das Stadtfließ Haus und Garten des Abdeckereibesitzers Neuendorf umspült, bestand bis zum Jahre 1906 eine Wassermühle, die sogenannte Stadtmühle. Unmittelbar an der Stadt gelegen, war sie die bedeutendste der Woldenberger Mühlen überhaupt.

      Die Gegend, in der die Mühle lag, mag sehr lebhaften Verkehr aufzuweisen gehabt haben, denn nur durch das Fließ und das Mühlenwehr getrennt, lag neben ihr die Uccise (Steuerstelle), deren Haus (heute Wangerin) am Mühlentor sein ursprüngliches Aussehen mit seiner ca. 1 Meter dicken Mauer und dem überbauten Dach bis in die Jetztzeit behalten hat.

      Die Stadtmühle ist mindestens so alt, wie die Stadt selbst. Schon 1313 hören wir von dieser Mühle. Am 3. Januar 1313 erschienen nämlich die Ratmannen der jungen Stadt Woldenberg vor dem Markgrafen Waldemar auf dessen Schloß Werbellinsee und kauften ihm gegen Zahlung der damals recht hohen Summe von 350 Mark brandenburgischen Silbers die markgräfliche Mühle, bei der Stadt gelegen, ab. Ein Vorgehen, welches nicht nur von der guten Finanzlage der jungen Stadt zeugt, sondern auch von einer umsichtigen und weitschauenden Leitung der Stadt spricht.

      Die oberschlägigen Wassermühlen gehörten zu den wichtigsten Einnahmequellen der Fürsten. Durch dauernde Mißwirtschaft der Markgrafen kam bekanntlich die „neue Mark“ durch Kauf in den Besitz des sogenannten Deutschen Ordens. Der Orden kaufte auch die ihm günstigen Einnahmequellen, u. a. auch die Mühlen, und auch die Stadtmühle in Woldenberg wurde von der Stadt am 13. Dezember 1403 an den Deutschen Orden verkauft.

      1445 ist die Mühlenpacht eine Forderung, die der Burggräfin in Driesen gehört. Der Stadt Woldenberg gegenüber hatte der Müller die Verpflichtung, für die Anfuhr des Mahlgutes selbst zu sorgen (Fuhrwerk). Als Mahlpfennig erhielt er vom Scheffel Weizen und Roggen je eine, vom Scheffel Malz (Gerste) zwei Metzen, von denen 16 auf einen Scheffel gehen sollen.

      1454 kaufte der erste Hohenzoller, Friedrich I. die Neumark vom Deutschen Orden zurück und damit kamen die Mühlen wieder in fiskalischen Besitz. So auch unsere Wassermühle, die vom zuständigen Rentamt in Driesen vererbpachtet wurde. Wir wissen auch, daß die Mühle von 1507 bis 1655 im Besitz einer Familie Schmidt als Lehnsinhaber war.

      1507 wird als Inhaber Joachim Schmidt genannt, dessen Frau Anna geb. Woltersdorff war. Ihre beiden Söhne sind Dionys und Asmus. Der Vater scheint 1547 gestorben zu sein, denn in diesem Jahre teilten sie das Vatererbe. Asmus bleibt auf der Mühle und zahlt seinem Bruder Dionys 200 Fl. Abfindung. Asmus starb aber schon 1556 und nun kommt Dionys (Dinnies) Schmidt in der Besitz der Mühle. Aber auch er starb schon bald darauf. Seine Witwe erwarb 1560 für ihre beiden Söhne Joachim und Georg Schmidt das Lehen, dergestalt, daß Georg die Mühle erhält. Joachim und die Mutter in Geld oder Land abgefunden werden.

      Um diese Zeit befand sich schon eine Schneidemühle auf dem Besitz. Ein an derselben gelegener Berg wird an die Stadt verkauft (Eberberg?). Georg Schmidt hatte an Pacht pro Quartal an das Rentamt in Driesen 3 Wispel Roggen zu entrichten und mußte sich verpflichten, die Mühle in guten Wehren zu halten.

      Nach dem Tode Georg Schmidts wurden, da sein Bruder Joachim schon vor ihm verstorben war, des letzteren 3 Söhne Lehnsträger an der Mühle. Im Jahre 1573 werden in Gegenwart des Amtshauptmanns Veit von Tobeil durch Vertrag die Rechte der Witwe des Georg Schmidt und die Pflichten der neuen Lehnsinhaber festgelegt. Die Mühle hatte schon um diese Zeit 2 Mahlgänge, sie scheint auch angesichts der Pachthöhe (jährlich 286 Scheffel Roggen), ferner der Erträgnisse aus den Ländern ein recht einträgliches Geschäft gewesen zu sein.

