Aus: Märkisches Heimatblatt Nr. xx/xxx,
um 1960, Seite xx (Neumark) von MARGARETE DITTBERNER (* 1899).
Morgen steigen wir auf den Turm! Groß war die Freude, wenn der Klassenlehrer
dies zu uns sagte. 40 m hoch, 160 Stufen, und die langen Treppen schwankten doch ganz bedenklich. An der
Uhr und dem Glockenstuhl mit den drei Glocken vorbei, kommen wir zu der kleinen Luke, durch welche man
die Plattform betreten kann. Hier auf der viereckigen Plattform haben 30 bis 40 Kinder Platz. Schön
ist es im Frühling und Herbst hier oben. Nun können wir am Mauerrand nach Süden, Westen,
Norden und Osten herumgehen. Die Mitte bildet eine mit Zink ganz flach abgedeckte Spitze.
Da liegt dicht unter uns die Schule.
Es ist gerade Pause. Wie kribbelt und krabbelt es auf dem Schulhof und wie klein ist alles. Heben wir den
Blick, so sehen wir hinter den Häusern der Junker- und Wallstraße (Zolenberg) die alten und
neuen Friedhöfe, umgeben von schönen Anlagen. Daran schließt sich der Bahndamm der
Eisenbahnstrecke Kreuz Stettin; gerade kommt ein langer Kohlenzug aus Oberschlesien; er fährt
nach Stettin. Die Friedeberger Chaussee zieht sich wie ein helles Band durch das Gehege. Aus der Ferne
grüßt Lauchstädt, die Besitzung des Kammerherrn v. Brand. Wer denkt da nicht an den Alten
Fritz und den Paddenpfuhl!
Gehen wir etwas nach links: Dort in der Ferne am Waldrand liegt Rohrsdorf.
Nun wenden wir uns dem Westen zu. Uber die ganze Stadt hinweg fällt unser Blick auf Wutzig und
Kölzig. An der Nordseite liegt der Marktplatz; an ihm vorbei führt die Richtstraße. Sie
ist ein Teil der alten Heer- und Handelsstraße von Berlin nach Königsberg in Ostpreußen.
Was mag unsere liebe Richtstraße schon alles gesehen und erlebt haben? Bilder tauchen vor uns auf:
Handelsfahrer mit schweren Planwagen, Postkutschen. Die Königin Luise auf der Flucht nach
Ostpreußen und wie in der Richtstraße, bei dem Schmied Hartwig, ihre Pferde erst neu
beschlagen wurden. Dann Napoleon auf seinem Siegeszug nach Rußland. Dann das geschlagene
zurückflutende Heer im bitterkalten Winter. Viel, sehr viel erlebten somit auch unser Kirchlein und
der Marktplatz.
Da schillert es blau zu uns herüber. Es ist der große See mit seiner herrlichen Seepromenade
von Wald umgeben. Wunderschön sieht es aus, wenn sich die Segel-, Ruder-, Fischerboote und
Schwäne auf dem Wasser tummeln. In der Badeanstalt geht es recht lebhaft und vergnügt zu.
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Der Woldenberger Kirchturm.
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(Foto: 21.6.2005 bredwolf-Wol36)
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Hinter dem großen See im Wald versteckt liegt in den Glambeckfichten der Glambecksee. Die
Landwirtschaften dort drüben gehören zu Woldenberg; man nennt sie die Ausgebauten
oder Abbauern. Und da sieht man Dickingen, Lämmersdorf, Gramsfelde, Klosterfelde,
Bernsee und die Mönchsheide. Windmühlen winken uns von allen Seiten zu.
Wir gehen weiter zur Ostseite. In der Ecke, wo das Woldenberger
Fließ den See verläßt
(Nordmauer Ecke Ostmauer), haben wohl die Slaven gewohnt, ehe sie von den Deutschen auf das Kietzfeld,
auch Slavenfeld genannt, gedrängt wurden. Heute steht hier das Elektrizitätswerk, die Molkerei,
das Spritzenhaus und die Fischbude von Rosengarten. Neben dem Großen See finden wir den
Wugow-See und an der rechten Seite der Chaussee nach Hochzeit liegt der Röllfitz-See. Hier kommen
wir zum Wolgaster Krug, nach Wolgast und Grapow. Wir hören von Hochzeit, Steinbusch, Gasthaus zum
Himmel, Mariental, und denken wir da nicht an die schöne Drage, an die weiten Laub- und Nadelwälder, an die Forstschule und an
den echten Steinbuscher Käse!
Nun noch schnell einen Blick nach rechts: Wir winken dem alten, lieben, lustigen, aber auch
verträumten Schützenplatz zu. Ja und dort ist auch der
Eberberg. Am Scheunenviertel vorbei
führt der Mehrenthiner Weg durch die Schienenbrücke.
Wohin wir auch sehen, Woldenberg ist ringsum von Wald umgeben.
Nachdem wir die 160 Stufen hinuntergestiegen sind, sehen wir uns den Kirchturm vom Marktplatz aus noch
einmal genau an. Uns gefällt er mit seinen vier gotischen Spitztürmchen; wir möchten ihn
gar nicht anders haben. Die Geschichte überliefert uns doch, daß König Friedrich Wilhelm
IV. am 23. Juni 1847 zur Grundsteinlegung (der alte Turm war schadhaft geworden) erschienen war. Man
sagt, daß der König 1859, als der Turm zu der uns allen bekannten Höhe gediehen war, die
Zeichnung an der Stelle, wo der Helm ansetzt, mit den Worten durchstrich: Bis hierher und nicht
weiter!
Schön war dieser Besuch bei unserm lieben alten Kirchturm. Voll Dankbarkeit und Heimatstolz schauten
wir Kinder all das an, was er uns so liebevoll geboten hatte.
[Ein Panorama-Blick im Jahr 2005 vom nun Dobiegniewer Kirchturm]