      Wir hören nun von ihr erst wieder, als sie durch den Rezeß vom 5. Oktober 1667 in das Territorium der Stadt kam. Nun hatte die Polizei der Stadt — vorher nur das Rentamt in Driesen — manche Verfügungsgewalt über die Wassermühle. Um diese Zeit saß ein Mühlenmeister Jaedicke darauf. Er wurde verpflichtet, das Wasser nicht so hoch zu stauen, daß dadurch die Stadtmauer, die bis ans Fließ herankam, Schaden zugefügt werden könnte. Wenn nichts zu mahlen sei, müsse Jaedicke ein halbes Fenster Wasser laufen lassen. Wegen des ungenügenden Freiwasser-Laufens hat es übrigens immer Prozesse mit den Besitzern der Papier- und Neumühle, und auf der anderen Seite der Stadt mit den Besitzern von Wutzig und Hermsdorf gegeben, so lange die Wassermühle überhaupt bestand.

      Nach dem siebenjährigen Kriege begann die großzügige Tätigkeit Brenkenhoffs, der das Netzebruch urbar machte. Er wandte auch dabei den Woldenberger Wasserverhältnissen sein Augenmerk zu. Der Mühlenmeister Laschke, der die Mühle von dem Besitzer Klettner gepachtet hatte, hatte schon 1647 den Mahlbaum eigenmächtig höher gelegt. Obwohl der derzeitige Müller Wolfram dieses bestritt, wies ihm der Deichinspektor Schartow nach, daß ohne Niedrigerlegen des Mahlbaums die Urbarmachung des Bruches nicht erfolgen könne. Der Mahlbaum wurde um 9 Zoll tiefer gelegt.

      Gegen 1740 ist Bartholomäus Jaedicke Besitzer der Mühle. Durch Vergleich vom 26. Febr. 1759 erwirbt sie Martin Wolfram, der sie bis 1777 besaß. In der Familie Wolfram war sie dann zahlreiche Erbfolgen hindurch. Während die Mühle bisher jedem Besitzer verpachtet war, ging sie durch Vergleich des Domänenfiskus vom 30. Oktober 1832 mit Johann Gottlieb Heinrich Wolfram in dessen Eigentum über. Durch Aufhebung des Mahlzwanges (Gesetz vom 15.9.1818) waren dem Müller große Nachteile erwachsen. Der bisherige Mühlenzins von jährlich 227 Thalern wurde in einen jährlichen Domänenzins von 75 Thalern umgewandelt. Die rückständigen Mühlenpächte von 2208 Thalern wurden Wolfram erlassen.

      Der letzte Besitzer der Wolframs, Friedrich Wolfram, gab 1857 sein Schilfnutzungsrecht von der Brücke am Niedertor bis zur Wassermühle gegen eine Entschädigung von 25 Thalern an den Magistrat ab. Von 1858 bis 1860 ist der Ratmann Friedrich Falbe Besitzer der Mühle. Er verkaufte sie an Friedrich Wilhelm Geske für 32.800 Thaler, der sie aber am 12. März 1872 mit ca. 70 Morgen Land für 32.000 an den Holzhändler Bernhard Arnold Wolfgramm aus Landsberg a. W. weiterverkaufte. Geske hatte 1866 das Mühlengebäude neu errichtet, wie es noch heute besteht. Wolfgramm trat die Mühle und Zubehör anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts an Ferdinand Hildebrandt ab.

      Die Klagen der Interessenten wegen zu niedrigen Wasserstandes unterhalb der Mühle (Papier- und Neumühle), hauptsächlich aber die Klagen, daß wegen zu hohen Wasserstandes die Wiesen oberhalb der Wassermühle ersöffen, nehmen kein Ende. Die Stadtgemeinde mußte im Allgemeininteresse endlich Durchgreifendes unternehmen, um dem jahrhundertelangen Uebel abzuhelfen. Die Wiesenbesitzer hatten sich zum Schutz ihrer Interessen in einer Wiesenmeliorationsgenossenschaft zusammengeschlossen.

      Diese Meliorationsgenossenschaft, vertreten durch den Vorsitzenden, den derzeitigen Bürgermeister Westphal, kaufte am 9. März 1896 die Stadtmühle mit dazu gehörigen 18 ha Land zum Gesamtpreise von 135.000 Mark von ihrem Besitzer Hildebrandt. Die Wehr wurden entfernt und dadurch der Wasserspiegel oberhalb der Mühle, einschließlich des Stadtsees, der Wiesen am Wutziger und Gramsfelder Fließ automatisch um ca. 1,50 m gesenkt. Die Wiesen gewannen dadurch erheblich an Wert, die Mühlen unterhalb der Stadt hatten jetzt besseres Mahlwasser, doch die Stadtmühle, die über 600 Jahre bestanden, sie war das Opfer dieser Kultur geworden.


Woldenberg — Die Storchnest-Kolumne 1


Rund um's Woldenberger Storchennest

Heraus mit den trockenen Bäumen / Der Friedhof ist schöner geworden / Erinnerungen um einen Sonderling / Stadtwerbung mit Briefumschlägen

Gefunden in: Rau-Sammlung (Seite 13–14). Die folgende Kolumne ist offensichtlich um 1940 entstanden. Der Autor ist ein „M. Seh“. Unklar ist, in welcher Zeitung dieser Text damals erschien.

      Es hat mal einer gesagt, alle Katastrophen, seien sie natürlicher, seien sie menschlicher Art, rühren von den Sonnenflecken her. Vielleicht ist das zu weit gegangen, aber daß die Sonnenflecken, die gerade in diesem Jahre sehr zahlreich auftreten, durch ihre vermehrte elektrische Strahlung großen Einfluß auf unsere liebe Mutter Erde ausüben, ist unzweifelhaft. Es kommt immer wieder darauf hinaus: Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.

      Der August hatte es in sich. Zwar konnten unsere Bauern ihre Ernte mit knapper Not trocken in die Scheune bringen, aber es ist durchaus nicht sicher, ob das überall so war. Die Gurken faulen — der Flachs wollte nicht trocknen — die Imker mit ihrer Heidewanderung haben (wieder einmal) Pech, — so hat dieser und jener seinen Kummer. Wir gönnen uns und den Kindern jede Stunde strahlenden Sonnenlichts und sind traurig über jeden Tag verschatteter Sonne, denn das Licht ist so wertvoll wie gesunde Nahrung.

      Ueberall in den Gärten ist man nun dabei, die vertrockneten erfrorenen Bäume herauszuhauen oder auszuästen. Es ist ein Jammer, wenn man nun den ganzen Schaden übersieht, den der harte Winter angerichtet. Denn nicht nur im Frühling zeigte sich der Ausfall, auch im Sommer noch trockneten hier und da Bäume aus, nachdem sie schon geblüht, Blätter bekommen und sogar Früchte getragen hatten. Manch Pflaumenbaum, manch Süßkirschenbaum ist so noch spät den allzufrühen Weg alles Vergänglichen gewandert. Trösten wir uns, daß es wenigstens Heidel- und Preißel- Beeren in diesem Jahre reichlich geben soll.

Der Friedhof ist schöner geworden

      Neulich sind wir wieder einmal über unseren schönen (durch die Gitteraktion jetzt noch schöneren) Friedhof gegangen, um die Gedanken wandern zu lassen. Wie viele stehen da lebendig vor Augen, die doch schon längst nicht mehr sind, und es sind ihrer schon eine ganze Menge.

      Da liegt der Seilermeister Ritter, der Letzte seiner Zunft in Woldenberg. Viele von denen, die jetzt auch schon wieder Kinder haben, kennen ihn noch aus ihrer Jugendzeit, wie er sie im linksseitigen Gehege, etwa da, wo jetzt die Jahnstraße liegt, seinen Gewerbe rückwärts nachging. Später drillte er seine Garne und Schnüre auf der anderen Seite des Geheges, aber nicht lange mehr.

      Zur Verschönerung der Anlagen würde es gewiß auch beitragen, wenn die häßlichen, z. T. schon halb verfallenen Mausoleen verschwinden würden. Sie sind unzeitgemäß und störend, von vielen werden sie gewiß sogar als peinlich befunden. Auf einem lesen wir: Biens. Das leitet unsere Gedanken auf den alten Studienrat gleichen Namens, der alle Sommerferien die alte Heimat besuchte. Ob er mit den Inliegern der Grabstätte verwandt war, ist nicht bekannt, nun ist er ja schon längst tot. (Sein Vater starb 96jährig, Anfang der zwanziger Jahre in unserem Krankenhaus).

Erinnerungen um einen Sonderling

      Dieser Studienrat Biens war eine originelle Natur. Junggeselle, kannte er nichts Schöneres, als einsam in einfacher Wanderkleidung in den Ferien Feld und Wald zu durchstreifen. Dabei stießen ihm die sonderlichsten Dinge zu, die er nachher gern behaglich lachend im engeren Kreise zu erzählen pflegte.

      So traf er einmal unterwegs einen heruntergekommenen Handwerksburschen, der ihm (Herrn B.) wohl wegen seiner abgetragenen Kleidung, für seinesgleichen hielt. Bald faßte er Zutrauen und klagte dem Mitwanderer seine Not, wie die Leute doch gar so wenig gäben und wie er deswegen heute wohl werde hungern müssen, da er fast garnichts eingenommen beim Klinkenputzen.

      Nun, Biens hört sich die kummervolle Rede teilnahmsvoll an. Wie es ihm denn nun ergangen sei, wollte der Handwerksbursche wissen. Oh, da kann man nicht klagen, sagte Biens und klopfte sich auf die Rocktasche. Aber da man ein Christ sei, müßte man doch teilen, nicht wahr — er habe soviel bekommen, daß er ruhig etwas abgeben könne. Und er gab dem Ueberraschten von seinem Reichtum ab, ganze zwei Mark. Für den Burschen ein unerhörtes Vermögen. Dann wanderten sie weiter, friedlich nebeneinander, bis sich ihre Wege trennten.

      Schlimmer erging es Biens im südlichen Teil des Kreises Arnswalde. Ein Unwetter zog herauf und zwang ihn, der schon eine weite Wanderung hinter sich hatte, im Dorfe zu übernachten. Die Wirtin aber musterte ihn äußerst mißtrauisch. Dann sagte sie kurz: Landstreicher nehmen wir nicht auf! Läuse in die Betten bringen, das fehlte noch! Und sie schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Es half nichts, der Müde mußte noch in Wind und Wetter nach Woldenberg, wo er dann sein Erlebnis humorvoll zum Besten gab. Denn niemand konnte sich mehr darüber freuen als er selber.

Woldenberg plant Umgehungsstraße

      Und da wir nun gerade in der Anlage sind, wollen wir die neue, sogenannte Umgehungsstraße, nicht unerwähnt lassen. Wie wir hören, soll sie durch die Jahnstraße über den Trockenplatz hinter Ziebarth vorbei etwa bis zum Zotenberg führen und von da über Neuendorff zur Hochzeiter Straße.

      Wir wissen nicht, von welchen Erwägungen man ausging bei diesem Plan. Billiger wird das Vorhaben bestimmt als jene erst geplante Straße vom Waldschlößchen ab, die im großen Bogen über die Felder zu den Scheunen und von da zur Hochzeiter Straße fuhren sollte.

      Außer den vielen ideellen Gründen, die gegen das zweite Projekt sprechen (wie Zerreißung der Friedhofsanlagen usw.) gibt es auch allerlei andere Gegengründe. Erstens: Wie lange dauert es, und diese Umgehungsstraße liegt wieder mitten in Woldenberg, wenn sich die Stadt weiter ausbauen sollte. Zweitens ist zu bedenken, daß die Jahnstraße einen Knick macht und darum für den Durchgangsverkehr Schwierigkeiten birgt, abgesehen davon, daß man, um sie zu erweitem, die Vorgärten der Anlieger opfern müßte. Drittens würde die Straße hinter dem Krankenhaus vorbei führen, und wir wissen nicht, ob die Erschütterung und das Brausen des doch später mächtig anschnellenden Verkehrs den Kranken und Schwerkranken zuträglich ist.

      Immerhin — liegt die Straße im Zuge der Entwicklung, wird sie jeder freudig bejahen, nur soll man recht erwägen, ehe es zu spät ist, ob hier Billigkeit oder praktischer Zweck entscheidet.

Stadtwerbung mit Briefumschlägen

      Von der Stadt sind Werbeumschläge gedruckt worden, die auf der Rückseite eine Flugansicht von Woldenberg zeigen und preiswert an jeden, der sie braucht, abgegeben werden. Wenn wir sagen, von der Stadt, so meinen wir eigentlich den Verkehrsverein, deren Leiter der Bürgermeister ist.

      Erfreulich ist es, daß auch in schwerer Zeit Dinge, die nebensächlich erscheinen und doch so ungeheuer wichtig sind, nicht vergessen werden. Wenn die Umschläge den Text zeigen: Woldenberg, die Stadt der Seen und Wälder, so wird sicher jeder sagen, daß es recht und billig ist, in geeigneter Form für die schöne Heimat zu werben. Was hiermit auch getan wird und hoffentlich seinen Zweck erfüllt. [Editor-2012: Hm, hat vielleicht irgendwer noch so einen alten Werbeumschlag?].




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